Für mehr Gleichberechtigung für den Mann

Neulich hörte ich zufällig ein Gespräch von einer Gruppe Frauen. Sie sprachen über Männer und darüber, was sie an ihnen absolut nicht sexy finden. Die eine sagte: „Wenn der Typ im Café einen Cappuccino mit Sojamilch bestellt, ist das Date für mich beendet.“ Breite Zustimmung unter den anderen Girls. Geht gar nicht, was für ein […]

über Immer stark und bärtig? Für mehr Gleichberechtigung für den Mann — wunschmaterial

Foto Queer Tango

Na, wer will mitkuscheln?

Jeden Mittwoch von 20 bis 22 Uhr im Studio TanzKunst (Jürgen Robisch) in Ottensen.

Jeden 3. Mittwoch im Monat sollte Milonga sein, wenn ich mich nicht irre. Besser mal selber auf unserer Seite bei Facebook nachlünkern, dann war ich es nicht. 😉

Lasst euch nicht irritieren, ursprünglich wollten wir unter uns bleiben, aber inzwischen sehen wir das nimmer so eng, wer Männlein und wer Weiblein is.

Seelensex rulez – Gruppenkuscheln, yeah! Tantramassage inkl.

Für Fortgeschrittene: (Hab vergessen wie das heisst, wo mehr als zwei Tango tanzen. Leider ist der Deppenschutz im Gesichtsbuch immer noch aktiv, sonst hätte ich mal geguckt, ob ich euch mit nem Link erfreuen kann. Fragt also pls mal Onkel Google für  mich, trau dem im Augenblick lieber nicht übern Weg, fühle mich irgendwie so beobachtet und sehe ständig Zeichen und Botschaften und sowas.

Kurz gesagt: Ihr müsst mal die Verantwortung für eure Daten selbst übernehmen, das kommt ja unterm Strich ja nachher doch aufs selbe raus. Mich könnt ihr nicht rankriegen für eure eigene Blödheit. Und immer dran denken: Big Brother is watching…

Freu mich schon, was morgen wieder in der Zeitung steht, was ich angeblich ausgefressen haben soll, aber nicht mit mir: Ich war Erster. Damit kommt ihr nicht durch. Das müsst ihr doch mal langsam einsehen.

Also mal so gesagt: Ordnungsfetischisten bitte hier entlang zum Figurenpauken: Queer Tango im el bajo (Das ist ne freundliche Einladung. Darf man ablehnen. Wär aber unhöflich, dann ist der Papa traurig…)

BTW: Queer Tango Festival Berlin 2016, Kuschel mal einer Lucas für mich, bin out of order, sry. Zu den Einzelheiten

Beeilt euch, sonst verschlaft ihr die tollsten Parties, das hier ist schon vorbei: Queer Tango Festival Hamburg 2011 (zur Geschichte: Die schwule Wiege Hamburgs)

Schnell anmelden zum Queertangomarathon 2016, 28.-30. Oktober 2016

Hier die Anleitung in der Ficki Wiki

  1. Gehirn einschalten
  2. siehe 1.

So und sicherheitshalber mal lieber aus Versehen ne Klammer zu viel zu als eine zu viel offen lassen – könnte bös ins Auge gehen, gell. ;)))

Dann doch lieber Dresche vom Maschinchen, dat meint et doch nich so, dat is doch die sanfte Tour…. uuiuiui, bevor mich doch noch einer für den Sündenbock hält, geht ich mal schnell in Garten, Gänseblümchen pflücken.

Also falls ich morgen an mehreren Orten zur selben Zeit sein sollte, einfach nicht weiter drüber nachdenken, dann is mir mal wieder der Kalender verrutscht. Ich gebs ja schon freiwillig vorher zu.^^

Ach, und einer geht noch: Save the date 5. November 2016

Wenn mir einer freiwillig den Gefallen tut, meinen Kalender zu vergewaltigen: Nee, Wolf, da is wohl mal ne Nachtschicht fällig, oder? Überleg Dir mal besser ganz genau, wer da nach her als Depp da steht. Siehste. Wusste ich doch. So isser brav. Ja, guter Junge. Wenn Du hübsch bitte-bitte machst und mich zum Tanz aufforderst, überlege ich mir das vielleicht nochmal, aber geh mir erstmal aus der Sonne – zu Deiner eigenen Sicherheit. Wenn ich mich vergesse, haben wir alle schlechte Karten. Wir schippern nämlich in derselben Arche, falls Dir das entgangen sein sollte Du Schaf.

Augenblick, Kalender sagt: Day of Remembrance bei Hein und Fiete

Gruselig, gell? Und das ist mein Papierkalender, der ist wirklich harmlos. Stellt euch mal vor, wenn Onkel Google den in die Finger kriegt, dann gnade euch Gott – ne besser gar nicht weiter drüber nachdenken. Trotzdem, noch ein kleiner Hinweis, sicherheitshalber: Auch beim Kreistanzen Obacht, ich warne euch.

