Ich habe fertig! (Tag 7)

 

@Sonja: Hömma Liebelein, wenn Du mit dem Lesen nicht hinterherkommst, dann lass Dir doch nicht von Ver-rückten vorschreiben, was Du zu lesen hast, Herzchen.

Pass ma uff, jetzt wirste zwangstherapiert, dann weisste auch, was ich damit meine. So und um Missverständnissen vorzubeugen: Die Welt ist mein Zeuge.

Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich. Lest mal die Zeit. Wirklich, die Zeit solltet ihr euch nehmen. (So macht man übrigens double bind, aber das könnt ihr ja schon.)

Und googlet selber, ihr faulen Luschen, ich bin nich eure Tippse!

Ich glaube, wir verstehen uns. Kontaktformular kennt ihr ja mittlerweile dann auch. Lieber Finger von, Kinners, der Papa muss dringend inne Heia und beim Schlafen darf er nicht gestört werden. Einen Tag die Woche werdet ihr ja wohl mal ohne mich auskommen können. Wenigstens am Sonntag. Der Sonntag ist nämlich der Tag des Herrn, oder deutlicher. SONNTAG IST RUHETAG, ALSO RUHE DA OBEN ODER MUSS ICH EUCH ERST ZWANGSTHERAPIEREN IHR SCHNITZELKLOPFER MIT EURER SCHEISSDAUERBAUSTELLE DA!!! WENN IHR IHR EUCH NICHT BALD BEI MIR ENTSCHULDIGT, IHR ARSCHGEIGEN, UND AUFHÖRT MICH ANZULÜGEN, DANN KANN ICH AUCH MAL MIMIMI BEI DER SAGE MACHEN. ICH LASSE MICH NICHT GERN FÜR DUMM VERKAUFEN. WISST IHR EIGENTLICH, DASS ICH EUCH BEIM FICKEN HÖREN KANN? SOLL ICH EUCH MAL NEN HANDWERKER HOCHSCHICKEN UND NE KAMERA INSTALLIEREN BEI EUCH? VERGESST ES EURE SCHEISSVANILLANUMMER KANN ICH NICHT GEBRAUCHEN UND MAL EHRLICH: Friedlich hatten wir ja schon versucht. Also nächstes mal gehe ich mit der ganzen Bagage einfach mal eins höher und erklär denen, warum ich nicht schlafen kann und wisst ihr was? Die sind dann alle auf meiner Seite. So!

Und jetzt hab ich ne schöne Wichsphantasie, da brauch ich nimmer Hand anlegen, da komm ich schon beim Schreiben und wenn ich mir dann vorstelle, dass wir es in aller Öffentlichkeit miteinander treiben und euch keiner glauben wird, dann wisst ihr auch mal endlich, wer hier wenn beobachtet und jetzt ist hoffentlich endlich Ruhe im Karton, sonst sehe ich mich gezwungen, noch ein Stockwerk höher zu eskalieren. Und was dann passiert, muss ich euch ja nun nicht wirklich noch erklären, oder? Falls euch das wirklich entgangen sein sollte: Ich bin nicht total bekloppt, das ist eure versaute Phantasie. Wenn ich mir in die Karten gucken lasse, dann mache ich das mit Absicht. Das ist nen freundlicher Wink mit dem Zaunpfahl. Aber wer nicht hören will, der muss dann eben gedankenvergewaltigt werden oder so ähnlich. Bastelt euch selber euer Happy End, dafür bin ich nicht zuständig.

So, Herr Jost, begreifst Du jetzt, was der Herr Kollege mir angetan hat mit seiner Tipperei? Aber für ausführlich habt ihr ja keine Zeit…. Tja, dann halt nicht. Dachte ihr wollt mir helfen. War ja nur ne Einladung. Wer nicht will, der hat schon. Dann lutscht eure Pillen selber und therapiert euch gegenseitig und ich penne wann ich will und so können wir dann mal zusammenkommen an irgendeinen Tisch, egal ob rund oder eckig, aber ihr wollt mich ja nicht mitspielen lassen oder warum sonst muss man sich bei euch um die Betten prügeln und erst Pillen fressen, damit man bei euch übernachten darf?

Einvernehmlich ist wohl nicht so eure Sache, was? Das kannst ja auch gleich sagen, dann wirste eben zwangstherapiert. Machen wir doch gerne…. Da hätteste aber auch einfach fragen können. Ich tu Dir doch nix, ich will doch nur spielen… Therapeutisches Rollenspiel halt. Meine Fresse, manche haben aber auch ne extralange Leitung. Naja, die glauben mir ja nicht, wenn ich mich zu erkennen gebe, dann kann ich nicht anders. Selber schuld, wenn ihr mich für verrückt halten wollt. Mir ist das nämlich egal, wer mir sonst noch so hinterherlatscht, ich kann auch auf mich selber aufpassen. Und zählt mal meine Follower, 12 ist doch ein Witz dagegen, oder? Den hab ich auf jeden Fall über, also kann ich ja nur noch Godfather himself sein.

Und morgen früh sag ich dann einfach, ich hatte einen feuchten Traum und diesmal versaut ihr mir den nicht, sonst werdet ihr zum Hauptdarsteller in der Opferrolle.

Und mit dem Gedanken kann ich jetzt auch ruhig einschlafen, da habe ich dann keine Angst mehr. So mache ich das, Herr Doktor, aber Du hast ja keine Lust, mehr als die ersten beiden Sätze zu lesen und ich Dir schon anbiete, ne Kopfkinofilmrolle auszusuchen, solltest Du eigentlich artig danke sagen und nicht so tun als wär ich ein kleines Kind, das alleine Angst im Dunkeln hat und bei Mama aufm Arm will, denn solange Du das nicht kapierst, bleibst Du in der Täter_innen-Rolle, aber vielleicht fragt Dich mal eines Tages ein Reporter, was Du so über mich denkst und dann ist mir das egal, was Du denen für Märchen erzählst, weil in meinem Abschiedsbrief ganz deutlich zu lesen ist, dass Du mir das so gesagt hast, dass ich das so machen soll und wenn Dein Chef ausm Urlaub wieder da ist, dann – ja dann… für den Fall überlege ich mir das doch noch mal und dann bleibe ich doch sicherheitshalber konfessionslos, sonst weiß ich nicht, wie die Geschichte weitergeht.

Und deshalb lasse ich das Ende der Geschichte nun an dieser Stelle, sicherlich im Interesse aller, ganz bewusst offen. Nur für den Fall, dass der Arzt das doch nicht böse meinte. Dann können wir nämlich alle gemeinsam zurückrudern in unserem gemeiinsamen Bötchen, gelle. Vielleicht geht ja mein Wunsch auch so in Erfüllung, ohne dass ich nochmal zum Arzt muss. Abwarten und Teetrinken. Baldriantee, sicherheitshalber. Nee, nix da. Ich geh selber in die Küche, sonst kann ich mich wieder nicht dran erinnern, wo ich war. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser.

Stimmtraining-Workshop am 18.04.16

Den letzten Termin der Gay-X-Men hatte ich dafür genutzt, einen Stimmtraining-Workshop anzubieten. Meine persönlichen Erfahrungen mit Stimmtraining und meinen Weg, wie ich zu meiner Stimme gefunden habe, hatte ich vorab beschrieben.

Eine aktuelle Stimmprobe von mir kann ich euch nun auch zur Verfügung stellen:

Zum Vergleich noch einmal meine Stimme damals, nach einem Jahr Testo, wie ich den „Herr Otto Mayer“ spreche:

Vor dem Workshop hielt sich meine Aufregung zum Glück in Grenzen, obwohl ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde. Würde ich überrannt werden oder alleine dasitzen? Ich habe mich bewusst nicht zu sehr vorbereitet, um nicht zu enttäuscht zu sein, falls alles für die Katz gewesen wäre. Es war eine sehr angenehme Überraschung, dass es eine sehr intensive Begegnung zu zweit werden sollte.

