Die Diagnose F64.0 vs. Lebensrealität von trans*

Es wird Zeit, auch die „Altlasten“ aufzuarbeiten. Anfang Mai habe ich die Transtagung in München besucht und hatte aus diesem Anlass eine Aktionswoche gestartet. Nun habe ich euch noch einiges aus den von mir besuchten Workshops zu berichten.

Ich denke, dass viele Menschen, die sich niemals mit der Thematik auseinandersetzen mussten, überhaupt keine Vorstellung davon haben, welche Steine Transmenschen heute immer noch in den Weg gelegt werden.

Ähnlich dem Umstand, dass viele (zumeist heterosexuellen) Menschen nicht wissen, dass Schwule kein Blut spenden dürfen einfach aufgrund ihrer offen eingeräumten sexuellen Präferenz – ganz klarer Fall von Diskriminierung, aber nicht das Wichtigste auf der (schwulen) Agenda, da dies ja in erster Linie der (heterosexuellen) Mehrheit der Bevölkerung schadet und nicht den Schwulen selbst.

Als ich im Jahre 2008 dem inneren Druck nicht mehr standhalten konnte und mich zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen entschied, was auch immer damit auf mich zukommen würde, war das ganz klar eine Entscheidung für mein Leben. Die theoretische Alternative wäre für mich gewesen, mein Leben auf andere Weise zu beenden. Anders als für meinen Urgroßvater ist für mich der Freitod nie eine wirkliche Option gewesen.

Ausführlich kann mein gesamter Weg der Geschlechtsangleichung in allen Schattierungen mit Höhen und Tiefen in der Kategorie TransWeg nachgelesen werden.

Ganz kurz ein Überblick über meinen Weg für thematische Neueinsteiger:

  1. Therapeut suchen, da der Therapeut die Indikation für die Hormone ausstellt und somit dem Endokrinologen die Verantwortung abnimmt. Ohne 18 Monate Therapie keine Kostenübernahme durch die Krankenkasse für OPs. Ohne Diagnose keine Hormone und keine OPs, mit F-Diagnose allerdings auch für die nächsten fünf Jahre keine Versicherung mit Gesundheitsfragen mehr. Therapeuten haben idR lange Wartelisten, was umso grausamer ist, wenn man sich erst dann zu einem Besuch durchringen kann, nachdem man seine Entscheidung zu einer Angleichung bereits getroffen hat.
  2. Selbsthilfegruppe (auf)suchen, da die Therapeuten idR nicht persönlich betroffen sind und daher manche Fragestellungen und Gedankengänge nicht nachvollziehen können. Zudem verweisen viele der Personen, die die sogenannte Begleittherapie übernehmen auch an die Selbsthilfegruppen. In den Gruppen erfährt man, welche Gutachter empfohlen werden, welche Ärzte trans*sensibel sind und trifft auf eine Peergroup, die sehr viel Halt für die Zeit der Transition und darüber hinaus geben kann.
  3. Antrag auf Vornamens- und Personenstandsänderung stellen und dem Gericht zwei Gutachter vorschlagen. Diese Gutachten wird später die Krankenkasse zur Vorlage beim MDK verlangen, obwohl sie darauf kein Anrecht haben – ist billiger, da das Gericht oder der Antragsteller die Kosten dafür trägt. Auf diese Weise verschränken sich die ursprünglich getrennten Angleichungsprozesse der rechtlichen und medizinischen Ebene. Die soziale Ebene geht ohnehin mit beiden einher. Den Antrag bei der Krankenkasse erst nach Ablauf der anderthalb Jahre Therapie stellen, weil sonst postwendend eine Ablehnung erfolgt.
  4. Warten. Auf den Therapieplatz, auf die Antwort des Gerichts, auf die Indikation für Testo, auf den ersten Termin beim Endo, auf das Wirken der Hormone, auf die Erstellung der Gutachten, auf die Kostenzusage der Krankenkasse, auf den OP-Termin. Warten, warten, warten. Ich hatte Glück; bei mir ging der Papierkram innerhalb von zwei Jahren über die Bühne und ich brauchte danach (auch dank der therapeutischen Begleitung infolge der Psychose) nur noch vier Jahre, um mich in der neuen Geschlechtsrolle zurechtzufinden. (Natürlich gibt es auch Menschen, die einfach nur trans* und nicht psychisch krank sind. Diese kommen ganz anders zurecht, wenn sie nicht wie ich durch den Prozess erkranken.)

