Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen

Irre gesund 2

Ich onanierte. Nackt lag ich mit dem Rücken auf den kalten Fliesen. Das Badezimmer wurde durch die Lampen zu beiden Seiten des Spiegels beleuchtet. So bot mir die weiß gestrichene Decke einen angenehm reizlosen Anblick. Die Tür war geschlossen. Das Schnarchen meiner beiden Bettnachbarn war kaum noch zu hören, auch das Getrampel auf dem Gang und dieses seltsame Klicken waren verschwunden. Mehr Privatsphäre bekam ich hier nicht.

Ich konnte nicht schlafen. Meine Gedanken rasten wie verrückt. Aufräumen hatte keine Ordnung da rein gebracht. Deshalb lag ich hier und tat, was ich tat. Es war die wirksamste Entspannungsmethode, die ich kannte.

Plötzlich bewegte sich die Klinke und die Tür öffnete sich.

»Oh nein.« Das Gesicht wandte sich sofort ab und eine Hand tastete nach dem Lichtschalter.

Dunkelheit. Mein Herz stand still. Ich setzte mich auf, streckte meine Hand aus, fand den Schalter und es wurde hell. Das gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Kontrolle.

»Stehen Sie bitte auf und ziehen Sie sich an.«

Ich blickte umher und während ich noch versuchte, mit dem Satz etwas anzufangen, schossen weiterhin Gedankenfetzen durch meinen Schädel. Ich sah meinen Bettnachbarn, wie er mir wild gestikulierend erklärt hatte, wo im Badezimmer ich meine Sachen unterbringen durfte und wo sein Bereich sei. Jetzt lag alles durcheinander auf dem Fußboden.

»Schauen Sie mal, das da sieht aus wie Ihre Unterhose«, sagte der Pfleger leise, »ziehen Sie die bitte an.«

Ich sah ihn mit großen Augen an, tat aber wie mir geheißen.

»Sehr schön, Herr Anders, und jetzt legen Sie sich wieder ins Bett.« Er wies mit dem Arm darauf.

Ich schüttelte wild den Kopf.

»Wollen Sie denn gar nicht schlafen«, fragte er, »oder können Sie nicht?«

Ich nickte nur.

»Na, dann kommen Sie mal mit«, forderte er mich auf, »Aber leise. Und ziehen Sie sich was über.«

Schweigend kleidete ich mich an und folgte ihm, heraus aus dem dunklen Dreibettzimmer, über den taghell beleuchteten Flur. An der Wand hing an einer Schnur ein Feuerzeug. Daher kam also das Klicken, das ich gehört hatte. Es roch nach dem Rauch einer Zigarette, die sich eben noch jemand angesteckt haben musste. Es waren also noch mehr Leute wach. Auf der Schwelle zum Dienstzimmer blieb ich stehen.

»Sie können ruhig reinkommen. Setzen Sie sich.« Mit einer Handbewegung deutete er auf einen Stuhl.

Dieser Einladung leistete ich Folge.

»Warum können Sie denn nicht schlafen, Herr Anders?«, fragte der Pfleger freundlich.

Ich zuckte nur mit den Schultern.

»Was hilft Ihnen denn normalerweise beim Einschlafen?«

»Kakao?«

»Ah! Sie können also doch sprechen. Wollen Sie einen Kakao?«

Ich nickte. Hier bekam ich also allen Ernstes mitten in der Nacht noch einen Kakao. Verrückt.

»Schokolade ist gut gegen Depressionen. Mein Therapeut ist auf meiner Seite. Ich habe Angewandte Informatik studiert«, quoll aus mir hervor, »Im Zimmer Jesus und Maria.« Ich blickte den bebrillten Pfleger hilfesuchend an.

»Sie haben studiert?«, fragte er.

»Jesus«, setzte ich nach. »Dem Coach habe ich am Telefon gesagt: ›Ich bin der Messias.‹ Das ist mir aber zu viel Verantwortung.«

»Ich kann Ihnen nicht ganz folgen«, gestand er.