Ich habe vor, die in diesem Workshop vermittelten Übungen auch nach und nach als Videos aufzunehmen und hier zur Verfügung zu stellen. Um euch schonmal einen ungefähren Eindruck zu vermitteln, zeige ich euch mal das Konzept, das ich mir vorher zurechtgelegt hatte:

  1. Atemtechniken, lockern
  2. Knattern  (Übung zur Lockerung des Kehlkopfes, erweitert die Stimmgrenze nach unten)
  3. Brummen wie ein Auto, das in den Kurven quietscht (Kehlkopf lockern)
  4. Summen wie eine Biene (Kehlkopf lockern)
  5. Ausfallschritt und dabei klatschen (Koordination Bewegung und Atem)
  6. Auf dem Thron Platz nehmen (Mentaltechnik, Visualisierung)
  7. Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (kurz PMR, Entspannungstechnik)
  8. Fortschrittstagebuch

Das dahinterstehende Prinzip, wie ich schon auf der Seite Stimmtraining beschrieben habe, ist zunächst die Entspannung sowie die Verbesserung der Körperwahrnehmung und dann die Koordination der Bewegung mit der Atmung. Dieses Prinzip findet sich auch im Sport wieder, ganz besonders deutlich beim Schwimmen – aber auch beim Yoga oder anderer Körperarbeit, bei der PMR oder beim Singen. Da wird jeder etwas finden, das ihm am ehesten zusagt.

Mit meinem Workshopteilnehmer gemeinsam habe ich nicht nur eine Entspannungsübung gemacht, sondern auch zusammen gesungen. Die obige Reihenfolge habe ich dabei nicht eingehalten, aber die Liste war mir eine wichtige Gedankenstütze.

(Wenn man nur einen Teilnehmer hat, ist es doch recht einfach, das Programm auf diesen individuell zuzuschneiden. Je größer das Publikum wird, desto schwieriger wird das, gemeinsame Vorlieben zu finden. Ich glaube, ich bevorzuge doch Einzelsitzungen, um mich besser auf mein Gegenüber einlassen zu können.)

Im Austausch für mein Wissen bin auch ich beschenkt worden. Ich habe den Tip bekommen, als beruhigende Musik Taizé-Lieder zu googlen und mich über MET zu informieren.

Bei letzterem handelt es sich um eine Klopftherapie, die man erlernen und bei sich selbst anwenden kann: MET-Klopftherapie. Für einen Ersteindruck gibt es auch eine schriftliche Anleitung MET/EFT eines Schülers des erstverlinkten Herrn Franke.

Ich kann mich gut abgrenzen

Ich möchte noch einmal das Fazit festhalten, das ich am Donnerstagabend vor 14 Tagen für mich gezogen habe: Eine meiner großen Befürchtungen, von der Unruhe augenblicklich sehr agitierter Menschen in der Gruppe, die über sich sprechen, angesteckt und selbst sehr aufgewühlt zu werden, hat sich nicht bestätigt.

Vor der Stunde habe ich eine kurze PMR gemacht, um für mich eine Auszeit zu schaffen, da ich gerade vom Psychoseseminar gekommen war. Das hat mir sehr gut getan und ich bin sehr überrascht, dass mir gelungen ist, mich darauf zu konzentrieren, obwohl es in dem Raum in diesem Moment des Ankommens sehr viel unruhiger war als in der S-Bahn üblicherweise. Das hängt wohl damit zusammen, dass in der S-Bahn die Unruhe durch das Ein- und Aussteigen die Regel ist.

Am Ende der Stunde war ich nach wie vor ausgeglichen und ruhig. Zwischendurch habe ich immer mal wieder sehr bewusst meinen Körper wahrgenommen. Mindestens nach einem Redebeitrag einer anderen Person, aber auch währenddessen immer mal wieder und spätestens wenn ich selbst sprach, hatte ich die Gelegenheit, auf meine Stimme zu achten.

Meine Stimme ist nach wie vor der beste Indikator für mein Anspannungslevel. Inzwischen bin ich aber sehr dankbar dafür, dass meine Stimme – so wie die jedes Menschen – bei Anspannung höher wird und ich kämpfe nicht mehr dagegen an, etwas ändern zu wollen, das die Natur so vorgesehen hat.

Mich selbst beschäftigt nun nicht die Frage um meine eigene Geschlechtsidentität, auch wenn ich heute von mir und meiner Vergangenheit erzählt habe, sondern ich bin mir unsicher, ob ich mich heute in der Gruppe richtig verhalten habe.

Ich fände es besser, wenn sich nicht diejenigen durchsetzen, die die Lautesten und die Schnellsten sind.

Das ist eine Sichtweise, die ich selbst im Grunde auch teile. Durch meine Erfahrung mit den Neuroleptika und mit sehr großen Selbstzweifeln im Zusammenhang mit Depressionen weiß ich, wie das ist, wenn man in der Gruppe untergeht ohne die Hilfe einer Moderation.

In diesem Setting hätte ich auch ehrlich gesagt etwas aktivere Moderation erwartet: Eine eher zuvorkommende und anbietende Unterstützung für die Stillen. Ein Räume-Schaffen für diejenigen, die eine Extra-Einladung brauchen, solche Räume zu betreten.

Mein Problem war, dass ich damals nichtmal erkannt hatte, dass ich auch ein Recht auf Redezeit habe. Die nächste Hürde war dann, dieses Bedürfnis auch anzumelden. Es fiel mir leichter, in einer entsprechenden Struktur, die Räume anbietet, diese zu betreten, als mir mit den eigenen Ellbogen selbst welche zu schaffen.

Natürlich kann gerade hier in diesem Selbst-Platz-Verschaffen eine gr0ße Lernaufgabe liegen. Nun bin ich sehr gespannt, wie es am kommenden Donnerstag weitergehen wird. Ob das Thema noch einmal angesprochen wird und ob wir zu einem anderen Umgang miteinander finden.

Auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass es dieses Angebot einer solchen moderierten Personzentrierten Gesprächsgruppe zum Thema Geschlecht und Identität heute überhaupt gibt, das ich vor acht Jahren so dringend gebraucht hätte.

Es hat mir große Freude gemacht, von meinen eigenen Erfahrungen, meiner Selbstsuche und Identitätsfindung berichten zu können und dafür Dankbarkeit zu erfahren. In der Rolle des Ratgebers fühle ich mich sehr wohl.

Vielleicht sollte ich einen Ratgeber schreiben. Damit habe ich nicht mehr diese Schwierigkeit, mein Wissen preisgeben zu wollen und dabei das Rat-Schlagen vermeiden zu müssen. Aber irgendwie war diese Homepage ja auch dafür gedacht.

90-Tage-Challenge Tag 24

Muskelkater hatte ich zuletzt vom Brust-Beinschlag beim Schwimmen, als ich am Sonntag beim Schwimmtraining mit Norbert von Startschuss mit einem willigen Opfer, das sich von mir abschleppen ließ, trainiert habe. Wir haben da auf der Anfängerbahn jegliche Freiheiten, was ich sehr schätze. Eine knappe halbe Bahn habe ich geschafft, dann musste ich abbrechen, um nicht selbst abzusaufen. Erst Anfang Mai habe ich wieder Zeit, an dem Kurs  bei der DLRG teilzunehmen. Bis dahin nutze ich die Sonntage, um gezielt Muskeln aufzubauen.

TYRANT, Zeit: 18:23:19

Kuhl! Ich habe es geschafft, langsamer zu sein als an Tag 10!

In der zweiten Runde habe ich mich bewusst gebremst und ansonsten versucht, aus dem Gefühl heraus zu meinem Tempo zu finden. Das hat ganz gut geklappt.

Seit ich herausgefunden habe, dass ich Einatmer bin, achte ich besonders auf die Ausatmung. Mich zu be-lasten ist mir nie sehr schwer gefallen, aber mit dem Ent-lasten hapert es nach wie vor. Siehe mein Problem mit Pausen – ich brauche keinen Arschtritt, um Aufgaben zu erledigen, aber eine Erinnerung an die Pausen und den Feierabend.

Beim Einatmen arbeitet man gegen die Schwerkraft, dh bei den Kniebeugen atme ich aus, wenn es runtergeht und das Hochstemmen beim Einatmen geschieht von alleine. Ein Ausatmer kann vermutlich leichter in die Hocke gehen und hat eher Schwierigkeiten, wieder hochzukommen. Werde mal einen fragen…

Mehr zu den Atemtypen, was ich im Zusammenhang mit der Arbeit an meiner Stimme recherchiert hatte. Es gibt ja keinen Grund, die Koordination zwischen Atem und Bewegung alleine aufs Sprechen oder Singen zu beschränken – im Sport ist das auch sehr gefragt. Ich erinnere mich dunkel, sogar meine Sportlehrerin davon sprechen gehört zu haben.

