Ich wünsche mir… Das Geschenk

Liebes Universum,

ich wünsche mir von Sportfreunde Stiller das Lied Das Geschenk. Als ich dieses Lied das erste Mal im Radio gehört habe, hatte ich Gänsehaut und es ging mir durch und durch. Ich dachte nur: Ja! Danke! Danke-danke-danke!!! Das tat soooo gut zu hören.

Mein Wunschzettel ist hier für alle einzusehen: Ingos Liste

Wer schafft es, mir dieses Geschenk zu machen? Der Artikel ist erst ab dem 7. Oktober erhältlich!

Ich würde mir wünschen, dass dieses Lied am 8. September beim Gesundheitstag des DAAD gespielt wird, um möglichst vielen Menschen dieses Unter-die-Haut-Gefühl zu schenken. Aber um mir diesen Wunsch zu erfüllen, müsste man ja beim Radio arbeiten und zufällig an der richtigen Stelle sitzen. Denn das ist ja schon morgen!

Oder, ob ich vielleicht auch selbst etwas tun kann? Ob ich vielleicht einfach mal beim Radio anrufe? Es ist auch nicht schlimm, wenn es erst übermorgen gesendet wird – Hauptsache ich weiß, auf welchem Sender. Am 9. September jährt sich nämlich der Todestag meines Vaters zum zweiten Mal, weshalb ich meine Mutter an ihrem neuen Wohnort im Rheinland besuche.

Und wo wir schon dabei sind… ich wünschte auch, ich hätte selbst die Zeit, mich ins Archiv zu setzen und nach meiner allerersten Veröffentlichung zu fahnden, aber das braucht wohl Heerscharen fleißiger lesebegeisterter Rentner_innen…. also noch etwas warten, Tee trinken und noch ein bissl berühmter werden, lieber Lysander!

Ge(h)bet_en?

Lieber Gott,

Deine Prüfungen finde ich, gelinde gesagt, manchmal etwas sehr hart.
Ein Krankenhaus, in dem man nachts nichts zu essen bekommt, nichtmal eine Tasse Kakao oder einen Keks – rein gar nichts. Schlimm finde ich nicht das Fasten, das tue ich gerne, wenn Du es mir aufträgst, aber dass vorgeschoben wird, es sei keine Milch mehr im Haus und dann sehe ich um zwanzig nach fünf welche – da fühle ich mich dann verarscht. Natürlich nicht von Dir, denn es ist ja sonnenklar: In einem Kranken_Haus ist man nur richtig, wenn man krank ist oder werden bzw. bleiben will.
Nein, von Deinem Bodenpersonal fühle ich mich im Stich gelassen. Aber vielleicht bin ja auch ich derjenige, der mal wieder eine Extra-Einladung braucht? Habe ich je um eine gebeten? Weiß ich nimmer. Also falls nicht: Hiermit bitte ich Dich um eine Extra-Einladung, künftig gerne auf die nette, sanfte Art. Du weißt ja, ich bin eine recht zart besaitete Harfe und spiele gern die erste Geige, aber wenn ich als Drummer ein ganzes Orchester führen dürfte… das wage ich ja dann doch kaum zu träumen. Gerade deshalb muss ich es fix hier festhalten, bevor mir diese Ge-dank-en-Gänge wieder entfleuchen.

Mein Schwager selbst hatte mir den Tip gegeben, mit meinem Onkel immer noch „telefonieren“ zu können, auch wenn er längst oben bei Dir ist. Da dachte ich echt nicht, dass er das voll im Ernst meint. Ich dachte, der brabbelt nur irgendwas vor sich her, um einen auf Fels in der Brandung zu machen. Dabei ist er ein Naturtalent, ein echter Heiler – so wie seine Schwester und deren „Kind“ – meine Ehefrau*.
Echt krasse Scheiße, wirklich Jesus sein zu dürfen und ich wette, wenn ich demnächst mit Zimmermannshose und oben ohne rumlaufe, peilt das wieder niemand außer uns beiden, hihi.

