Stimmtraining

Mit meiner Stimme hatte ich sehr lange Schwierigkeiten, weil ich nach meinen Brüsten, dem fehlenden Bart als nächstes meine Stimme dafür verantwortlich machte, wenn andere Menschen mich für eine Frau hielten. Das verhalf mir nicht dazu, mich mit meiner Stimme – meiner einzigen Repräsentation am Telefon – anzufreunden.

So hörte sich das damals an:

Noch während der Begleittherapie fiel mir auf, dass meine Stimme sich verändert hatte und – eigentlich – viel tiefer wäre, wenn ich denn das Potential richtig nutzen würde… nur was ich tun könnte, das war mir nicht klar. Mein Endokrinologe tröstete mich mit den Worten:

Die normale männliche Pubertät dauert fünf Jahre.

(Dipl.-med. Jens W. Jacobeit)

Ich sollte meinem Körper Zeit geben, damit das Testosteron wirken konnte. Also fügte ich mich und wartete ab. Nach fünf Jahren Hormonsubstitution hatte sich in meinem Alltag hinsichtlich der Stimmhöhe nichts wesentlich verbessert, im Gegenteil:

Ich hatte mir das Telefonieren abgewöhnt, um Situationen zu vermeiden, in denen meine Stimme meine Gesprächspartner in die Irre führen könnte. Mein Körper und ich standen also weiterhin auf Kriegsfuß.

Als ich mal wieder eine Reihe unangenehmer Erlebnisse mit fehlendem Passing hinter mir hatte, habe ich mich um eine Verordnung von Logopädie bemüht. Dort lernte ich einiges Grundlegendes zur Stimmbildung und verschiedene Entspannungsübungen.

Sie müssen sich entspannen!

(Mein Logopäde)

Weiterhin lernte ich, dass meine Probleme mit meiner Stimme, die mich nahe einer ausgewachsenen Sozialphobie brachten, zu den Luxusproblemen zählen.

Denn: Die Hilfestellungen, die Logopäden anbieten, sind für Menschen gedacht, denen zum Beispiel wegen Krebs der Kehlkopf entfernt wurde und die deshalb gar nicht mehr sprechen können. Ich konnte ja sprechen und von der Krebsdiagnose meines Vaters (Kehlkopfkrebs) hatte ich erst in der Vorwoche erfahren, also war ja alles im Lack.

So weh das tat, so heilsam war es. Denn mein Weg führte mich bei meinem nächsten Schub akuter Verzweiflung zu einer Stimmtrainerin, die ihre eigene Stimme tiefergelegt hatte – also auch aus eigener Erfahrung sprechen kann, was vergleichbare Probleme am Telefon angeht. Sie war in der Lage, mir innerhalb einer einzigen Probestunde (wirklich ein Schnäppchen!) mehr hilfreiche Übungen beizubringen als der Logopäde während 10 Sitzungen  überhaupt an Übungen an mir ausprobiert hatte.

Der Grund, warum ihre Übungen für mich passten, war: Sie waren sehr spielerisch (und vermutlich von der Schauspielschule) sowie intuitiv erfassbar und Kristin sprach nicht nur meinen Kopf an. Er hatte mich mit Fachwörtern bombardiert und in seiner Gegenwart – was natürlich auch an mir lag – konnte (und wollte) ich mich absolut nicht entspannen.

Ich bin jemand, der die Dinge gerne ganzheitlich betrachtet, also aus verschiedenen Gesichtspunkten heraus. Für mich war es nun recht einfach, das Theorie-Wissen des Logopäden mit den praktischen Übungen zu verbinden und ich erkannte in den Übungen ein zugrundeliegendes Prinzip, das ich auch im Sport – besonders beim Schwimmen – wiederfand:

Die Koordination des Körpers mit der Atmung. Die auf Dauer recht albernen Übungen unter der morgendlichen Dusche ließ ich nach wenigen Wochen sein und begann, bei allen Bewegungen (auch bei der Hausarbeit) verstärkt auf meinen Körper, auf meine Atmung und meine Anspannung und Entspannung zu achten. Die PMR, die ich seit 2012 sporadisch bis regelmäßig anwendete, tat ihr Übriges zu meiner Körperwahrnehmung.

Etwa ein halbes Jahr nach der Probestunde hatte sich bei mir der Knoten gelöst und ich konnte, übrigens auch unter Zuhilfenahme einer Entspannungsübung, die mir der Logopäde beigebracht hatte, willentlich für die Dauer eines Telefonats so etwas wie Entspannung zumindest hinreichend simulieren, dass ich meine Stimme so nutzen konnte, einen für mich befriedigenden Text auf meinen Anrufbeantworter zu sprechen.

Ein weiteres Dreivierteljahr nach Erreichen diesen Meilensteins habe ich, begonnen, durch vorsätzliches entspannt-sprechen in alltäglichen Situationen, die ich immer weiter ausweitete, mich an diese Stimmlage zu gewöhnen. Mein Ziel erlangte ich ein halbes Jahr später: Auch unter Fremden konnte ich dauerhaft in meiner Bruststimme sprechen.

Seither kann ich mich auf meine Stimme als Indikator für meinen Anspannungsgrad verlassen. Dies ist für meine Gesundheit sehr wichtig, da mir dies anzeigt, wann mich eine Situation überfordert und ich mich zurückziehen und eine Pause machen sollte.

So lag in der Aussöhnung mit meiner Stimme auch die Lösung für meine psychischen Probleme, da mein Körper mir im Grunde nur sagen wollte: „Hey, mach mal ne Pause! Du bist andauernd völlig reizüberflutet und deshalb ständig total angespannt.“

So klingt meine Stimme jetzt:

Jeder Cismann hat dasselbe Problem mit seiner Stimme, wenn er angespannt ist – ob chronisch oder akut in bestimmten belastenden Situationen.

Hätte ich nicht den Verstand verloren und eine Geisteskrankheit diagnostiziert bekommen, hätte ich mich wohl nicht so bald auf meinen Körper eingelassen, und mich weiterhin auf die geistige Ebene zurückgezogen. So war ich gezwungen, mich zu bewegen, um mein Gehirn bei der Regeneration zu unterstützen.

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