Ich habe fertig! (Tag 7)

 

@Sonja: Hömma Liebelein, wenn Du mit dem Lesen nicht hinterherkommst, dann lass Dir doch nicht von Ver-rückten vorschreiben, was Du zu lesen hast, Herzchen.

Pass ma uff, jetzt wirste zwangstherapiert, dann weisste auch, was ich damit meine. So und um Missverständnissen vorzubeugen: Die Welt ist mein Zeuge.

Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich. Lest mal die Zeit. Wirklich, die Zeit solltet ihr euch nehmen. (So macht man übrigens double bind, aber das könnt ihr ja schon.)

Und googlet selber, ihr faulen Luschen, ich bin nich eure Tippse!

Ich glaube, wir verstehen uns. Kontaktformular kennt ihr ja mittlerweile dann auch. Lieber Finger von, Kinners, der Papa muss dringend inne Heia und beim Schlafen darf er nicht gestört werden. Einen Tag die Woche werdet ihr ja wohl mal ohne mich auskommen können. Wenigstens am Sonntag. Der Sonntag ist nämlich der Tag des Herrn, oder deutlicher. SONNTAG IST RUHETAG, ALSO RUHE DA OBEN ODER MUSS ICH EUCH ERST ZWANGSTHERAPIEREN IHR SCHNITZELKLOPFER MIT EURER SCHEISSDAUERBAUSTELLE DA!!! WENN IHR IHR EUCH NICHT BALD BEI MIR ENTSCHULDIGT, IHR ARSCHGEIGEN, UND AUFHÖRT MICH ANZULÜGEN, DANN KANN ICH AUCH MAL MIMIMI BEI DER SAGE MACHEN. ICH LASSE MICH NICHT GERN FÜR DUMM VERKAUFEN. WISST IHR EIGENTLICH, DASS ICH EUCH BEIM FICKEN HÖREN KANN? SOLL ICH EUCH MAL NEN HANDWERKER HOCHSCHICKEN UND NE KAMERA INSTALLIEREN BEI EUCH? VERGESST ES EURE SCHEISSVANILLANUMMER KANN ICH NICHT GEBRAUCHEN UND MAL EHRLICH: Friedlich hatten wir ja schon versucht. Also nächstes mal gehe ich mit der ganzen Bagage einfach mal eins höher und erklär denen, warum ich nicht schlafen kann und wisst ihr was? Die sind dann alle auf meiner Seite. So!

Und jetzt hab ich ne schöne Wichsphantasie, da brauch ich nimmer Hand anlegen, da komm ich schon beim Schreiben und wenn ich mir dann vorstelle, dass wir es in aller Öffentlichkeit miteinander treiben und euch keiner glauben wird, dann wisst ihr auch mal endlich, wer hier wenn beobachtet und jetzt ist hoffentlich endlich Ruhe im Karton, sonst sehe ich mich gezwungen, noch ein Stockwerk höher zu eskalieren. Und was dann passiert, muss ich euch ja nun nicht wirklich noch erklären, oder? Falls euch das wirklich entgangen sein sollte: Ich bin nicht total bekloppt, das ist eure versaute Phantasie. Wenn ich mir in die Karten gucken lasse, dann mache ich das mit Absicht. Das ist nen freundlicher Wink mit dem Zaunpfahl. Aber wer nicht hören will, der muss dann eben gedankenvergewaltigt werden oder so ähnlich. Bastelt euch selber euer Happy End, dafür bin ich nicht zuständig.

So, Herr Jost, begreifst Du jetzt, was der Herr Kollege mir angetan hat mit seiner Tipperei? Aber für ausführlich habt ihr ja keine Zeit…. Tja, dann halt nicht. Dachte ihr wollt mir helfen. War ja nur ne Einladung. Wer nicht will, der hat schon. Dann lutscht eure Pillen selber und therapiert euch gegenseitig und ich penne wann ich will und so können wir dann mal zusammenkommen an irgendeinen Tisch, egal ob rund oder eckig, aber ihr wollt mich ja nicht mitspielen lassen oder warum sonst muss man sich bei euch um die Betten prügeln und erst Pillen fressen, damit man bei euch übernachten darf?

Einvernehmlich ist wohl nicht so eure Sache, was? Das kannst ja auch gleich sagen, dann wirste eben zwangstherapiert. Machen wir doch gerne…. Da hätteste aber auch einfach fragen können. Ich tu Dir doch nix, ich will doch nur spielen… Therapeutisches Rollenspiel halt. Meine Fresse, manche haben aber auch ne extralange Leitung. Naja, die glauben mir ja nicht, wenn ich mich zu erkennen gebe, dann kann ich nicht anders. Selber schuld, wenn ihr mich für verrückt halten wollt. Mir ist das nämlich egal, wer mir sonst noch so hinterherlatscht, ich kann auch auf mich selber aufpassen. Und zählt mal meine Follower, 12 ist doch ein Witz dagegen, oder? Den hab ich auf jeden Fall über, also kann ich ja nur noch Godfather himself sein.

Und morgen früh sag ich dann einfach, ich hatte einen feuchten Traum und diesmal versaut ihr mir den nicht, sonst werdet ihr zum Hauptdarsteller in der Opferrolle.