Heilgesänge

Seit Februar gehe ich, wie ich an Tag 3 der Challenge bereits kurz erwähnte, montags zum Chanten.

Ich nutze das Chanten, um ganz bewusst mit meiner Stimme zu arbeiten, meine Körperwahrnehmung und – koordination zu verbessern und glaube zudem an einen heilsamen Effekt für Körper und Seele. Mir kommt sehr entgegen, dass die Texte und Melodien nicht sehr anspruchsvoll sind und ich mich so besser fallen lassen kann.

Besonders angetan hatte es mir zunächst dieser von uns gesungene Text:

In mir ist Ruhe
In mir ist Stille
In mir ist Frieden
In mir ist Kraft

Dieses Mantra hat mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben und den Glauben an meine Selbstheilungskräfte gestärkt, weil ich es in Bezug auf meine häufig auftretende innere Unruhe als sehr heilsam empfand. Denn wenn ich mir das immer wieder sage, dass in mir Ruhe ist – und das langsam und ruhig tue – dann wird es in mir auch ruhig, wenn ich nicht vorher schon ausgeglichen war. Das habe ich gestern sehr deutlich gespürt.

Als ich dieses Lied das erste Mal gehört und gesungen habe, bekam ich Gänsehaut:

Fest verwurzelt in der Erde
Offen für die Schätze des Himmels
Wie ein Baum im Gleichgewicht
Spüre ich meine Mitte

Das Themenfeld die Mitte finden und im Gleichgewicht bleiben hat mich die letzten Monate sehr intensiv begleitet, was mit dem Vorbeugen der Phasen meiner schizo-affektiven Störung zusammenhängt.

Dieses Video ist natürlich nur eine mögliche Interpretation dieses Liedes, damit ihr eine ungefähre Vorstellung davon bekommt. In der Gruppe haben wir uns anders dazu bewegt und natürlich war auch kein Baum im Raum. Dafür war mein Gefühl, selbst ein Baum zu sein und mich im Wind zu wiegen, für den Augenblick sehr stark und ich bekam Lust, diesen Moment festzuhalten.

Ich sah während des Singens vor meinem inneren Auge ein Bild von einem Baum, das ich auf Leinwand malen möchte. Ich hatte bei meinem letzten Termin im Atelier schon eine Idee, aber in diesem Moment wurde die Vorstellung konkret. Das Stück wird Teil einer Reihe zu verschiedenen Spannungsfeldern.

 

 

Musik: Dominik Beseler

Guten Morgen!

Heute möchte ich euch meine aktuelle Lieblingsstimme vorstellen: Dominik Beseler

Zwei weitere Songs von ihm, die nicht unter „Audio“ auf seiner Seite angespielt werden können, sind bei Youtube veröffentlicht:

Ich hörte Dominik das erste Mal vor zwei Jahren bei einem Konzert in Harburg, begleitet nur von einer Holzwürfeltrommel (Dube), die seine Stimme optimal unterstrich. (Wenn ich da mal nicht seine Gitarre ausgeblendet habe – bin im Augenblick nicht ganz sicher.)

Wenn ich das richtig erinnere, singt er, seit er zehn Jahre alt ist. Auf jeden Fall hat er lange und hart an dem gearbeitet, was er heute auf der Bühne präsentiert. Und so konsequent dabeigeblieben, das bewundere ich.

Ich war so hin und weg von dieser Reife, die nicht nur in seinen Texten durchklingt, sondern auch von seiner Stimme getragen wird. So wollte ich mich auch anhören!

Dieses Erlebnis hatte mir noch einmal neuen Schwung gegeben, an meiner eigenen Stimme zu arbeiten. Jetzt, nachdem ich das Problem mit der chronischen Anspannung lösen konnte, bin ich sehr zufrieden mit meiner Stimme. Sobald ich die Zeit und Muße finde, vertone ich auch mal die ein oder andere Geschichte von mir.

Live klingt Dominiks Stimme noch sehr viel satter und voller als die von der CD. Diese im Vergleich leider ein wenig kastrierte, konservierte Stimme bringt mich runter, wenn ich unruhig bin, und sie singt mich in manchen Nächten in den Schlaf.

 

Wer Interesse hat, ein Konzert von ihm zu besuchen, sollte Dominik Beselers Seite im Gesichtsbuch verfolgen. Übrigens kommt er aus Hamburg, daher auch als regional getaggt.

Ob mit oder ohne diese stimmungsvolle Musik – ich wünsche euch einen tollen Start in die Woche!

Neue Reihe: Mein Wort zum Sonntag

Nachwort

Letzte Woche habe ich, vielleicht etwas übereilt, gleich mit dem Ostersonntag gestartet. Aus Spaß wurde Ernst und der ist gerade eine Woche alt.

Ich habe nun – auf Anraten meiner ersten, härtesten und treuesten Kritikerin, deren Wort wohl das adipöseste in meinem Gehörgang ist – Verzeihung, deren Wort ich das meiste Gewicht verleihe –

Auf ihr Anraten habe ich das Amen (am Ende) nachträglich gestrichen.

Damit war ich wohl doch etwas zu weit gegangen. Es lag mir fern, irgendjemanden zu beleidigen. Wer sich von mir durch den Kakao gezogen fühlen möchte, darf das natürlich trotzdem gerne tun. Hauptsache, ihr habt Spaß!


 

Vorwort

Ich beginne nun mit diesem Beitrag diese Reihe ganz offiziell von vorne, mit dem ersten Schritt: Einer Bitte um Feedback zu meiner Schreibe. Kurzgeschichten traue ich mir ganz gut alleine zu, aber Comedy ist für mich ein neues Kapitel.

Der erste Text, der unten folgt, ist etwa ein Jahr alt und sozusagen ein Experiment gewesen und war eigentlich für einen Bühnenauftritt gedacht, den ich mir bisher nicht zugetraut habe.

Ich bitte jedoch – wo wir gerade bei Klartext sind – auch um Respekt für meinen Glauben:

Den Glauben an mich und meine Fähigkeiten. Den Glauben daran, dass ich mich auch wohlfühlen darf, ohne einer Konfession angehören zu müssen. Und nicht zuletzt den Glauben an eine alle liebende göttliche Kraft, der es ziemlich piepegal ist, wie sie genannt wird und welche Regeln für gut zu befinden ihr unterstellt werden.

/ernstes Wörtchen Ende

Performance – Genesung

Guten Tag, mein Name ist »Horst«.

Eigentlich bedeutet das »Der aus dem Gehölz«, was mich immer an den Weihnachtsmann denken lässt, aber heutzutage heißt das soviel wie »Idiot«.

Sie kennen ja sicherlich die schöne Redewendung »Ich mach mich doch nicht zum Horst!«.

Naja, ich sag mal so: Ich wars nicht!

Jedenfalls nicht mit Absicht, weil ich den Spruch zu der Zeit noch nicht kannte.

Beides ist irgendwie zutreffend: Ich kann mich – leider nicht nur als Komiker, sondern auch in meiner Freizeit – wie ein Idiot aufführen oder meine Mitmenschen beschenken wie der Weihnachtsmann und das sogar das ganze Jahr über, aber heute möchte ich Ihnen etwas über meinen zweiten Vornamen erzählen: Lysander.

Das bedeutet soviel wie »Der befreite Mann.«

Sie müssen nicht jedes einzelne Wort von mir auf die Goldwaage legen, aber es kann nicht schaden. Ich habe sie ja selber ausgesucht.

Bei mir ist das anders als bei den anderen: Ich erzähle Ihnen nicht, was Sie hören wollen, sondern ich sage das, was ich sagen will.

Als Komiker darf ich das.

Und Sie dürfen trotzdem lachen, auch wenn Sie gar nicht verstanden haben, worum es hier eigentlich geht.

Aber das können Sie auch nicht, solange ich noch nicht richtig angefangen habe, also warten Sie mal ab. Vielleicht setzen Sie sich einen Tee auf, könnte etwas länger dauern.