In diesem Beitrag geht es mir rund um die Diagnose F 64.0 Transsexualismus mit ihrer Auswirkung auf den Lebensalltag auf Antragsteller_innen geschlechtsangleichender Maßnahmen (2009 bis heute) während der Transition und um die Frage der Treffsicherheit der zugrundeliegenden Diagnosekriterien.

2009 wurden ohne Teilhabe von Transleuten Behandlungs- und Begutachtungsrichtlinien für die Medizinischen Dienste der Krankenkassen erlassen. Diese wurden 2010 publiziert in „blickpunkt der mann Wissenschaftliches Journal für Männergesundheit“.

Die Folge – abgesehen von der Verschleppung sämtlicher in 2009 gestellter Anträge auf Kostenübernahme wegen geschlechtsangleichender Maßnahmen – sind starre Fristen, Therapiezwang und ein sogenannter „Alltagstest“ (nichts anders als ein erforderliches Zwangsouting u.a. beim Arbeitgeber, da man bei abweichenden Geschlechtsmerkmalen nicht testen kann, wie es denn wäre, wenn es denn anders wäre.)

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Reinhard Mey gibt mir Musik

Von klein auf erinnere ich die Stimme von Reinhard Mey in meinem Ohr, wenn es ans Einschlafen ging. Diese Stimme war und ist mir vertrauter als die meines eigenen Vaters. Wenn ich sie heute höre, gibt sie mir das Gefühl von Geborgenheit und Trost bei Einsamkeit.

Ich kann mich da gar nicht auf ein besonderes Lieblingslied festlegen. Mich derzeit besonders berührende Lieder sind:

  • 51er Kapitän
  • Gib mir Musik!
  • Ich glaube, so ist sie
  • Frei

Dabei ist zugegebenermaßen der 51er Kapitän schon längere Zeit unter den Favoriten. Das liegt daran, dass ich mir seinerzeit vorstellte, dass mein zuerst verstorbener Onkel nach dessen Tod sicher meinen Vater in einem Rennwagen abgeholt habe, da mein Onkel eigentlich Rennfahrer hatte werden wollen und leidenschaftlich die Formel 1 verfolgte. „Reinhard Mey gibt mir Musik“ weiterlesen

Elbstrand nahe Bushaltestelle Friedhof Finkenriek, Wilhelmsburg

Transmann am Elbstrand gesehen!

Sonntag, 22. Mai 2016

Ja, das ist eine Schlagzeile.

Warum?

Es ist doch nichts dabei.

Wenn ihr mir eure Nacktheit zumutet, eure blanken Bäuche der Sonne entgegenreckt, euch ungeplant in alltäglicher Unterwäsche präsentiert und sogar  – auch bebuste Menschen (!) – oben ohne zu sehen sind, dann schließe ich mich dem bunten Treiben einfach an.

Es ist Sommer!

Es ist Sommer und ich tu mal so als wenn das heute ein guter Tag werden soll_Lysander

Es sind 28 Grad und in der direkten Sonne ist es mir zu heiß, so dass ich mir einen Platz unweit der mich mit vorbeifahrenden Zügen beschallenden S-Bahnbrücke im Halbschatten gesucht habe, wo ich sowohl einen Blick auf das Wasser als auch auf eine Ansammlung von Bäumen habe, die sich vielleicht für ein Wäldchen hält.

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Zurück auf Los: Genesung, wie war das nochmal?

Meine Genesungsbegleiterin gab mir am Mittwoch einen Zettel nochmal, den ich vor einer gefühlten Ewigkeit, am 12.03.14, schonmal von ihr erhalten und in de Folge abgeheftet hatte – damals als Teilnehmer der Genesungsgruppe 1.

Momentan pausiere ich mit der Teilnahme an der Genesungsgruppe 2 und werde im August zur Vorbereitung auf meine Ausbildung wieder einsteigen.

