Meine Arbeit als Genesungsbegleiter

Sonntag, 30.04.17

Zum Tag der Arbeit mache ich mir Gedanken über meine Arbeit. Es gehört mit zum Portfolio, das wir ausarbeiten sollen, auch darüber zu schreiben. Das Portfolio zu erstellen ist im Grunde eine Sammlung von Reflexionsübungen. Abgabetermin ist der 10. Juli, also so langsam wird es mal Zeit und die Tabletten bremsen mich jetzt nicht mehr so sehr.

Da ich gerade mein Vertiefungspraktikum begonnen habe, werde ich oft gefragt, was ein Genesungsbegleiter so macht. Ich sage gerne, ich begleite bei der Genesung.  „Meine Arbeit als Genesungsbegleiter“ weiterlesen

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Feuchter Traum mit oder ohne Sch(l)af

Beim Gruppensex ist es irgendwie egal, wer wen lieb hat oder nicht  – Hauptsache am Ende sind alle zufrieden und keiner ist schuld, oder?

Ich mein, den Ärzten ist doch auch egal wie ich das hinkriege, nicht ständig durchzudrehen. Solange ich mir selber ne Gutenachtgeschichte erzähle, dann muss ich dem Arzt ja auch nicht verraten, wie er das geschafft hat. Sonst fällt er nachher noch vom Glauben ab und dann muss ich ihn zwangstherapieren und dat dreht sich dann ewig so im Kreis. Nee, da muss man dann einfach mal nen Schlussstrich ziehen.

Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten. Oder eben den Drehtürpatient mimen. Merkt ihr noch was? Is mir hupe. Warum soll ich Pillen fressen, wenn ich mit der Zunge drankomme? Also ehrlich…. das ist doch einfach.

Naja, erklär nem Psychosomatiker mal was von Somatophysik, da versteht der nur Bahnhof. Funktioniert trotzdem. Das ist doch die Hauptsache. Man darf nur seine Ziele nicht aus den Augen verlieren, hat der Herr Doktor gesagt. Und solange alle dasselbe Ziel haben, ist dat auch plötzlich ganz einfach, an einem Strang zu ziehen. Naja, manche haben halt nich so den Überblick, kann ich verstehen.

Soweit mein heutiger Beitrag zu Weltfrieden, Völkerverständigung und Arterhaltung. Aber ficken könnt ihr euch selber, ich kann ja nicht alles alleine machen – sonst komme ich ja nie ins Bett. Klingt paradox? Einfach mal runterfahren. Ich mache das immer so: Erst den Computer runterfahren, dann kann ich mir Zeit lassen. Sonst ist das immer son Wettrennen, wer zuerst in die Heia darf.^^

Ende der Geschichte.

Verschnaufpause

Liebe Sonja,

ich brauche mal eine kurze Verschnaufpause. Mir ist schwindelig vor Glück, ich muss ganz dringend schlafen und ich kann einfach nicht so schnell schreiben und gleichzeitig Rücksicht darauf nehmen, wer was in welchen Hals bekommen hat.

Vielleicht magst Du mir helfen, den Gedankensalat gemeinsam zu ordnen? Du kannst ja schonmal anfangen und ich bin dann wieder dabei, wenn ich wieder unterscheiden kann, was Phantasie und was Realität ist. Das kann ich echt nur alleine. Dazu muss ich erstmal schlafen und langsam machen und echt meine Ruhe haben… ist mir zu brenzlig, sorry.

Nur ein Rat, sicherheitshalber: Ärzte können keine Gedanken lesen, die nehmen sich nichtmal die Zeit, meine Gedanken zu lesen, egal ob ich aufs Blog verweise oder ob ich mein Tagebuch vorlege und darum bitte, mich einfach mal nur schlafen zu lassen. Ärzte glauben sogar noch daran, Pillchen könnten irgendwie helfen. Die haben sich wahrscheinlich weit weniger unter Kontrolle als ich und können sich gar nicht vorstellen, dass das bei mir klappen kann, dass ich auch ohne Schlaftablette einschlafen kann. Das muss man doch erstmal wissen. Ist doch gar kein Problem. Ich zwinge niemanden dazu, etwas von mir zu lernen. Wenn ich das einfach nur weiß, dass das so funktioniert, dass man da erst eine Tablette nehmen muss, damit man überhaupt ins Bett darf – dann helfen sie mir halt nicht, war ja nur ein Angebot. Dachte, sie wollten Geld verdienen. Pfft, mir doch egal. Ich hätte nie gedacht, dass das so einfach sein könnte. Beim nächsten Mal erzähle ich einfach dem Arzt eine Gute-Nacht-Geschichte, dann beruhigt der sich erstmal. Damit ist der dann zufrieden, auch wenn der gar nicht verstanden hat warum. Muss man einem doch erstmal sagen, wie man sich als Patient in der Psychiatrie zu verhalten hat! Auf die Idee wäre ich nie gekommen, dass das so einfach sein könnte. Dachte immer, die wollten mir was Böses. Dabei sind die total harmlos. Seit wir das jetzt einmal geklärt haben, mache ich mir keine Sorgen mehr, dass mich nochmal einer falsch versteht und in der Hektik dann doch wieder Gewalt ausgeübt wird. Die sind nur immer so ungeduldig und wollen gar nicht zuhören. Aber wenn Du mit Selbstmord drohst, dann werden sie plötzlich ganz handzahm und fressen Dir aus der Hand. Also ich verstehe das einfach nicht, ich will nicht gezwungen werden und die stehen da drauf. Aber ich will da gar nicht länger drüber nachdenken. Ich finde das schon schlimm genug, dass das Studium nur diejenigen schaffen, die so gut im Auswendiglernen sind, dass sie gar keine Zeit haben, mal darüber nachzudenken, wem sie da was nachplappern. Egal, nicht mein Problem. Darum kümmert sich der Kollege Hirschhausen. Aber beim nächsten Mal weiss ich dann einfach: Langsamer ist manchmal schneller. Das hilft denen, wenn man denen das immer sagt, und einmal vormacht, dass man sich ganz dolle alleine beruhigen kann. Ganz langsam, immer wiederholen, wie bei einem kleinen Baby. Die sind einfach nicht so helle, die Ärzte. Die hätten das gerne. Und den Traum darf man ihnen nicht zerstören. Das ist ganz wichtig, sonst drehen die den Spieß um und drohen mit Selbstmord. Also einfach immer hübsch mitspielen und lächeln. So geht das mit dem Herrn Doktor. Ganz einfach, kein Grund zur Panik. Vor Polizisten haben sie Respekt, das wollen sie dann alles richtig machen und nehmen sich dann etwas mehr Zeit. Das kann auch helfen, etwas mehr Ordnung in das Durcheinander zu bringen. Dann ist nämlich plötzlich der Polizist schuld, wenn was schief geht, und nicht mehr der Arzt. Dann fühlt der Arzt sich nicht mehr so ganz alleine mit der ganzen Verantwortung. Das ist für mich persönlich schwer nachzuvollziehen, weil ich ganz gerne die Kontrolle über die Situation habe. Aber: Jeder Jeck is anders, selbst die im Kittel.