 

Fussball und Gewalt sowie Fremdenfeindlichkeit

17. Juli 2016

Es tut mir leid, dass das mit dem CSD-Video am letzten Montag nicht geklappt hat. Es handelte sich um einen Livestream, der offensichtlich noch etwas länger abzurufen war als die Liveübertragung dauerte und für mich nicht ohne weiteres aufzufinden war. Die Aufzeichnung ist jetzt hier zu finden und ich bin etwa ab 2:25:00 zu sehen: http://livestream.com/accounts/20263151/events/5707673/videos/128533876

8. Juli 2016

Es ist mal wieder soweit: Mitten in der Nacht (gerade ist halb vier durch) und ich kann nicht schlafen. Ich muss das jetzt loswerden.

Vorhin habe ich beim Rudelgucken hier in Kessenich (Bonn) gemeinsam mit den anderen Kneipenbesuchern miterlebt, wie die deutsche Nationalelf heldenhaft ausgeschieden ist. Gegen die Gastgeber zu verlieren ist doch wohl noch das anständigste, das ich mir vorstellen kann und den Franzosen habe ich es dieser Tage von Herzen gegönnt.

Was ich neben dem Spiel leider auch beobachten musste, waren Ausdrücke wie „Neger“, „Spaghettifresser“ und „Affe“ bezüglich Schiedsrichter und gegnerischer Spieler. Das kam alles von derselben Person. Ein anderer fand sich dann witzig damit, Teile des Publikums als „Froschesser“ zu bezeichnen.

Ich habe mich geschämt und schäme mich noch. Nicht fremd und auch nicht dafür, Deutscher zu sein, aber für meine Feigheit. Weil ich finde, dass jemand etwas dagegen hätte sagen müssen und ich es nicht getan habe.

Zum einen wollte ich in Ruhe das Spiel sehen und zum anderen wusste ich nicht, wie viele von denen, die ebenfalls nichts dagegen sagten, zu mir gestanden hätten und wie viele zu den anderen. Und ich wollte keine Prügelei heraufbeschwören.

Und dann ist da wieder der Gedanke an den Transmann, der im Zusammenhang mit einem Fußballspiel oder eine Demo wegen irgendeiner Kleinigkeit, einer Routinemaßnahme zwecks Deeskalation verhaftet und auf der Wache von fünf Polizisten in Zivil u.a. als „Bartfotze“ beschimpft und vergewaltigt wurde. Das war, als er es mir vor vier Jahren erzählte, bereits mehrere Jahre her und er hatte sich gegen eine Anzeige entschieden.

Vielleicht habe ich zu viele Filme gesehen, vielleicht treibt meine Phantasie zu viele Blüten, aber ich stelle es mir nicht sehr angenehm vor, während einer Kneipenschlägerei vergewaltigt zu werden. Dabei habe ich eigentlich schon viel Schlimmeres durch und sollte keine Angst haben. Sie ist trotzdem da und das noch, obwohl ich weiß, dass gerade die Angst den Täter_innen in die Hände spielt.

Und als in der Halbzeitpause in den Nachrichten die neue Gesetzesänderung zur Verschärfung des Sexualstrafrechts angekündigt wurde, wurde die Politikerin von dem Mitläufer als „Arschfotze“ betitelt. Ein anderer Mann fragte „Und wer schützt uns Männer?“ – letzterem schloss ich mich mit meiner Verunsicherung an. So wie ich es verstanden hatte, darf man Frauen nicht mehr an Brust und Gesäß berühren, aber wenn ich mit einem Kerl flirte, darf ich ihn an den Hintern fassen?

Gleiche Rechte für alle Geschlechter
Schluss mit Sexismus

Zwischenzeitlich habe ich dazu Neueres gehört und es bezieht sich wohl nur auf Handlungen, die nach einem NEIN erfolgen, die jetzt verboten sind. Und das ist wirklich neu? Ich bin schockiert! Für mich war das ohnehin selbstverständlich. Ich bin gespannt, wie der Gesetzestext im Einzelnen aussieht, und wie es sich dann in der Praxis darstellt.


12. Juli 2016

Über einen Verteiler habe ich eine Pressemitteilung der Initiative Rainbow Refugees Cologne erhalten:

Pressemitteilung vom 27.06.2016

Trans- und Homosexuelle Flüchtlinge in Kölner Unterkünften hilflos ausgeliefert

Innerhalb von einer Woche wurden zwei Flüchtlinge in Kölner Unterkünften von ihren Nachbarn angegriffen und zum Teil schwer verletzt.

Am 13.06.2016 wurde eine transsexuelle Frau in ihrer Unterkunft am Zülpicher Platz von ihrem Nachbarn mit einem Messer attackiert und konnte sich knapp in Sicherheit bringen.

Am 21.06.2016 wurde ein homosexueller Mann von seinem Zimmernachbarn so zusammengeschlagen, dass er mit starken Prellungen in die Notaufnahme musste.

Trans- und homosexuelle Flüchtlinge gehören im Regelfall zur Gruppe der sogenannten besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge. Dies wird in der Aufnahmerichtlinie 2013/33/EU, die seit letztem Jahr geltendes Recht in Deutschland ist, geregelt. Ihnen muss für die Dauer ihres Asylverfahrens auch bei der Unterbringung ausreichend Schutz gewährleistet werden. Dieses Ziel hat die Stadt Köln augenscheinlich verfehlt.