Und mit dem Gedanken kann ich jetzt auch ruhig einschlafen, da habe ich dann keine Angst mehr. So mache ich das, Herr Doktor, aber Du hast ja keine Lust, mehr als die ersten beiden Sätze zu lesen und ich Dir schon anbiete, ne Kopfkinofilmrolle auszusuchen, solltest Du eigentlich artig danke sagen und nicht so tun als wär ich ein kleines Kind, das alleine Angst im Dunkeln hat und bei Mama aufm Arm will, denn solange Du das nicht kapierst, bleibst Du in der Täter_innen-Rolle, aber vielleicht fragt Dich mal eines Tages ein Reporter, was Du so über mich denkst und dann ist mir das egal, was Du denen für Märchen erzählst, weil in meinem Abschiedsbrief ganz deutlich zu lesen ist, dass Du mir das so gesagt hast, dass ich das so machen soll und wenn Dein Chef ausm Urlaub wieder da ist, dann – ja dann… für den Fall überlege ich mir das doch noch mal und dann bleibe ich doch sicherheitshalber konfessionslos, sonst weiß ich nicht, wie die Geschichte weitergeht.

Und deshalb lasse ich das Ende der Geschichte nun an dieser Stelle, sicherlich im Interesse aller, ganz bewusst offen. Nur für den Fall, dass der Arzt das doch nicht böse meinte. Dann können wir nämlich alle gemeinsam zurückrudern in unserem gemeiinsamen Bötchen, gelle. Vielleicht geht ja mein Wunsch auch so in Erfüllung, ohne dass ich nochmal zum Arzt muss. Abwarten und Teetrinken. Baldriantee, sicherheitshalber. Nee, nix da. Ich geh selber in die Küche, sonst kann ich mich wieder nicht dran erinnern, wo ich war. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser.

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Geflüchtete erzählen

Der erste Workshop dieser von Manuel Ricardo Garcia geleiteten Tagung war ein spontan entwickelter, der einen Open Space (diese Lücken im Programm, die sich immer wieder ergeben, auch wenn man sie nicht einplant) besetzte.

Ibrahim Mokdad, der auch einen regulären Workshop anbot, und andere Queer Refugees erzählten aus ihrem Leben. Es war für mich nicht nur emotional, sondern auch kognitiv sehr anstrengend, da beschlossen wurde, das Gespräch auf Englisch zu führen, weil somit weniger übersetzt werden musste. Deshalb habe ich es leider nicht geschafft, wie gewohnt mitzuschreiben und ließ mich stattdessen voll auf seine sehr bewegende Geschichte ein.

Zunächst hatte ich mich gewundert, was für einen seltsamen Akzent dieser Mann mitbringt, bis mir anhand seiner Erzählung klar wurde, dass es sich um einen Sprachfehler handeln muss, der infolge der von ihm erlittenen Misshandlungen zurückgeblieben sein muss.

Er beschrieb, dass man bestraft wird, wenn man schwul ist, ohne irgendetwas getan zu haben. Das muss schlimmer sein als zu der Zeit des §175 bei uns – eher so wie zu der Zeit des 2. Weltkrieges, von der Lutz van Dijk in „Verdammt starke Liebe“ berichtete. (Ein Buch übrigens, das ich bisher nur zur Hälfte gelesen habe, da ich mich den dort beschriebenen Szenen der Folterung, die während der Lesung anklangen, nicht gewachsen fühlte.)

Ibrahim erzählte von seiner Flucht, die keine Sekunde von dem Gedanken an eine soziale Hängematte oder großen Reichtum in Deutschland geprägt war. Er wollte überhaupt nicht nach Deutschland. Er wollte in erster Linie eines: Überleben. Obwohl er schwul ist. Als Fluchtziel hatte er die Niederlande im Sinn, weil er wusste, dass man dort sehr tolerant und liberal ist.

Gestrandet in Köln wusste er gar nicht, was er daran hatte – bzw. was er davon gehabt hätte, wäre er nicht im Flüchtlingslager mit seinen heterosexuellen konservativen Landsleuten zusammengesperrt worden, die ebenfalls ihre ganz eigenen Gründe zu einer Flucht gehabt hatten.

So kam er denn eher vom Regen in die Traufe, denn diese Flüchtlingslager darf man nicht verlassen, solange die Papiere nicht fertig sind und wer je Hartz4 bezogen oder einen Antrag bei der Renten- oder Krankenkasse gestellt hat, weiß, wie scheußlich es sein kann, dem deutschen Behördenapparat ausgeliefert zu sein.

Der Amtsschimmel ist einfach kein Rennpferd und das sage ich als Verwaltungsfachangestellter (Fachrichtung Bundesverwaltung) mit aller Liebe, die mir zu Sachbearbeitern (von denen ich selbst einer war) nach dem Wechsel auf die andere Schreibtischseite noch geblieben ist.

Mittlerweile lebt Ibrahim nicht mehr im Lager und er darf sich – innerhalb Deutschlands – frei bewegen. Das würde sich für mich immer noch eingesperrt anfühlen und ich muss an die ostdeutschen Zweige meiner Familie denken, die noch „Bürger“ (oder „Inhaftierte“) der DDR gewesen sind.