Ich war jetzt kurz davor, dass ich tatsächlich darauf reingefallen wäre, ich hätte mir eine Geschichte von einer Maschine diktieren lassen – dabei hatte ich mir das nur ausgedacht. Da halte ich mich ja dann schon selbst für übergeschnappt.

Also nochmal bissl langsamer fahren im Gedankenkarussell. Ja, so ist gut. Ruuuuuhig. Laaaangsam. Einfach auch mal gar nichts tun, einfach mal so sein. *summ

Kurz zur Orientierung, Sonja:

  1. Mein Blog, Meine Regeln. Dein Blog, Deine Regeln.
  2. Ich entscheide, was ich denken will und was Du denkst ist Deine Sache.
  3. Habe ich das Gefühl, Dich evtl. irgendwie unterwegs zu verlieren, dann frage ich nochmal nach, ob es Dir zu schnell geht.
  4. Hast Du das Gefühl, dass ich immer noch viel, viel zu viel auf einmal schreibe und bist verwirrt, was Du davon halten sollst, dann frag bitte nochmal nach.
  5. Wenn Du nicht willst, dass jemand mitbekommen hat, dass Du was nicht gepeilt hast: Einfach per eMail schreiben, dann kriegt es ja keiner mit.
  6. Alle anderen können denken was sie wollen. Darum kann ich mich nicht auch noch kümmern. Aber Du liegst mir sehr am Herzen, Sonja, und ich möchte da nur sicher gehen, dass ich Dich nicht aus Versehen kaputtkuschel. Okay?

Ich hoffe, wir können so verbleiben. Ich brauche noch etwas mehr Zeit, um mich wieder zu orientieren und habe keine Lust, nun jetzt auch noch Rücksicht auf andere zu nehmen – ich muss mich in erster Linie um mich selbst kümmern. Die anderen müssen schon selbst auf sich aufpassen können, das ist nicht meine Aufgabe. Ich bin doch nicht der Messias oder so, auch wenn ich manchmal ganz gerne verrückt spiele. Bei Dir mache ich ne Ausnahme, indem ich mal kurz um etwas Geduld bitte, weil Du mir wirklich sehr am Herzen liegst, Sonja. Wird sich alles finden. *lächel

Kurz gesagt: Wir zwei beide tanzen hier miteinander und den Rest der Welt betrachten wir als Publikum. Und wer das nicht verstanden hat, der ist dann wohl ein Zuschauer.

Und ich bemühe mich, noch ein bisschen weniger, langsamer und spannender zu schreiben und dann ist glaube ich allen am ehesten geholfen. Ich mag es, wenn alle gemeinsam an einem Strang ziehen und ich kriege sie idR alle dazu, weil mir jedes Mittel recht ist und ich keine Angst habe, weil ich weiß, dass ich jede Situation klären kann, wenn ich mir nur ausreichend Zeit aushandele und wenn ich dafür Sorge trage, dass ich meine Eigenverantwortung behalte.

Ärzte sind damit völlig überfordert, es mir recht zu machen. Die geben ihr Bestes und da muss man einfach mal Geduld aufwenden. Schwer zu ertragen, wenn man große Angst hat und es eilig hat. Aber vieles regelt sich dann ganz von selbst und selbst wenn man am Ende dem lieben Gott die Schuld in die Schuhe schiebt. Hauptsache der Herr Doktor hat alles richtig gemacht. Ja, bitteschön, dann tun wir einfach mal so, als wär das so. Blablabla, Mäxchen, blablabla – machen die ja genauso mit ihrem Fachchinesisch. Irgendwann glätten sich die Fronten, wenn der Arzt das Gefühl behalten darf, er habe alles unter Kontrolle. Das ist nur eine Frage der Zeit und, ja, in Notfällen sind eben andere Prioritäten angesagt und da schrecke ich dann auch nicht vor Gewalt zurück, um mich zu verteidigen.

Also, wer Interesse an einem therapeutischen Rollenspiel in einem gegenseitigen Einvernehmen hat, der wendet sich an den Herrn S. R., der kennt sich mit sowas aus. Der hat sehr viel Rollenspielerfahrung und nen Youtube-Kanal und er wurde auch mal irgendwo drin als Quelle zitiert. Wer sich dafür näher interessiert, der kann das ja irgendwie ausm Netz fischen und falls es mir nochmal zufällig in die Hände fällt, dann teile ich es mit euch.