Ich tue das hier nicht für Sie, müssen Sie wissen, meine Damen und Herren und andere Menschen – Tiere sehe ich jetzt hier nicht. Sondern ich tue das für mich. Da bin ich einfach in meinem Element. Mir tut es jedenfalls ganz gut, das mal alles rauszulassen.

Was mit Spiel, Spannung und Schokolade – ach nee, das waren die Eier – ich meinte Kopf, Herz und Hirn.

Achnee, da fehlt die Hand.

Bitte verzeihen Sie mir, zuviel Denken am Stück strengt mich zu sehr an, aber eigentlich wollte ich nur damit prahlen, dass meine Texte von mir selbst und handgemacht sind und nicht von irgendeinem Ghostwriter, der das Pech hat, keine Rampensau zu sein. Ich bevorzuge ohnehin Qualitätsware, abgesehen von Gegenständen, die einen persönlichen Wert für mich haben. Und den haben sie noch nicht, wenn ich sie kaufe.

Aber Sie sind ja bis auf wenige Ausnahmen alle freiwillig hier, soweit ich das beurteilen kann; Sie wollen das ja hören, sonst hätten Sie nicht dafür bezahlt. Jedenfalls ist das sehr angenehm, wenn ich mir vorstelle, Sie hätten mich bezahlt und nicht den Veranstalter, das wertet mich nämlich ungemein auf.

Aber für das, was ich wirklich zu sagen habe, ist keiner so blöd zu bezahlen, weil man das ja alles schonmal irgendwo gehört hat, weil die wirklich wichtigen Dinge weiß ja dank Internet heutzutage jedes Kind.

Jedenfalls könnte man alles wissen, wenn man danach suchen würde. Dazu müsste man allerdings wissen, was man noch alles wissen könnte, wenn man es denn erfahren wollte – aber Kinder denken sich ja auch dauernd neue Fragen aus, um den Erwachsenen damit auf die Nerven zu gehen.

Irgendwie kriegen die das ja hin!

Ich hoffe sehr, dass Tante Google den Fernseher als Babysitter bald ablöst, das würde uns allen ganz gut tun.

Ich hätte zwar auch selbst Kindergärtner werden können, um der kommenden Generation meinen Samen einzupflanzen – ja, ich dachte mir beim Schreiben schon: Das war hart an der Grenze oder genau genommen gar nicht jugendfrei, wenn ich von schon von Kindern spreche… [am Kopf kratzen]

Aber ich warte lieber, bis es zu spät ist und im hoffentlich nur übertragenen Sinne das Kind in den Brunnen, mindestens einmal aber tierisch auf die Fresse gefallen ist, dass es so richtig weh getan hat.

Wenn die Kinder das dann alles hinter sich haben, sind sie so verzogen, dass sie verlernt haben, sich ganz natürlich zu bewegen und richtig für sich zu sorgen und legen ein Verhalten an den Tag, das sie krank macht – wenn sie sich beeilen.

Wenn sie nämlich dabei auch noch trödeln, bringt es sie ins Grab, wenn sie so weitermachen. Keine Widerrede, da landen wir alle früher oder später, egal wie wir unser Leben verbringen.

Darauf stützen sich ja auch die Krebsforschungen – Nichtrauchen ist so gesehen genauso tödlich wie Rauchen – aber das würde zu weit führen, wir haben ja keine Zeit.

Ich greife also lieber ein, bevor es noch später ist. Ein »zu später« müsste man vielleicht mal einführen, damit ich mich an dieser Stelle besser ausdrücken kann. Sagen Sie mir Bescheid, wenn es soweit ist, ich überarbeite meinen Text dann nochmal.

Wenn ich die Zeit dazu finde, versteht sich. Zeit hat man nämlich nicht, die muss man erstmal suchen gehen, damit man sie auch findet.

Erst dann kann man sie sich nehmen für das, was einem wirklich wichtig ist. Die unwichtigen Dinge fallen sowieso ganz von allein hinten runter von der langen Bank auf der wir alles schieben.

Wir – das machen wir nämlich alle, egal ob uns das bewusst ist oder nicht. Egal, zurück zum Thema.

Ich warte nicht gerne – ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch und puzzle leidenschaftlich gerne, weil ich das genieße, was ich tue. Ich warte deshalb solange, bis die Kinder erwachsen sind und krank geworden, weil ich mir nicht meine Arbeit kaputtmachen lasse von so genannten Leerkörpern – mit zwei E; Lehrkörper wie mein Opa einer war, schreibe ich mit H oder spreche von Lehrkräften – Lehrer, die glauben, zu wissen, was für unsere Kinder richtig ist, während sie selbst alles ungefiltert nachplappern, was ihnen andere Dummköpfe an der Hochschule vorgekaut haben, ohne dabei ihr Gehirn einzuschalten.

Das ist so, wie wenn Sie die Fehler fröhlich mit abschreiben wie damals in der Schule, als ob es dafür Gummipunkte gäbe.

Gummizelle fände ich passender in manchen Fällen.

Wie es Ihnen damit geht, will ich gar nicht wissen, das würde mich zu sehr belasten,

aber ich ziehe es vor, aus Fehlern zu lernen, aus meinen eigenen – und sogar aus denen anderer.

Ein sehr kluger Mann hat mir einmal gesagt

(Nebenbei bemerkt, dieser Mann ist so klug, dass ich ihn sogar geheiratet habe, weil ich einfach nicht genug davon kriegen konnte.] – [Blick zur Uhr, tief durchatmen]

Mein Ehemann hat im Studium gelernt: Platz haste, Zeit haste nicht. [langsam und deutlich, jedes Wort betont]

Ich brauchte erst einen fetten Arsch, um das zu erkennen, dass ich mehr Platz brauche als andere.

Andere haben es in den Beinen, was sie nicht im Kopf haben.

Dass mein Tag allerdings auch nur 24 Stunden hat, war mir schon länger klar.

Ich konnte nämlich schon recht früh die Uhr lesen und weil mein Bruder mit der Digitalanzeige leichter Vor- und Nachmittag auseinander halten konnte, glaubte ich sogar, es gäbe einen 12Std-Tag zum Spielen und einen zum Schlafen.

Aber wie ernst die Lage wirklich ist, offenbarte sich mir am Tag meiner Einschulung. Aber das ist eine Geschichte für sich.

Nun war mir damals nicht bewusst, was ich alles noch erledigen muss, da ich keine Vorstellungen darüber hatte, was ich alles tun könnte, wenn ich denn was anderes tun würde, als den ganzen Tag auf meinem Hintern zu sitzen und mir meine Lebenszeit abkaufen zu lassen, anstatt mich für meine Produkte bezahlen zu lassen.

Dabei wusste ich schon als Kind, was ich mal werden wollte: Selbständig! So wie Papa.

Als meine Mutter dann frage, was ich denn während meiner Arbeitszeit tun wollte, war mir das eigentlich egal, weil ich ja wusste, dass ich alles kann, wenn ich nur genug Zeit aufwende, es zu erlernen und zu üben. Trotzdem gefiel mir der Rollentausch, dass ich mal derjenige war, der kluge Fragen beantworten durfte, und nach einiger Bedenkzeit entschied ich mich dafür, Müllmann sei der richtige Beruf für mich. Da darf man auf dem Müllauto hinten mitfahren und man tut was Gutes für die Umwelt und seinen Nachbarn einen Gefallen, weil man deren Dreck wegräumt. Damit erfüllte dieser Beruf zwei Ansprüche, die ich heute auch noch habe: In erster Linie macht es Spaß und außerdem erfüllte er mich damals wie heute mit Sinn. Müll trennen fände ich noch etwas attraktiver, aber Abfall sortieren darf ich seit der Einführung des grünen Punkts in den neunziger Jahren ja auch zu Hause unentgeltlich machen.

Warum also für diesen Spaß Freude vor die Tür gehen und in einer stinkenden Halle mit Menschen, deren Kinder bilingual aufgezogen werden, an einem Förderband sitzen und sich von Maschinengeräuschen belästigen lassen?

Einen anderen Aspekt können Sie sich sicherlich vorstellen. Zwei Menschen, die beide froh waren, dass sie es mit Hängen und Würgen geschafft haben, ihr Abitur –

Ach, bevor Sie mich falsch verstehen: Finanzielle Gründe machten eine Erwerbstätigkeit erforderlich.