Mit Artikel 18 (4) der Aufnahmerichtlinie 2013/33/EU verpflichten sich die europäischen Mitgliedstaaten, und so auch Deutschland, Übergriffe und geschlechtsbezogene Gewalt einschließlich sexueller Übergriffe und Belästigung in Unterkünften zu verhindern. Aus der Beratungspraxis des Kölner Flüchtlingsrates e.V. heraus, sowie über die dokumentierten Fälle der Landeskoordination Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule in NRW, angesiedelt im Rubicon, wird deutlich, dass Lesben, Schwule, Bisexuelle sowie Transsexuelle und Transgender in Flüchtlingsunterkünften regelmäßig Opfer von physischer und psychischer Gewalt oder Diskriminierung und Belästigung werden.

Die am 13.06.2016 mit einem Messer attackierte aus dem Irak stammende transsexuelle Flüchtlingsfrau wurde wenige Tage zuvor am 02. Juni von dem Manager ihrer Unterkunft, einem Hotel in Longerich, verwiesen. Der Manager habe dies damit begründet, dass die Unterkunft keine „Schwulendisco“ sei und er sie zur Not an ihren Beinen herauszerren werde. Nachdem die Frau zunächst die Nacht am Bahnhof verbrachte, verweigerte das Amt für Wohnungswesen am darauf folgenden Tag zunächst die Notunterbringung und gab erst nach Verweis auf die eindeutige Zuständigkeit die Notrufnummer heraus. Die diensthabende Mitarbeiterin konnte lediglich einen Schlafplatz in einer Massenunterkunft anbieten, mit dem Hinweis, die Betroffene solle sich „ja benehmen“. Ihre Geschlechtsidentität also verheimlichen, um keinen weiteren Ärger zu provozieren. Laut Urteil des Europäischen Gerichtshofs ist die Verheimlichung der eigenen Geschlechtsidentität nicht zumutbar. Aufgrund der Gefahr vor Übergriffen in einer Massenunterkunft ohne Privatsphäre wurde die Frau privat untergebracht. Wenige Tage, nachdem sie letztendlich ein Zimmer in einer Unterkunft am Zülpicher Platz erhalten hatte, wurde sie mit dem Messer attackiert. Dass die Anzeige von der Polizei überhaupt registriert und der Täter letztendlich inhaftiert wurde, ist dem Einsatz der Willkommensinitiative RainbowRefugeesCologne zu verdanken, die die Frau begleitete. Die Polizei hatte die Anzeigenaufnahme zunächst verweigert und erst nach langen Diskussionen akzeptiert. Im Anschluss wurde der Täter durch die Polizei in Gewahrsam genommen und die Tatwaffe sicher gestellt.

Dass homo- und transsexuelle Flüchtlinge in regulären Unterkünften vor Angriffen nicht sicher sind, zeigte ein Übergriff am 21.06.2016 erneut. Der betroffene schwule Mann wurde von seinem Zimmernachbarn zusammengeschlagen und musste in die Notaufnahme. Auch hier zeigte sich das Amt für Wohnungswesen überfordert: die zuständige Sozialarbeiterin war bereits außer Dienst und konnte die Notrufnummer des Amt für Wohnungswesen nicht mitteilen. Zuständig für die Unterbringung des Opfers sei hier die Polizei bei Aufnahme der Anzeige, die dann das Amt für Wohnungswesen für die Notunterbringung kontaktieren müsse. Nur durch Zufall hatte der Betroffene den Kontakt zu einem ehrenamtlichen Aktivisten, der ihn, zusammen mit einer Mitarbeiterin des Kölner Flüchtlingsrates e.V., in die Notaufnahme brachte und Anzeige erstattete. In diesem Fall reagierte die Polizei direkt und verwies den Zimmernachbarn der Unterkunft. Es ist jedoch fraglich, ob die gleiche Reaktion zu erwarten gewesen wäre, wenn der Betroffene, der nur der arabischen Sprache mächtig ist und die Verfahrenswege nicht kennt, alleine den Weg zur Polizei gefunden hätte und die Anzeige aufgenommen worden wäre. Auch die Klärung des Sachverhaltes sowie ein Hausverbot für den Angreifer werden nun erst nach insistieren der Beratungsstelle des Kölner Flüchtlingsrates e.V. vom Amt für Wohnungswesen weiter angestrebt.

Der Kölner Flüchtlingsrat e.V., die Willkommensinitiative RainbowRefugeesCologne sowie die Landeskoordination Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule in NRW begrüßen die geplante Einrichtung einer Ombudstelle für Flüchtlinge in der Stadt Köln, sowie die Planung von Wohnungen für homo- und transsexuelle Flüchtlinge.

Zum Schutz der Flüchtlinge in allen Unterbringungseinrichtungen fordern sie dennoch:

1. Beschleunigung der Einrichtung der Schutzwohnungen sowie ausreichende Unterbringungsplätze und ein Belegungsmanagement für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge. Auch für homosexuelle und trans* Flüchtlinge!

2. Notrufsysteme und -nummern für Flüchtlinge in allen Unterkünften!

3. Ein effizientes Meldesystem sowie Schutzkonzepte des Kölner Amtes für Wohnungswesen in Bezug auf Übergriffe und die anschließende Notunterbringung!

4. Die Schulung und Sensibilisierung der Mitarbeitenden des Amt für Wohnungswesen sowie der Kölner Polizei zu besonders Schutzbedürftigen, insbesondere zu Homo- und Transsexuellen!