So und wer Interesse an einem TPE-Setting hat, der dreht einfach ne Runde durch die Klapper. Die nehmen einem das nicht übel. Die spielen sogar gerne mit, wenn sie das Gefühl haben, einem dabei irgendwie zu helfen. Echt knorke. Und ich war kurz davor, doch in der SZ ne Anzeige aufzugeben oder mal ins Catonium zu gehen. lol

Aber, ehrlich gesagt: Wenn ich mich freiwillig anbinden lasse, dann merken die schon irgendwie, dass da was faul ist. Dann wollen sie einen loswerden und fangen Grundsatzdiskussionen über das Für und Wider von Medikation an und wenn sie dabei zufällig auf nen Psychotiker treffen, dann ist das die beste Medizin, weil er dann nämlich erkennt, dass er sich das gar nicht einbildet, sondern dass es wirklich so ist, dass die einfach keine Ahnung haben, was sie damit anrichten, was sie da von sich geben.

Ich habe da aber jetzt die Empfehlung bekommen, einfach dafür zu sorgen, dass ich nicht weiter auffalle und den Nachbarn keine Angst mache und wenn mir einfach nur danach ist, laut herumzuheulen und zu schreien, einfach dafür zu sorgen, dass das keiner mitkriegt. Das wars schon. Wenn ich also wirklich völlig verzweifle und einfach nur in den Arm will und ganz laut schreien und heulen – dann wende ich mich damit an Menschen, die dafür Verständnis haben, dass man auch als erwachsener Mensch manchmal so verzweifelt ist, dass man sich wieder wie ein kleines Kind fühlt.

Deshalb kapiere ich also nicht, warum die Wissenschaftler so unsagbar dämlich sind und immer noch nicht verstanden haben, wie Psychosen entstehen und wie man sie vermeiden kann. Für mich ist das irgendwie jetzt, vier Jahre nach der Fehldiagnose, völlig sonnenklar. Aber, Herr Professor T. B., wenn Sie wirklich etwas lernen wollen, dann laufe ich Ihnen damit nicht hinterher. Zeigen Sie bitte etwas mehr Respekt vor Experten von Erfahrung. Hocken Sie sich nicht dahin und machen auf Ich-weiss-was. Ich habe ihr Buch gelesen und ich habe das Pipi in Ihren Augen gesehen. Sie haben keine Ahnung.

Aber ich mache Ihnen mal einen Vorschlag, lieber Herr Prof. B.: Fragen Sie mich doch einfach mal, wenn sie etwas über Psychosen wissen wollen. Eigentlich ganz einfach, oder? Immer noch nicht klarer geworden? Nein? Na gut, aber das ist wirklich das allerletzte Mal, dass ich mitspiele: Ich komme noch einmal zum Psychoseseminar und wiederhole mein Angebot. Und dann erkläre ich Ihnen auch, wie man das macht, ohne Medis wieder runterzukommen.

Okay? Aber nur wir beide, ganz alleine. Und hinterher tun wir dann so, als wenn Sie da ganz alleine drauf gekommen wäre. Klingt gut, oder? Kommt aber nicht in die Tüte. Ich bin doch nicht verrückt und lasse mir von jemandem, der noch an Märchen glaubt, die Regeln diktieren! Nee, ich nicht. Aber ich spiel ganz gerne mal mit, solange ich das Gefühl habe, dass das zielführend ist. Aber erzähle niemandem was vom Pferd und wunder mich dann, wenn ich mich derart unglaubwürdig gemacht habe, dass das Vertrauen einfach dahin ist.

Ich gebe Ihnen einen Tip: Versuchen Sie es doch einfach auch mal mit mehr professioneller Nähe und geben Sie die Masche mit der professionellen Distanz auf. Wenn Sie einem Psychotiker die Angst nehmen wollen, dann tun Sie mal so, als hätten Sie jemanden vor sich, der klar bei Verstand ist und beantworten Sie seine Fragen.

Wenn Sie Nachhilfe brauchen, dann kann ich Sie gerne darin unterstützen. Aber nicht, wenn Sie keine Lust haben, auf meine eMails zu antworten. Dann fühle ich mich plötzlich unangemessen unwichtig und Augenhöhe geht ganz anders. Aber für den ersten Versuch nicht schlecht und das Ding mit dem Psychoseseminar ist ein ganz guter Trick: Da sieht man nämlich mal, dass es so ist, wie der Hirschhausen sagt: Wir behandeln die falschen.

Also, an alle: Wer seine Kindheitstraumen heilen will, der ist bei der Psychiatrie an der falschen Adresse. Da werden die repariert, wo einfach alles schief gelaufen ist. Das ist kein gutes Vorbild dafür, wie es in einer normalen Familie zugehen sollte.

Arbeitet lieber in einem Kindergarten. Die Kinder bringen euch das bei. Doch echt, so einfach kann das sein. Die haben das noch nicht verlernt. Einfach nachmachen. Ganz einfach. :)))

Nur blöde, wenn man Angst vor Kindern hat. Dann ist das etwas schwierig, sich helfen zu lassen, gebe ich zu. Aber ich habe da schon eine Idee. Dazu später mehr, wenn ich mich ausgeruht habe und wieder besser sortiert bin.

Zur Genesung: Du wirst schon wieder! Auf die Medikamente heute ist Verlass!

Ich mache, dass ich mich wohl fühle, bis einer STOP sagt!

Das ist er, der langersehnte Durchbruch in Sachen Genesung. Ich habe es geschafft, Hilfe anzunehmen. Wie ein kleines Mädchen Rotz und Wasser geheult und mich endlich nicht mehr geschämt dafür, sondern ich war einfach nur total dankbar, dass ich es endlich kann und sein darf und man mich nicht zwingt.