Wenn also solche Menschen hart dafür kämpfen, ihr Abi auf dem zweiten Bildungsweg machen zu dürfen, dann können Sie sicher sein, dass sie mindestens eins ihrer Kinder dazu zwingen werden. Im Zweifel das Erstgeborene.

Und im Regelfall entwickelt so ein Kind nicht die erforderliche Unsensibilität, diesen ersten ureigenen Traumberuf dann tatsächlich zu ergreifen.

Was mich angeht, so war ich eine ganze Zeit als Hausmann genauso zufrieden,

nachdem ich mir für mein Seelenheil einen Blauman gekauft haben und eine von den schicken grelloranen Jacken mit diesen reflektierenden Streifen drauf.

Auf eine Fetischparty habe ich mich damit zwar noch nicht getraut, aber immerhin bin ich in diesem Outfit unauffällig als Erwerbstätiger getarnt quer durch die Stadt zu einem Freund gefahren, um einem Freund bei der Renovierung seiner Wohnung zu helfen. Mein zweiter, ebenso ernsthafter Berufswunsch im Kindesalter war nämlich Maler und Lackierer.

Aber das durfte ich – wie Sie sich denken können – dann auch nicht machen, weil man – wie man anhand eines von meinen Eltern beauftragten Malermeisters live und in Farbe beobachten konnte – von den Lösungsmitteln in der Farbe langsam im Kopf zu werden scheint. Jedenfalls wirkte der ein bisschen dumm in seiner entschleunigten Art. Ich kann Ihnen mal Neuroleptika empfehlen, wenn Sie das nachempfinden wollen, wenn die Gedanken im Kopf sich nicht gegenseitig überholen, sondern im Stau stehen in einer langen Schlange vor einer roten Ampel. Ich möchte aber nicht schon wieder abschweifen, Sie wissen ja, unserer Zeit ist begrenzt.

Ich glaube nicht, dass das Anstreichen von Wänden Auswirkungen auf meine Hirntätigkeit hatte. Ich habe es in meiner eigenen Wohnung später nämlich selbst ausprobiert. Es kann auch nicht die einzige Sorge meiner Eltern um meine Zukunft gewesen sein. Dabei fällt mir ein, dass mir die meisten Sorgen immer meine Vergangenheit gemacht hat. Und dabei ist die ja schon vorbei, auch wenn sie immer noch da – ach, vergessen Sie es.

Einmal wurde ich ausgeschimpft, weil ich einem in unserem Haus beschäftigten Maler beim Abkratzen der Tapete geholfen habe. Farbe befand sich an diesem Tag nicht einmal in einem verschlossenem Eimer im Raum, also drohte mir keine Gefahr. Der Anschiss ging eigentlich an uns beide, wie ich an einem »Wie können Sie nur?« unschwer erkennen konnte. Der arme Kerl tat mir leid, ich schämte mich für meiner wütende Mutter und wir haben schuldbewusste schuldbewusste Blicke gewechselt, als wären wir soeben miteinander im Bett erwischt worden.

Nach meinem Abitur habe ich mich mit einer Kochlehre gerächt, die ich allerdings nicht abgeschlossen habe, weil ich damals einfach noch nicht kochen gelernt hatte. Bei meiner Mutter besteht da auch heute noch keine Chance, da die Genießbarkeit des Gerichts von der Verständlichkeit des Rezeptes abhängt. Deshalb war das etwas, das ich lernen wollte, weil ich gerne esse.

Nachdem ich zweimal durch die praktische Prüfung gefallen war, hatte ich es doppelt schriftlich und dann musste ich es glauben.

Also hatte ich ein Einsehen und habe, weil ich als Arbeitgeberkind ja sozusagen im Büro aufgewachsen bin, eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten, Fachrichtung Bundesverwaltung gemacht.

[Kopfschütteln]

Ganz falscher Fehler. Da wäre ich beinahe zehn Jahre im öffentlichen Dienst hängen geblieben, obwohl ich als Tarifbeschäftigter beim Beamtenmikado immer verloren habe.

Ich fand es einfach so nett, dass meine Chefin mir immer den Kaffeee gekocht hat.

Ich vertrage zwar kein Koffein, aber das wusste sie ja nicht und »Nein« war damals ein Wort, das auf Teufel komm raus bei mir bleiben wollte. Jedenfalls kam es mir nicht über die Lippen.

Beim Informatikstudium habe ich dann rechtzeitig die Kurve bekommen, als ich erkannt habe, dass ich da nachher als studierter Programmierer rausgehen würde und weiterhin unterbezahlt bleiben würde. Was ich schlimmer finde als unbezahlte Arbeit, weil man bei bezahlter immer das Gefühl des Verlusts hat, wenn man darüber nachdenkt, sich noch im Guten zu trennen.

Und Ehre wird einem in einem solchen Amt auch nicht zuteil. Meine Leistung wurde für meinen Geschmack nicht ausreichend anerkannt, also verlor ich den Glauben daran, überhaupt etwas zu taugen, weil ich meine Leistung ohne Bestätigung in monetär angemessener Form oder durch Lob nicht spüren konnte.

Außerdem hat mir gewaltig gestunken, dass ich offensichtlich der Depp mit dem höchsten moralischen Standards war, jedenfalls hatte ich den Anspruch an mich, den gesamten Stoff zu pauken, weil mir der Mut zur Lücke fehlte.

Und ich wollte nicht zu denen gehören, die die anderen Arbeit machen lassen, für die sie eigentlich selbst zuständig wären.

Dass das nicht an mangelnder Führungserfahrung lag, merken Sie spätestens, wenn sie mit mir Tango tanzen. Aber dazu haben wir jetzt – es tut mir leid – leider keine Zeit.

Nein, unter Temarbeit versthe ich einfach etwas anderes. [Blick auf Uhr]

Den Ausschlag, das Studium der angewandten Informatik abzubrechen, gab mir der Professor, der uns erklärte, dass man aus Gründen der Zeit- und Geldersparnis dem Kunden – der ohnehin nicht weiss, was er will oder braucht, geschweige denn den Unterschied erkennen kann – einfach eine Kopie von etwas, das man schnell zusammengewichst und schonmal erfolgreich verkauft hat andreht.

Und für die notwendigen Anpassungen an den tatsächlichen Bedarf nehmen die Jungs dann ordentlich Asche.

Und das, weil sie es können und nicht etwa, weil sie es nicht besser könnten.

Es versteht heute ja keiner mehr, wie so eine Maschine funktioniert. Wenn sie mich fragen, hat die Intelligenz der Computer die der Menschen längst überholt.

Zumindest im Durchschnitt.

Aber Sie fragen ja nicht, ich rede jetzt.

Ich meine, jetzt mal im Ernst, wer blickt denn da heute noch durch?

Mich hat ja sogar shcon während meiner Ausbildung in der Verwaltung vor über zehn Jahren ein Kollege aus dem Informatikreferat, in dem ich für ein Praktikum eingeteilt war, um Rat gefragt. Er habe gehört, dass ich mich mit Excel auskenne und da wollte er mal wissen, wie man etwas Bestimmtes in Wort macht. Was es genau war, habe ich vergessen, irgendwas einfaches, das leichter war als das Erstellen eines Serienbriefs, was jede drittklassige Sekretärin beherrscht.

Hallo?!

Das kommt dann wohl davon, wenn man sein Studium abschließt!

Neulich habe ich mich, nur um ganz sicher zu gehen, zu einem IQ-Test angemeldet, um eine mögliche Hochbegabung ausschließen zu lassen.

Ich habe jetzt schon Angst, in den Briefkasten zu gucken. Wenn das Ergebnis zu hoch ausfällt, bekommt man eine Einladung, MENSA beizutreten.

Ich kann doch so schlecht nein sagen.

Wenn man dem Verein beitritt, darf man – zumindest vereinsintern – keinen Schwanzvergleich anhand dreistelliger Ziffernfolgen machen, die man nach erfolgtem Test auf dem Postweg zugesandt bekommen hat.

Ich bitte Sie! Das ist doch langweilig!