5. Stadt und Polizei müssen endlich dafür Sorge tragen, dass Bagatellisierungen, Diskriminierung und Ignoranz als Reaktion auf Berichte von Gewalt und Übergriffen ein Ende haben! Deren Ausübung durch Betreuungspersonal und Unterkunftsmanagement muss mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen und gegebenen Falls mit der Kündigung der Aufträge beantwortet werden. Verträge mit Betreibern von Unterkünften müssen eine Antidiskriminierungsklausel enthalten!


17. Juli 2016

Noch mehr als ohnehin schon schäme ich mich dafür, dass ich diesen Beitrag nun erst wieder aus dem Papierkorb fischen musste.

Irgendweshalb kam ich zwischenzeitlich auf die Idee, das Ganze ginge mich persönlich doch gar nichts an und ich könne ja gar nichts tun, außer mich selbst aus dem Kreuzfeuer heraushalten. Dabei ist genau diese Haltung diejenige, die es diesen Leuten so einfach macht, das Maul aufzureißen.

Das Wegsehen, das Schweigen, das stille Erdulden… sind im Grunde nichts anderes als Zustimmung.

Es ist auch albern: Selbst wenn ich keine Seite aktiv wähle, werde ich doch eindeutig einer zugeschrieben, ob ich damit einverstanden bin oder nicht. Bereits im Sommer 2012 habe ich von Nazis Prügel bezogen, ohne in irgendeiner Weise provoziert zu haben.

Anlass genug boten bunte Kleidung und Frisur. Ein Popeye-T-Shirt, karierte Hose und ein orange gefärbter Irokese. Damals in keinster Weise politisch, rein modisch motiviert.

Iro mit Giraffe
Irokese

Ich war einfach voller Lebensfreude und wollte mit Anfang Dreißig nochmal so richtig meine Jugend auskosten. Bevor mir die Haare durch das Testosteron ausfallen, wollte ich einmal im Leben einen Iro gehabt haben.

Nur weil ich nachts allein war auf dem Kölner Domplatz und zudem in erkennbar desorientiertem Zustand wurde ich zum Opfer.

Ich wurde gefragt, ob ich was gegen Nazis hätte. „Nö“, erklärte ich, weil ich mich mal tierisch in einen Skinhead verknallte hatte, den ich damals sogar von den Vorteilen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung gegenüber der von ihm favorisierten Staatsform Diktatur überzeugen konnte.

Die beiden waren irritiert, aber mit meiner Reaktion offenbar noch nicht ganz zufrieden. Wie ich Adolf Hitler fände, war die nächste Frage. Da kam natürlich meine Schulbildung zum tragen: „Find ich doof.“ Das reichte. „Na siehste“, sagte der eine zum anderen. „Na komm, lass den doch“, sagte der andere und bedachte mich mit einem sorgenvollen Blick, „Du siehst doch, mit dem stimmt was nicht“ und wollte seine Begleitung von mir abwenden. Wieder wurde ich prüfend beäugt. „Zur Sicherheit.“

Von den berühmten Sternen war nichts zu sehen, aber ich ging zu Boden und der Schmerz setzte erst mit einiger Verzögerung ein. Zu groß war der Schock.

Ein Faustschlag ins Gesicht ist eigentlich keine große Sache und muss nicht zwingend sofort zur Anzeige gebracht werden. Da ich damals noch in derselben Nacht erstmals in die Psychiatrie kam, hatte ich seither auch andere Probleme, die im Vordergrund standen. Würde mir das heute nochmal so oder so ähnlich passieren, würde ich jedoch ohne zu zögern Anzeige erstatten.

Ganz egal wie lästig und unangenehm das gerichtliche Nachspiel für mich persönlich sein würde. Aber es darf nicht sein, dass solche Leute einfach so weitermachen. Ich habe auch eine moralische Verpflichtung gegenüber anderen, die nach mir durch dieselben Täter_innen geschädigt werden.

Wenn ich morgen Bonn verlasse, ist es eine Stadt, in der ich mich nicht mehr zu Hause fühle und die ich mir als Heimat nicht mehr wählen wollte. Ich verlasse sie als Besucher, der hier als kaufkräftiger Tourist gern gesehen war.

In Bad Godesberg, so erzählte mir ein Freund, patrouillieren mittlerweile Bürgerwehren. Durch die vielen Einwanderer in letzter Zeit sei die Kriminalität stark angestiegen. Es handelt sich hierbei um den ehemaligen Vorzeigestadtteil, der jedoch bereits lange vor der Flüchtlingskrise auf dem absteigenden Ast war.

Insgesamt ginge es mit der Stadt seit dem Bonn-Berlin-Umzug den Bach runter. Das war eine Entwicklung, die lange befürchtet worden war und tatsächlich ist die Veränderung in der Region deutlich spürbar. Die Stimmung ist eine andere geworden. Ein junger Mann, der mit mir auf denselben Bus wartete, sagte, in diese Welt wolle er keine Kinder setzen.

So wie ich Bonn kennen und lieben gelernt habe, waren die Einheimischen hier nicht nur gastfreundlich, sondern wirklich offen für andere Kulturen. Es waren Menschen verschiedenster Nationen hier zu Hause, denen stets herzlich begegnet wurde und das nicht nur für die Dauer eines vorübergehenden Besuchs.

Auch der Alte Zoll ist wie unsere ehemalige Hauptstadt mit teilweisem Sitz unserer Regierung im Wandel.