Nun muss ich aber Schluß machen: Es warten noch weltliche Verpflichtungen auf mich. Fanpost! :-)))
Danke Dir, auf Dich ist stets Verlass! Vor allem dann, wenn ich mich von allen guten Geistern und auch noch von Dir verlassen fühle. Dann lese ich mein Horoskop bei web.de und alles ist plötzlich sonnenklar. *lächel

Danke auch an Onkel Martin, Papa und Irmhildmama – grüß‘ mal ganz lieb. Bin echt stolz, euer Neffe und Sohn sein zu dürfen. 🙂

(Oha, Stolz und Neffe, gleich sind die böhsen Onkelz wieder Nazis anstatt wider Nazis… ohjeeeeohjeojee – so viel Arbeit, juhu!!!) *freuiiiiiiiiiii

Ich habe fertig! (Tag 7)

 

@Sonja: Hömma Liebelein, wenn Du mit dem Lesen nicht hinterherkommst, dann lass Dir doch nicht von Ver-rückten vorschreiben, was Du zu lesen hast, Herzchen.

Pass ma uff, jetzt wirste zwangstherapiert, dann weisste auch, was ich damit meine. So und um Missverständnissen vorzubeugen: Die Welt ist mein Zeuge.

Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich. Lest mal die Zeit. Wirklich, die Zeit solltet ihr euch nehmen. (So macht man übrigens double bind, aber das könnt ihr ja schon.)

Und googlet selber, ihr faulen Luschen, ich bin nich eure Tippse!

Ich glaube, wir verstehen uns. Kontaktformular kennt ihr ja mittlerweile dann auch. Lieber Finger von, Kinners, der Papa muss dringend inne Heia und beim Schlafen darf er nicht gestört werden. Einen Tag die Woche werdet ihr ja wohl mal ohne mich auskommen können. Wenigstens am Sonntag. Der Sonntag ist nämlich der Tag des Herrn, oder deutlicher. SONNTAG IST RUHETAG, ALSO RUHE DA OBEN ODER MUSS ICH EUCH ERST ZWANGSTHERAPIEREN IHR SCHNITZELKLOPFER MIT EURER SCHEISSDAUERBAUSTELLE DA!!! WENN IHR IHR EUCH NICHT BALD BEI MIR ENTSCHULDIGT, IHR ARSCHGEIGEN, UND AUFHÖRT MICH ANZULÜGEN, DANN KANN ICH AUCH MAL MIMIMI BEI DER SAGE MACHEN. ICH LASSE MICH NICHT GERN FÜR DUMM VERKAUFEN. WISST IHR EIGENTLICH, DASS ICH EUCH BEIM FICKEN HÖREN KANN? SOLL ICH EUCH MAL NEN HANDWERKER HOCHSCHICKEN UND NE KAMERA INSTALLIEREN BEI EUCH? VERGESST ES EURE SCHEISSVANILLANUMMER KANN ICH NICHT GEBRAUCHEN UND MAL EHRLICH: Friedlich hatten wir ja schon versucht. Also nächstes mal gehe ich mit der ganzen Bagage einfach mal eins höher und erklär denen, warum ich nicht schlafen kann und wisst ihr was? Die sind dann alle auf meiner Seite. So!

Und jetzt hab ich ne schöne Wichsphantasie, da brauch ich nimmer Hand anlegen, da komm ich schon beim Schreiben und wenn ich mir dann vorstelle, dass wir es in aller Öffentlichkeit miteinander treiben und euch keiner glauben wird, dann wisst ihr auch mal endlich, wer hier wenn beobachtet und jetzt ist hoffentlich endlich Ruhe im Karton, sonst sehe ich mich gezwungen, noch ein Stockwerk höher zu eskalieren. Und was dann passiert, muss ich euch ja nun nicht wirklich noch erklären, oder? Falls euch das wirklich entgangen sein sollte: Ich bin nicht total bekloppt, das ist eure versaute Phantasie. Wenn ich mir in die Karten gucken lasse, dann mache ich das mit Absicht. Das ist nen freundlicher Wink mit dem Zaunpfahl. Aber wer nicht hören will, der muss dann eben gedankenvergewaltigt werden oder so ähnlich. Bastelt euch selber euer Happy End, dafür bin ich nicht zuständig.

