Krankheit als Weg

 

Die beste Vorsorge gegen Depressionen ist die Beantwortung der Sinnfrage. Diese Fragen nach dem Warum, Wieso und Weshalb, nach dem Sinn in unserem Tun, nach unserer Aufgabe hier auf Erden, werden nicht umsonst laut – sie wollen beantwortet werden.

Mir hat hier am meisten geholfen, mich für Spiritualität zu öffnen. Eine andere als eine sehr persönliche und individuelle Antwort auf die Frage nach dem Sinn einer Erkrankung kann es meiner Meinung nach nicht geben. Das einzige, was ich zu pauschalisieren wage, ist der Satz: Krankheit als Weg.

Der Begriff des Benefit Finding ist bekannt aus dem Umfeld schwerer Krankheiten wie Krebs oder Aids, begegnete mir aber in einer Vorlesung über den Sinn und Unsinn von Psychosen. Dabei geht es nicht um die Forschung danach, welchen Sinn eine Krankheit objektiv hat, sondern um das Finden einer ganz persönlichen Bedeutung, die der Patient seiner Krankheit verleiht.

Mich hat meine Psychose zu meinem Glauben zurückgeführt.

Lange Jahre habe ich mich dagegen gewehrt, daran zu glauben, dass es den Einen geben könnte, der mich so liebt, wie ich bin. Es konnte doch gar nicht alles richtig sein, so voller Widersprüche erlebte ich die Welt und völlig unlogisch erschien mir das Konstrukt eines Gottes, wie er mir von den Protestanten präsentiert worden war.

Stattdessen habe ich es vorgezogen zu glauben, alle Welt würde mich hassen. Dabei war ich derjenige, dem es an Liebe mangelte – an Selbstliebe. Dabei vermisste ich gerade diese Liebe sehr schmerzlich und suchte sie immer wieder im Außen. Ich fühlte mich nicht angenommen wie ich bin – weil ich mich selbst so nicht annehmen wollte oder konnte.

Und wenn ich ganz ehrlich zu mir gewesen bin, dann konnte ich mir eingestehen, dass ich sehr gerne weniger gezweifelt und mehr geglaubt hätte. Aber zu mehr als zu einem Agnostiker hatte ich es leider nicht gebracht.

In der Manie bzw den Vorläufern der Psychose schließlich brach sich die geballte bislang unterdrückte Spiritualität mit Gewalt Bahn. Ich war wie besessen von den Lehren Rüdiger Dahlkes, deutete jeden einzelnen Pickel und versuchte zu ergründen, was mein Körper mir damit sagen wolle.

Meinem Berufungscoach gegenüber erwähnte ich, mich augenblicklich für den Messias zu halten, zog den Beruf des Menschenfischers jedoch nicht ernsthaft in Betracht und liebäugelte wieder mit einer Tätigkeit als Müllmann. Dabei gibt es doch sehr viele Bereiche, in denen charismatische Führungspersönlichkeiten sehr gefragt und auch sehr gut bezahlt sind. Da macht mir wieder meine Bescheidenheit einen Strich durch die Rechnung.

Auch mein Glaube an mich selbst, jahrzehntelang in vorauseilendem Gehorsam viel zu klein gehalten, wurde urplötzlich riesengroß und gipfelte in Größenwahn: Ich konnte alles erreichen, was ich erreichen wollte – nur leider gab es so viel zu tun, dass mir die Zeit fehlte, eine Sache zu Ende zu bringen, weil unbedingt sofort die nächste in Angriff nehmen musste.

Was von dem Wahn bleibt, sind ein paar weitere Mosaiksteine an Selbsterkenntnis – manche davon haben in ihrer Kombination von ihrer Wirkung her das Ausmaß von Findlingen.

Mitten in der Psychose spürte ich eine unglaublich starke spirituelle Kraft, ein Gefühl von einer Einheit mit den Elementen und mit der Welt, eine tiefe Verbundenheit, die ich sehr lange ersehnt und stets vermisst hatte. Wenn ich beginne, an Bodenhaftung zu verlieren, wird dieser Kontakt wieder deutlicher spürbar.

Achte ich aber auf meine Verbundenheit zur allgemeinhin anerkannten Realität und bleibe gleichzeitig offen dafür, dass da auch mehr sein könnte, als die Schulweisheit bislang anerkannt hat, gelingt mir eben dieser Spagat, durch den ich in meiner Mitte bleiben kann:

Fest verwurzelt in der Erde, offen für die Schätze des Himmels

(aus einem Lied)

Sollte es mich noch einmal ereilen, dass ich in so ein finsteres Tal wie das meiner schweren Depression (2009-2011) oder das nach meiner ersten und manischen Psychose (2012-2013) stolpere, dann möchte ich glauben dürfen, dass da ein Hirte ist und mir an nichts mangelt.

Damit ich mir das auch nicht nur einbilde, und um sozusagen auf Nummer Sicher zu gehen, lasse ich mich ambulant betreuen und so sind da wirklich Menschen, deren Job es ist, auf mich aufzupassen, wenn es hart auf hart kommt und mich ansonsten einfach zu begleiten – jederzeit bereit, mich zu stützen und mir Halt zu geben. Für mich sind das irdische Schutzengel.

In der Therapie ging und geht es dann immer wieder ganz bewusst ums Austauschen dieser alten selbstdestruktiven Glaubenssätze („Keiner mag mich!“, „Ich bin es nicht wert, dass man sich Zeit für mich nimmt – jedenfalls nicht, wenn die andere Person gerade arbeitet.“, ..) und um das Suchen neuer Glaubenssätze, die mich stattdessen mit Hoffnung und Zuversicht erfüllen und mir Kraft geben.

Auf diese Weise habe ich gelernt, wieder vertrauen zu dürfen. Meine Gefühle haben zu ihrer Berechtigung zurückgefunden. Meine Intuition erfüllt wieder ihre ursprüngliche Aufgabe, mir als Navigationshilfe zu dienen. Ich lasse mich bewusst von meinem Herzen leiten – nicht impulsiv, sondern mit Bedacht.

Ich liebe Dich, mein Kind, und ich werde immer für Dich da sein.

(Mein Versprechen an mein inneres Kind. Für mich aktive Übernahme meiner Eigenverantwortung und gelebte Selbstbestimmung, indem ich mich in beiden Rollen zugleich wahrnehme: Als Beschützer und Schutzbefohlener.)

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