  • Bei Genesung geht es darum, den Glauben an dich selbst und dein Selbstvertrauen wieder zu erlangen.
  • Bei Genesung geht es darum, nicht länger lediglich Patientin oder Patient zu sein, sondern ein positives Bild von dir und deinen Möglichkeiten wieder zu erlangen.
  • Bei Genesung geht es darum, wieder zu hoffen, daran zu glauben, dass du mit einer psychiatrischen Diagnose gut leben kannst.
  • Bei Genesung geht es darum, seelisch zu wachsen – das, was dir zugestossen ist, zu akzeptieren und zu überwinden.
  • Bei Genesung geht es darum, einen neuen Lebenssinn und Lebenszweck zu entwickeln.
  • Bei Genesung geht es darum, diejenigen Dinge zu tun, die du willst und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
  • Bei Genesung geht es darum, deine eigenen Ziele zu verfolgen.
  • Bei Genesung geht es darum, im Führersitz deines Lebens zu sitzen.
  • Bei Genesung geht es darum, dein Schicksal, deine Herausforderungen, dein Leben wieder in den Griff zu bekommen und die entsprechende Unterstützung zu erhalten, damit du das Leben führen kannst, das du willst.

(Aus Das Leben wieder in den Griff bekommen von P. Deegan)

Ich komme mir ein wenig vor wie Bart Simpson, während ich das hier abschreibe. Aber es tut gut. Und: Natürlich war das meine Idee, das hier mit euch zu teilen.

Es ist so, als müsste ich eine Klasse wiederholen, obwohl ich sie gerade erst übersprungen habe. Ich hatte das alles erreicht; ich war genesen – bin genesen. Ich kann mit meiner Diagnose gut leben – nur nicht mit den Stigmafolgen.

Ich mag nicht, dass man mir (als Mann) eine Gewaltbereitschaft unterstellt, die ich nicht zu liefern bereit bin. Ganz gleich, in welcher psychischen Verfassung ich bin. Ich bin für niemanden eine Gefahr, weder für andere, noch für mich selbst.

Das ist ganz egal, wie psychotisch ich bin: Nie würde ich jemanden angreifen.

Ich wehre mich ausschließlich zu Zwecken der Selbstverteidigung. So wie ich mich dem übergriffigen Krankenpfleger gegenüber zur Wehr gesetzt habe – damals in der Situation ganz intuitiv und ohne Gewissensbisse. Zum Nachlesen: Irre gesund.

Ich möchte wirklich gerne wissen, ob man mir für mein Betragen in der Geschlechtsrolle als Frau diese Diagnose auch gegeben hätte. Denn an meinem eigenen Verhalten hat sich nicht viel verändert, nur an meinem Äußeren und am Verhalten meiner Mitmenschen mir gegenüber. Innerlich bin ich sehr viel ausgeglichener geworden, insbesondere in den letzten Jahren.

Auch früher schon war ich phasenweise psychisch labil und bin immer mal wieder ausgetickt, wenn ich überlastet war. Besonders häufig in der Zeit nach dem Raubüberfall vor zehn Jahren. Einzig meine Arbeit und mein Arbeitsumfeld hat mich damals in der Bahn gehalten. Es wäre aber auch nicht normal, nach einem solchen traumatischen Ereignis die Nerven zu behalten. Zum Nachlesen: Über das Danach

Einer Frau lässt man da offenbar sehr viel mehr verbalisierte Aggression durchgehen, weil man sich von ihr nicht so bedroht fühlt wie von einem Mann. Dabei kann ein solcher vor-urteilsbasierter Eindruck sehr täuschen. Auch Frauen sind Täter*innen.

Nur ich bin eben kein Täter und ich verbitte mir diese Zuschreibung. Ich werde dadurch zum Opfer gemacht, dass Menschen sich von mir bedroht fühlen und mich vorsorglich abführen, fixieren, niederspritzen und wegsperren lassen. Ohne jede rechtliche Grundlage, einfach nur weil da Weißkittel im kurzen Prozess eine Entscheidung treffen.

Und nun im Nachgang beschwert sich auch noch jemand aus der Nachbarschaft bei der Vermieterin über uns. Ganz feige aus der Anonymität heraus. Weil wir ein einziges Mal in fast zwei Jahren selbst laut waren und an allen anderen Tagen den Lärm der anderen mit stoischer Geduld klaglos hingenommen haben.

Ein einziger Nachmittag der Entgleisung und das ist nun nach der entwürdigenden „Be“handlung in der Klinik schon die zweite Strafe dafür.

Hatte ich erwähnt, was in der Klinik geschah?

Ich durfte an Bett oder Trage fixiert, im Flur der Notaufnahme vor aller Augen ins Bett pissen, bevor ich dank der Medikamente das Bewusstsein verlor. Losgemacht hat mich niemand, obwohl klar erkenntlich war (weil ich es hatte artikulieren können), dass ich an schmerzendem Harndrang litt. Nichtmal eine Bettflasche war mir angeboten worden, nur eine Bettpfanne.