So, Herr Jost, begreifst Du jetzt, was der Herr Kollege mir angetan hat mit seiner Tipperei? Aber für ausführlich habt ihr ja keine Zeit…. Tja, dann halt nicht. Dachte ihr wollt mir helfen. War ja nur ne Einladung. Wer nicht will, der hat schon. Dann lutscht eure Pillen selber und therapiert euch gegenseitig und ich penne wann ich will und so können wir dann mal zusammenkommen an irgendeinen Tisch, egal ob rund oder eckig, aber ihr wollt mich ja nicht mitspielen lassen oder warum sonst muss man sich bei euch um die Betten prügeln und erst Pillen fressen, damit man bei euch übernachten darf?

Einvernehmlich ist wohl nicht so eure Sache, was? Das kannst ja auch gleich sagen, dann wirste eben zwangstherapiert. Machen wir doch gerne…. Da hätteste aber auch einfach fragen können. Ich tu Dir doch nix, ich will doch nur spielen… Therapeutisches Rollenspiel halt. Meine Fresse, manche haben aber auch ne extralange Leitung. Naja, die glauben mir ja nicht, wenn ich mich zu erkennen gebe, dann kann ich nicht anders. Selber schuld, wenn ihr mich für verrückt halten wollt. Mir ist das nämlich egal, wer mir sonst noch so hinterherlatscht, ich kann auch auf mich selber aufpassen. Und zählt mal meine Follower, 12 ist doch ein Witz dagegen, oder? Den hab ich auf jeden Fall über, also kann ich ja nur noch Godfather himself sein.

Und morgen früh sag ich dann einfach, ich hatte einen feuchten Traum und diesmal versaut ihr mir den nicht, sonst werdet ihr zum Hauptdarsteller in der Opferrolle.

Und mit dem Gedanken kann ich jetzt auch ruhig einschlafen, da habe ich dann keine Angst mehr. So mache ich das, Herr Doktor, aber Du hast ja keine Lust, mehr als die ersten beiden Sätze zu lesen und ich Dir schon anbiete, ne Kopfkinofilmrolle auszusuchen, solltest Du eigentlich artig danke sagen und nicht so tun als wär ich ein kleines Kind, das alleine Angst im Dunkeln hat und bei Mama aufm Arm will, denn solange Du das nicht kapierst, bleibst Du in der Täter_innen-Rolle, aber vielleicht fragt Dich mal eines Tages ein Reporter, was Du so über mich denkst und dann ist mir das egal, was Du denen für Märchen erzählst, weil in meinem Abschiedsbrief ganz deutlich zu lesen ist, dass Du mir das so gesagt hast, dass ich das so machen soll und wenn Dein Chef ausm Urlaub wieder da ist, dann – ja dann… für den Fall überlege ich mir das doch noch mal und dann bleibe ich doch sicherheitshalber konfessionslos, sonst weiß ich nicht, wie die Geschichte weitergeht.

Und deshalb lasse ich das Ende der Geschichte nun an dieser Stelle, sicherlich im Interesse aller, ganz bewusst offen. Nur für den Fall, dass der Arzt das doch nicht böse meinte. Dann können wir nämlich alle gemeinsam zurückrudern in unserem gemeiinsamen Bötchen, gelle. Vielleicht geht ja mein Wunsch auch so in Erfüllung, ohne dass ich nochmal zum Arzt muss. Abwarten und Teetrinken. Baldriantee, sicherheitshalber. Nee, nix da. Ich geh selber in die Küche, sonst kann ich mich wieder nicht dran erinnern, wo ich war. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser.

