Aufgewacht

»Opa, ich kann nicht schlafen!«, plärrte die Kleine.

»Na was ist denn, Maria-Kindchen?«

»Der Fips piekst so arg«, schluchzte Maria und streckte die Ärmchen aus, den Plüschaffen fest umklammert. Opa nahm das Mädel auf den Schoss und dachte daran, wie oft er den ollen Affen nun schon geflickt hatte.

Ein Auge hatte sich abgelöst und war auf Nimmerwiedersehen verschwunden; dies gehörte zu den ersten Reparaturen, die er an dem Stofftier durchgeführt hatte. Seitdem hatte Affe Fips ein rundes Knopfauge, das im Vergleich zu dem anderen recht wackelig war und ohne farbige Iris recht bescheiden abschnitt. Maria hatte selbst entschieden, dass Fips keine Brille verordnet bekommen sollte. »Dann ist er ja nicht mehr so kuschelig«, hatte sie ihm verschämt ins Ohr geflüstert. Spätere Operationen wie die kaputte Hose oder der abgefallene Schwanz gingen dem Mädchen weniger nahe.

»Wie lange stört der Fips dich denn schon beim Schlafen?«

»Schon gaanz lange… aber ich hab ihn lieb!«

»Wie lange?«

»Als ich Geburtstag hatte zum Beispiel.«

Marias vierter Geburtstag lag mittlerweile ein halbes Jahr zurück. Langsam sollte sie lernen, dass man sich im Leben von Zeit zu Zeit von Altbewährtem trennen muss. Gerade dann, wenn man sich bei weiterem Festhalten daran nur selbst schadet.

»Schmeiss wech«, sagte Opa und wiegte Maria in den Schlaf.

Als ihre Atemzüge ruhig und gleichmäßig waren, brachte er sie zurück ins Kinderzimmer und deckte sie behutsam zu. Die Türe ließ er einen Spalt breit offenstehen und zog sich ins Wohnzimmer zurück, um in seinem bequemen Ledersessel noch ein wenig zu lesen. Er legte die Füße hoch und lehnte sich zurück. Kaum hatte er sich in seine Lektüre vertieft, da vernahm er Geräusche aus Richtung des Kinderzimmers. Er blickte auf und meinte, ein Ächzen oder Stöhnen zu hören.

»Opa, nein!«, murmelte Maria und warf den Kopf hin und her, wobei ihr kleiner Körper derart zappelte, dass das Bettchen wackelte. Offensichtlich hatte die Kleine einen Alptraum. Ob er sie wecken sollte? Da schlug sie auch schon die Augen auf.

Mit tränennassem Gesicht sah sie ihn an. »Nicht Fips wegschmeißen, bitte! Wo ist Fips?«, blickte sie ängstlich um sich. »Keine Angst, Kindchen«, sagte Opa und hob das Stofftier vom Fußboden auf. »Hier ist dein Äffchen. Er war nur aus dem Bett gefallen. Alles ist gut«, beruhigte er sie mit einem warmen Lächeln und drückte ihr das Kuscheltier in die Hand.

Sie würde noch einige Zeit brauchen, um Loslassen zu können. Aber das machte nichts, sie hatten ja alle Zeit der Welt.

 

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