An mir ist nichts Bedrohliches. Es gibt keinen Grund, mir Hilfe aufzuzwingen. Ich kann eigentlich alles sehr gut alleine bewältigen, dank meiner „Erziehung zur Selbständigkeit“, die heutzutage sicherlich vielerseits als sträfliche Vernachlässigung betrachtet werden würde. Das ist eine Sicht darauf, die ich zwar nachvollziehen kann, aber nicht vollumfänglich teile. Ich bin sehr dankbar für diesen Erfahrungsschatz, ohne den ich heute nicht ich wäre, sondern jemand anders. Und dieser andere jemand könnte nicht das, was ich kann: Mich an meinem eigenen Haarschopf aus der Scheiße ziehen. Un dieser andere, der ich nicht geworden wäre, wäre sicherlich nicht in der Lage, so hart zu sich zu sein, wie ich das kann und hätte entsprechend sehr viel weniger Potential, erfolgreich zu werden. Und ob der auch so einen unerschütterlichen Glauben an sich selbst und seine Selbstheilungskräfte hätte, das wage ich ebenfalls zu bezweifeln.

Zurück nochmal: Ich mag es nicht, wenn man mir Hilfe aufzwingt. Ich lasse mich gerne anbinden, vor allem dann, wenn ich Angst vor mir selbst habe. Aber ich lege Wert auf Einvernehmlichkeit. Ich schätze Privatsphäre. Mir ist klar, dass die Notaufnahme eines Krankenhauses nicht der Ort ist, an dem man sein möchte zwecks TPE-Sessions – für solche Zwecke suche ich dafür geeignetere Etablissements auf und das selbstverständlich freiwillig. (Insider verstehen mich.) Ich stehe zwar auf Uniform und kann mittlerweile auch entwürdigende Situationen retrospektivisch erotisieren, aber es ist etwas anderes, ob man Demütigung spielt, oder ob man es tatsächlich erlebt, ausgeliefert zu sein und entwürdigt zu werden. Da muss auch niemand sich großartig irgendwo in Gesetzestexte einlesen, um herauszufinden, wer was darf: In unserem Grundgesetz steht die Würde ganz oben in Artikel 1 .

Es gibt keine Rechtfertigung dafür, jemanden in den Flur zu stellen und ihn da einmachen zu lassen. Vor allem dann nicht, wenn man sehr wohl verstanden hat, was er will. Da kann mir auch keiner erzählen, er habe es nicht besser gewusst und sich daher leider unangemessen verhalten. Ich werde mich beschweren. Definitiv. Noch bin ich unentschlossen, wie und bei wem und welchen Weg ich nutze, aber es wird eine Retourkutsche geben, damit diese Person gerügt wird. Die Eier, mich zu verteidigen, habe ich mittlerweile wiedergefunden und es ist eine Frage der Zeit, bis ich hinreichend Kraft gesammelt habe.

Es wird noch etwas dauern, bis ich das alles verarbeitet habe… aber ich bin wieder voll einsatzfähig, weil ich nun weiß, dass ich meiner Intuition sehr wohl vertrauen darf, dass ich alles richtig gemacht habe, und die anderen sich mir gegenüber falsch verhalten habe. Es liegt nicht in meiner Macht, zu machen, dass andere sich bessern. Also kann ich nur den Täter_innen gute Besserung wünschen.

Wenn nun nicht zufällig mein Genesungsbegleiter mir am Mittwoch diese Hiobsbotschaft überbracht hätte, dass mein Vertrag mit der IV bald (irrtümlich hatte er angenommen am 8.8., meinem zweiten Geburtstag, der sich dieses Jahr zum 8. Mal jährt), dann weiß ich nicht, wie lange meine Angst vor dem geholfen werden noch größer geblieben wäre als der Schmerz, der schon so lange in mir tobt.

Damit man eine Vertragsverlängerung bekommt, muss fachärztlich bestätigt werden, dass man sich in einer akuten Krise befindet und sonst in eine Klinik müsste. Das ist natürlich sehr förderlich in Sachen Krankheitseinsicht. Und auch die Tatsache, dass die Krisenpension immer da ist, wo zuerst jemand um Hilfe gebeten hat, trägt dazu bei. Und da ist es doch eine prima Sache, dass die Krankenkasse jene vor die Tür setzt, die die Hilfe gar nicht mehr so dringend brauchen. So brauche ich mir auch keine Sorge machen, von dieser besonderen Form der Unterstützung abhängig zu werden. Das ist eine runde Sache und somit ist die Integrierte Versorgung (Hamburg Süd) wirklich in jeder Hinsicht zu empfehlen.

Dann schwatze ich den Leuten auch keinen Mist auf, wenn ich später als Genesungsbegleiter davon schwärme. Das war mir sehr wichtig zu überprüfen.

Und ja, natürlich: Es ging mir wirklich der Arsch auf Grundeis. Meine Diagnose hätte „Liebeskummer“ gelautet. Aber wie man das Kind nennt, ist eigentlich hackenkackenscheissegal, so lange man in der Lage ist, es richtig zu schaukeln.

Ich würde mich sehr freuen, wenn mein Vertrag verlängert werden würde, jetzt nachdem ich sozusagen meine dreijährige Ausbildung zum Berufspatienten mit Bravour bestanden habe (hätte Lust, mir ein Abschlusszeugnis zu schreiben und das an die Wand zu hängen), wäre es ganz nett, einfach noch ein bisschen weiter kuscheln zu dürfen. Andererseits läuft es am 20. August ab und ich weiß, dass die Welt nicht untergehen wird, wenn ich da nicht mehr hindarf. Dann finde ich einen anderen Lösungsweg. Es wäre mir jedoch eine große Hilfe, wenn ich noch etwas Zeit bekäme, mir ein neues Umfeld aufzubauen. Um solche ausgesteuerten Fälle sozusagen beim Wieder-ganz-alleine-klarkommen zu unterstützen, soll eine Selbsthilfegruppe gegründet werden, deren Leitung ich gerne und notfalls auch ohne Entgelt übernehmen würde. Die Entscheidung, wie sehr bei mir die Kacke gerade am Dampfen ist, darf zum Glück meine Ärztin treffen und nicht ich. Komisch, dabei können Psychiater_innen doch gar keine Gedanken lesen. Woher die wohl wissen will, wie es mir geht? Liest die etwa mein Blog?