Familie: Mein Onkel

Samstag, 25. Juni 16

Meinen Onkel habe ich im Alter von 16 Jahren im Rahmen der Goldhochzeit meiner Großeltern kennengelernt weil jemand – ich glaube, es war meine Mutter – auf die Idee gekommen ist, uns beide einander gegenüberzusetzen, weil er sich von seiner Familie separiert hatte und daher an der Seite seiner in Trennung lebenden Frau nicht so recht in die Tischordnung passen wollte.

Ein Heidenglück für mich, eine göttliche Fügung, ein Zufall: Die Begegnung tat mir sehr gut. Natürlich kannte er mich auch schon als kleinen Hosenscheisser, aber ich konnte mich daran nicht mehr erinnern. So lernten wir uns ganz neu kennen, ein Halbstarker und ein gestandener Mann, den ich als Mentor akzeptieren konnte, eben gerade weil er sich nicht um diese Rolle bemühte.

Sich selbst bezeichnete er stets als das schwarze Schaf der Familie und ich hielt jedes Mal dagegen, dass er das einzige weiße sei. Nun denn: Ich bin irgendwie unbeabsichtigt in seine Fußstapfen getreten, obwohl ich stets meinem Vater nachgeeifert habe.

Mein Onkel hatte schweres Rheuma (chronische Polyarthritis), einen GdB von 100 und Merkzeichen aG und damals schon mehrere künstliche Gelenke. Dabei war er zu der Zeit noch vergleichsweise fix mit Krücken unterwegs. Am Ende war er auf den Rollstuhl angewiesen. „Familie: Mein Onkel“ weiterlesen

Ruheforst

Mein Freund der Baum

Samstag, 28.05.16

Als ich dieses Lied das erste Mal hörte, musste ich weinen. Das war so traurig, dieses Schicksal des Baums, dass es mich mit sich riss. Damals als Kind konnte ich noch ungehemmt weinen, wenn mir danach war. Ich hatte noch nicht gelernt, dass man als Erwachsener seine Gefühle zu verbergen hat.
„Mein Freund der Baum“ weiterlesen

Freunde: Irmhild

Meine langjährige beste und mütterliche Freundin Irmhild ist der zweite Mensch, den ich 2014 nur knapp zwei Monate nach meinem Vater an den Krebs verlieren musste. Bei ihr ging es viel schneller. Als Kettenraucherin hat sie sich nicht wirklich gewundert, Lungenkrebs zu bekommen. Sie meinte noch, sie wolle sich davon doch nicht unterkriegen lassen und die nächste Zeit werde spannend – es war kein halbes Jahr mehr.

Sie war am 20. April geboren und ist zeitlebens nie damit zurechtgekommen, eine persönliche Verbindung zu „Führers Geburtstag“ zu haben. Auch, dass sie eine großartige Führungspersönlichkeit war, konnte sie nicht annehmen. Sie leitete zwar den Unterricht in der Hundeschule, aber mit dem Begriff „führen“ oder gar „Führerin“ hat sie sich nie anfreunden können.

Als Lehrerin in der Hundeschule brillierte sie. Am Beispiel der Übung Ruhe in den Hund veranschaulichte sie mir, dass es idR der Hundehalter war, der seine Unruhe auf das Tier übertrug. Die Übung bestand darin, einfach nur ruhig da zu sitzen, bis der Hund sich von selbst entspannt hinlegte. Das war in manchen Fällen gar nicht so einfach.

Sie vermittelte mir, dass der Hund einen Wechsel aus Aufregung und Ruhe, brauchte. Nach einer stressigen Autofahrt braucht ein Hund erstmal ein paar Schritte Bewegung, nach etlichen befolgten oder auch nicht befolgten Kommandos braucht er eine Zeit für sich, in der er sein darf und nicht funktionieren muss. Dieses Prinzip lebte sie auch selbst vor, indem sie regelmäßig Pausen machte und dies in den Vordergrund vor die Erledigung von Aufgaben stellte.