»Berufungscoaching. Der Mann im Zimmer hat gesagt er ist Jesus«, bemühte ich mich.

»Das ist ein Patient, genauso wie Sie«, offenbarte mir der Krankenpfleger. »Sie sind hier im Krankenhaus.«

»Krankenhaus? Ich bin nicht krank! Ich muss zur Arbeit.« Ich stand auf. »Ich will hier raus! Scheiß krankes System!«

»Herr Anders, schreien Sie bitte nicht so«, sagte er ruhig. »Die anderen Patienten wollen schlafen. Setzen Sie sich wieder hin und trinken Sie Ihren Kakao.«

»Ich bin nicht müde, ich will noch nicht ins Bett! Ich bin erwachsen. Sie haben mir nicht zu sagen, wann ich ins Bett gehen soll. Wer sind Sie überhaupt?«

»Schauen Sie mal: Mein Name steht hier auf dem Schild. Ich bin Herr Thostedt, Krankenpfleger.«

So ein schickes Namensschild wollte ich auch haben. Ich setzte mich wieder, griff nach der Tasse Kakao, sog den Duft ein und nippte.

»Ingo Anders, Schriftsteller. Schokolade ist gut gegen Depressionen«, erklärte ich und lächelte.

Am nächsten Tag bekam ich ein Einzelzimmer. Das Bad war frisch renoviert und es roch streng nach Essig. Es gab einen Kleiderschrank, dessen Türen ich abschließen konnte. Darin gab es ein zusätzliches abschließbares Fach. Ich verstaute darin, was ich als Wertsachen empfand – neben Portemonnaie und Laptop auch meine Unterhosen.

Es klopfte an der Tür.

»Hallo? Wer ist da?«, fragte ich.

Die Tür öffnete sich vorsichtig. »Guten Tag, mein Name ist Arndt von Stein, ich bin Genesungsbegleiter.«

Ich beäugte ihn mißtrauisch von oben bis unten. Er trug ganz normale Kleidung, Jeans und Hemd. »Was ist das, Genesungsbegleiter? Kein Kittel, keine Schürze, Sie sehen aus, als hätten Sie Freizeit. Arbeiten Sie hier oder sind Sie Patient?«

»Ich arbeite hier. Genesungsbegleiter bedeutet, dass ich selbst eigene Psychiatrieerfahrung habe und Sie bei Ihrer Genesung begleiten möchte. Depression, Manie, Psychose kenne ich aus eigener Erfahrung.«

»Also waren Sie hier mal Patient? Sind sie noch krank oder schon wieder gesund? Hoffentlich nicht ansteckend! Hat Ihnen Tee geholfen oder Gesundheitslatschen?«, fragte ich.

»Ich war in einem anderen Krankenhaus Patient. Mir haben Medikamente ganz gut geholfen.«

»Medikamente? Achso. Die bekomme ich auch. Kennen Sie den Herrn Thostedt? Das ist ein kranker Pfleger, der kann Kakao machen mitten in der Nacht.«

»Ja, den kenne ich.«

»Der ist nett, der Herr Thostedt«, sagte ich, »Solche Menschen braucht das Land.«

»Das freut mich zu hören.« Er lächelte. »Ich will auch gar nicht länger stören. Ich wollte nur, dass Sie wissen: wenn Sie Gesprächsbedarf haben, Lust auf einen gemeinsamen Spaziergang oder etwas spielen möchten, können Sie sich gerne auch an mich wenden.«

»Danke«, entgegnete ich matt. »Das ist mir alles zu viel im Augenblick. Ich brauche Ruhe und vielleicht ein offenes Ohr für meinen Sprechdurchfall, aber ich will Ihnen auch nicht auf die Nerven gehen, damit Sie mich nicht nerven.«

»Ich sage erstmal tschüss, Herr Anders. Bis bald mal.«

»Bis bald. Gehen Sie, aber gehen Sie mit Gott.« Ich schloß die Tür.