Es sprachen verschiedene Menschen aus dem Libanon, aus der Ukraine, aus Syrien und aus Honduras.

Hier in Deutschland jammern wir wirklich mittlerweile auf sehr hohem Niveau, auch wenn dies berechtigt ist, da es im internationalen Vergleich auch Länder gibt, in denen es sich als nicht-binäre Person (zum Beispiel Schweden, das seit den 60er Jahren ein drittes Pronomen „herm“ für Inbetweens kennt) oder für die Zeit während oder nach der Geschlechtsangleichung angenehmer lebt oder wo bessere Operationen angeboten werden.

Da gruselt natürlich der Blick in ein Land, in dem Menschen aus dem Fenster geworfen werden, einfach weil sie schwul sind (Libanon).

Da schockiert es zu hören, dass junge Transfrauen sich aus Angst vor Missbrauch und anderen gewalttätigen Übergriffen zu Hause einschließen müssen, bis sie vollständiges Passing und dazu passende Papiere haben (Syrien).

Man möchte am liebsten in die Ukraine reisen, um den dortigen equality march zu unterstützen, aber wenn man am eigenen Leben hängt, lässt man es wohl doch lieber bleiben.

In Honduras wurden in den letzten Jahren und Jahrzehnten schon gute Fortschritte erreicht, auch wenn dort noch viel zu tun ist.

Da frage ich mich natürlich: Was kann ich tun? Wie kann ich Menschen in anderen Ländern helfen? Wie kann ich denen helfen, die hier bei uns bleiben – für unbestimmte Zeit oder auch nur vorübergehend?

Ibrahim hat uns gebeten, uns sichtbar zu machen, damit queere Flüchtlinge uns erkennen können. Das habe ich getan und eine Liste der Projekte, welche queeren Flüchtlingen helfen möchten, angehängt: Here I am

Zudem habe ich Ibrahim vorgeschlagen, gemeinsam ein Buch zu machen. Dafür suche ich schonmal Übersetzer_innen, weil mein Blog noch nicht sehr bekannt ist und ich davon ausgehe, dass es lange dauern wird, bis sich jemand meldet. (Bin sehr ungeduldig, Verzeihung.)

Ich denke, Übersetzer_innen zu sammeln kann nicht schaden. Die kann man immer mal gebrauchen, auch für andere Bücher. 😉

Auf der Seite TransMann findet ihr ab morgen eine Liste bisher erschienener Bücher zum Thema trans*, die natürlich nicht abschließend sein kann. Ich setze mich heute abend daran, sobald ich vom Tanzen zurück bin. Jetzt muss ich erstmal los, mich um meine Karriere als EX-IN-ler kümmern.

Deutsche Rentenversicherung Bund zwingt mich zu einer Entscheidung zwischen meinem Recht auf Arbeit

Wenn der Postmann sich nicht an die Klingel traut….

/abschrift_beginn

Sehr geehrte(r)[sic!] Herr Nachname [sic!]

Ihre Krankenkasse hat uns über die für Sie durchgeführte Änderung Ihres Vornamens informiert und um Vergabe einer neuen Versicherungsnummer gebeten.

Wir sind gern bereit, der Bitte Ihrer Krankenkasse zu entsprechen. Hierfür ist die Vorlage eines richterlichen Beschlusses mit Rechtskraftvermerk erforderlich. Die vorliegenden Unterlagen reichen leider nicht aus. Wir bitten Sie daher, uns eine Beschlusskopie mit Rechtskraftbestätigung zu übersenden.

Sofern das Gericht die Rechtskraft in einem separaten Schreiben bestätigt hat, übersenden Sie uns  bitte davon eine Kopie.

Wir möchten Ihnen mit den nachfolgenden Ausführungen die geltende Rechtslage[sic!] verdeutlichen und auf die damit verbundenen Möglichkeiten hinweisen:

Die Versicherungsnummer in der gesetzlichen Rentenversicherung enthält in der sogenannten Seriennummer – das sind die ersten beiden Ziffern hinter dem Buchstaben – einen Hinweis auf das Geschlecht seines Inhabers (00 bis 49 männlich, 50 bis 99 weiblich).

Die Vergabe einer neuen Versicherungsnummer mit einer das andere[sic?!] Geschlecht kennzeichnende Seriennummre ist aus Rechtsgründen unzulässig

Das Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen (Transsexuellengesetzes – TSG-) unterscheidet[sic!] zwischen der alleinigen Änderung der[sic!] Vornamens (§§ 1 bis 4 TSG) und der gerichtlichen Feststellung, dass eine Person als dem anderen[sic!] Geschlecht zugehörig anzusehen ist (§§ 8 ff. TSG).[sic?]

Allein die Änderung des Vornamens nach den §§ 1 bis 4 TSG bewirkt nicht zugleich, dass der/die[sic!] Betroffene rentenrechtlich von der Änderung an als dem anderen Geschlecht zugehörig anzusehen ist.

Es ist weiterhin das bisherige[?!] Geschlecht maßgebend.