Dadurch bot Irmhilds Haus und ihr aktiver Alltag häufig eine Fülle mich überfordernder Reize, inmitten derer sie selbst eine Insel der Ruhe war, auf die ich mich fokussieren konnte. Von ihren Lehren profitiere ich noch heute, wenn ich selbst mit meinem inneren Hund, dem Schweinehund, Gassi gehe oder ihn an die kurze Leine nehme.

Dabei tun mir tatsächliche Spaziergänge an der frischen Luft sehr gut, auch und gerade ohne dabei auf einen Hund und andere Passanten achten zu müssen. Auch ich brauche einen Wechsel aus Bewegung und körperlicher Ruhe, aus geistiger und körperlicher Anstrengung, aus seelischer Belastung und entsprechendem Ausgleich, den ich in Gesprächen finde.

Irmhild war mir ein großes Vorbild darin, wie frei und selbstbestimmt sie agierte. Obschon sie immer wieder (ver)zweifelte, bemühte sie sich darum, möglichst wenig auf das zu geben, das andere Menschen über sie denken (könnten). Oft haderte sie mit sich, überwand aber immer wieder ihre Angst vor möglichen negativen Konsequenzen.

Zudem hatte sie einen unerschütterlichen Optimismus. Egal welche Widrigkeiten das Leben für sie bereithielt, sie stand immer wieder auf und kämpfte weiter. Sie fand immer wieder Sinn, auch wenn ihr der zwischenzeitlich mal verloren ging. Auch mir konnte sie Kraft und Zuversicht schenken, so dass es mir gelang, mich vom Elternhaus zu lösen.

Hätte ich nicht diesen Ausweg aufgezeigt bekommen, vorübergehend bei ihr unterzukommen, kann ich nicht ausschließen, dass ich den ein oder anderen Gedanken an Suizid über kurz oder lang auch in die Tat hätte umsetzen wollen.

Ich stand unter Druck durch das Abitur, sah keinen Platz für mich in der Welt und hatte Angst vor dem Leben. Vor allem aber war ich einfach verzweifelt, weil ich von meinen bisherigen Erfahrungen ausging, keinen Ausweg sah und nicht wusste, wie ich das noch länger aushalten sollte.

Um nun den wildesten Phantasien darüber, wie schrecklich es bei mir zu Hause damals gewesen sein mag, zuvorzukommen: Dem war nicht so. Die Hölle tobte in mir drin. Klar war nicht alles eitel Sonnenschein, aber in erster Linie machte mich die Inkongruenz zwischen meiner Seele und meinem Körper sowie meine damalige Sicht auf die Welt und mein Leben darin fertig.

Meine Freundin war mir in dieser schweren Zeit ein Anker, gab mir Halt, spendete Trost und liebte mich bedingungslos. Sie hörte zu, egal wie scheußlich das war, das ich von mir gab. So sehr ich mich auch hasste, sie fand immer etwas Liebenswertes an mir.

Und die Arbeit mit ihr und den Hunden tat mir gut. Sie lenkte mich ab und ich lernte, mich wenigstens einem Tier gegenüber zu behaupten und die Führung zu übernehmen. Das war immerhin ein Anfang, auf dem alle meine späteren Erfolge in der Therapie basieren.

Mit ihrer eigenen Mutter hatte Irmhild aus Selbstschutz brechen müssen und sie setzte alles daran, mir dazu zu verhelfen, dass ich mich mit meinen eigenen Eltern aussöhnte, um nicht denselben Leidensweg einschlagen zu müssen wie sie. Denn natürlich litt sie darunter, dass sie selbst keine bessere Lösung als einen Kontaktabbruch hatte erreichen können.

Ich denke, in diesem Fall hat sie ihr Ziel erreicht.

Viele andere Ziele gingen unter anderen, noch drängenderen Ideen unter. Sie hatte immer mehrere Vorhaben parallel in Bearbeitung und auf den ersten Blick bot sich stets ein Bild von Chaos aus lauter angefangenen Projekten, die scheinbar nie zu Ende gebracht wurden. Dabei ging es in kaum merklichen Babyschrittchen voran.