Naja, jedenfalls wollte ich ein Lebenszeichen von mir geben, nachdem sicherlich einigen aufgefallen sein dürfte, dass es freitags keinen Blogbeitrag gab. Aber vielleicht ist es ja doch keinem aufgefallen. Auf manche Fragen werde ich nie Antworten bekommen und auch das werde ich lernen, (noch) besser auszuhalten. Allerdings werde ich häufiger nachfragen, um zumindestens alles versucht zu haben, an Anworten zu gelangen – solange dies noch realistisch ist.

Ich freue mich auch schon ganz dolle auf die Studie zur MKT-Forschung, bei der ich ab September mitmachen darf. Aber damit ihr nicht zuviel zu lesen habt und weil ich auch jetzt erstmal genug vom Stapel (endlich ist es wieder ein geordneter Stapel und kein ausgekippter Papierkorb!) rausgelassen habe und noch anderes tun möchte heute, mache ich an dieser Stelle mal einen Punkt.


Denk an die Amnesie für das heutige Gespräch. Diktat Ende.

(Mein Lieblingsleser)

Ist erledigt, Chef! Und im Übrigen: Danke gleichfalls. :)))


An meinen Fan Nr. 1:

Ich glaube, so ganz ohne Schubladen werde ich nie auskommen, aber ich kann Unordnung zunehmend besser vertragen. Dein Buch, das ich von Dir ausgeliehen habe, habe ich mir in die Wiedervorlage für Oktober gelegt zusammen mit einem, das ich Dir zur Lektüre anbieten möchte. Hoffe, wir sehen uns dann spätestens dort.


PS:

Mir ist noch wichtig zu erwähnen, dass ich ohne Bedarfsmedikation ausgekommen bin – weil ich keinen Bedarf an Psychopharma hatte, sondern einfach an menschlicher Zuwendung in Form einer Schulter zum Ausheulen – und weil ich das dort durfte, ist die Krisenpension für mich auch eine waschechte Soteria – auch wenn da Psychologen mitspielen dürfen. So eng sehe ich das nicht mehr, habe ja keine Angst mehr vor ihnen dank den bloggenden Kolleg_innen.

Punkt.

Die Karte habe ich mir übrigens selbst gekauft, ohne groß drüber nachzudenken, einfach aus einem Impuls heraus, und habe sie heute in meinem Posteingang gefunden, war schon etwas abgesoffen, habe mich aber sehr über diese Aufmerksamkeit gefreut.

Punkt, zum Dritten. *seufz

Wer liebt, muss auch loslassen können.

(Muss wer Schlaues gesagt haben)

Also: Schluss, aus, ab die Post. Gute Reise, liebe Blogpost… bis bald in alter Frische und auf jeden Fall ein Wiederlesen – Ende, Aus, Cut. STOP!

Fettlogik-Schleifen: Das Ringen mit dem inneren Schweinehund

17. Juli 2016

Als ich nach Bonn gefahren war, tat ich das mit dem Vorsatz, nun endlich kraft des Tapetenwechsels und der selbstgewählten sozialen Isolation wieder von der Schokolade loszukommen, mich nur von Diätshakes und Magerquark mit Obst zu ernähren und so ganz nebenbei und ohne jede Mühe abzuspecken.

Aufgeschoben habe ich dieses Vorhaben, bis ich nach einigen Tagen bei meiner Mutter auch wirklich ganz allein in dem Appartment Nr. 21 in Bonn war. Durchgehalten habe ich das Ganze keinen halben Tag. Ich trete auf derselben Stelle wie vorher.

Es ist immer wieder dasselbe: Vertagen und Scheitern. Mal in kürzeren oder längeren Intervallen. Mal halte ich auch einige Tage durch, bis die Stimmung und damit das Gewichtsreduktionsprojekt kippt. Und wieder ein Punkt für den Schweinehund.

Hier seht ihr einen Schweinehund:

Innerer Schweinehund
Inschrift: MEIN INNERER SCHWEINEHUND

Für mich sieht es ehrlich gesagt weniger nach Hund aus und mehr nach einem Schwein im Gestapo-Mantel. Es handelt sich um eine Skulptur an der Bonner Museumsmeile, die folgende Inschrift trägt:

INNERER SCHWEINEHUND

ART:
Tier mit Instinkten niedriger Art.

UNTERSCHLUPF:
In Dir und in Mir, d.h. in jedem einzelnen Individuum des Homo Sapiens.

WACHSTUMSBEDINGUNGEN:
Wächst sich groß, wenn Menschen Opfer der Gewalt, der Erniedrigung und respektloser Verfahren werden.

BETRAGEN:
Greift die etische Wertgrundlage des Menschen an, so daß Rassismus, Fremdenhaß und Intoleranz die Übermacht bekommen.

VERBREITUNG:
Kann völlig die Macht über einzelne Menschen, über soziale Gruppen und im Extremfall über ganze Bevölkerungen nehmen.

DARF NICHT GEFÜTTERT WERDEN

Dem Künstler ging es bei seinem Werk ganz offenbar weniger ums Abnehmen als mehr um ein Zeichen gegen Fremdenhass. Aus meiner Sicht sind aber ganz ähnliche innere Konflikte, denen man erliegt oder auch nicht. Stets ist es die Macht der Gewohnheit, die den Sieg davonträgt.