In den Fällen, in denen eine Person nach § 8 ff.[sic!] TSG durch gerichtliche Feststellung als dem anderen[?!] Geschlecht zugehörig anzusehen ist, richten sich ihre vom Geschlecht abhängigen Rechte und Pflichten von der Rechtskraft der Entscheidung an nach dem neuen[sic!] Geschlecht, soweit durch Gesetz nicht anderes bestimmt ist. (§ 10 TSG).

Die gesetzliche Rentenversicherung hat in Abstimmung mit dem Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung auch für die Personen, bei denen lediglich eine Namensänderung gemäß §§ 1 bis 4 TSG erfolgt ist, eine Lösung gefunden, die auch für diese Personen die Vergabe einer neuen Versicherungsnummer ermöglicht. Um auch in diesen Fällen eine richtige[sic!] Rechtsanwendung zu gewährleisten, muss zu der neuen Versicherungsnummer ein interner Hinweis aufgenommen werden, dass nicht das sich aus dieser Versicherungsnummer ergebende Geschlecht, sondern das frühere[sic!] Geschlecht maßgebend ist.

Mit freundlichen[sic?] Grüßen

/abschrift_ende

Es tut so weh! 

  • Dummheit tut wirklich verdammt weh.
  • Und zwar beiden Seiten.

Mir tut es weh, vom freundlich wiehernden Amtsschimmel derart misshandelt zu werden.
Und es schmerzt mich da eine ratlose Person zu sehen, die derart mit der Materie überfordert ist, dass sich zu Grammatik- und Interpunktionsfehlern auch noch so viele inhaltliche Fehler gesellen – und das nicht nur über das Phänomen Transsexualität – sondern die Deutsche Rentenverunsicherung[sic!] ist nicht einmal auf dem neuesten Stand der Rechtsprechung. Und ich beziehe mich hier Ende März auf eine Entwicklung von Mitte Januar.

Das hätte man durchaus schonmal mitkriegen können, wenn man seine Hausaufgaben machen würde.

Ich werde die Sachbearbeiterin mal versuchen, ans Telefon zu kriegen, um folgende Fragen zu klären:

  1. Welche Unterlagen liegen denn bitteschön vor? Hellsehen kann ich auch nicht.
  2. Welchen Beschluss hätten Sie denn nun gerne? Den von der VÄ oder den von der PÄ oder den, dass ich einfach auf die Kohle scheisse, die Rentenversicherung – die ohnehin für mich nur noch gähnend leere Kassen haben wird – nen durchgeknallten Amtsschimmel sein lasse, mich aus dem System ausklinke und fortan ein fröhliches Leben führen werde?
  3. Welche Rechtslage spekulieren Sie sich denn da zusammen? Vom Urteil des Bundesverfassungsgerichts können Sie ja noch nichts gewusst haben.
  4. Was Transsexualität ist, hatten wir neulich thematisiert, Kim hat es doch so schön auf den Punkt gebracht aber da sind wir seeehr[sic!] geduldig. -.-

Wie mich das derzeit praktizierte System krank machte

[Als Antwort auf die Frage, warum ich Antidepressiva benötige.]

Ich bin der Ansicht, dass ich die jetzt nicht mehr benötige. Darum schleiche ich sie ja aus. 😉

Ich benötigte die, weil mir das alles zu viel wurde. Wahnsinnig lange habe ich trans verdrängt und irgendwie gedacht, ich kann meine körperliche Realität einfach ignorieren. Letztendlich ging ich einfach nur noch auf dem Zahnfleisch und kriegte überhaupt nix mehr gebacken.

Dann kam die Erkenntnis mit trans, Hoffnung und leider auch die Ernüchterung, was da alles mit dranhängt an Papierkrieg und Kampf. Und das natürlich zu einem Zeitpunkt, wo ich gar keine Kraft mehr hatte zu kämpfen. Sonst hätte ich mir doch keine Hilfe gesucht!
Wie ich schonmal schrieb, fing die Therapie eigentlich zu spät an – hinsichtlich trans brauchte ich die da nicht mehr. Ich hatte die Vergangenheit selbst umsortiert und mich damit zurechtgefunden.

Jo und dann fing der begleitende Psychotherapeut an, da wieder drin rumzuwühlen und mir zudem seine Ordnung aufzuzwingen, seine Vorstellungen davon, was richtig und was falsch ist. Da brach alles wieder auf. Psych* nennen das „Erstverschlimmerung“, das muss wohl so sein? Ich musste heulen und heulen und mich selbst bemitleiden und es war ja alles so furchtbar gewesen.
Ich mein, da lebst Du Dein Leben und trägst Dein Päckchen und dann wird Dir von einem „Fachmann“ gesagt, dass Du traumatisiert worden bist. Dann muss es Dir ja auch dreckig gehen, scheissegal, ob Du das längst verarbeitet hattest und daran gewachsen warst. ^^

Und irgendwie hab ich wahnsinnige Angst gehabt, ob ich auch den richtigen „Leidensdruck“ habe, den man haben muss, damit man die Angleichung machen darf. Ich wusste nicht genau, was damit gemeint war, wie sich das anzufühlen hatte. Ich hab mich ja nicht auf einmal anders gefühlt als vorher – es war doch so normal, dieser Konflikt.

