Irre gesund

Ich onanierte. Nackt lag ich mit dem Rücken auf den kalten Fliesen. Das Badezimmer wurde durch die Lampen zu beiden Seiten des Spiegels beleuchtet. So bot mir die weiß gestrichene Decke einen angenehm reizlosen Anblick. Die Tür war geschlossen. Das Schnarchen meiner beiden Bettnachbarn war kaum noch zu hören. Mehr Privatsphäre bekam ich hier nicht. Ich konnte nicht schlafen. Meine Gedanken rasten wie verrückt. Aufräumen hatte keine Ordnung da rein gebracht. Deshalb lag ich hier und tat, was ich tat. Es war die wirksamste Entspannungsmethode, die ich kannte.

Plötzlich bewegte sich die Klinke und die Tür öffnete sich.

»Oh nein.« Das Gesicht wandte sich sofort ab und eine Hand tastete nach dem Lichtschalter.

Dunkelheit. Mein Herz stand still. Ich setzte mich auf, streckte meine Hand aus, fand den Schalter und es wurde hell. Das gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Kontrolle.

»Stehen Sie bitte auf und ziehen Sie sich an.« Das Licht ging wieder aus.

Was sollte das? Was wollte dieser Mann von mir?

Er trat einen Schritt auf mich zu, griff mich hart am Arm und zerrte daran.

Es tat weh. Ich gab nach.

»Anziehen.«

Ich gehorchte. Der Schlüpfer lag nicht weit. Schnell stieg ich hinein, zog ihn hoch und sah den Eindringling an.

Er zeigte auf das Bett, das irgendwo im Dunkel des Mehrbettzimmers lag. »Legen Sie sich hin und versuchen Sie zu schlafen.«

»Nein.«

»Herr Anders!« Er packte mich wieder und versuchte, mich aus dem Badezimmer zu schieben.

Ich stemmte die Füße in den Boden und hielt mich am Türrahmen fest.

Er löste meine Finger und erhöhte den Druck.

»Nein!« Ich schrie.

Ich erinnere mich nicht daran, aber man sagt, ich hätte den Pfleger gebissen.

Ganz deutlich habe ich vor Augen, wie ich im Flur gegenüber der Medikamentenausgabe im Bett saß, die Füße fest angebunden und mit den Beinen strampelte, an den Fesseln rüttelte. Umringt von fremden Menschen, die mich anstarrten. Ich schrie und spuckte links und rechts auf den Boden. Eine Frau in weißem Kittel hielt eine Spritze in der Hand und bot mir an, ich dürfe wählen: Freiwillig etwas aus einem kleinen Plastikbecher trinken oder sie müsse mir die Spritze geben. Ich entschied mich für den Becher und schluckte den Rest meiner Menschenwürde herunter. Es brannte in meinem Rachen wie Feuer.

Als ich erwachte, fand ich an Armen und Beinen breite weiße Manschetten. Mein Bett stand in einem Einzelzimmer. Durch das vergitterte Fenster schien die Sonne.

Zehn Tage später.

Die Ärztin lehnte vor mir an der gelben Wand. Ihre Hände versteckte sie hinter sich, der Kittel stand offen.

»Seit Sie die Tabletten regelmäßig einnehmen, geht es Ihnen deutlich besser.«

Skeptisch sah ich sie an. Ich wusste, dass diese Pillen Gift für mein Gehirn waren. Aber da ich mich in einem Krankenhaus in der geschlossenen Psychiatrie befand, und diese Leute fest an deren Wirksamkeit glaubten, führte nach mehreren erfolglosen Fluchtversuchen kein Weg an einer Kooperation vorbei.

»Was habe ich denn nun?«

»Sie wissen, dass Sie eine akute Psychose haben.«

So nannten sie mein Verhalten, ohne zu wissen, warum ich es gezeigt hatte. Das MRT hatte nichts ergeben. Ein Schatten auf den Bildern konnte auf eine Veränderung des Hirngewebes oder auf einen Gerätefehler hindeuten.

»Herr Anders, Sie haben eine schizo-affektive Störung.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Das ist eine chronische Krankheit.«

»Nein, das kann nicht sein. Ich war schon mal depressiv und von mir aus bin ich auch manisch, aber ich bin doch nicht schizo!« Ich war doch nicht verrückt!