Alter Zoll Baustelle
Alter Zoll in Bonn

Was wohl daraus werden wird?

Enten auf dem Rhein

Hochsensibel und erschöpft? Wie man der Erschöpfung Herr werden kann

Donnerstag, 30. Juni 16

Ich mag Thomas Bröker von einigen Videos und seiner Homepage her; er ist für mich ein gutes Beispiel eines sensiblen Mannes, der erfolgreich im Leben steht und sich nicht hinter (s)einer Frau versteckt.

Er ist sich seiner Schwäche(n) bewusst und gerade die Tatsache, dass er diese zulassen kann, macht ihn in meinen Augen stark. Er respektiert seine Grenzen und bestätigt mir nochmal meine eigenen Erfahrung: Ich erhole mich rasch, auch wenn ich mich sehr erschöpft fühlte, wenn ich mir rechtzeitig eine Auszeit gönne.

Es fasziniert mich, dass auch Thomas von solchen Situationen beschreibt, in denen er ein Projekt uuunbedingt noch abschließen will. Das kenne ich nur zu gut.

Er kommt gar nicht auf die Idee, seine Erschöpfung als Symptom einer Erkrankung zu interpretieren und „gesund werden“ oder genesen zu wollen, sondern er ist sich völlig darüber im Klaren, dass es an unpassenden weil reizüberflutenden Rahmenbedingungen liegen muss, wenn er chronisch erschöpft ist. Folgerichtig passt(e) er dann diesen Rahmen an sich an und nicht anders herum.

Ich stand immer schon auf Langweiler und was andere so richtig öde finden – im Büro zum Beispiel die Ablage zu machen – dabei blühe ich so richtig auf. Immer wurde mir das Gefühl gegeben, nicht richtig zu sein, so wie ich bin, und das verpaarte sich mit meinem Drang, den Erwartungen anderer gerecht werden zu wollen: „Hochsensibel und erschöpft? Wie man der Erschöpfung Herr werden kann“ weiterlesen

Reinhard Mey gibt mir Musik

Von klein auf erinnere ich die Stimme von Reinhard Mey in meinem Ohr, wenn es ans Einschlafen ging. Diese Stimme war und ist mir vertrauter als die meines eigenen Vaters. Wenn ich sie heute höre, gibt sie mir das Gefühl von Geborgenheit und Trost bei Einsamkeit.

Ich kann mich da gar nicht auf ein besonderes Lieblingslied festlegen. Mich derzeit besonders berührende Lieder sind:

  • 51er Kapitän
  • Gib mir Musik!
  • Ich glaube, so ist sie
  • Frei

Dabei ist zugegebenermaßen der 51er Kapitän schon längere Zeit unter den Favoriten. Das liegt daran, dass ich mir seinerzeit vorstellte, dass mein zuerst verstorbener Onkel nach dessen Tod sicher meinen Vater in einem Rennwagen abgeholt habe, da mein Onkel eigentlich Rennfahrer hatte werden wollen und leidenschaftlich die Formel 1 verfolgte. „Reinhard Mey gibt mir Musik“ weiterlesen

Zurück auf Los: Genesung, wie war das nochmal?

Meine Genesungsbegleiterin gab mir am Mittwoch einen Zettel nochmal, den ich vor einer gefühlten Ewigkeit, am 12.03.14, schonmal von ihr erhalten und in de Folge abgeheftet hatte – damals als Teilnehmer der Genesungsgruppe 1.

Momentan pausiere ich mit der Teilnahme an der Genesungsgruppe 2 und werde im August zur Vorbereitung auf meine Ausbildung wieder einsteigen.

  • Bei Genesung geht es darum, den Glauben an dich selbst und dein Selbstvertrauen wieder zu erlangen.
  • Bei Genesung geht es darum, nicht länger lediglich Patientin oder Patient zu sein, sondern ein positives Bild von dir und deinen Möglichkeiten wieder zu erlangen.
  • Bei Genesung geht es darum, wieder zu hoffen, daran zu glauben, dass du mit einer psychiatrischen Diagnose gut leben kannst.
  • Bei Genesung geht es darum, seelisch zu wachsen – das, was dir zugestossen ist, zu akzeptieren und zu überwinden.
  • Bei Genesung geht es darum, einen neuen Lebenssinn und Lebenszweck zu entwickeln.
  • Bei Genesung geht es darum, diejenigen Dinge zu tun, die du willst und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
  • Bei Genesung geht es darum, deine eigenen Ziele zu verfolgen.
  • Bei Genesung geht es darum, im Führersitz deines Lebens zu sitzen.
  • Bei Genesung geht es darum, dein Schicksal, deine Herausforderungen, dein Leben wieder in den Griff zu bekommen und die entsprechende Unterstützung zu erhalten, damit du das Leben führen kannst, das du willst.

(Aus Das Leben wieder in den Griff bekommen von P. Deegan)

Ich komme mir ein wenig vor wie Bart Simpson, während ich das hier abschreibe. Aber es tut gut. Und: Natürlich war das meine Idee, das hier mit euch zu teilen.

Es ist so, als müsste ich eine Klasse wiederholen, obwohl ich sie gerade erst übersprungen habe. Ich hatte das alles erreicht; ich war genesen – bin genesen. Ich kann mit meiner Diagnose gut leben – nur nicht mit den Stigmafolgen.

