Therapie

»Frau, äh, Herr Mayer…« Mein Therapeut sollte es eigentlich wissen. Vielleicht macht er es ja mit Absicht, um meine Reaktion zu testen. Wenn ich ihn frage, wird er es ohnehin abstreiten.

»Frau Pätz?« Aufgesetztes betont unschuldiges Wimpernklimpern meinerseits. Er macht zuerst ein verdutztes Gesicht, fängt sich dann aber und seine Züge gehen in ein breites Grinsen über.

»Sie wollen mich testen, jaja.« Er nickt zu seiner eigenen Schlussfolgerung.

»Nein«, schüttele ich den Kopf, »Ich will nur, dass Sie eine Vorstellung davon haben, wie das für mich ist.«

»Ich habe mich versprochen. Es tut mir leid. Sowas kommt schonmal vor.« Es tut ihm leid. Und damit ist die Sache für ihn gegessen. Für mich nicht.

»Sowas sollte aber nicht vorkommen, Herr Pätz. Ich habe schon genug Probleme damit.« Mittlerweile sieht er im Zwei-Minuten-Takt hoch zur Uhr hinter mir an der Wand, es muss nach halb sein. Die Stunde endet um zehn vor. Jetzt bleibt keine Zeit mehr, noch in die Tiefe einzusteigen. Das habe ich wieder gut hingekriegt, heute keine Heulerei.

»Ich will Sie ja nur darauf vorbereiten, dass es auch mit anderen Mitmenschen zu Konflikten kommen kann. Wie gehen Sie damit um?«

Ich sehe zu Boden. Als ob da unten die Antwort läge. Mir ist die Fragerei unangenehm, aber ich komme nur mit Reden daran vorbei. Jedes Schweigen meinerseits gibt ihm die Gelegenheit, mir Vorträge zu halten oder Fragen zu stellen. Und dabei bin ich eigentlich schlagfertig. Als ich ihn wieder ansehe, gleitet sein Blick wieder zur Uhr.

»Nagut. Überlegen Sie sich das bis zum nächsten Mal.«