Ach und auf einmal war das wieder wie damals mit sechzehn. Bevor ich mich in diesen Transitionsprozess begeben habe, habe ich normal am Leben teilnehmen können.
Gute Ausbildung, fester Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst, ausreichendes Einkommen und der Mann an meiner Seite war der, mit dem ich alt werden wollte. Damit hatte ich alles erreicht, was man nach meiner damaligen Überzeugung dazu brauchte, um glücklich zu sein. War ich aber nicht, son Mist.

Und dann wirst Du derart entmündigt, wirst da irgendwie reingezwungen – der LeidensDRUCK ist ja schon da, eine wirkliche freie Wahl hatte ich da nicht – und dann musst Du Dir von jemandem, der Dich doch überhaupt nicht kennt, erzählen lassen, wer Du bist? Diese Fremdbestimmung war doch genau das, was ich gerade so stolz hinter mir gelassen hatte.
Damals mit 16 hatte ich mir geschworen ich werd nicht älter als 30. Und da war ich inzwischen 29 Jahre alt. ^^

Und ich hab mich so schwach gefühlt und hab nur zu ihm gesagt ich hab Angst vor dem Tag, an dem ich verzweifelt genug bin, dass es nicht mehr bei SuizidGEDANKEN bleibt. Weil wenn ich was mach, dann mach ich das richtig. 😉
Da wollte ich um Antidepressiva bitten für die Übergangsphase, bis ich wenigstens Passing habe und ich brauchte das nicht mehr auszusprechen; er hat es selber vorgeschlagen.

[Das Ende vom Lied ist, dass ich mich durch den damals in vorauseilendem Gehorsam von mir beantragten Sonderurlaub selbst aufs Abstellgleis katapultiert hab, weil ich mich meinem Arbeitgeber und den Kolleginnen und Kollegen nicht zumuten wollte.
Jetzt, da die begleitende Psychotherapie so gut wie vorbei ist und ich mit meinem Behandler über Politik schnacken kann, fühle ich mich wieder fit für eine Erwerbstätigkeit.
Mein damaliger Arbeitsplatz existiert aufgrund von Umstrukturierungen nicht mehr.]

Manchmal reisst mir der Geduldsfaden

Wenn man mal überlegt, dass Transsexualität in Frankreich schon lange keine Geisteskrankheit mehr ist und sich reinzieht, wie das zur Zeit in Deutschland aussieht, dann drängt sich mir eine Parallele aus einer Zeit von weit vor meiner Geburt auf.

Da frage ich mich, wie lange ich mich noch zusammenreissen kann. Der Dame in dem Hörspiel hier ist, verständlicherweise, auch die Hutschnur geplatzt.

Mal sehen, was die Podiumsdiskussion zur Bürgerschaftswahl heute abend im Magnus-Hirschfeld-Centrum (mhc) ergibt, ob am 20. Februar in Hamburg eine der grossen Parteien wählbar ist.

Und wenn nicht, dann hilft auch nach der Wahl weiterhin nur noch eins: Lasse reden!

KK-Antrag und noch ein Beratungsgespräch

Als der vorläufige Beschluss zur VÄ vorlag, fanden mein Therapeut und ich, dass es der richtige Zeitpunkt sei, nun die Kostenübernahme bei der Krankenkasse zu beantragen.

Am 09. Juli diesen Jahres habe ich also meinen Antrag eingereicht mit OP-Indikation meines begleitenden Psychotherapeuten, einer Kopie des vorläufigen Beschlusses und einem Umschlag für den MDK mit Kopien beider Gutachten, die das Gericht im Rahmen der VÄ beauftragt hatte. Da es eh schon ein grosser Umschlag war, habe ich den Scan mit Personalausweis und dgti-Ausweis ausgedruckt und mit dabeigelegt.

Im Anschreiben habe ich u.a. berichtet, wann ich mich geoutet habe, seit wann ich bei meinem Thera bin, seit wann ich Hormone bekomme und den schicken Satz
„Der Leidensdruck, der durch die Transsexualität hervorgerufen wird (und auch psychologisch festgestellt wurde), wird zunehmend stärker, sodass operative Maßnahmen unumgänglich werden.“
untergebracht – und genau der spiegelt auch mein Empfinden wider.
Weiterhin habe ich in Stichworten aufgelistet, welche OPs ich plane (also alle).

Als ich im Urlaub war, bekam ich dann einen Anruf, dass der Vorgang nicht weiter bearbeitet werden könne, weil der aktuelle Hormonstatus fehlt. Da ich für Ende August ohnehin den nächsten Termin beim Endo hatte und mir ein nur 10 Tage früherer Termin zur Blutabnahme angeboten wurde, habe ich mich in Geduld gefasst und den neuen Termin ausgeschlagen.
Dann war natürlich mein Endo im Urlaub, so dass sein Vertreter das organisieren musste.
Ich bekam einen Briefumschlag adressiert an

Frau
[männlicher Vorname](rechtl. [weiblicher Vorname]) [Nachname]
[Strasse und Hausnummer]
[PLZ und Ort]

den ich eingescannt an meinen Endo gemailt habe mit meinem Dank für die zeitnahe Zusendung der Laborwerte verbunden mit meiner Empfehlung, künftig von Adressierung solcher Art abzusehen da unzutreffend und evtl. ein Verstoss gegen das Offenbarungsverbot § 5 TSG.
(Mir wärs ja wurst, aber Leute wie mein Onkel würden den sofort verklagen. *g)

Jedenfalls hab ich dann eine hübsche Kopie von meinem neuen Personalausweis für die Krankenkasse gemacht und mit dem endokrinologischen Befund hingeschickt.
Und gleich mitgeteilt, dass ich die Mastek bei Herrn Prof. Dr. med Jörg Schwarz in der Asklepios Klinik Nord in Hamburg machen lassen möchte.