Ich mag nicht, dass man mir (als Mann) eine Gewaltbereitschaft unterstellt, die ich nicht zu liefern bereit bin. Ganz gleich, in welcher psychischen Verfassung ich bin. Ich bin für niemanden eine Gefahr, weder für andere, noch für mich selbst.

Das ist ganz egal, wie psychotisch ich bin: Nie würde ich jemanden angreifen.

Ich wehre mich ausschließlich zu Zwecken der Selbstverteidigung. So wie ich mich dem übergriffigen Krankenpfleger gegenüber zur Wehr gesetzt habe – damals in der Situation ganz intuitiv und ohne Gewissensbisse. Zum Nachlesen: Irre gesund.

Ich möchte wirklich gerne wissen, ob man mir für mein Betragen in der Geschlechtsrolle als Frau diese Diagnose auch gegeben hätte. Denn an meinem eigenen Verhalten hat sich nicht viel verändert, nur an meinem Äußeren und am Verhalten meiner Mitmenschen mir gegenüber. Innerlich bin ich sehr viel ausgeglichener geworden, insbesondere in den letzten Jahren.

Auch früher schon war ich phasenweise psychisch labil und bin immer mal wieder ausgetickt, wenn ich überlastet war. Besonders häufig in der Zeit nach dem Raubüberfall vor zehn Jahren. Einzig meine Arbeit und mein Arbeitsumfeld hat mich damals in der Bahn gehalten. Es wäre aber auch nicht normal, nach einem solchen traumatischen Ereignis die Nerven zu behalten. Zum Nachlesen: Über das Danach

Einer Frau lässt man da offenbar sehr viel mehr verbalisierte Aggression durchgehen, weil man sich von ihr nicht so bedroht fühlt wie von einem Mann. Dabei kann ein solcher vor-urteilsbasierter Eindruck sehr täuschen. Auch Frauen sind Täter*innen.

Nur ich bin eben kein Täter und ich verbitte mir diese Zuschreibung. Ich werde dadurch zum Opfer gemacht, dass Menschen sich von mir bedroht fühlen und mich vorsorglich abführen, fixieren, niederspritzen und wegsperren lassen. Ohne jede rechtliche Grundlage, einfach nur weil da Weißkittel im kurzen Prozess eine Entscheidung treffen.

Und nun im Nachgang beschwert sich auch noch jemand aus der Nachbarschaft bei der Vermieterin über uns. Ganz feige aus der Anonymität heraus. Weil wir ein einziges Mal in fast zwei Jahren selbst laut waren und an allen anderen Tagen den Lärm der anderen mit stoischer Geduld klaglos hingenommen haben.

Ein einziger Nachmittag der Entgleisung und das ist nun nach der entwürdigenden „Be“handlung in der Klinik schon die zweite Strafe dafür.

Hatte ich erwähnt, was in der Klinik geschah?

Ich durfte an Bett oder Trage fixiert, im Flur der Notaufnahme vor aller Augen ins Bett pissen, bevor ich dank der Medikamente das Bewusstsein verlor. Losgemacht hat mich niemand, obwohl klar erkenntlich war (weil ich es hatte artikulieren können), dass ich an schmerzendem Harndrang litt. Nichtmal eine Bettflasche war mir angeboten worden, nur eine Bettpfanne.

Okay, eine Flasche hätte ich nicht benutzen können, weil meine Harnröhre zu kurz ist und ich zu dem Zeitpunkt kein geeignetes Hilfsmittel dabei hatte. Dennoch tut es weh.

Ich war allein auf mich gestellt ganz der Willkür des diensthabenden Personals ausgeliefert. Um solche Situationen zu vermeiden hatte ich Vollmachten ausgestellt, Notfallpläne vereinbart und alle Welt von der Schweigepflicht entbunden.

Es hilft nichts. Der Folter entgeht man nicht, nur weil man selbst alle Regelchen einhält und Vertrauen vorschießt.

Noch eine Begegnung dieser Art und ich verliere Geduld und Kooperationsbereitschaft und wechsle das Lager zur Antipsychiatrie.

Ich lasse mich überraschen, was da noch kommen wird und bin froh, dass ich mittlerweile wenigstens wieder ver-arbeiten kann. Frisch retraumatisiert ist das besonders wichtig.

Sonntag ist Ruhetag

Den heutigen Tag nutze ich, um etwas Abstand zu gewinnen, meine Eindrücke zu reflektieren und mich neu zu ordnen.

Der Wochenplan ist überarbeitet: Aktionswoche trans* wurde verlängert!

Heute ist nicht nur Sonntag und damit (für mich) Ruhetag, sondern auch Muttertag. Am Donnerstag war Vatertag, was mir angesichts der bevorstehenden Tagung völlig piepegal war und meinen Vater nun ja auch nicht mehr kratzt.

(Glaube sogar, das war ihm auch immer wumpe; er hatte es nicht nötig, seine Männlichkeit biersaufenderweise zu feiern und mit Kumpels um die Häuser zu ziehen.

Ich habe da etwas Nachholbedarf, wenn ich ehrlich bin. Aber man(n) muss Prioritäten setzen. Nächstes Jahr ist nochmal Vatertag.)

Denkt also heute oder wann es euch in den Kram passt an eure Mutter oder andere Menschen, mit denen ihr euch so wohl fühlt, dass ihr sie zu eurer Wahlfamilie zählt. Ich bin auf dem Weg zu meiner.

