Nachruf auf Onkel Martin

Lieber Martin,

ich weiß es noch wie gestern, als wir im letzten Winter zusammen saßen und es mir so dreckig ging, dass ich mit Dir auf der Stelle den Körper tauschen wollte, was Du dankend – auch unter Verweis auf die Schwierigkeiten der Realisierung – abgelehnt hast, weil das für Dich auch nicht das Richtige gewesen wäre. Jetzt hast Du Deinen doch verlassen.

Vor zwei Wochen erhielt ich eine eMail, die im Betreff nur Deinen Namen hatte und sofort setze mein Herz aus. Meine Befürchtungen bestätigten sich, als ich las, Du seist als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert, dort in ein künstliches Koma versetzt worden und die Sache sei sehr ernst.

Wir beide wussten, Dein nächster Krankenhaus-Aufenthalt würde Dein letzter sein. Du wolltest es nicht, nicht so.

Deine Eltern haben es Dir so gut vorgemacht: Dein Vater ist sanft entschlafen in seinem Lesesessel, dem Ort, an dem er sich stets wohl und geborgen fühlte. Und Deine Mutter hat wie immer ihren Willen gekriegt.

Warum nur musstest Du immer den harten, steinigen Weg gehen, alter Haudegen?

Ich mag mir gar nicht ausmalen, welche Ängste Du ausgestanden haben musst, weil Du alles um Dich herum mitbekamst und doch nicht entfliehen konntest, bevor man Dir das Bewusstsein entriss.

Du konntest erahnen welch Pein mich plagen musste, dass ich mich freiwillig in ein solches Haus begab und mich dort unters Messer legte. Ja, mich sogar neben einer leichten Nervosität auf den Termin freute!

Nach dem Eingriff geht es mir jetzt so gut, ich bin einfach glücklich, ich lebe.

Ich find‘ es so knorke, dass Du Dir echt alles aus dem Leben rausgeholt hast, was da für Dich drin war. Du warst mir damit ein großes Vorbild und hast mich sehr geprägt. Dafür danke ich Dir von ganzem Herzen.

Das ist einfach nicht fair, dass es Dir keinen Ausweg gab. Du warst weiterhin in Deinem verfallenden Körper gefangen, der Dich immer mehr einschränkte. Seit Du Dein Auto nicht mehr erreichen konntest, ging es Dir zusehends schlechter.

Oh, wie oft hatte ich mir vorgenommen, die Wii mitzunehmen und mit Dir am Fernsehbildschirm Autorennen zu fahren. Wenigstens ein bisschen Ersatz, eine Illusion. Und habe es doch nicht getan, stets waren andere Dinge wichtiger.

Wie froh bin ich jetzt, dass ich die im wahrsten Sinne des Wortes letzte Gelegenheit beim Schopfe packte und Dich besuchte, als ich das letzte Mal die Eifel auf meinem Weg lag.

Ich bin erleichtert, dass Du jetzt alle Leiden hinter Dir lassen durftest.

Aber ein „na endlich“ wäre mit Sicherheit keine angemessene Replik gewesen auf die per SMS übermittelte Nachricht, die ich seit Erhalt besagter eMail mit jedem Telefonklingeln und jeder neuen eMail erwartete.

Ach Mensch, mein Lieblingsonkel, ich werde Dich vermissen und doch immer in meinem Herzen bei mir tragen. Ich bin dankbar, dass ich Dich noch so lange begleiten durfte, nachdem wir uns auf der Goldhochzeit meiner Großeltern kennengelernt hatten.

Und dass Du mich getragen hast bis hierher. Sonst wäre ich nämlich noch vor Dir gegangen und das hätte nicht sehr fein ausgesehen.

Woher Du diese Kraft auch noch genommen hast ist mir unbegreiflich.

Wie oft habe ich Dich vor den Kopf gestoßen und Dir auf die Füße getreten in blinder Wut und panischer Angst. Diese Schwächen hast Du mit Größe abgefangen, an die ich mich anlehnen konnte, gabst mir Wärme, Zuversicht und Trost, aus denen Mut erwachsen konnte.

Mit und an Dir bin ich gewachsen und schließlich erwachsen geworden.

Du warst mir mehr als Onkel, auch offenes Ohr, beratender Mentor, schützender Engel, bester Kumpel, weißes Schaf und der Inbegriff der Kraft, die in der Ruhe liegt. Und nicht zuletzt auch einer meiner Väter. Macht nix, bleibt ja in der Familie. 😉

(Nein, nicht so wie ihr jetzt denkt.)

Ich mag Deinen Humor und die Schnodderschnauze, die uns beiden eigen ist, schätze Deinen unschlagbaren Kampfgeist und überhaupt habe ich das Gefühl, den einzigen Bluts- und Seelenverwandten in Personalunion verloren zu haben.

Ich hab Dir das zwar nie gesagt, wie sehr ich Dich liebe, aber ich bin überzeugt davon, dass Du es trotzdem gespürt hast, weil wir uns so oft auch ohne Worte verstanden haben.

Auch wenn das „für Mädchen“ ist, ich kann jetzt endlich weinen.

Endlich, nachdem ich zwei Tage lang innerlich geschrien haben wie ein waidwundes Tier und anderen Menschen wider Willen weh getan habe, weil ich die letzten Tage nur noch auf Automatik fuhr. Das Tanzen bis mir alle Knochen weh tun heute nacht hat mir gut geholfen, dadurch fühle ich mich Dir sehr nahe.

Die Tränen rinnen, tropfen und trocknen und das tut gut.

Hey, Martin, Du bist doch bestimmt mit von der Partie bei Deiner Abschiedsparty?

Wär kuhl, ich bin auf jeden Fall dabei.

Nochmal danke für alles und hau rein, Alter.

Wir seh’n uns. Irgendwann.

Wenn die Zeit gekommen ist.

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