Mit dem habe ich mich nämlich auch persönlich unterhalten und er hat mich einfach überzeugt. Er war mir gleich sympathisch und hat mir von sich aus Bilder von OP-Ergebnissen gezeigt.
Für mich war es einfach wichtig, die Möglichkeit wenigstens überprüft zu haben, ob es in meinem Fall ohne grosse Narben ginge. Da dem nicht so ist, fühle ich mich bei ihm in guten Händen.
Mein Übergewicht ist überhaupt kein Problem und wenn ich nach der OP abnehme, dann ja am Bauch und nicht an der Brust, sagt er. Also sieht er auch keinen Grund für späteren Korrekturbedarf. OP-Termin bekäme ich ein oder zwei Wochen nachdem ich die Kostenzusage habe und Eierstöcke/Gebärmutter können gleich in einem Aufwasch mit raus.

Also is jetz die KK am Zug.

Vornamensänderung – Gutachten Nr.2

Nachdem ich dreimal erfolglos mit der Sekretärin gesprochen hatte, bekam ich auf eine eMail vom 30.07.09 direkt an meinen Gutachter gleich am 31.07.09 einen Termin für den 08.10.09.

Ich kam etwa 5 Minuten zu spät und die Sprechstundehilfe hielt mich irrtümlich für den Termin von eine Stunde davor, der bis dahin noch gar nicht erschienen war. Etwa 20 Minuten musste ich dann wiederum auf den Gutachter warten.

Der Termin selbst war eigentlich ganz angenehm. Zu Beginn fragte er, ob es mir recht sei, wenn eine Praktikantin am Gespräch teilnehme. Dagegen hatte ich nichts. Bin ja immer für Bildung. *gg
Ich hatte verdammt gute Laune und lachte viel, da die Antidepressiva mittlerweile angeschlagen hatten. Ich machte mir schon Sorgen um meine Glaubwürdigkeit hinsichtlich des Leidensdrucks. Angesichts der Medikamente war das aber kein Problem.

Dann hiess es warten, warten und nochmal warten.
Ich dachte mir, solange ich ihn nicht von der Arbeit abhalte, kommt er doch schneller voran.
Erst auf Drängen meines Therapeuten hakte ich im April per eMail mit CC an den Thera noch einmal nach. Keine Reaktion.

Irgendwann im Mai kriegte ich den Gutachter ans Telefon – zu einer Uhrzeit, zu der ich ihn gar nicht mehr im Büro erwartet hätte. Mein Name sagte ihm auch etwas und mein Gutachten sei „schon halb in der Schreibmaschine“, was mich beruhigte. Das war doch ein Zeichen, dass er schon ein schlechtes Gewissen hatte und selbst wusste, dass er spät dran war.
Warum also weiter stören.

Ich habe mich dann wieder mehr aufs Studium konzentriert und schon gar nicht mehr daran gedacht.
Am 02.06.10 bekam ich dann eine Ladung vom Gericht für den 08.06.10 mit ebendiesem Gutachten in der Anlage.

Durchweg werde ich mit männlichen Pronomen bezeichnet und mit dem von mir gewünschten neuen Namen benannt.
Und es ist sogar noch eine Empfehlung in Sachen OP dabei.
Ja und jetzt ist das für mich wie ein Startschuss.
Der Papierkrieg möge beginnen. 🙂

Schluss mit Lustig

Jetzt werden härtere Geschütze aufgefahren: Antidepressiva

Geht nimmer anders.

/edit 14.06.09, 03:13
Heute war ein guter Tag, Und Donnerstag eigentlich auch. Vielleicht kann ich es auch ohne das Zeug schaffen.
Meine Antriebslosigkeit bezieht sich in erster Linie auf das Studium. Dass ich nich so ganz auf der Höhe bin is ja klar…
Es gibt halt schon Sachen, die ich gut gemanaget kriege.
Und hat nicht jeder mal nen schlechten Tag? Ich hab zwar jetzt ne Menge mehr davon, aber das is doch auch logisch.

Das Ding is einfach, son Antidepressivum fummelt in meinem Gehirn rum. Der Gedanke ist mir nicht geheuer.
Und: Bisher gings ja auch ohne.
Wenn ich einfach bald Testo bekäme, würde sich mein Passing erheblich verbessern und die meisten der mich jetzt belastenden Konflikte durch die TS verschwänden. Ursachen beheben is auch mehr mein Ding als Symptome lindern.