Das macht doch keinen Spaß…

Viel zu lange habe ich mich in einer winzig kleinen Schachtel – wie so ein Geschenkpaket – einsperren lassen und als ich da rausgeklettert bin, hatte ich erstmal das Gefühl, als wenn sich nichts geändert hätte. Bewegt habe ich mich jedenfalls nicht freiwillig, weil ich es gewohnt war, ständig mit dem Kopf an die Decke oder mit dem Fuß oder der Hand an meine Begrenzungen anzustoßen.

Aber jetzt, ganz plötzlich, Jahre später, war ich am Montag beim Arzt und da hat sogar die Assistenzärztin – also, wenn Sie mich fragen, diese Ärztin sollte den Laden leiten und nicht der, der schon am Telefon keine Zeit hat für mich, aber das ist ein anderes Thema und die Zeit drängt.

Diese Frau ist in der Lage, mir – das ist das erste Mal, dass mir das passiert ist und ich bin seit fünf Jahren in dieser Praxis zur Behandlung und alle 12 Wochen muss dasselbe gemacht werden, Blut abnehmen und Spritze geben.

Die Frau ist sogar in der Lage, mir meine Spritze mit dem Zeug in der richtigen Temperatur und Geschwindigkeit zu geben! Einfach so, dabei kennt die mich überhaupt nicht. Ich hab die an dem Tag das erste Mal gesehen. Bisher war das Zeug immer entweder zu heiß oder zu kalt oder wurde zu schnell reingedrückt und ich habe immer nichts gesagt, weil ich dachte, die können das nicht besser, weil es nicht besser geht.

In dem Moment aber, als ich feststellte, es kann jemand, da habe ich sie gefragt, wie sie das gemacht hat. Und sie wusste gar nicht, was sie gemacht hat, sie hat gesagt: »Das war einfach nur Zimmertemperatur.«

Ja prima!

Das ist ja so einfach, dass es weh tut!

Aber wissen Sie, was man dafür tun muss?

Da muss man mit der Arbeit anfangen, die Spritze aufziehen und wenn alles vorbereitet ist, erstmal ne Pause machen, um abzuwarten, bis man weitermachen kann.

Außerdem hat sie mich gefragt, wo man bei mir am besten Blut abnehmen kann und zwar vorher, bevor sie was gemacht hat, anstatt einfach blind rumzustochern, weil sie wusste, dass sie keine Ahnung hatte und als Assistenzärztin auch keine Angst haben musste, das mir, dem Patienten, gegenüber zuzugeben.

Und als ich ihr die Stelle gezeigt habe, aber nicht sicher war, weil ich nichts sehen konnte, da hat diese Assistenzärztin gesagt: »Manchmal muss man gar nichts sehen, sondern nur fühlen.«

Die hat es kapiert, sage ich Ihnen.

Denn wer das begriffen hat, wie wichtig es ist, nicht nur den Kopf zu benutzen wie die meisten Akademiker oder nur den Körper wie die meisten Handwerker, sondern auch sein Gefühl, und alles das im Einklang miteinander für sich einzusetzen.

Woran ich gemerkt habe, dass die Gute ihren Kopf nicht nur zum Haare schneiden hat?

Sie hat mir – wie alle anderen auch – als erstes den Blutdruck gemessen, aber als sie gemerkt hat, wie nervös und angespannt ich war (das bin ich leider jedes Mal, weil ich immer wieder mit Misshandlungen durch Vertreter dieser Berufsgruppe rechnen muss, denn schließlich liegt die größte Stärke von Überlebenden des Medizinstudiums im Auswendiglernen, anders schafft man das ja gar nicht, und man muss Blut sehen können, das macht mir zusätzlich ein ungutes Gefühl in der Magengegend)-

Diese Ärztin war vielleicht früher mal Krankenschwester, jedenfalls eine Ausnahme, denn als sie merkte, wie nervös ich war, hat sie entschieden, den Blutdruck einfach nach der Untersuchung noch einmal zu messen. Obwohl das Zeit kostet.

Dass sie dabei entscheiden darf, welchen Wert sie notiert, hat sie wahrscheinlich sogar sehr gefreut, weil sie mein Gewicht, das ich morgens auf meiner Waage zu Hause gemessen hatte, nicht einfach aufschreiben durfte (es gibt da irgendwelche neuen Regeln, die rein theoretisch ja nicht von ihr stammen dürften aufgrund ihrer nachgeordneten Position in der Kittelhackordnung, sondern bevor sie das aufschreibt, muss sie es erstmal überprüfen.

Und die hat das gemacht!

Was die Waage angezeigt hat, verrate ich Ihnen nicht, aber ich habe mich sehr gefreut, dass die Frau in Weiß das Gewicht meiner Kleidung auf ein Kilogramm geschätzt und abgezogen hat. Dadurch war ich nach dem Frühstück dann leichter als vorher und das ist doch auch schon ein Erfolg!

Und weil sie genug Zeit hatte, ihre Arbeit gründlich zu machen, hat sie der Vollständigkeit halber auch gleich gemessen, wie groß ich bin. Und das habe ich ja schon ewig nicht mehr gemacht. Ich dachte immer, ich wäre 1,75, weil das so in meinem Ausweis steht. Das steht aber so in meinem Ausweis. Wie ich damals beim Amt war, als ich mit 16 meinen ersten Personalausweis bekommen habe, da hat die mich einfach nur gefragt und ich habe ein bisschen geschummelt, weil ich ein bisschen kleiner war, aber ich fand die Zahl so schön rund und die Dame da hat mir das einfach so geglaubt, weil sie nichts zum Nachmessen zur Hand hatte, obwohl ich sicherlich nicht der einzige war, dessen amtliche Körperlänge sie hochoffiziell auf Dokumenten verewigte. Aber solche Angaben zu überprüfen, das gehörte nicht zu ihrem Aufgabengebiet und deshalb hat sie das einfach nicht gemacht. Die war vielleicht schlau! Soviel Zeit gespart für andere schöne Dinge wie Fingernägel lackieren oder Modemagazine lesen.

Sie werden es mir nicht glauben, aber ich sage Ihnen, was die Ärztin abgelesen hat: 175,5 Zentimeter. Das heißt – für die, die das nicht im Kopf ausrechnen können, allerdings gerundet: Ich bin über einen Zentimeter gewachsen. Das Sprichwort, man sei einen ganzen Meter gewachsen halte ich immer noch für übertrieben, aber man kann auch nochmal ein Stück wachsen, wenn man schon erwachsen ist. Davon bin ich überzeugt.

So jemand, der so gründlich arbeitet wie diese Ärztin und sich Zeit nimmt für die Menschen, für die diese Arbeit getan wird und nicht für die, die das bezahlen, und sich vor allem nicht selbst kaputtmacht dabei,

so jemand sollte am besten das Gesundheitsministerium leiten oder irgendwas ganz oben – naja nicht soo weit oben [zur Decke zeigen]

– machen und nicht solche Hanseln, die gar keine Ahnung haben, was sie damit den Leuten weiter unten antun

Deshalb vertraue ich grundsätzlich auf Experten aus Erfahrung. Zufälligerweise bin ich auch einer davon.

Das Problem ist nur: Leute wie so eine Ärztin, die hören auf ihren Körper und tun sich den Stress gar nicht erst an!

Die werden lieber Postbeamter so wie Albert Einstein, weil sie wissen, was gut für sie ist. Die wissen auch, wann sie den Hals voll haben, auch was den Umgang mit Geld angeht. Geld macht nämlich nicht glücklich, meine Damen und Herren, zuviel Geld kann sogar genauso unglücklich machen wie zuwenig Geld.

Das Witzige ist nur, dass jeder davon eine andere Menge braucht, um sich wohl zu fühlen. Die einen müssen Austern und Kaviar schlemmen und von Cocktail-Empfang zu Cocktail-Empfang jetten und die anderen sind mit ner simplen Dosensuppe vom Aldi glücklich. Kacke ist nur, dass die dann fertig gemacht werden, weil sie angeblich nichts zur Gesellschaft beitragen würden. Dabei tun die das die ganze Zeit, nur werden sie nicht dafür anerkannt. Und das scheitert einfach daran, dass sie so bescheiden sind, dass sie sogar ohne Bezahlung arbeiten. Nein, damit meine ich nicht die Schwarzarbeiter. Damit meine ich Hausfrauen und Männer, Freunde, die Freunden beim Renovieren helfen, Helfer, die sich ehrenamtlich engagieren und Schriftsteller, die ihre Bücher gratis bei amazon hochladen. Es ist ja nicht so, dass die keine Belohnung verdient haben. Die können nur einfach länger warten, bis sie sie bekommen. Manche erleben das dann zwar nicht mehr, aber das ist ja einfach nur eine Frage der Zeit.