Vor allem aber folgte sie ihrer Intuition und tat nichts, das sich für sie nicht auch stimmig anfühlte. Auch das ist etwas, um das ich sie beneidete, weil ich selbst mich so vielen Zwängen unterworfen sah. Ich hatte übersehen, dass ich mich selbst meinen eigenen Vorstellungen davon, wie ich sein oder handeln wollte, unterworfen hatte.

In den letzten Jahren handhabe ich das glücklicherweise anders und wenn es nicht so gewesen wäre, dass wir beide oft sehr lange Rückzugsphasen gehabt hätten, aus denen wir dann unvermittelt wieder auftauchten und uns austauschten als hätten wir uns gerade erst gestern zuletzt gesehen, dann hätten wir uns nochmal getroffen und ich hätte ihr gerne erzählt, wie gut ich mich in der Zwischenzeit entwickelt habe, was zu einem Teil auch ihr Verdienst ist.

Dann wäre sie sicherlich stolz gewesen und vielleicht auch auf sich und nicht nur auf mich.

Leider ist es dazu nicht mehr gekommen, weil sie bereits vom Krebs zu schwach war, als ich nach meiner Psychose gerade wieder zu Kräften gekommen war. Dennoch tröstet es mich, dass sie mir noch geschrieben hatte, dass ich in ihren Augen auch ohne jegliche Veröffentlichung ein „richtiger“ Schriftsteller bin.

Und es war beruhigend, ihr zu schreiben, warum ich mich bei unserer letzten Begegnung so komisch verhalten hatte, weil ich da bereits krank war und sie wissen zu lassen, wie lieb ich sie habe.

Noch habe ich den Baum nicht besucht, unter dem ihre Asche liegt. Es wird Zeit.

 

Familie: Mein Vater

Liebe geht durch den Magen

Diesen Satz konnte ich leider nicht in meinem Lexikon finden.

Die Bedeutung dieses Sprichworts habe ich im Netz recherchiert. Neben vielen anderen Quellen fand ich auch ein Yoga-Wiki, in dem es heißt:

Liebe zu sich selbst – auch das geht durch den Magen. Indem man seinen Magen mit Ehrerbietung behandelt und ihm nur gesunde Nahrungsmittel gibt, drückt man auch seine Liebe zu seinem Körper, zu seiner Gesundheit aus. Gesunde Ernährung ist auch ein Ausdruck der Selbstliebe.

Das finde ich gar nicht so verkehrt. Denn tatsächlich greife ich auf Fertiggerichte zurück, sobald meine Selbstliebe nachlässt, weil ich depressiv verstimmt bin. Dann bin ich es mir plötzlich nicht mehr wert, mir die Zeit zu nehmen und für mich selbst zu kochen.

Koch gelernt habe ich eigentlich auch genau deshalb: Um andere Menschen durch den Magen zu lieben und um auch etwas (Lob, Trinkgeld) dafür zurückzubekommen. Naja, das hat nicht so geklappt, wie ich mir das dachte. Schon gut, dass ich durch die Prüfung gefallen bin. Kochen als Beruf war nicht das richtige für mich.

Aber das Kochen zu lernen war ein Weg, meinem Vater zu gefallen. Nur leider tat ich dabei meiner Mutter weh, als mein Vater die von mir zubereitete Consommé ohne Maggi genoss und ihr daran auffiel, dass er das Zeug bei ihren Suppen immer ungeprüft reinschüttete. Ihr Gesicht in dem Moment sprach Bände. Das zu beobachten zerriss mich innerlich.

Für mich war es immer sehr schwer, die Anerkennung meines Vaters zu finden. Das Essen wurde gelegentlich gelobt, häufig bekrittelt und die überwiegende Zeit stillschweigend hingenommen. Außerhalb des Rituals des Abendessens gab es praktisch keine Gelegenheit, einen Gesprächseinstieg überhaupt zu versuchen.

