Filzstiftzeichnung: Zwei Fässer, in die es hineinregnet.

Hochsensibilität und Vulnerabilität

Exkurs: Hochsensibilität 

Den Begriff Hochsensibilität lernte ich kennen durch das Buch Zart besaitet von Georg Parlow. Die vier Hauptkriterien, die hochsensible Personen (HSP) von den Nicht-HSP unterscheiden, sind  nach Elaine Aron Verarbeitungstiefe, Übererregbarkeit, emotionale Intensität und Sinnessensibilität.

Biologische Grundlage hierfür ist, dass die neurologischen Filter durchlässiger für Reize sind, so dass permanent eine größere Reizoffenheit vorherrscht. Damit ist die Menge der vom Gehirn bewusst zu verarbeitenden Daten (vergl. Regen über den Fässern obiger Abbildung) sehr viel größer als bei den Nicht-HSP.

Wer selbst keine HSP ist und sich dennoch tiefer mit dem Thema vertraut machen möchte, dem sei Hochsensible Menschen im Coaching von Ulrike Hensel empfohlen, weil diese sich explizit an Menschen richtet, die selbst nicht hochsensibel sind, aber ihren Umgang mit Hochsensiblen verbessern möchten.

Auch im Internet gibt es die Möglichkeit, Näheres zur Thematik zu erfahren. Als Beispiel sei diese Linksammlung genannt: Bunter Mix

Eine ähnliche Zeichnung wie die obige habe ich einmal gesehen, bei der die Regenwolken gleich groß waren, aber das eine Fass war kleiner. Das finde ich keine zutreffende Beschreibung von Hochsensibilität, denn wenn man beachtet, was und wie viel ich als HSP verarbeiten muss, dann müsste mein Fass im Vergleich eher noch größer ausfallen. Um einem Schwanzvergleich mit Nicht-HSP zu entgehen, habe ich den einfallenden Regen, der die auf mich einprasselnden Reize darstellen soll, angepasst.

Exkurs: Vulnerabilität 

Zunächst einmal bedeutet Vulnerabilität „Verletzlichkeit“ und ist damit für mich nicht positiv belegt. Es ist eine Empfindlichkeit, bei der der Schwerpunkt nicht auf Empfindsamkeit liegt sondern auf einem fehlenden Schutz.

Den Begriff Vulnerabilität habe ich kennengelernt in der Tagesklinik im Zusammenhang mit dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell, welches versucht, zu ergründen, warum manche Menschen eher zu psychischen Krankheiten (hier: Psychosen) neigen als andere.

Faktoren wie eine wie auch immer geartete Kindheit sind keine, an denen gedreht werden kann. Liegt aber eine genetische Disposition wie eine Hochsensibilität vor, ist es durchaus sehr hilfreich, den damit verbundenen Bedürfnissen Rechnung zu tragen und den eigenen Alltag darauf abzustimmen.

Das bedeutet nun nicht, dass ich fortan unter einer Käseglocke leben möchte – ich möchte am Leben teilhaben auf eine Weise, die mich nicht permanent überfordert, dadurch, dass ich versuche, ein anderer (eine Nicht-HSP) zu sein.

Aus meiner Sicht ist die im Vulnerabilitäts-Stress-Modell beschriebene Vulnerabilität genau die Kehrseite der Hochsensibilität. Diese kommt zum Tragen, wenn jemand mit dem Umgang mit seiner eigenen Sensibilität oder dem Handhaben mit seiner Ressourcen in unserer heutigen Welt überfordert ist. Das trifft auf immer mehr Menschen zu, weil die Informationsdichte zunehmend höher ist.

Damit möchte ich nicht sagen, alle Menschen, die Psychosen erfahren, seien hochsensibel. Die Reizüberflutung ist nur einer der vier Wege in die Psychose und es geht mir um die Überforderung mit der eigenen Sensibilität, nicht um deren Ausmaß.

Den Begriff „Reizoffenheit“ habe ich in der Akutklinik kennengelernt. Tatsächlich war ich zu dem Zeitpunkt reizoffen wie noch nie und war dort auch sehr viel mehr Reizen ausgesetzt als in meinem normalen Alltag, was zu einer sofortigen Verschlechterung meiner psychischen Verfassung führte.

Jedoch bin ich als HSP im Vergleich zu Nicht-HSP auch in meinem Normalzustand bei höchstem Wohlgefühl und Ausgeglichenheit „reizoffener“ (s.o.) – ich nehme einfach sehr viel mehr bewusst wahr, was andere erst mühsam in etlichen Stunden Körperarbeit erlernen müssen. Ich brauchte meine Aufmerksamkeit gar nicht erst gezielt schärfen, mir geht es lediglich um das Lenken meines Fokus weg von dem, was ich gerade nicht wahrnehmen will.

Bevor ich die Diagnose schizo-affektive Störung erhalten habe, wusste ich bereits, dass ich hochsensibel bin – natürlich schenkte man mir in der Klinik keinen Glauben. Nicht hinsichtlich der Klarheit meiner Gedanken, nicht hinsichtlich meines Ruhe- und Rückzugsbedarfs und natürlich erst recht nicht hinsichtlich meiner Überempfindlichkeit auf Medikamente aller Art.

Auch noch fast vier Jahre danach bin ich mir häufig unsicher, ob ich meiner Wahrnehmung wieder trauen darf. Dabei bestätigt sich jedes Mal, dass ich die Aufmerksamkeit der Menschen in meinem Umfeld auf das lenken kann, das ich gerade wahrnehme. Ich halluziniere so gut wie nie und wenn, dann erkenne ich diese Halluzinationen, was sie streng nach Definition zu Pseudo-Halluzinationen macht.

Ja, ich bin nach wie vor sehr verletzt durch die damaligen Grenzüberschreitungen und wütend darüber, dass mir das widerfahren ist.

Um noch einmal auf den Punkt zu kommen: Sobald ich lernte, mit mir selbst richtig umzugehen, mich rechtzeitig zurückzuziehen, Pausen zu machen und für mich zur Regeneration zu nutzen und keine Wunder mehr von mir zu erwarten, war ich plötzlich nicht mehr vulnerabel, sondern „nur noch“ hochsensibel und damit genesen.

Seit ich mich nicht mehr als Opfer (der Umstände, meiner Erkrankung, …) betrachte, sondern mir meiner Eigenverantwortung bewusst bin und aktiv mein Leben gestalte, kann ich meine Sensibilität auch als Segen erleben – nicht mehr nur als Fluch, unter dem ich leide. Vielleicht war es notwendig, mir meine Eigenverantwortung zu nehmen, damit ich mich darauf besinnen kann.

Ich behaupte, dass kann jeder: Sein Leben in die Hand nehmen und von der Überforderung in die Kraft kommen.

Dazu gebloggt

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