Okay, eine Flasche hätte ich nicht benutzen können, weil meine Harnröhre zu kurz ist und ich zu dem Zeitpunkt kein geeignetes Hilfsmittel dabei hatte. Dennoch tut es weh.

Ich war allein auf mich gestellt ganz der Willkür des diensthabenden Personals ausgeliefert. Um solche Situationen zu vermeiden hatte ich Vollmachten ausgestellt, Notfallpläne vereinbart und alle Welt von der Schweigepflicht entbunden.

Es hilft nichts. Der Folter entgeht man nicht, nur weil man selbst alle Regelchen einhält und Vertrauen vorschießt.

Noch eine Begegnung dieser Art und ich verliere Geduld und Kooperationsbereitschaft und wechsle das Lager zur Antipsychiatrie.

Ich lasse mich überraschen, was da noch kommen wird und bin froh, dass ich mittlerweile wenigstens wieder ver-arbeiten kann. Frisch retraumatisiert ist das besonders wichtig.

Zugegeben: Diese Woche war ich krank

Es ist echt hammerhart, dieses Ding mit der Krankheitseinsicht. Gerade dann, wenn man ver-rückt sein soll und vor allem dann, wenn man es tatsächlich ist. In dem Augenblick der Ver-rückung sehe  ich es nicht ein, dass immer ich der Patient sein soll, der Kranke, derjenige, der auf Hilfe angewiesen sein soll. Gerade ich!

Sieht das denn niemand, dass ich mir tierisch den Arsch aufreiße und sehr viel mehr Leistung bringe als andere, um so Selbstverständlichkeiten zu bewältigen wie: Aufstehen, Duschen, Anziehen, pünktlich zu Terminen erscheinen und dann auch noch diese eine, immer wieder riesengroße Herausforderung: Hilfe annehmen.

Mich erklären, einräumen, dass ich es selbst merke, wie schlecht es mir gerade geht. Zusammen aufzulisten, was mich gerade alles belastet:

  • Fehlen von Penis und Hoden
    • Damit das Fehlen einer natürlichen Möglichkeit, wie jeder andere Mann im Stehen zu urinieren
    • Fehlen des Hilfsmittels, für das die Kosten zu übernehmen die Krankenkasse sich seit Januar 2015 nicht bereiterklärt hat
    • Daher auch Fehlen einer Anerkennung auf mein Recht darauf, wie alle anderen Männern Pissoirs nutzen zu dürfen
  • Die Schwierigkeit, donnerstags abends bis 22 Uhr außer Haus an einer Gruppe teilzunehmen und dienstags morgens schon wieder um elf an einer anderen und dadurch einen Wechsel von kurzen und langen Nächten haben zu müssen. Immer wieder auf meinen Schlaf achten zu müssen und sämtliche Register zu ziehen, um nicht psychotisch zu werden.
  • Die hormonelle Situation, durch die ich alle 12 Wochen um meinen Spritzentermin herum krisenanfälliger werde. Am Anfang des Intervalls bin ich überdosiert und sehr dünnhäutig, am Ende des Intervalls unterdosiert und neige zu Depressionen. Die nächste Spritze steht in der kommenden Woche an; ich will aber auf Testogel wechseln.
  • Dazu die Situation zu Hause:
    • Mein Mann seit Wochen ohne Arbeit außer Haus, die Wohnung, die gerade groß genug ist, um in stabilen Zeiten ausreichend Rücksicht aufeinander zu nehmen
    • Ich selbst seit der sogenannten Erkrankung, seitdem ich diese Diagnose erhalten habe, zu Hause als Hausmann tätig und die Frage meiner Erwerbsfähigkeit immer noch ungeklärt in der Schwebe hängend
    • Wir beide, durch unsere jeweils eigenen Krisen und die missglückte Krisenintervention vom 2. Mai nun miteinander in einer Krise
  • Die Wohnung selbst: Die Wände, vor allem Decken und Böden, so hellhörig, dass die Nachbarin sonntags Schnitzel klopfen darf und es sich für mich anhört, als hätten sie da oben immer noch Baustelle seit dem Einzug vor zwei Jahren. Nachbarn, die sonntags Wäsche waschen, deren Maschine ich schleudern höre. Deren Fernseher ich laufen höre, wo ich – auf dem WC sitzend – sagen könnte, welche Sendung, welcher Werbespot gerade läuft. Deren Telefonate ich mitverfolge, deren Liebesspiel ich protokollieren könnte, deren Besuch ich inständig bitte zu gehen, wenn ich nachts um drei immer noch keinen Schlaf gefunden habe. Immer wieder: Ruhe bitte!
  • Und jetzt auch noch die absolute Unverschämtheit, dass wir aufgrund des psychiatrischen Notfalls am 2. Mai (Erklärungsversuch) eine Abmahnung der Vermieterin erhalten haben mit dem Betreff „Rücksichtnahme ist gefragt“ – ausgerechnet wir, die von der Nachbarin gegenüber bereits darauf aufmerksam gemacht worden waren, dass wir so leise sind, dass man von uns überhaupt nichts hört und sie sich häufig fragt, ob wir überhaupt zu Hause sind.