Und dazu kommt, dass ich iwie das Gefühl hab, ich müsse richtig schlimm krank (im Kopf!) sein, wenn ich soweit bin, Antidepressiva zu brauchen.
Ich weiss, das ist ein absolut blödes Vorurteil (ich entschuldige mich bei allen Leute, die je Antidepressiva genommen haben) und es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen. Im Gegenteil, Hilfe annehmen zu können ist eine Stärke. Trotzdem, leider.

Ich glaub, es hilft mir am besten, wenns einfach auf dem Schreibtisch liegt und ich es nehmen könnte – aber nicht muss.
Das werd ich wohl auch dem Thera sagen am Mittwoch.

/edit 15.06.09, 13:33
Hab eben beim Hausarzt angerufen, die Blutwerte sind ok.

Ich hab mich jetzt dazu entschieden, heute abend mit einer halben Tablette pro Tag anzufangen. Wenn alles gut geht, ist es dann in zwei Wochen eine pro Tag.

Und zwar deshalb, weil:
Ich kenne zwar die Ursache für die Depressionen, aber diese lässt sich nicht von jetzt auf gleich beheben.
Grundsätzlich bin ich kein Fan davon, nur die Symptome zu lindern und sich nicht weiter für die Ursache zu interessieren. Das trifft aber hier nicht zu, denn an der Ursache arbeiten wir ja. Also warum soll ich weiter rumleiden?
Mein Therapeut hat meinen aus der TS resultierenden Leidensdruck zur Genüge mitbekommen. Von daher muss ich mir auch keine Sorgen wegen der Diagnose machen.

Zudem fangen in drei Wochen die Klausuren an. In der jetzigen Situation weiche ich allen potentiellen Belastungen aus, kann mich nichtmal (allein zu Hause!) ans Programmieren setzen.
Was ich grad hinkriege ist essen, Sport (dabei abnehmen) und ein bisschen was im Haushalt tun. Das wars auch schon.
Ich möchte es wenigstens versuchen, einen Teil der Klausuren zu schreiben. Ich werd sicherlich bei mindestens einer durchfallen, weil ich schon so lange hab schleifen lassen. Aber es nichtmal versucht zu haben fühlt sich noch beschissener an als zu Recht durchzufallen.

Ich denke auch, wenn ich etwas stabiler bin, haben wir in der Therapie eine bessere Arbeitsgrundlage. Später, wenn durch Testo die häufigsten Konflikte durch dann vorhandenes Passing nicht mehr auftreten, kann ich das Zeug ja wieder absetzen und habe somit wenigstens die elende Wartezeit überbrückt.

Alltagstest

Der sogenannte Alltagstest wird von Insidern auch als „Clownspraktikum“ bezeichnet.
Der Sinn der Übung soll sein, für sich selbst herauszufinden, ob man denn tatsächlich im angestrebten Geschlecht, welches der Körper eben noch nicht aufweist, leben kann. Dies soll Irrtümern über die eigene Geschlechtsidentität vorbeugen.

Ich finde den Gedanken im Grunde nicht schlecht – das einzige was wohl schlimmer wäre, als im falschen Körper geboren zu sein, wäre im falschen Körper leben zu müssen, weil man sich selbst dazu entschieden hat und mit Hilfe der Medizin den Körper angleichen liess.

Leider hat das Konstrukt einen Denkfehler, denn das Leben nach geschlechtsangleichenden Maßnahmen wird anders sein als das während einer Testphase.
Einerseits ist es ein Unterschied, ob eine Änderung nur vorläufig oder endgültig ist und andererseits wird man doch vom Umfeld ganz anders wahrgenommen und behandelt. Von daher kann man nur eine Ahnung davon bekommen, wie es wirklich sein wird.

Nichtsdestotrotz habe ich selbst einen Alltagstest begonnen.
Das heisst, ich habe mich in meinem bisherigen Umfeld geoutet und neuen Kontakten stelle ich mich gleich als Hotte vor.

Die Reaktionen darauf sind sehr unterschiedlich. Viele finden es befremdlich, eine „Frau in Herrenkleidung“ als Herrn anzusprechen, anderen ist nichts anzumerken.

Ein Gespräch mit der Schwester meines Freundes hat mich sehr mitgenommen. Sie zweifelte an meiner Identität, ohne mich überhaupt zu kennen. Leider nahm ich es mir zu Herzen und war danach eine Weile down.

Eine andere Frau, der ich mich mit meinem neuen Namen vorgestellt hatte, war wirklich entsetzt und rief aus „Nein, Du bist kein Horst!“, was mich sehr deprimierte. Mein Freund stärkte mir den Rücken, sie war aber weiterhin irritiert…

Im Büro wurde als Abschiedsgeschenk für eine Praktikantin ein Foto von allen gemacht, das auf ein T-Shirt gedruckt werden sollte. Als wir fertig waren, fiel jemandem auf, dass mein Chef nicht dabei war. „Ach sowas, unser einzigster Mann!“, rief eine Kollegin aus. Auch solche Stiche tun weh, ob beabsichtigt oder nicht.

Mit negativem Feedback umzugehen ist sehr anstrengend und erfordert viel Selbstsicherheit.
Könnte ich nochmal wählen, würde ich erst mit der Begleittherapie anfangen, bevor ich mich in den Alltagstest stürze.