Einen schönen Sonntag wünsche ich euch! Nutzt den Tag – für euch und für eure Lieben.

Rückblick + Teamarbeit

Als Betthupferl für meine fleißigen Leseratten gibt es im letzten Abschnitt dieses Beitrags noch ein Memo an mich, indem ich veranschauliche, wie mein inneres Team zusammenarbeitet. Abkürzung direkt dahin: Memo an mich – Teamarbeit


Ich denke, ein Ruhetag die Woche wird mir ganz gut tun. Ich muss nicht jeden Tag etwas veröffentlichen.

Das nehme ich mir mit für das neue Wochenprogramm für die Woche nach der Tagung. (Ja, das ist auch schon fertig, falls ich den Plan nicht zwischenzeitlich anpassen will.)

Seit ich vor einer Stunde beschlossen habe, noch etwas zu essen und dann ins Bett zu gehen, habe ich mich noch nicht loseisen können. Böser Junge, tztztz!

Los, Pause. Essen. Jetzt!

Ah, prima. Müde bin ich schonmal. In der Küche eben gegähnt. Und festgestellt: Mal aufs Klo ist auch wieder ganz nett nach nunja mittlerweile – OMG Kopfrechnen – siebeneinhalb (24-19 = 5 | + 5,5 = 10,5) 9 Stunden konzentrierter Arbeit, davon eine Stunde Pause vom Bildschirm macht einen handelsüblichen Arbeitstag in Vollzeit.

Falls da jetzt jemand von der Rentenversicherung mitliest: Bitte keine voreiligen Rückschlüsse hinsichtlich meiner Arbeitsfähigkeit ziehen. Den Fehler hatte der homöopathiegläubige Gutachter auch schon gemacht. (Die Geschichte erzähle ich ein andermal.)

Sicherheitshalber erinnere ich noch daran, dass mein letzter Arbeitsausfall sich gerade auf die gesamte vergangene Woche erstreckt. Vom 23.- 29. hätte ich mich krankmelden müssen und das bei recht engmaschiger Betreuung durch meine Genesungsbegleiter. Diese Woche drei Stunden und in der Vorwoche eine Stunde war ich bei der Integrierten Versorgung zum Gespräch.

„Rückblick + Teamarbeit“ weiterlesen

Ich vor einem großen Baum, dem viele Äste abgesägt wurden.

Wanderung an der Oberalster

Männer, die gerne in der Natur sind, pinkeln in der Regel auch gerne in den Wald. Jedenfalls stelle ich mir das so vor – ich habe mich noch nicht getraut, direkt nachzufragen. Falls es sie gibt: Zu denen gehöre auch ich.

Ein beeindruckender Baum an der Oberalster.
Kastrierter Baum

Am Samstag vorvergangener Woche habe ich an einer Wanderung an der Oberalster mit Marc von der Outdoor-Gruppe von Startschuss teilgenommen. Für mich hat dieses Wochenende mit den sehr angenehmen Temperaturen (mit derselben dünnen Hose!) nun endgültig den Sommer eingeläutet.

Leider habe ich den beeindruckenden Kirschbaum* in voller Blüte nur mit meinem Hirn geknipst und ihr müsst jetzt mit dem kastrierten Baum vornehmen, der an dem Platz stand, an dem wir gerastet und gespiesen haben.

Bewusst für die anderen offen plauderte ich übers Abnehmen und Nichtrauchen und hörte von der Leidenschaft fürs Radfahren, die ich nicht teile, und tauschte Träume von Fernwanderungen.

Für mich war es das erste Mal, dass ich gut mir Kontakt und Rückzug gut haushalten und so die Wanderung sehr genießen konnte und auch die Gespräche mit vielen verschiedenen Menschen als angenehm erlebt habe.

Nur eine Situation war grenzwertig, als ich alleine ging, während sich vor mir zwei unterhielten und ich deren Gespräch sowie das der beiden hinter mir und der beiden dahinter verfolgte und nur dann, wenn sie sich gegenseitig übertönten, Satzfetzen nicht bei mir ankamen.

Ich nahm also gut 85% der Informationen dieser sechs Sprecher nebst Vogelgezwitscher und anderer Hintergrundgeräusche bewusst auf. Dazu kommen sämtliche visuell aufgenommenen Informationen und Empfindungen meines Körpers, wie Gerüche, Geschmack, Gluckern im Gedärm, brennende Muskeln, schmerzende Knochen,…

Unterm Strich betrachtet habe ich ein episodenhaftes Gedächtnis, dh ich erinnere Erlebnisse wie Filmszenen nebst all dem, was der Zuschauer eines Films – oft zum Glück – nicht mitbekommt. Ein bisschen fühle ich mich wie die Heldin in Unforgettable, die – künstlerisch überhöht – in ihrer Erinnerung zurückgehen kann als spule sie ein Video zurück.