Also ja: Ich bin derzeit in einer mehrfachen Belastungssituation.

Aber so kenne ich mein Leben. Wenn ich nicht am Leben teilnehme, dann kann ich das umgehen, was mich belastet. Aber ich möchte gar nicht vermeiden, zu leben. Ich will auch belastet werden, nicht nur entlastet. Das ist doch normal.

Deshalb habe ich Schwierigkeiten die ganz normalen Beslastungen abzugrenzen zu Krisen.

Jetzt im Nachhinein, wo ich feststellen muss, meine Arbeit nicht geschafft zu haben – also die Beiträge, die ich bloggen wollte, nicht geschrieben zu haben und auch die Wohnung seit einer Woche nicht geputzt zu haben, ja sogar erst am Donnerstag erstmals die Zeit gefunden zu haben für eine Rasur – jetzt muss ich feststellen, die vergangene Woche krank gewesen zu sein.

Gibt es überhaupt die Möglichkeit einer rückwirkenden Krankschreibung? Ich glaube nicht. Ich glaube, man muss sich vornehmen, die kommende Woche krank zu sein und das zu planen. Anders kann es nicht laufen.

Auch das wieder ein Punkt, warum ich nicht auf herkömmliche Weise erwerbstätig sein kann, weil ich nicht in herkömmliche Arbeitsprozesse eingebunden werden kann. Ich muss selbständig werden / bleiben, ich habe gar keine andere Wahl.

Mein Vater hat das mit der selbständigen Arbeit hinbekommen, ohne sich erwischen zu lassen, ohne eine F-Diagnose zu haben. Er hat sogar ein sehr erfolgreiches Büro geführt. Das könnte ich auch, wenn man mich nur (aus der Patientenrolle ent)lassen würde.

Es ist aber auch eigentlich egal, da diese Diagnose mich nicht davon abhalten sollte, am (Erwerbs)Leben teilzuhaben. Zumindest auf dem Papier habe ich das Recht auf Teilhabe.

Aktionswoche: Trans*Inter*-Tagung München

Ich bin zurück von meiner Reise nach München, wo ich an der diesjährigen Transtagung teilgenommen habe. Es handelte sich um eine Jubiläumsveranstaltung, da die Transtagung München nun schon das zehnte Jahr stattfand.

Diesmal ist daraus eine große, bundesweit von verschiedenen Initiativen getragene Veranstaltung geworden, die auch Programmpunkte zum Thema Intersexualität bereithält. Das Team der Hanse-Intersex-Trans*tagung  hier bei uns im Norden hat sich im Bereich zum Thema Recht eingebracht.  Deshalb, also wegen des Bezugs auf Intersexualität, lautet der korrekte Titel der Veranstaltung „Trans*Inter*-Tagung München“.

Dabei stehen die Sternchen für alle möglichen Varianten der Interpretation, wie das begonnene Wort fortgesetzt werden könnte. So sollen sich möglichst alle Menschen dieser Zielgruppe auch mitgemeint und angesprochen fühlen.

Einen Einstieg ins Thema trans* biete ich sowohl bei der Vorstellung der gleichnamigen Reihe hier im Blog (Neue Reihe: trans*) als auch über meine Seite TransMann.

Ich war bereits bei der Planung und Vorbereitung meiner Reise etwas aufgeregt und sehr gespannt darauf, was mich erwarten wird. Ich wollte frisch und ungefiltert meine Eindrücke von meiner Reise mit euch teilen.