Damit wären wir wieder beim Thema – Zeit haste, Platz nicht – äh, andersrum – Platz haste, Zeit nicht, aber auch wenn wir keine Zeit haben, gönnen Sie uns den Moment:

Ich möchte nicht nur davon reden, wie gut es mir geht, ich möchte es Ihnen auch zeigen. Sie können das gerne nachmachen, aber bitte noch nicht gleich mitmachen, sondern erstmal zugucken.

Auch wenn ich nicht jedes Klassenziel erreicht habe; ich bin kein Sitzenbleiber.

Ich stehe auf, [aufstehen]

betrete den Raum, der mir geboten wird, [ein paar Schritte machen]

mache mich breit [breitbeinig hinstellen]

und lasse mich einfach mal hängen. [Arme hängen lassen, dann während des folgenden Textes weiter runter in die Dreiecksposition.]

Das ist total entspannend, glauben Sie mir.

Ja, Sie lachen!

Als der Trainer mir das damals gesagt hat, dachte ich auch, der will mich verarschen. Jetzt fühlt es sich wahr an.

Ich habe zwar ein Jahr lang hart trainiert, zwei Stunden jeden Sonntag, aber wenn man sich einmal dazu aufgerafft hat, sich auch mal auszuruhen, ist es gar nicht so schwer. Es kostet nur etwas Übung – in anderen Worten: Zeit.

Ich finde das deshalb so toll, weil ich mich gleichzeitig hängen lassen kann, aber dabei auf meinen Körper und insbesondere meine Hände, Arme, Füße und Beine vertrauen kann, dass die mich tragen. Bevor mir einer helfen will, sich nen Bruch hebt und mich fallen lässt, mache ich das nämlich lieber selber.

Das ist so, wenn sie sich mal selbst auf den Arm nehmen. Als Komiker muss man das können, finde ich. Die Frage ist nur, wie lange ich das hier so in der Dreiecksposition aushalte.

Wenn ich es nicht schaffe, länger Pause zu machen, weil es mir für die Arme zu anstrengend wird oder mir alles zu Kopf steigt – das Blut, meine ich, nicht der Erfolg – dann klappe ich kontrolliert zusammen, [Hände zu den Füßen]

lasse mich noch ein bisschen hängen,

und richte mich dann ganz langsam auf und genieße es, mich in meinem eigenen Tempo [Wirbel für Wirbel]

ich kürze das jetzt mal ab, um Sie nicht zu langweilen – [schneller hoch]

Wirbel für Wirbel wieder aufzurichten.

Und wenn ich jetzt wieder zur meiner Ärztin gehe und die wieder nachmisst, dann bin ich bestimmt schon wieder einen halben Zentimeter größer. Das ist aber kein Größenwahnsinn, den ich habe, hochverehrtes Publikum, sondern das, was ich vorher hatte, war Kleinheitswahn.

Deshalb möchte ich Sie ganz dringend bitten, wenn Sie nachher wieder zu Hause sind, bei sich einmal nachzumessen. Und machen Sie zur Sicherheit einen IQ-Test. Das zieht dann auch den Schnitt mal nach unten.

Es ist ja schon so weit gekommen, dass die Leute einen IQ von 96 für durchschnittlich halten, aber denen kann man das dann wohl auch nicht übel nehmen.

Das wollen wir doch nicht riskieren, dass hier noch jemand kostbare Lebenszeit damit vertrödelt, sich kleiner zu machen als er ist, anstatt sich zu seiner wahren Größe zu entfalten.

Ich zeige Ihnen nachher noch schnell, wie man sich hinkniet, um sich vor seiner eigenen Größe zu verneigen.

Das ist auch ganz gut für den Rücken.

Alle, die Rückenprobleme haben, sollten sich entweder mal aufrichten, oder wenigstens ein bisschen aufrichtiger werden.

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

Meine Freunde nennen mich übrigens Hotte, das habe ich im Rheinland gelernt.

Schönen Gruß dorthin, allen »Gute Besserung!«, wie mein Physiklehrer immer sagte,

und vielen Dank!

/nochmal im Ernst

Natürlich fehlt jetzt beim Lesen der Bühnenanweisung für mich die Intonation, Gestik, Mimik – alles das, worauf man bei schriftlicher Kommunikation gegenüber einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht verzichtet. Und das müsste ich ja auch noch üben, vor allem die Arbeit mit meiner Stimme.

Es sollte damit klarer sein, dass die Leser die Wahl haben, in welches Fettnäpfchen sie sich mit ihrem Kommentar setzen wollen, weil sie sich vielleicht einen Schuh angezogen haben, der nicht für sie bestimmt war, oder aus anderen Gründen etwas in den falschen Hals bekommen haben.

Denkt ihr, das würde sich lohnen, in dieser Richtung weiterzumachen? Nur weil ich eine Kategorie Comedy neu einrichte, heißt das ja nicht, dass ich auch zwingend damit weitermachen muss.

Das gilt übrigens auch für meine Reihen. Sollte ich das Gefühl haben, das sie floppen, stelle ich sie höchstwahrscheinlich ein, je nachdem wie sehr mein Herz daran hängt.

Bin für alle sachdienlichen Hinweise dankbar, auch wenn ihr das für den allergrößten Bullshit haltet, der euch je begegnet ist. Das ist dann wenigstens ein Hinweis, dem ich nachgehen könnte oder auch nicht.

 

facebook.com/jungs.tanzen

Kein Sex auf der Tanzfläche!

Ich hätte da mal ein Problem: Wie grenzt ihr Sexualität ab?

Eine passende Schlagzeile zu unserer letzten Milonga wäre etwa: Knisternde Erotik lag in der testosterongeschwängerten Luft und war förmlich mit den Händen zu greifen.

Mein Tanzlehrer Wanja hatte einmal während einer Stunde, halb im Spaß, zu meinem Ehemann und mir gesagt:

Kein Sex auf der Tanzfläche!

Ich nahm dies sicherheitshalber ernst und fasste das als Regel auf. Nur: Wie soll ich diese Regel einhalten, wenn ich nicht weiß, wo Sex anfängt?

Aus meiner Sicht haben wir in unserer Gruppe sehr intime Begegnungen. Die Intimität fängt bei mir bereits an, wenn ich in einer fremden Wohnung bin und aufgefordert werde, die Schuhe auszuziehen. Ich kann mir nicht helfen; in solchen Momenten frage ich mich, ob mir an diesem Ort überhaupt keine Privatsphäre zugestanden wird.

Das Tanzen mit nackten Füßen setzt da nochmal eins drauf. Die erste Zeit hatte ich Gymnastikschläppchen getragen. Auch, um mehr Grip zu haben, weil ich meinen Füßen nicht zutraute, mich zu tragen und mir nicht, diese zu koordinieren, ohne mich unfreiwillig aufs Laminat zu legen.

Inzwischen habe ich die Tanzschuhe meines Vaters geerbt und fühle mich darin sehr wohl und sicher – habe nur manchmal etwas Sorge um die nur besockten oder nackten Füße meines Tanzpartners. Mal sehen, wenn es wärmer draußen wird und der Fußboden nicht mehr so kalt ist, tanze ich vielleicht auch mal nackt – äh, barfuß.

Für mich sind auch die Berührungen während der Körperarbeit keine per se unschuldigen Berührungen. Es kommt immer auf den Kontext an, in dem sie ausgeübt werden. Anfangs fühlte ich mich etwa wie bei der Krankengymnastik – aber da konnte ich mich auch noch nicht entspannen dabei und einfach die Bewegung geschehen lassen. Mittlerweile sind die Grenzen meiner Meinung nach sehr verschwommen.