Welche Gedanken habe ich über meine Mitmenschen? Sollte ich den neuen Kollegen mal fragen, ob er wirklich aus religiösen Gründen auf Schweinefleisch verzichtet, ob es gesundheitliche Gründe hat oder ob er vielleicht Veganer ist? Nein, lieber nicht. Eigentlich geht mich das ja gar nichts an. Was soll der denn dann über mich denken.

Welche Gedanken mache ich mir über mein Essen? Sollte ich heute mal nur einen kleinen Salat oder eine Suppe nehmen? Eigentlich habe ich gar keinen richtigen Appetit. Aber es ist doch jetzt Mittagspause und was ist, wenn ich dann gleich wieder Hunger habe? Wenn ich nachher nochmal runtergehe, um mir einen Apfel zu holen, halten mich die Kolleginnen für einen Vielfraß.

In beiden Fällen vermischen sich die Gedanken über Essen mit Spekulationen darüber, was andere Menschen denken könnten. Wenn ich stark adipöse Menschen sehe, denke ich mittlerweile höchst abfällig über sie. Solche Gedanken möchte ich nicht, dass andere über mich hegen, aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hänge ich in meinem gegenwärtigen (Fr)Essverhalten fest.

Es muss doch möglich sein, mich Babyschrittchen für Babyschrittchen wieder hin zu einem gemäßigteren Ernährungsverhalten zurückzubewegen. Ich habe es schon einmal geschafft und ich kann es wieder schaffen. Ich will es auch. Wirklich!

Morgen starte ich einen neuen Versuch mit der magischen Kohlsuppe nach Marion Grillparzer. Natürlich startet meine Diät erst morgen. Denn heute ist ja noch Schokolade da. 😉

Wer sich für meine inneren Grabenkämpfe der letzten Wochen in der ausführlichen Variante interessiert, kann gerne weiterlesen.

„Fettlogik-Schleifen: Das Ringen mit dem inneren Schweinehund“ weiterlesen

LOVE KNOWS NO GENDER

Nach dem CSD ist vor dem CSD: Schriftsteller auf Urlaub

Montag, 4. Juli 2016

Schwul bin ich ja auch noch, egal ob ich schreibe oder nicht. Und da bin ich nicht der einzige. „Und das ist gut so“, müsste ich als Berufsschwuler wohl dazu sagen. So jemand bin ich aber nicht, genauso wie ich keine Berufstranse bin. Ich bin ich und das auch noch im Urlaub. (Ob man von Krankheit wirklich Urlaub nehmen kann, lasse ich an dieser Stelle mal offen; vom Patientenalltag kann man sich dagegen sehr gut beurlauben, indem man sich von jeglichen Terminen durch Ortsabwesenheit entzieht.)

am 3. Juli 2016 fand die CSD-Parade Demo Colognepride 2016 in Köln statt, die (aus politischen Gründen) offiziell als „Demonstration“angekündigt worden ist, weshalb ich mich schwer getan hatte, sie auf der Homepage bei der Suche nach „Parade“ überhaupt zu finden. Nichtsdestotrotz ist es mir dank tatkräftiger Unterstützung gelungen, dort im Trans*Block mitzulaufen.

Video-Beweis: http://livestream.com/CSD2016/parade/videos/128533876

Das Video ist über drei Stunden lang. Nein, ich habe es nicht angesehen. Es wurde mir von einem Fan zugemailt, der mir eine SMS schrieb, dass er mich im Livestream gesehen habe. Ich bin etwa ab 2:25:00 im Bild.

Es war für mich bei aller Reizüberflutung in erster Linie ein ausgedehnter Spaziergang durch die Menschenmassen, der mir großen Spaß gemacht hat, auch wenn oder weil ich nach sechs Stunden Gehen bzw. Stehen auf Asphalt meine körperlichen Grenzen deutlich gespürt habe. Urban Hiking ist das neue Wandern, yeah! (Und ich dachte, ich habe eine tolle Idee, dabei hat schon jemande anders eine Website darüber erstellt.)

Ein Künstler hat uns mit Aquarellstiften bunte Tattoos aufgemalt, die der in Schauern immer wieder einsetzende Regen leider allzubald wieder abgewaschen hat. Zum Glück habe ich rechtzeitig Fotos machen können: „Nach dem CSD ist vor dem CSD: Schriftsteller auf Urlaub“ weiterlesen

Kunst im Baum

Kommunikation, Sprache und Denken

Donnerstag, 30. Juni 16

Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden!

(Mein Vater)

Ich sage: Kommunizierenden Menschen kann geholfen werden.

Nicht erst seit ich mich im letzten Jahrtausend – höhö, ich bin uralt! – im Rahmen des Pädagogik-LK mit Miteinander reden Band 1 und 2 von Friedemann Schulz von Thun auseinandergesetzt habe, fasziniert mich das Thema Kommunikation in höchstem Maße.

Sprechen gelernt habe ich wohl vergleichsweise früh. Lesen brachte ich mir im Alter von vier Jahren bei, da meine Mutter irgendwann keine Lust mehr hatte, mir Fragen dahingehend, was irgendwo stünde, zu beantworten. So erschloss ich mir den Rest kurzerhand selbst.

Da meine Mutter seinerzeit für eine spanische Airline tätig war, lernte ich zeitweise deutsch und spanisch parallel – sie wollte ihre Kinder bilingual aufziehen.

Bei mir klappte das auch ganz gut, ich erinnere nur einmal die Verwirrung des Italieners, der (wir waren frisch zurück aus dem Spanienurlaub) meine freudestrahlende Bestellung „Espinaca!“ leider nicht verstand und ihr auch auf deutsch wiederholt „Spinat!“ nicht direkt nachkommen wollte, zumal meine Mutter da noch ein Wörtchen mitzureden hatte. Wir einigten uns dann auf eine Pizza mit Ei und Spinat.