Zur Nachlese:

Live während der Tagung:

Donnerstag  Schwule Sauna
Freitag  Intersexualität
Samstag  genitale Selbstbestimmung
Sonntag Ruhetag

Im Nachgang:

Auf der Strecke geblieben:

  • Die Diagnose F64.0 aus der Sicht der Behandler_innen (besuchter Workshop: Trans*Diagnose vs. Realität)
  • Peerberatung (besuchter Workshop: Psychosoziale Beratung)
  • Und immer wieder Grabenkämpfe: Sexismus (besuchter Workshop: Unisexismus – Versuch einer Verortung)
  • Körperarbeit (besuchter Workshop: LOVE yourself – DANCE yourself)

Derzeit in mir arbeitende Themen:

  • Tagebuchauszug zur Epithetik und gegenwärtige Krise

Hilfsmittel für Transmänner: Epithesen und andere Ersatzgenitale

Allgemein zum Begriff, damit nicht alle glauben, eine Epithese sei grundsätzlich in der Hose zu vermuten: Epithese (Wikipedia)

Da das einzige, wonach hier im Blog für mich erkenntlich gesucht wurde, das Stichwort Epithese ist, möchte ich hier einen Link geben: Epithetik und Transidentität (Die Seite ist ganz neu und befindet sich noch im Aufbau.)

Es gibt noch andere Hersteller von Epithesen für Transmänner, die ich aber nicht empfehlen kann und mit denen ich keine Erfahrungen habe. Informationen dazu finden sich im Forum des FTM-Portals.

Abgesehen von Epithesen gibt es noch andere Hilfsmittel für Transmänner, die entweder nur eine optische Funktion haben (Packer/Stuffer, die eine Beule in der Hose machen sollen) oder nur zum Penetrieren gedacht sind (Dildos mit Harness ) oder das Urinieren im Stehen ermöglichen sollen (Pinkelhilfen).

Die Kosten für solche Hilfsmittel werden mWn von der Krankenkasse übernommen insoweit die Kosten im Rahmen des Budgets von 500-800 Euro bleiben. Ohne Gewähr.

Ich denke, wenn man das Hilfsmittel ohnehin auf eigene Kosten angeschafft hat, kann man ja die Rechnung oder den Kassenbon bei der Krankenkasse einreichen und einfach mal schauen, ob die Kosten erstattet werden.

Alternativ kann man Krankheitskosten von der Steuer absetzen.

Die preiswerteste Pinkelhilfe, die ich zum Beispiel alleine im Wald einsetze, kostet 7 Euro. Ich hatte sie schon einmal vorgestellt, als ich über die Wanderung an der Oberalster berichtet hatte. Hier erhältlich: Pee off

Die Kosten für Genital-Klebeepithesen bewegen sich im mittleren vierstelligen Bereich. Das ist weitaus günstiger als eine genitalangleichende Operation und zudem reversibel.

Was mir noch fehlt, ist eine Lösung für den Alltag, so dass ich Pissoirs benutzen kann und dabei nicht auffalle. Ich möchte nicht gezwungen sein, mich permanent überall zu outen.

Geflüchtete erzählen

Der erste Workshop dieser von Manuel Ricardo Garcia geleiteten Tagung war ein spontan entwickelter, der einen Open Space (diese Lücken im Programm, die sich immer wieder ergeben, auch wenn man sie nicht einplant) besetzte.

Ibrahim Mokdad, der auch einen regulären Workshop anbot, und andere Queer Refugees erzählten aus ihrem Leben. Es war für mich nicht nur emotional, sondern auch kognitiv sehr anstrengend, da beschlossen wurde, das Gespräch auf Englisch zu führen, weil somit weniger übersetzt werden musste. Deshalb habe ich es leider nicht geschafft, wie gewohnt mitzuschreiben und ließ mich stattdessen voll auf seine sehr bewegende Geschichte ein.

Zunächst hatte ich mich gewundert, was für einen seltsamen Akzent dieser Mann mitbringt, bis mir anhand seiner Erzählung klar wurde, dass es sich um einen Sprachfehler handeln muss, der infolge der von ihm erlittenen Misshandlungen zurückgeblieben sein muss.

Er beschrieb, dass man bestraft wird, wenn man schwul ist, ohne irgendetwas getan zu haben. Das muss schlimmer sein als zu der Zeit des §175 bei uns – eher so wie zu der Zeit des 2. Weltkrieges, von der Lutz van Dijk in „Verdammt starke Liebe“ berichtete. (Ein Buch übrigens, das ich bisher nur zur Hälfte gelesen habe, da ich mich den dort beschriebenen Szenen der Folterung, die während der Lesung anklangen, nicht gewachsen fühlte.)