Eines ist mir dabei aufgefallen:
Seit alle meinen neuen Namen und die von mir gewünschte Anrede kennen, fällt es mir verstärkt negativ auf, wenn ich doch noch als Frau angesprochen werde.
Positive Erlebnisse mit der männlichen Anrede kann ich nicht verzeichnen. Ich führe das auf meine Erwartungshaltung zurück, denn ich halte es für selbstverständlich – wenn ich schon dazusage, dass ich ein Mann bin, kann man dies ja entsprechend berücksichtigen.

Wie mein Alltagstest weiter verlaufen wird oder ob ich bei der nächsten Gelegenheit wieder aussteige, wird die Zeit zeigen.

Outing

Sich outen bedeutet ja gemeinhin, dass man etwas über sich preisgibt, das man bislang für sich behalten hat. Ich möchte gerne authentisch sein und darum fällt es mir sehr schwer, mich Bewegendes für mich zu behalten. Das heisst aber nicht, dass es mir jedes Mal leicht fällt, Dinge offen anzusprechen und mich zu erklären.

Im Tagebuch habe ich hier einen Dialog konstruiert, wie er während eines Outings ablaufen könnte. Genausogut kann ich aber auch gleich mit der Tür ins Haus fallen und sagen „Du, ich heiss‘ jetzt Hotte“. Das kommt immer ganz aufs Gegenüber und die Situation an, in der ich mich gerade befinde.

Nachdem ich mich im Laufe des August sozusagen erstmal vor mir selbst geoutet hatte, hat es nicht lange gedauert, bis ich das Bedürfnis hatte, neben dem ständigen Dialog mit meinem Partner auch mit anderen darüber zu sprechen.
Zuerst habe ich mich da an jene gewendet, denen es genauso geht. Da ist das Internet eine feine Sache, denn da findet man schnell Gleichgesinnte in einschlägigen Foren.

Nach und nach habe ich dann auch mit Freunden gesprochen. Auch zu einer Zeit, als ich mir selbst noch sehr unsicher darüber war, was nun eigentlich mit mir los ist und wie ich damit umgehen soll. Dabei habe ich mal wieder gemerkt, dass meine Freunde voll hinter mir stehen, so oder so. Danke Leute!

Dann kam ich im Oktober an einen Punkt, wo es im Büro für mich unerträglich wurde, mich verstellen zu müssen.
Ich habe BHs nie leiden können und wollte auch keine Blusen mehr tragen. Sukzessive habe ich meine Klamotten ersetzt und öfter Hemden getragen. Niemand sprach mich darauf an, es schien nicht aufzufallen. Natürlich hatte ich Angst vor Ablehnung, wenn ich etwas sagen würde oder davor, meinen Arbeitsplatz vor der Zeit zu verlieren.
Dennoch gab ich mir eines Tages einen Ruck und sprach mit der Chefin. Weil ich es nicht mehr aushielt, jedes „Frau [mein Nachname]“ oder eMails an „Liebe Kolleginnen, lieber Herr [mein Chef] “ verletzten mich.
Das konnte ja keiner wissen, also musste ich mich mitteilen. Anders hätte sich nie etwas geändert.
Sie hatte bereits zu ihren Studienzeiten einmal das Erlebnis gehabt, dass eine bis dato als Frau bekannte Person ihren neuen männlichen Namen bekanntgab, und war sehr verständnisvoll. „Für uns ist das egal, was für ein Geschlecht Sie haben. Für Sie ist das wichtig.“ sagte sie unter anderem. Ich rechne ihr das hoch an.
Ab diesem Zeitpunkt (den ich auch als Beginn meines Alltagstests kennzeichne) hatte ich nicht mehr das Gefühl, ein ungewolltes Doppelleben zu führen – allein das hat mich sehr entlastet.
Binnen zwei Wochen habe ich alle Kolleginnen in meiner Arbeitseinheit und meinen Chef eingeweiht und ab da war ich die Last der Diskrepanz zwischen gefühlter und gelebter Identität los – ich habe den Spagat zwischen m und w nach aussen verlagert.

Mein letztes grosses Outing (Mitte Oktober) war gegenüber meinen Eltern. Das hat mich sehr viel Kraft gekostet, denn es gibt sonst niemanden, der mich schon so lange kennt und zu seinen Eltern hat bekanntlich jede/r eine besondere Verbindung.
Wir haben keinen besonders engen oder regelmässigen Kontakt, dennoch war ich der Ansicht, dass sie ein Recht darauf haben, es frühzeitig zu erfahren. Ich wollte sie nicht einfach eines Tages vor vollendete Tatsachen stellen, da ich mit einem eventuell geänderten Geschlechtseintrag schliesslich nicht nur meine, sondern auch ihre Biographie verändere.
Ihre Reaktion auf meine Offenbarung war entgegen meinen Befürchtungen absolut vorbildlich:
Egal ist es ihnen nicht, was in ihrem Kind vorgeht, aber sie hatten damals vor meiner Geburt keinen Einfluss auf mein Geschlecht und wollen auch heute keinen nehmen. Klasse!
Mum, Dad: Ich liebe euch auch. 🙂