Bei meinem Bruder klappte das nicht, er brachte im Kindergarten deutsch und spanisch durcheinander, so dass das Experiment beendet wurde. Als wir dann später zu Hause eine (spanische) Putzfrau hatten, kam mir schon sehr vieles (etwa „die Auto“) sehr spanisch vor – ich verstand sie aber nicht immer.

Lesen beherrschte ich also bereits vor der Einschulung und auch die ersten Wörter konnte ich bereits schreiben. Weiter zu meiner Schulzeit bitte hier abbiegen: Bilder meiner Kindheit

Ich möchte darauf hinaus, welche Bedeutung Kommunikation für mich immer schon hatte und auch nach wie vor hat. „Kommunikation, Sprache und Denken“ weiterlesen

Bunthäuser Spitze

Bunthäuser Spitze, Schwagerbesuch und wie die Psychiatrie (nicht) funktioniert

Auf diesem Bild ist zu sehen, wie sich die Elbe aufteilt in die Norderelbe und die Süderelbe. Das Wasser fließt zu beiden Seiten um die mitten in der Großstadt Hamburg gelegene Insel Wilhelmsburg. Diesen Ausblick hat man, wenn man den 1914 erbauten kleinen Leuchtturm namens Leuchtfeuer Bunthaus besteigt.

Das kann richtig Spaß machen und ein bisschen titanicmäßig aussehen:

 


Ja, wie war das? Letzte Woche war von Montag bis Mittwoch mein Schwager zu Besuch bei uns. Zum Glück hatten wir ihn davon überzeugen können, sich ein Hostel zu nehmen, weil die Wohnung schon für uns zwei allein zu eng ist.

Bereits im Vorfeld hatte ich Panik geschoben – und ich glaube, dass ich tatsächlich von einer Panikattacke sprechen kann, als ich nachts bei der Rufbereitschaft anrief – weil ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde, abgesehen von drohendem Unheil durch das Chaotentum, was bei meinem Schwager deutlich stärker ausgeprägt ist als bei seinem Bruder.

Beide sind Freigeister, aber der eine schlägt den anderen in Unstrukturiertheit und Spontanität um Längen. Mein Mann ist wenigstens gewillt, sich meine Bedürfnis an Planung so weit anzupassen, wie er es eben kann. Bei seinem Bruder ist Hopfen und Malz verloren, ich habe es gleich vorsorglich aufgegeben, beide zusammen ordnen zu wollen.

Nun wusste ich zwar nicht, was im Einzelnen auf mich zukäme, aber ich wusste, dass mein Schwager einen großen Bewegungsdrang hat und wir sicherlich spazieren gehen würden. Das ist auch eine feine Sache und ich hatte einige Ideen, wo wir laufen könnten – nur hatte ich leider plötzlich überhaupt keine Ahnung, wo ich meine Pinkelhilfe hingelegt haben könnte und suchte sie am Montagmorgen ebenso fieberhaft wie vergebens. „Bunthäuser Spitze, Schwagerbesuch und wie die Psychiatrie (nicht) funktioniert“ weiterlesen

Therapieabbruch – Strukturwechsel

Mittwoch, 25. Mai 2016

So ihr Lieben, Schluss mit lustig.

Ich habe an einer Ergotherapie teilgenommen (das dritte Mal insgesamt in den letzten drei Jahren, ich steh total auf Ergo) und hatte vom ersten Moment an das Gefühl, dort nicht gut aufgehoben zu sein. In Begleitung habe ich die Räumlichkeiten das erste Mal aufgesucht und fast schon über meinen Kopf hinweg wurde ein Termin vereinbart. In dem Moment war ich außer mir und nicht in der Lage, das abzulehnen oder anderweitig gestaltend einzugreifen.

Als ich dann dort im Wartebereich saß bestätigte sich noch vor der Bekanntschaft mit der Therapeutin mein Ersteindruck: Das geht gar nicht hier. Die Räume sind viel zu offen gestaltet und es ist grausam hellhörig. Glastüren sind eine nette Sache für Konferenzräume, aber wenn ich therapiert werde in einer Einzelsitzung, wünsche ich dabei keine unnötige Ablenkung.

Gegen Publikum habe ich nichts, solange es sich nicht bewegt. Aber eine im Flur vorbeihuschende Person ist nunmal ein visueller Reiz, der mich unnötig belastet, wenn ich meine volle Konzentration brauche. In diesem Raum habe ich nie sitzen müssen, aber dennoch fiel es mir auf.

Ich habe Verständnis dafür, dass die Türe zum Treppenhaus mit einem Keil blockiert werden muss, weil man zu faul ist, den Klient_innen die Türe einzeln zu öffnen. Trotzdem fände ich es angenehmer, wenn man etwas Geld in die Hand nehmen und eine technisch komfortablere Lösung suchen würde, damit der Schall aus dem Treppenhaus auch dort bleibt.

Was ich aber das allerschlimmste finde, und das habe ich mehrfach und erstmals gleich bei der ersten Begegnung mit der Therapeutin rückgemeldet: „Wenn ich da sitze und warte, dann möchte ich mir nicht anhören müssen, wie ihre Kollegin auf der Toilette strullert.“ „Therapieabbruch – Strukturwechsel“ weiterlesen

Zurück auf Los: Genesung, wie war das nochmal?

Meine Genesungsbegleiterin gab mir am Mittwoch einen Zettel nochmal, den ich vor einer gefühlten Ewigkeit, am 12.03.14, schonmal von ihr erhalten und in de Folge abgeheftet hatte – damals als Teilnehmer der Genesungsgruppe 1.

Momentan pausiere ich mit der Teilnahme an der Genesungsgruppe 2 und werde im August zur Vorbereitung auf meine Ausbildung wieder einsteigen.