Ibrahim erzählte von seiner Flucht, die keine Sekunde von dem Gedanken an eine soziale Hängematte oder großen Reichtum in Deutschland geprägt war. Er wollte überhaupt nicht nach Deutschland. Er wollte in erster Linie eines: Überleben. Obwohl er schwul ist. Als Fluchtziel hatte er die Niederlande im Sinn, weil er wusste, dass man dort sehr tolerant und liberal ist.

Gestrandet in Köln wusste er gar nicht, was er daran hatte – bzw. was er davon gehabt hätte, wäre er nicht im Flüchtlingslager mit seinen heterosexuellen konservativen Landsleuten zusammengesperrt worden, die ebenfalls ihre ganz eigenen Gründe zu einer Flucht gehabt hatten.

So kam er denn eher vom Regen in die Traufe, denn diese Flüchtlingslager darf man nicht verlassen, solange die Papiere nicht fertig sind und wer je Hartz4 bezogen oder einen Antrag bei der Renten- oder Krankenkasse gestellt hat, weiß, wie scheußlich es sein kann, dem deutschen Behördenapparat ausgeliefert zu sein.

Der Amtsschimmel ist einfach kein Rennpferd und das sage ich als Verwaltungsfachangestellter (Fachrichtung Bundesverwaltung) mit aller Liebe, die mir zu Sachbearbeitern (von denen ich selbst einer war) nach dem Wechsel auf die andere Schreibtischseite noch geblieben ist.

Mittlerweile lebt Ibrahim nicht mehr im Lager und er darf sich – innerhalb Deutschlands – frei bewegen. Das würde sich für mich immer noch eingesperrt anfühlen und ich muss an die ostdeutschen Zweige meiner Familie denken, die noch „Bürger“ (oder „Inhaftierte“) der DDR gewesen sind.

Es sprachen verschiedene Menschen aus dem Libanon, aus der Ukraine, aus Syrien und aus Honduras.

Hier in Deutschland jammern wir wirklich mittlerweile auf sehr hohem Niveau, auch wenn dies berechtigt ist, da es im internationalen Vergleich auch Länder gibt, in denen es sich als nicht-binäre Person (zum Beispiel Schweden, das seit den 60er Jahren ein drittes Pronomen „herm“ für Inbetweens kennt) oder für die Zeit während oder nach der Geschlechtsangleichung angenehmer lebt oder wo bessere Operationen angeboten werden.

Da gruselt natürlich der Blick in ein Land, in dem Menschen aus dem Fenster geworfen werden, einfach weil sie schwul sind (Libanon).

Da schockiert es zu hören, dass junge Transfrauen sich aus Angst vor Missbrauch und anderen gewalttätigen Übergriffen zu Hause einschließen müssen, bis sie vollständiges Passing und dazu passende Papiere haben (Syrien).

Man möchte am liebsten in die Ukraine reisen, um den dortigen equality march zu unterstützen, aber wenn man am eigenen Leben hängt, lässt man es wohl doch lieber bleiben.

In Honduras wurden in den letzten Jahren und Jahrzehnten schon gute Fortschritte erreicht, auch wenn dort noch viel zu tun ist.

Da frage ich mich natürlich: Was kann ich tun? Wie kann ich Menschen in anderen Ländern helfen? Wie kann ich denen helfen, die hier bei uns bleiben – für unbestimmte Zeit oder auch nur vorübergehend?

Ibrahim hat uns gebeten, uns sichtbar zu machen, damit queere Flüchtlinge uns erkennen können. Das habe ich getan und eine Liste der Projekte, welche queeren Flüchtlingen helfen möchten, angehängt: Here I am

Zudem habe ich Ibrahim vorgeschlagen, gemeinsam ein Buch zu machen. Dafür suche ich schonmal Übersetzer_innen, weil mein Blog noch nicht sehr bekannt ist und ich davon ausgehe, dass es lange dauern wird, bis sich jemand meldet. (Bin sehr ungeduldig, Verzeihung.)

Ich denke, Übersetzer_innen zu sammeln kann nicht schaden. Die kann man immer mal gebrauchen, auch für andere Bücher. 😉

Auf der Seite TransMann findet ihr ab morgen eine Liste bisher erschienener Bücher zum Thema trans*, die natürlich nicht abschließend sein kann. Ich setze mich heute abend daran, sobald ich vom Tanzen zurück bin. Jetzt muss ich erstmal los, mich um meine Karriere als EX-IN-ler kümmern.