»Herr Anders. Sie glaubten sich im Jenseits. Sie glaubten sich in einer Meditation. Sie wollten die Realität, dass Sie sich im Krankenhaus befinden, nicht akzeptieren.«

Ich nickte vorsichtshalber.

»Dann haben Sie in der Visite erzählt, Sie seien schwanger, wollten auf die Wöchnerinnen-Station verlegt werden und verlangten die Untersuchung einer Urinprobe, um ihre Behauptung zu beweisen.«

In meinen Wangen stieg Hitze auf, schnell blickte ich zu Boden.

Einer meiner früheren Fluchtversuche war gewesen, mich in den Schrank zu stellen in der Hoffnung, ich käme wie in der Geschichte meiner Freundin in einem anderen Schrank heraus und so in Freiheit.

Magisch angezogen hatte mich bei meinen Spaziergängen im Flur – nach draußen durfte ich nur in Begleitung – der kleine rote Kasten an der Wand mit dem schwarzen Knopf hinter Glas. Dem Impuls, Feueralarm auszulösen, hatte ich mehrmals erfolgreich widerstanden. Ich war nicht vollständig überzeugt davon gewesen, dass man mich wirklich retten kommen würde. Wahrscheinlicher war, dass man mich für einen Irren halten und mir den Einsatz in Rechnung stellen würde. Außerdem hätte ich dazu die Scheibe einschlagen müssen und wollte mich nicht an den Scherben verletzen.

»Das sind alles deutliche Hinweise auf Wahnvorstellungen«, dozierte sie weiter, »Dazu kommt noch, dass Sie die Krawatte meines Kollegen lila sahen. Das war eine optische Halluzination.«

Lila. Die Vereinigung aus Blau, Männlichkeit, und Rot, Weiblichkeit, zu einer harmonischen Einheit. Hätte ich nicht bei der Ergotherapie das Knetmännchen mit der lila Krawatte versehen und laut gesagt, das wäre jetzt der Oberarzt, wäre niemandem etwas aufgefallen. Auf die Frage des Therapeuten hin hatte ich erklärt, wie mutig ich es fand, als Mann in leitender Position mit lila Krawatte aufzutreten. Es machte mich sehr nachdenklich, dass keinem der anderen dieses Detail aufgefallen war. Was, wenn sie recht hatten und ich tatsächlich Dinge sah, die es nicht gab? Vermutlich eine Nebenwirkung der Medikamente.

»Das alles sind Merkmale, die auf Schizophrenie hindeuten. In Verbindung mit Ihren extremen Stimmungsschwankungen, wie sie auch bipolare Patienten haben, führt das zur Diagnose schizo-affektive Störung.«

»Ich hatte doch einfach nur Angst«, versuchte ich es klein zu reden.

»Gegen die Panikattacken haben die Tabletten ja auch geholfen.« Sie lächelte.

Ich sah weg. Bevor ich in der Klinik eingesperrt und zwangsbehandelt wurde, hatte ich auch keinen Grund zu Misstrauen gehabt und daher auch keine Ängste. Nur ein einziges Mal in meinem Leben hatte ich ein vergleichbares Angstgefühl gehabt und das war während eines Raubüberfalls, bei dem ich gefesselt worden war. Damals hatte die Angst vor einer Wiederholung bis ein halbes Jahr danach angehalten.

Mir war unerklärlich, warum Menschen, die sich zur Aufgabe gemacht hatten, anderen zu helfen, mir so etwas angetan hatten. Man hätte doch einfach mit mir reden können oder wenigstens so tun, als hörte man mir zu.

Wichtiger war jetzt aber, meine Ärztin durch gepflegte Konversation von meiner klaren Geistesverfassung zu überzeugen. Ich sah sie wieder an und nahm noch einmal Bezug auf die Diagnose, die sie bereits zweimal geändert hatte, was ich nicht sehr vertrauenserweckend fand.

»Warum sind Sie sich denn jetzt so sicher?«

»Die Wirksamkeit der Medikamente bestätigt die Diagnose.«

Advertisements