Der Tango an sich ist, finde ich, selbst auch nicht gerade weit entfernt von Erotik. Ein solcher Tanz ist ein höchst sinnliches Erlebnis und gelegentlich fängt es da schon sehr zu prickeln an. Nicht umsonst wird der Tango auch bei der Paartherapie eingesetzt. Besonders der Queer Tango mit seinem Dialog aus führen und Folgen ist ideal, um die gegenseitige Wahrnehmung und das Respektieren von Grenzen zu schulen.

In der letzten Woche hatten wir dann auch noch Besuch aus Berlin – von dem Tanzlehrer, der mich überhaupt auf den Queer Tango gebracht hatte, war zu Gast. Als er mich berührte, war es um mich geschehen und ich entschied, mich an diesem Abend gehen zu lassen.

Im Nachhinein war ich mir dann sehr unsicher, ob ich mich zu weit habe gehen lassen. Meiner Wahrnehmung nach hatte ich Sex auf der Tanzfläche gehabt und damit fahrlässig eine der geltenden Regeln gebrochen.

Nach dem gestrigen Feedback war mein einziges Vergehen, dass ich nach einer Figur gefragt hatte und Wanja keine Lust gehabt hatte, zu unterrichten.Vielleicht habe ich deshalb eine etwas andere Auffassung dazu, weil ich mit BDSM ohnehin schon meinen gesamten Körper zur erotischen Zone erklärt habe.

Nächste Woche Mittwoch kommt für und zu uns wieder der Akkordeonspieler Armin. Darauf freue ich mich schon ganz besonders, denn beim letzten Mal war das ein sehr außergewöhnliche Erfahrung, bei der Körperarbeit von einem „atmendem“ Musikinstrument geführt zu werden und nicht wie gewohnt von Wiktors Stimme.

Jeden dritten Mittwoch ist bei uns im Studio TanzKunst eine kleine queere Milonga, zu der jeder eingeladen ist, ohne sich zu regelmäßiger Teilnahme am Queer Tango verpflichtet fühlen zu müssen.

Ursprünglich war die Gruppe nur an Jungs gerichtet gewesen, aber nachdem eine Gruppe von Damen (die seither nicht gesehen ward)  angefragt hatte, hatten wir uns trotz aller, vornehmlich meiner, Berührungsängste dazu entschlossen, die Gruppe für alle Geschlechter zu öffnen.

Daher hatte ich gestern das Vergnügen, eine Frau – meiner Wahrnehmung nach recht intim – zu berühren. Ich werde nun aber nicht das Ufer wechseln. (Die meisten) Frauen sind mir einfach zu sanft. Ich mag richtig angepackt werden und brauche eine feste Führung. Und Brüste sind mir eben auch zu weich, damit kann ich überhaupt nichts anfangen.

Naja, zugegeben: An das Becken habe ich mich nicht herangewagt (sie bei mir dagegen schon) und die Brust habe ich sicherlich im beiderseitigem Einvernehmen außen vor gelassen. Wir machen ja kein Tantra oder sowas – der Sex findet nur in meinem Kopf statt.

Übrigens waren wir gestern noch was trinken. Dabei habe ich gelernt: Jazz ist nichts meins. Auf der Bühne stehen mit einem Instrument ja. Tanzen zu improvisierter Musik: Geile Sache. Aber da sitzen und nur zuhören müssen oder gar dazu Gespräche führen ist Folter. Dazu muss ich mich einfach bewegen dürfen und tanzen. Dann ist es wunderschön.

Vielleicht hast Du nun Lust bekommen, mal bei uns mitzumachen:

Hier unten ist die Einladung (der Flyer klebte am Trockner und ist daher etwas ramponiert) und es gibt auch eine Seite im Gesichtsbuch.

facebook.com/jungs.tanzen
Flyer Queer Tango

Neue Reihe: Briefe

In dieser Reihe möchte ich verschiedene Briefe vorstellen, die ich unter den Geschichten abhefte. Das können Offene Briefe sein wie beispielsweise an den Sportverein, aber auch Briefe, die ich nie abgeschickt habe, wie beispielsweise Liebesbriefe an meine Chefin. Dazu gibt es dann an dieser Stelle die Geschichte zum Brief.

Die Seite Briefe ist aktualisiert und den Anfang macht ein Offener Brief an meine Nachbarn (Ruhe bitte!), den ich wie im letzten Beitrag kurz angerissen, im Januar letzten Jahres ins Treppenhaus gehängt hatte, weil mir der Kragen geplatzt war.

Die Vorgeschichte dazu war gewesen, dass wir im Juli 2014 in dieses Haus gezogen waren und ich dann im September meinen Vater und kurz darauf im November meine beste Freundin beide an den Krebs verlor.

Bereits am ersten Weihnachtstag ging es rund ums Haus mit der Böllerei los, zwar nur tagsüber, aber ich geriet in eine Art Daueralarm. Es war so, wie Reinhard Mey es besingt:

Doch die härteste Prüfung für Psyche und Ohren
Ist die quälende Stille plötzlich nach dem Bohren,
Das Wissen, es kann jeden Moment wieder einsetzen
Oder nicht, oh, dieser Zweifel ist zum Nervenzerfetzen.

Das Crescendo schwoll an von Tag zu Tag und mein Cortisolspiegel stieg.

Normalerweise hätte ich Silvester bei besagter Freundin gefeiert und das war jetzt plötzlich ganz anders als geplant. Bei meinem Vater hatte ich es lange vorher gewusst, dass es Zeit ist, Abschied zu nehmen. Aber sie hat richtig Gas gegeben.

Meine Nerven lagen bereits eine Woche blank und durch den unweigerlichen Schlafentzug durch das nächtliche Geböller dauerte es dann nicht mehr lange, bis ich durchdrehte. Starke Stimmungsschwankungen inkl. Heulattacken, die ich der Trauer um meinen Vater zuschrieb, waren für mich sehr erlösend.

Die erste Woche des neuen Jahres kämpfte ich mit Entspannungsbädern und Baldrian um meinen Schlaf, gegen das gelegentliche Böllern draußen war ich nach der Silvesternacht längst unempfindlich geworden. Dann hielt ich es irgendwann nicht mehr aus, weil die Geräusche im Haus ja auch unabhängig vom Jahreswechsel weiterhin auftreten würden.

Für mich fühlte sich bereits das Schreiben dieses Briefes an wie ein Befreiungsschlag. Mein Ehemann sicherte mir auch zu, dass sich das nicht verrückt anhört. Also hängte ich das Schreiben mit großer Genugtuung nebst einer Kopie der Hausordnung im Treppenhaus auf.

Gefühlt war es dann auch die nächsten beiden Wochen deutlich stiller im Haus.

90-Tage-Challenge Tag 3

Ich halte das nicht aus, euch das vorzuenthalten.^^

Nur ein kurzer Schmerzensschrei als Kurzmitteilung ist mir zu wenig. Und es wird sich wahrscheinlich doch lohnen, da ich ja jetzt den Vergleich zur ersten Runde habe.

OPUS, Level 1, Wiederholungen der 4. Runde 
 Skorpion   23
 Zombie     20
 3Punkt     11
 Fallschirm 55

Ich war extrem überrascht, wie leicht mir die Kniebeugen (Zombie Squats) gefallen sind. Das war beim ersten Mal immer mein absoluter Angstgegner. Diese Übung war jedes Mal der Grund, warum ich beim Evaluationsworkout scheiterte. Da fühlte ich mich ja mal richtig geil fit.

Auf der anderen Seite war ich erschrocken, als ich beim nochmaligen Lesen der Beschreibung der Übungen (vor dem Workout) feststellte, wie falsch ich mir diese angewöhnt habe.
Die enge 3Punkt-Liegestütze besteht nicht nur darin, sich einfach irgendwie hochzuwuchten und dabei einen Fuß ein paar Millimeter in der Luft zu haben.

Nein, man senkt sich aus der oberen Liegestützposition mit dem in der Schwebe gehaltenen Bein durch Kraft der Arme ab auf die Brust. Bisher war ich froh gewesen, überhaupt irgendwie das richtige Bein anzusteuern und dem einen eine andere Aufgabe als dem anderen gegeben zu haben.
Diese Koordination fällt mir jetzt sehr viel leichter, auch dank der Körperarbeit, die ich beim Queer Tango seit über einem Jahr mache und neu nun zusätzlich ein zweites Mal pro Woche beim Chanten mit dem Schwerpunkt auf meiner Stimme.