Lila Lisi und das Ding mit den Sternchen

Die beeindruckende Songwriterin* Lila Lisi hatte ich am Freitagabend leider nicht mehr live erleben können (da lag ich mit Brummschädel im Bett), aber glücklicherweise hat sie am Samstagabend erneut zu einem kleinen Konzert eingeladen. Sie* bezeichnete sich als „travelling Queery“ und sieht sich selbst mehr als storyteller als als musician.
Für euch, um euch einen Eindruck von Lisa Lisis Qualität zu verschaffen und weil mich dieser Text

She wanted to be a cowboy …

ganz besonders angesprochen hat:


(Lyrics „Falling in Love“ mit Tabs)
Als Kind war ich ja eine „sie“ und zu Karneval meistens Cowboy. 🙂
Auf ihrer* Webseite gibt es noch mehr zu hören: Lila Lisi

Exkurs: Das Ding mit dem Sternchen nach dem Pronomen oder Subjekt.

Lila Lisi hat sich selbst so erklärt: Ich bin keine Frau, aber ein Mann auch nicht.

Mein Ehemensch ist auch queer und auf die Frage „Bist Du m oder w?“ antwortet er* mit „Nein“, aber da er auf dem Papier ein Mann ist, bezeichne ich ihn auch entsprechend idR als meinen Ehemann* und mit männlichen Pronomen. Er* hat sich in dieser Rolle arrangiert, leidet aber sehr unter dem Sexismus in unserer Gesellschaft.

Das Sternchen fällt in der gesprochenen Alltagssprache nicht auf und stört somit niemanden, aber es zeigt im schriftlichen Ausdruck an: Ich weiß, dass Du mit „männlich“ nicht ausreichend beschrieben bist und nehme Dich über die Schublade hinaus wahr. Es macht diese Nicht-Binarität sichtbar.

Im Grunde ist es wie ein Hinweis auf eine Fußnote zu lesen und Menschen, die sich selbst (also ihren Namen) mit so einem Sternchen versehen, fordern damit dazu auf, einfach danach zu fragen, was es damit auf sich hat.

Nun habe ich Lila Lisi nicht gefragt, welches Schweinderl – Verzeihung, welche Pronomen – sie* denn gerne hätte. Vielleicht täte es auch ein herkömmliches „sie“ ohne Sternchen. Mit dem Sternchen bin ich gefühlt auf der sicheren Seite. Das sie ist meiner Empfindung und meinem Ordnungsverständnis nach eine Unterkategorie von sie*.

Um das alles korrekt abzubilden müsste ich nun bei den Geschlechtsrollen in der Hierarchie meiner Kategorien wieder großes Durcheinander machen und alle Links überarbeiten. Dazu bin ich ehrlich gesagt zu faul.

Denkt euch also bitte dieses:

  • Geschlechtsrollen
    • Frau*
      • Frau
    • Mann*
      • Mann
    • nicht-binär
      • Mensch

Später mehr über den Workshop zum Thema Unisexismus…

Sonntag ist Ruhetag

Den heutigen Tag nutze ich, um etwas Abstand zu gewinnen, meine Eindrücke zu reflektieren und mich neu zu ordnen.

Der Wochenplan ist überarbeitet: Aktionswoche trans* wurde verlängert!

Heute ist nicht nur Sonntag und damit (für mich) Ruhetag, sondern auch Muttertag. Am Donnerstag war Vatertag, was mir angesichts der bevorstehenden Tagung völlig piepegal war und meinen Vater nun ja auch nicht mehr kratzt.

(Glaube sogar, das war ihm auch immer wumpe; er hatte es nicht nötig, seine Männlichkeit biersaufenderweise zu feiern und mit Kumpels um die Häuser zu ziehen.

Ich habe da etwas Nachholbedarf, wenn ich ehrlich bin. Aber man(n) muss Prioritäten setzen. Nächstes Jahr ist nochmal Vatertag.)

Denkt also heute oder wann es euch in den Kram passt an eure Mutter oder andere Menschen, mit denen ihr euch so wohl fühlt, dass ihr sie zu eurer Wahlfamilie zählt. Ich bin auf dem Weg zu meiner.

Einen schönen Sonntag wünsche ich euch! Nutzt den Tag – für euch und für eure Lieben.