Wegen neulich

Liebe Nachbarn!

Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Ich habe da etwas Grundlegendes verwechselt. Das tut mir sehr leid!

Ich habe das Ganze aus dem falschen Licht gesehen. Ihre geräuschvolle Anwesenheit im Haus belastete und störte mich, da ich dies als ein Eindringen in meine Privatsphäre empfand. Ich fühlte mich bedroht, weil sie mir damit meine kostbare Alleinzeit rauben. Dabei dient das alles meinem Schutz – wie konnte ich das übersehen.

Ich möchte nun gerne, auch weil ich einiges Publikum dabei hatte, kurz mein Ritual, mit dem ich den Winter austrieb und den Sommer begrüßte, kurz erklären:

Die Teller – und da hatte ich wirklich auf Ihr allseitiges Verständnis gehofft warf ich im Gedenken an die bevorstehende Hochzeit. Der große ist ja einem Ufo gleich auf dem Rasen sanft gelandet. Die beiden kleinen, einer schwarz und einer weiß – symbolisch für das Schwarz-Weiss-Denken, Apartheid, Zweigeschlechtersystem etc – sollten ja zersplittern. Wer will denn daran wirklich heute noch festhalten? Paradoxon der Dualität hin oder her, das ist nichts, das Bestand haben sollte.

Als ich die Teller und einige andere Gegenstände wie das Mehl und die Hyanzinthe aus dem Fenster warf, haben Sie, Frau Holle, mich darauf hingewiesen, dass das so aber nicht geht. Natürlich haben Sie da vollkommen recht. Normalerweise sollte man nur die Betten ausschütteln, damit es schneit, meinen Sie.

Zum einen habe ich leider eine Hausstaubmilbenallergie, weshalb mir das Ausschütten von Bettzeug nicht so gut bekommt, und zum anderen leben wir heute in anderen Zeiten.

Was ist mit dem Hunger auf der Welt? Deshalb warf ich das Brot – Brot für die Welt – und auch gleich das Mehl, damit weiteres Brot nachgebacken werden kann. Die Eier waren leider schon aus, aber es hatte ja vor allem Symbolcharakter.

Naja, und die paar Münzen die ich warf.. eigentlich sollte sich ja niemand beklagen, wenn Geld auf der Straße liegt. Ich dachte dabei an das Ritual, eine Münze in einen Wunschbrunnen zu werfen. Ich drehte mich um und warf sie über meine Schulter – so wie sich das gehört. Ich habe eben mehr als nur einen Wunsch und einige davon dringender als andere – darum die Auswahl verschiedener Münzen. Viel hilft viel, dachte ich.

Ich bin nun aber beruhigt zu wissen, dass auch sie mich hören, wenn es mir nicht gut geht und gegebenenfalls eingreifen könnten, indem Sie zum Beispiel die Polizei rufen, damit die mir hilft, wieder zu mir zu finden.

Das werde ich für Sie demnächst auch tun, falls ich ungewöhnliche laute Geräusche aus einer ihrer Wohnung höre, die ich mir nicht erklären kann.

Und ich bedanke mich dafür, dass Sie für mich da sind und auf mich achten. So werde ich künftig beruhigt einschlafen können, wenn ich Getrampel, Geplapper und Gelächter von oben höre, weil ich weiß, dass dies alles meinem Schutz und nicht meiner Belästigung dient.

Für das nächste Jahr hoffe ich nun, dass Sie im Bilde sind und sich keine Sorgen mehr machen, wenn sie mich bei der Ausübung meiner Religion beobachten. Die Freiheit dazu sollte ich in Deutschland haben.