Bald‹ war wenige Tage später. Mittlerweile schlugen die Medikamente gut an und ich konnte wieder vernünftige Sätze bilden und kam nicht ständig von Hölzchen auf Stöckchen. Es war ja nicht so, als wenn mir das nicht selbst aufgefallen wäre, aber ich konnte wenig dagegen machen, kaum Gedanken für mich behalten. Ich war mit einem guten Freund an der Elbe gesessen und er brauchte ausdrücklich Ruhe und ich war nicht in der Lage, mit ihm gemeinsam zu schweigen, ich konnte meinen Mund einfach nicht halten. Das erkannte ich als Problem. Das und dass ich nicht schlafen konnte. Davon abgesehen fühlte ich mich gesund.

»Hattest Du auch schonmal Logorrhoe?«, fragte ich Arndt. Er hatte mir das Du angeboten.

»Ja, das hatte ich auch schon. Die Logorrhoe gehört zu den typischen Symptomen in einer Manie. Da das Denken beschleunigt ist, spricht oder schreibt man auch schneller. Leider geht dabei oft einiges durcheinander.« Er strich seinen Bart. »Ich dachte damals, alle anderen wären einfach langsamer als ich, weil sie weniger intelligent seien. Rückblickend betrachtet ist mir dann klar geworden, dass es an mir und meinem Kauderwelsch lag, dass mir niemand mehr folgen konnte. Dabei war das überhaupt nicht angenehm, mich nicht mehr verständlich machen zu können.«

»Meinst Du, man könnte das ausnutzen, wenn man manisch ist? Also schneller schreiben können ist doch auf jeden Fall von Vorteil für mich als Schriftsteller.«

»Nee, Ingo, da muss ich dringend von abraten. Ich schreibe zwar nur Tagebuch, aber anhanddessen ist mir schon aufgefallen, was für einen Mist ich da zusammengetippt habe. Übrigens ist das auch ein gutes Frühwarnzeichen: Wenn ich vermehrt schreibe, bahnt sich oft eine Hypomanie an.«

»Die Hypomanie ist eine weniger stark ausgeprägte Manie?«

»Richtig. Durch das geringere Schlafbedürfnis steigert sie sich in die Manie und dann kann es ratzfatz in die Psychose gehen.«

»Und kann man das steuern, Arndt, so dass man gar nicht erst in die Manie reinkommt?«

»Also alle meine Versuche, diese Energie irgendwie für mich zu nutzen, haben mich gegen meinen Willen in die Klinik und in die Fixierung gebracht. Du musst natürlich Deine eigenen Erfahrungen machen, aber ich kann Dir schonmal sagen, dass auch alle anderen Betroffenen, die ich kenne, es nicht geschafft haben, die manische Welle erfolgreich zu reiten. Im Gegenteil, viele haben sich sogar verschuldet und viele Freundschaften oder ihren Arbeitsplatz verloren. Sorry Ingo, ich würde Dir gerne etwas Positiveres berichten.«

»Ohje, das hört sich ja echt übel an. Dabei gings mir doch einfach nur supergut, dachte ich.«

»Das ist die Euphorie. Wenn Du erstmal eine dysphorische Manie erlebt hast, erkennst Du auch die Manie als Krankheit und nicht nur die Depression, glaub mir.«

»Ich kann das alles noch gar nicht glauben. Das ging so schnell alles. Ein paar Tage nicht geschlafen und schon lande ich in der Psychiatrie. Dabei war ich fast fertig mit dem Manuskript. Und in meinem Brotberuf falle ich jetzt auch noch aus.«

»Das braucht Zeit, das alles zu verarbeiten«, sagte Arndt.

»Womit Du Dich inzwischen beschäftigen könntest sind Entspannungstechniken wie zum Beispiel die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson.« Er zwinkerte mir schelmisch zu.