Skala Seibsteinschätzung der Stimmung

Zur Mitte finden

Um zu dieser ominösen Mitte finden zu können, muss man zunächst einmal wissen, worum es sich dabei überhaupt handelt. Gemeint ist ein Zustand von Ausgeglichenheit, der auch als Gleichmut bezeichnet werden kann. Angestrebt ist ein Moment angenehmer Entspannung, in dem man sich ausreichend nach außen geschützt fühlt.

Mitte: 0 = Ausgeglichenheit
Die Mitte: Ausgeglichenheit

Wenn man gerade sehr dünnhäutig ist, ist man nicht in seiner Mitte. Dabei geht es allerdings auch nicht um eine derartige Abschottung, dass man sich bis in die Isolation zurückzieht. Auch die Haltung, alles sei „scheißegal“, ist nicht gemeint, auch wenn man in dem Moment so sehr bei sich ist, dass einem vieles im Außen gleichgültig erscheint. Diese Mitte ist ein Gleichgewicht aus gehobener und gedrückter, eben mittiger Stimmungslage.

Ich selbst habe vor meiner Erkrankung nie so sehr auf mich geachtet, dass es mir je aufgefallen wäre, wenn ich in meiner Mitte war. Dabei war ich da ganz oft, wie ich jetzt im Nachhinein sagen kann. Es war mir nur nie so wichtig. Es ist also nicht schlimm, wenn Du diesen Zustand nicht sofort erkennst. Dabei macht die Übung den Meister. Beobachtet man sich täglich, wird man schnellere Fortschritte erreichen als wenn man sich nur einmal in der Woche fragt, wie es einem geht.

Mir hat sehr geholfen, für ein Quartal einen Stimmungskalender zu führen, um meine Zustände besser einschätzen zu lernen. Aus dieser Erfahrung heraus haben meine Genesungsbegleiter mit mir zusammen eine Skala erarbeitet, anhand derer man sich selbst mit seiner aktuellen Stimmungslage besser einordnen kann. Dabei findet sich die besagte Mitte als Null repräsentiert und die Abweichung der Stimmung in Richtung der Extreme Manie und Depression wird mit Werten von bis zu +5 (Manie) bzw. -5 (Depression) bewertet.

Die verschiedenen Zustände haben wir oberhalb der Skala mit Stichworten beschrieben und um die Selbsteinschätzung zu erleichtern, haben wir unterhalb der Skala mögliche Selbstaussagen, die für solche Gefühlslagen zutreffen können, beispielhaft angeführt.


– 5: „Mein tiefster Tiefpunkt.“

– 4: „Es hat doch eh alles keinen Sinn.“, „Ich kriege den Hintern nicht hoch.“

– 3: „Ich kann mich nicht entscheiden.“, „Ich bin hin- und hergerissen.“, „Alle sind gegen mich.“

– 2: „Ich weiß nichts mit meiner Zeit anzufangen.“, „Es fällt mir schwer, mich zu verabreden.“

– 1: „Mir fällt nichts ein.“

0: „Ich fühle mich rundum wohl.“

+1: „Ich schwebe auf Wolke 7“, „Ich habe gute Laune / einen guten Tag.“

+2: „Ich fühle mich gesund, kann aber noch Hilfe annehmen.“

+3: „Ich plapper wie ein Wasserfall.“, „Ich kann den Mund nicht mehr halten.“

+4: „Zähne putzen gelingt mir nur noch mit Unterstützung.“, „Es fällt mir sehr schwer, mich verständlich zu machen.“

+5: „…“


Da ich auf dem Gipfel der Psychose gar nicht mehr sprechen konnte (wohl aber noch schreiben), habe ich dazu keine Aussage. Auch auf der Stufe +4 ist mein Denken bereits so inkohärent, dass so wohlgeformte Sätze wie sie hier als Beispiel stehen, mir nicht mehr über die Lippen kämen.

Zur Mitte finden kann man, indem man sie zunächst einmal wahrnimmt, wenn sie sich von selbst einstellt. Dies habe ich mithilfe eines Stimmungskalenders beobachtet.

Dabei habe ich mich von grob nach fein herangetastet. Anfangs habe ich das mein Gefühl keinerlei Werten oder sonstigem zugeordnet, sondern einfach aus dem Bauch heraus ein Kreuz in der Mitte der Tabelle gemacht oder je nach Gefühl mehr oder minder weit weg von der Mitte.

Zur Unterstützung bei der Selbstbeobachtung habe ich folgendes Tagesprotokoll zur Verbesserung der Achtsamkeit auf die eigene Stimmungslage entwickelt: Zum Download

Etwas Orientierung haben mir meine bisherigen Extremerfahrungen geboten, so dass ich ungefähr grob abgrenzen konnte, als ich dann als nächstes untersuchte, ob ich mich im Bereich von „normal“ befinde (obige Skala: etwa -0,5 bis +0,5), bei „Manie leicht“ (obige Skala: +1) oder bei schon bei „Manie mäßig“ (obige Skala: +2) oder „Depression mäßig“ (obige Skala: -1 bis -2) oder „Depression deutlich“ (obige Skala: -3).

Zur jetzigen Skala habe ich bzw. haben wir gefunden, indem ich etwa einen Monat lang meine Stimmung zwischen -100 bis +100 einstufte, was natürlich eine sehr viel genauere und feinere Wahrnehmung verlangt. Nur so bin ich der Schwelle zwischen „normal“ und „Manie leicht“ gewahr geworden und erst durch die Verwendung der Null für die gedachte Mitte sind mir diese Momente von Ausgeglichenheit sehr bewusst geworden.

Dabei habe ich bemerkt, dass dieses ideale Gleichgewicht immer nur für einen vorübergehenden Moment erreichbar ist und ich am selben Tag sowohl dünnhäutig und gereizt als auch ausgeglichen sein kann. Natürlich unternehme ich gezielt Bemühungen, mich auszugleichen, wenn ich bemerke, dass es mir nicht gut geht, zB weil ich gereizt bin oder meine Stimmung deutlich gedrückt oder zu sehr gehoben ist.

Unter Was mir geholfen hat habe ich einige Selbsthilfestrategien aufgeführt, die ich je nach Stimmungslage anwende, um in der Mitte zu bleiben oder dahin zurückzufinden.

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