Über das Danach

Es war einer dieser Tage, die hinter mir liegen. Einer dieser Tage riss die Freude und die Fröhlichkeit mit sich und alles, was er übrigließ, war diese Traurigkeit, in der ich beinahe ertrunken wäre. Aber ich habe vor, zu überleben.

»Missbrauch« ist ein hässliches Wort, jeder kennt es. Du weißt nicht, was es bedeutet, wirklich missbraucht worden zu sein? Ich werde es Dir sagen…

Die ersten Tage danach, wirst Du unter Schock stehen und nicht glauben können, dass es wirklich passiert ist. Alle werden von Dir verlangen, das Geschehen zu beschreiben, zu erklären, wie es dazu kam. Sie werden mit Gewalt in Deine Seele eindringen und Dich über Deine Gefühle ausfragen. Das ist das zweite Mal, dass Du zum Opfer gemacht wirst, weil nichtmal Du selbst Deine eigenen Gefühle verstehen kannst. Völlig verunsichert und durcheinander, wird das einzige, dessen Du Dir sicher bist, die Tatsache sein, dass Du mit Schrecken und Angst erfüllt bist. Voller Misstrauen gegenüber jedermann. Du wirst die Loyalität Deiner Freunde anzweifeln, sie verdächtigen, irgendwie da mit drin zu stecken. Über alles andere wirst Du Dir keine Gedanken machen müssen, weil Du es sowieso nicht begreifen wirst. Und du schämst Dich dessen.

Bald kennst Du Deine Geschichte in- und auswendig und erzählst sie jedem, der sie hören will, in den ewig selben Worten. Polizei, Anwalt, Ärzte, Freunde, Verwandte – wieder und wieder. Du bist so routiniert darin, dass es Dir mit der Zeit unwirklich vorkommt. So als wäre es gar nicht wirklich so geschehen, als hättest Du es Dir nur ausgedacht.

Tagsüber, wenn die Sonne scheint, wirst Du lächeln und sagen, Dir gehe es gut. Du fährst Deine Schutzschilde hoch und blockst alle Einflüsse von aussen ab, schaltest auf stur, auf Autopilot. Du kannst kein weiteres »Oh, wie schlimm!« mehr ertragen, weil es Dir unter die Nase reibt, dass eben nicht alles ok ist mit Dir. Und in der Nacht wirst Du nicht schlafen können, weil dann die Alpträume kommen. Erst kannst Du nicht einschlafen und wenn es Dir gelungen ist, schreckst Du hoch, nassgeschwitzt. Weil von den vielen mitleidigen Tröstern niemand Dich wirklich versteht oder gar Deinen Schmerz teilen kann, weinst Du einsam in Dein Kissen.

Später, wenn Dir bewusst geworden ist, dass du kein abgefahrenes Spiel spielst, sondern das da tatsächlich Dein Leben ist, kommen der Hass, die Wut und der Frust. Du träumst davon, Dich zu rächen, aber weil Du genau weißt, dass das auch nichts rückgängig machen kann, wirst Du es sein lassen. Niemand kann die Zeit zurückdrehen. Du wirst anfangen, Deine eigene Schwäche, Deine Ohnmacht zu hassen. Du kannst mir glauben, diejenigen, die Dir helfen wollen, sind selber hilflos. Denen geht es auch nicht besser als Dir, was das angeht. Sie wissen nicht, was sie sagen sollen, wie sie helfen können. Darum verschließen sie bald die Augen vor dem, was Du nicht vergessen kannst.

Als nächstes kommt die Scham, die Dir das letzte bisschen Selbstvertrauen nimmt. Dir wird wieder einfallen, dass Dein Körper seltsam reagiert hat. Dass Du feucht geworden bist bzw. einen Ständer hattest. Das ist doch nicht normal, wirst Du denken. Doch, das ist es! Irgendjemand wird Dir das gesagt haben. Er wird Dir erklärt haben, dass der Körper auf Endorphine reagiert und diese ausgeschüttet werden können bei Empfinden von Lust oder Angst. Aber auch wenn Dir das klar ist, wirst Du Dich trotzdem weiterhin schämen.

Sobald Du Dir eingestanden hast, dass Du ein Opfer bist, dass Du missbraucht worden bist, wirst Du Dich dafür natürlich noch zusätzlich schämen. Und heimlich wirst Du nach Gründen dafür suchen, warum Du selber schuld daran bist. Sicher wird Dir jeder sagen, dass Du nicht schuld bist. Aber das ist es ja gerade. Wenn Du schuld wärst, dann hättest Du eine Chance. Dann hättest Du die Möglichkeit, irgendetwas zu ändern, damit es wenigstens nicht noch einmal passiert! Du könntest Dich in Zukunft davor schützen. Aber Du bist nicht schuld, sagt Dir Dein Hirn und Dein Herz glaubt ihm kein Wort. Es fühlt sich einfach verdammt nochmal anders an. So weißt Du, dass Du nicht schuld bist, aber machtlos.

Ob Du verzweifelt dagegen ankämpfen wirst, dass die Vergangenheit Dich jeden einzelnen Tag Deines weiteren Lebens begleitet, darüber zu bestimmen versucht, oder ob Du Dich damit abfinden wirst und resignieren, das kann ich Dir nicht sagen. Das wirst Du selbst herausfinden müssen.

Du kannst mir aber vertrauen wenn ich Dir sage, dass einer der Tage, die vor Dir liegen, Freude und Fröhlichkeit wieder zurückbringen wird. Alles was Du dafür zu tun hast, ist nach vorne zu sehen und den neuen Morgen zu begrüßen.