Wo war ich nur in der Nacht von Freitag auf Montag?

Diagnose = Störung?

Vorweg: Eine Diagnose ist ein Abrechnungsschlüssel für Behandler gegenüber der Krankenkasse und das sollte sie auch bleiben und nicht zur Identitätsstiftung herangezogen werden.

Trotzdem ich mir dessen sehr bewusst war, ist es mir nicht gelungen, mich gänzlich davon zu distanzieren. Auch ich dachte irgendwann: „Aha, so bin ich also, weil ich diese schizo-affektive Störung habe.“ Vieles sprach dafür, da vieles von den Diagnosekriterien auf mich zuzutreffen schien.

Mit der Nennung des Diagnosebildes der schizo-affektiven Störung ist meiner Meinung nach in erster Linie gesagt, dass ich sowohl bei Manie und Depression als auch bei Psychosen mitreden kann. Erfahrungen aus allen diesen Bereichen habe ich in mir vereint. Hierfür habe ich jeweils eigene Seiten erstellt, die ich dieser Diagnose untergeordnet habe.

Bereits das Erleben einer Psychose für sich genommen stellt eine seelische Erschütterung dar. Der Erhalt einer solchen Diagnose, die beinhaltet, dass man auf seine eigene Wahrnehmung nicht mehr voll vertrauen darf und die sogar Krankheitsuneinsichtigkeit als Symptom benennt, schlägt in diesen Bruch in der Biographie eine noch viel tiefere Kerbe. Mich zwang diese Fremdbeschreibung durch die Erstdiagnostikerin, die von vielen übernommen wurde, dazu, mich erneut komplett infrage zu stellen.

Dadurch, all meiner bisherigen Identität (die ohnehin noch auf recht wackeligen Füssen stan) beraubt, suchte ich natürlich überall nach Halt und Orientierung und fand diesen eben auch früher oder später in diesem Krankheitsbild. Mein Bildungsauftrag war klar: Finde heraus, wie Du es anstellst, nie wieder psychotisch zu werden und auch manischen und depressiven Phasen vorbeugst. Ich suchte die Gesellschaft anderer Psychotiker sowie bipolarer Menschen, tauschte mich aus, verglich Erfahrungen, ordnete mich ein.

Ich bin sehr froh, recht frühzeitig eine passende Diagnose erhalten zu haben und  nicht erst reihum bei den Depressiven, bei den Psychotikern und bei den Bipolaren in Gruppen gesteckt worden zu sein, in die ich doch nie richtig reinpassen werde. Noch besser aber gefällt mir der Umstand, dass ich zwischen den akuten Episoden gesund bin.

 

Damit ist nichts gesagt darüber, wie mein Leben in der Zukunft verlaufen wird. Ich lasse mir jedenfalls nicht vorschreiben, nun nach Erhalt der Diagnose nicht mehr am Leben teilhaben zu dürfen oder dies ausschließlich unter Bekleidung der Patienten- und Krankenrolle zu tun. Ich habe fest vor, mich erneut auf dem ersten Arbeitsmarkt zu behaupten.

Es gibt keine Gesunden. Es gibt nur schlecht Diagnostizierte.

(Malte Johannsen, Integrierte Versorgung Hamburg-Süd)

 

Vier Jahre nach dem ersten Kontakt mit der Psychiatrie ist mir nun „nur noch“ eine bipolare Störung diagnostiziert worden.

Ob das nun bedeutet, dass ich gelernt habe, Psychosen vorzubeugen oder mir nichts anmerken zu lassen und rasch genug wieder heraus und auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren? Oder war es doch, wie ich von Anfang an sagte, eine falsche Diagnose damals? Spielt doch gar keine Rolle für meinen Alltag.

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