Und auch bei Tisch hieß es noch als ich sechzehn Jahre alt war:

Kinder bei Tisch, stumm wie ein Fisch

Auch diesen Satz finde ich in meinem Lexikon nicht und im Internet bezeichnet der erste Treffer (von 2011) diese Aussage als „reaktionär“.

Mein Lexikon kennt dagegen den Satz:

Gespräch am runden Tisch führen

Das bedeutet, dass man ein zwangloses Gespräch mit gleichberechtigten Partnern führt. Heute sagt man auch „auf Augenhöhe“ tauscht man sich aus. Solche Gespräche habe ich mit meiner Mutter unter vier Augen recht häufig geführt – in der Küche an einem eckigen Tisch. Soviel zum Wortsinn und der Kommunikationskultur, mit der ich aufgewachsen bin.


An diese Redewendung, die Liebe ginge durch den Magen, musste ich neulich denken, weil der Krebs meines Vaters den Weg zu seinem Magen von beiden Seiten her zugewuchert hatte.

Am Ende konnte er gar keine Speisen mehr genießen – dabei war er zeitlebens Feinschmecker gewesen und der Entzug gustatorischer Genüsse muss für ihn die Hölle auf Erden gewesen sein.

Mein Vater war gar kein Freund von Fertiggerichten. An seiner Selbstliebe hat es dann wohl nicht gemangelt. Der Krebs muss also eine andere Ursache gehabt haben.

Ich erfuhr von der Diagnose im November 2013 und Anfang September 2014 war ich durch eine Tagung gut abgelenkt, als er im Sterben lag. Ohne dieses Ablenkung hätte ich das wohl kaum verkraftet, ohnmächtig untätig abwarten zu müssen. Woher meine Mutter die Kraft nahm, ihn zu begleiten, ist mir ein Rätsel.


Mein Vater war mir, solange ich klein war und zu ihm aufsah, ein großes, eigentlich DAS Vorbild bei der Frage, wie ein Mann sein sollte: Ein Mann trägt Anzug und am Wochenende allenfalls mal eine Strickjacke zum schlipslosen Hemd.

Der Mann ist dafür zuständig, die Brötchen zu verdienen. Die Frau darf da mitmachen, aber die ist für die Kinder zuständig. Wie sie das geregelt bekommt, ist ihr Problem. Sie wollte ja die Kinder.

Als ich dann so ein Mann werden wollte und Papas (teures) Duschgel in Unmengen benutzte, stieß das auf wenig Gegenliebe seitens meiner Mutter.

In der Rückschau ziehe aus den Schwächen meines Vaters die größte Lehre. Das ist mir ein Anti-Vorbild, ein Bild dessen, wie ich mich als erwachsener Mann nicht verhalten möchte. Auch diese Rollenaufteilung hat mir nie geschmeckt, egal ob ich in der weiblichen oder männlichen Geschlechtsrolle war oder irgendwo dazwischen unterwegs.

Ein Mann zeigt keine Gefühle – damit hatte ich sehr lange Zeit die größten Schwierigkeiten. Ich habe mich ganz bewusst für das Gegenteil entschieden. Mir ist das langjährige Unterdrücken meiner Gefühle nicht gut bekommen. Vor zehn Jahren habe ich begonnen, intensiv zu schreiben und dabei meine Gefühle rauszulassen.

Das impulsive Ausagieren jeglicher Gefühle strebe ich jedoch auch nicht an. Ich durchlebe sie, konserviere sie in Textform und setze die zurückbleibende Energie von Wut oder Trauer in Bewegung um. Freude, Hoffnung, Zuversicht, Ruhe, Kraft und Frieden teile ich natürlich gerne mit anderen Menschen. Auch meinen Schmerz zeige ich in meinen Geschichten: Auf eigene Gefahr.