  • Bei Genesung geht es darum, den Glauben an dich selbst und dein Selbstvertrauen wieder zu erlangen.
  • Bei Genesung geht es darum, nicht länger lediglich Patientin oder Patient zu sein, sondern ein positives Bild von dir und deinen Möglichkeiten wieder zu erlangen.
  • Bei Genesung geht es darum, wieder zu hoffen, daran zu glauben, dass du mit einer psychiatrischen Diagnose gut leben kannst.
  • Bei Genesung geht es darum, seelisch zu wachsen – das, was dir zugestossen ist, zu akzeptieren und zu überwinden.
  • Bei Genesung geht es darum, einen neuen Lebenssinn und Lebenszweck zu entwickeln.
  • Bei Genesung geht es darum, diejenigen Dinge zu tun, die du willst und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
  • Bei Genesung geht es darum, deine eigenen Ziele zu verfolgen.
  • Bei Genesung geht es darum, im Führersitz deines Lebens zu sitzen.
  • Bei Genesung geht es darum, dein Schicksal, deine Herausforderungen, dein Leben wieder in den Griff zu bekommen und die entsprechende Unterstützung zu erhalten, damit du das Leben führen kannst, das du willst.

(Aus Das Leben wieder in den Griff bekommen von P. Deegan)

Ich komme mir ein wenig vor wie Bart Simpson, während ich das hier abschreibe. Aber es tut gut. Und: Natürlich war das meine Idee, das hier mit euch zu teilen.

Es ist so, als müsste ich eine Klasse wiederholen, obwohl ich sie gerade erst übersprungen habe. Ich hatte das alles erreicht; ich war genesen – bin genesen. Ich kann mit meiner Diagnose gut leben – nur nicht mit den Stigmafolgen.

Ich mag nicht, dass man mir (als Mann) eine Gewaltbereitschaft unterstellt, die ich nicht zu liefern bereit bin. Ganz gleich, in welcher psychischen Verfassung ich bin. Ich bin für niemanden eine Gefahr, weder für andere, noch für mich selbst.

Das ist ganz egal, wie psychotisch ich bin: Nie würde ich jemanden angreifen.

Ich wehre mich ausschließlich zu Zwecken der Selbstverteidigung. So wie ich mich dem übergriffigen Krankenpfleger gegenüber zur Wehr gesetzt habe – damals in der Situation ganz intuitiv und ohne Gewissensbisse. Zum Nachlesen: Irre gesund.

Ich möchte wirklich gerne wissen, ob man mir für mein Betragen in der Geschlechtsrolle als Frau diese Diagnose auch gegeben hätte. Denn an meinem eigenen Verhalten hat sich nicht viel verändert, nur an meinem Äußeren und am Verhalten meiner Mitmenschen mir gegenüber. Innerlich bin ich sehr viel ausgeglichener geworden, insbesondere in den letzten Jahren.

Auch früher schon war ich phasenweise psychisch labil und bin immer mal wieder ausgetickt, wenn ich überlastet war. Besonders häufig in der Zeit nach dem Raubüberfall vor zehn Jahren. Einzig meine Arbeit und mein Arbeitsumfeld hat mich damals in der Bahn gehalten. Es wäre aber auch nicht normal, nach einem solchen traumatischen Ereignis die Nerven zu behalten. Zum Nachlesen: Über das Danach

Einer Frau lässt man da offenbar sehr viel mehr verbalisierte Aggression durchgehen, weil man sich von ihr nicht so bedroht fühlt wie von einem Mann. Dabei kann ein solcher vor-urteilsbasierter Eindruck sehr täuschen. Auch Frauen sind Täter*innen.

Nur ich bin eben kein Täter und ich verbitte mir diese Zuschreibung. Ich werde dadurch zum Opfer gemacht, dass Menschen sich von mir bedroht fühlen und mich vorsorglich abführen, fixieren, niederspritzen und wegsperren lassen. Ohne jede rechtliche Grundlage, einfach nur weil da Weißkittel im kurzen Prozess eine Entscheidung treffen.

Und nun im Nachgang beschwert sich auch noch jemand aus der Nachbarschaft bei der Vermieterin über uns. Ganz feige aus der Anonymität heraus. Weil wir ein einziges Mal in fast zwei Jahren selbst laut waren und an allen anderen Tagen den Lärm der anderen mit stoischer Geduld klaglos hingenommen haben.

Ein einziger Nachmittag der Entgleisung und das ist nun nach der entwürdigenden „Be“handlung in der Klinik schon die zweite Strafe dafür.

Hatte ich erwähnt, was in der Klinik geschah?

Ich durfte an Bett oder Trage fixiert, im Flur der Notaufnahme vor aller Augen ins Bett pissen, bevor ich dank der Medikamente das Bewusstsein verlor. Losgemacht hat mich niemand, obwohl klar erkenntlich war (weil ich es hatte artikulieren können), dass ich an schmerzendem Harndrang litt. Nichtmal eine Bettflasche war mir angeboten worden, nur eine Bettpfanne.

Okay, eine Flasche hätte ich nicht benutzen können, weil meine Harnröhre zu kurz ist und ich zu dem Zeitpunkt kein geeignetes Hilfsmittel dabei hatte. Dennoch tut es weh.

Ich war allein auf mich gestellt ganz der Willkür des diensthabenden Personals ausgeliefert. Um solche Situationen zu vermeiden hatte ich Vollmachten ausgestellt, Notfallpläne vereinbart und alle Welt von der Schweigepflicht entbunden.

Es hilft nichts. Der Folter entgeht man nicht, nur weil man selbst alle Regelchen einhält und Vertrauen vorschießt.

Noch eine Begegnung dieser Art und ich verliere Geduld und Kooperationsbereitschaft und wechsle das Lager zur Antipsychiatrie.

Ich lasse mich überraschen, was da noch kommen wird und bin froh, dass ich mittlerweile wenigstens wieder ver-arbeiten kann. Frisch retraumatisiert ist das besonders wichtig.