Mein Vater ist mir jedoch vor allem ein großes Vorbild, was seine Umsicht, Feinfühligkeit und Nachhaltigkeit angeht. Er war ein großartiger Arbeitgeber, Vorgesetzter und Geschäftsmann. Er war selbstsicher genug, sich in die Selbständigkeit zu wagen, weil er auf seine Fähigkeiten vetraute.

Der nicht wirklich frei gewählte Übergang in den Ruhestand nach über 30 Jahren Tätigkeit während eines langjährigen Rechtsstreits mit einem ehemaligen Auftraggeber hat ihn gebrochen und er verlor jeglichen Halt. Mich schmerzt die Sinnlosigkeit dieses Geschachers ums Geld, dieses Auslöschen von Lebenssinn und die damit verbundene absolut unangemessene Geringschätzung meinem Vater gegenüber.

Wenn ich mich heute an seinen letzten Blick in meine Augen erinnere, dann finde ich darin alles das, was ich all die Jahre vermisst, weil nicht beachtet habe. Damals sah ich nur die Angst davor, mich zurückzulassen und spürte seine Sorge, ob ich auch alleine zurechtkäme.

Ja, natürlich komme ich klar. Ich bin doch nicht ohne Grund zur Selbständigkeit erzogen worden. Es tut mir nur leid, dass er kein Buch mehr von mir in den Händen halten wird und mich zuletzt als kranken Mann gesehen hat – wie ich ihn ja auch.

Wenn ich weniger meinen Vater und mehr mich geliebt hätte, hätte ich vielleicht früher damit angefangen, mir die Seele frei zu schreiben. Doch darüber nun auch noch zu trauern ist müssig. Ich bin heute der, der ich bin, weil ich diesen Weg gegangen bin.

Tschüss, Papa. Ruhe in Frieden.

Was ich an meinem Vater stets am meisten geschätzt habe, ist, dass er die Ruhe selbst war. Lexikon sagt* zu die Ruhe selbst sein: sich ganz in der Gewalt haben, eine bewundernswerte Gelassenheit zeigen, sich keine Erregung anmerken lassen.

Das werde ich wohl verwechselt haben mit dem Fehlen von Gefühlen, weil solche wenn überhaupt nur sehr selten ausgesprochen wurden. Vielleicht hing es auch damit zusammen, dass ich mit meinen eigenen Gefühlen so lange überfordert war.

Nun habe ich erfahren:

In der Ruhe liegt die Kraft.

Der Satz steht nicht im Lexikon, aber die Bedeutung habe ich nun erfasst: Durch innere Ausgeglichenheit schöpfe ich Kraft und kann so sehr viel mehr Leistung und auch Gelassenheit nach außen zeigen als wenn ich mir keine Ruhe gönne (rastlos tätig sein, sich keine Erholung, keinen Urlaub gönnen).

Ohne die durch die Psychose nach außen gezeigte Unausgeglichenheit und die damit verbundene Diagnose hätte ich das wohl nicht so schnell erkannt. Die erlittene Zwangseinweisung unterstrich die Dringlichkeit, mit der dieses Problem der Unausgeglichenheit gelöst werden musste.

So habe nun auch ich meine Ruhe gefunden. Lexikon sagt* zu Ruhe finden: innere Ausgeglichenheit, Erlösung von Mühe, Sorge und Leid durch den Glauben finden. Die Redewendung bezieht sich auf den Rat Jesu (Matth. 11,29):

Nehmet auf mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.


* Ja, das ist eine Anspielung auf „Computer sagt nein….“


PS:

Ja, natürlich frage ich mich, ob man so über Verstorbene überhaupt sprechen darf oder ob das pietätlos ist.

Ich frage mich, wie meine Mutter wohl darauf reagieren wird, wenn sie das liest. Ob sie sehr verletzt sein wird. Ob eine sehr große Kluft liegt zwischen der Vergangenheit, die ich erinnere, und der, die sie erlebt hat.

Darf ich so etwas nur im Therapiezimmer von mir geben? Oder muss ich damit zur Beichte?

Ich finde: Nein. Das hat hier seinen Platz in meinem Tagebuch.