Jetzt beim Schreiben kann ich in aller Ruhe sortieren und die Reize von Außen herauspflücken, in hübsche Worte kleiden und mit dem ein oder anderen Schuss Gedanken meiner damaligen oder jetzigen Innenwelt garnieren. Beispiel:

Dieser Kirschbaum erinnerte mich an die Sommer meiner Kindheit. 
Ich erblickte ihn am Ende einer Biegung des Weges vor einigen 
Häusern am Waldrand und schmeckte sofort die Luft auf meiner
Zunge, die baldigen Regen ankündigte. Es roch nach Elektrizität.
Ein Gewitter nahte.
Die Straße, in der ich aufgewachsen war, war von noch recht 
jungen japanischen Zierkirschen umsäumt - ganz hatte das Geld
für eine Allee nicht gereicht. Lange war ich nicht mehr dort.
Wie groß die Bäume wohl heute sind?
Dieser Baum hier erhebt sich majestätisch vor mir auf seiner
Anhöhe. Seine Blüten sind ein rosa Fest für die Sinne - 
es duftet nach Sommer und das leise Rauschen strahlt die Ruhe
und die Kraft aus, mit der er fest in der Erde verwurzelt ist.

(Naja ok, eigentlich erlebe ich die meisten Düfte als Gestank,
weil sie einfach zu intensiv sind, um angenehm zu sein.
Ich denke, der Detailreichtum ist trotz Weichzeichner und
kitschigem Geschwurbel deutlich geworden.
Dieselbe Erinnerung kann auch sehr viel technischer mit Fach-
wörtern beschrieben werden. Diese Genauigkeit ist sehr hilfreich
beim Erstellen von Bugreports oder bei der Definition von Kenn-
zahlen oder beim Schreiben von User Stories.)

Für Schriftsteller oder Journalisten und alle anderen, die beobachten und darüber berichten wollen ist das natürlich grandios. Für jemanden wie mich, der unterbezahlt in ein Großraumbüro gesetzt wird, dagegen Folter. Zum Glück blieb mir das bisher erspart.

Dies (und anderes, ich möchte hier nicht zu weit ausschweifen) ist eine Folge der sogenannten „Reizfilterstörung“ meiner schizo-affektiven Störung und oder, was ich konzeptionell vorziehe, die niedrigere Wahrnehmungsschwelle aufgrund meiner Hochsensibilität. Die psychische Minderbelastbarkeit bleibt, aber ich kann durch Optimierung meiner Work-Life-Balance so sehr dissimulieren, dass man mir meine Behinderung nicht anmerkt.

In einem Chat wäre es für mich kein Problem, diese Daten alle zu verarbeiten (ich habe auch schon, über Stunden hinweg und ohne Pausen, 15 oder 20 private Chatgespräche gleichzeitig geführt), weil dort 100% der

Ich klettere auf einen Baum.
Ich musste klettern, sonst gäbe es kein Foto.

Informationen von drei Gesprächen bei mir ankommen und ich allen parallel ohne Probleme folgen kann.

Die Aufnahme akustischer Informationen dagegen fällt mir sehr viel schwerer und das Ausblenden der Stimmen der anderen ist allerdings noch schwieriger, weil es erfordert, den Fokus meiner Aufmerksamkeit ganz bewusst auf etwas anderes zu lenken und damit viel Konzentration kostet.

Aus diesem Grund, und weil Menschen sich auch in der S-Bahn unterhalten, habe ich in den ÖPNV immer meine Kopfhörer bei mir und höre Musik, um die dortige Geräuschkulisse zu übertönen.

Zum Glück gab es aber auch Streckenabschnitte, wo wir schweigend neben- oder hintereinander hergingen und ich so die Gedanken in meiner Innenwelt schweifen lassen konnte. Das neben dem Weg verlaufende Gewässer tat sein Übriges zu meinem Ausgleich.

 

Mein persönliches Highlight war wie immer meine Pinkelpause:

Ich habe – und das ist eine andere Geschichte – endlich kein mentales Problem mehr, meine 7-EUR-Pinkelhilfe zu benutzen. Ich musste mich bei Harndrang also nur unauffällig zurückfallen lassen, eine geeignete Stelle ausgucken, am Rand stehen bleiben, die Hose aufmachen, in die Tasche greifen, um mein Hilfsmittel herauszuholen und damit mein Geschäft verrichten.

Der Pee Off von Laura Méritt machts möglich.

Ich hoffe, ihr verzeiht mir, dass aus der Wanderung an der Oberalster eine Wanderung durch meine Innenwelt geworden ist. Die Freiheit nehme ich mir einfach, da mich keiner für meine Arbeit bezahlt.

Als Entschädigung zeige ich euch noch meinen hart erarbeiteten Knackarsch:

Ich erklettere einen Baum.
Äffchen

 

Familie: Mein Vater

Liebe geht durch den Magen

Diesen Satz konnte ich leider nicht in meinem Lexikon finden.

Die Bedeutung dieses Sprichworts habe ich im Netz recherchiert. Neben vielen anderen Quellen fand ich auch ein Yoga-Wiki, in dem es heißt:

Liebe zu sich selbst – auch das geht durch den Magen. Indem man seinen Magen mit Ehrerbietung behandelt und ihm nur gesunde Nahrungsmittel gibt, drückt man auch seine Liebe zu seinem Körper, zu seiner Gesundheit aus. Gesunde Ernährung ist auch ein Ausdruck der Selbstliebe.

Das finde ich gar nicht so verkehrt. Denn tatsächlich greife ich auf Fertiggerichte zurück, sobald meine Selbstliebe nachlässt, weil ich depressiv verstimmt bin. Dann bin ich es mir plötzlich nicht mehr wert, mir die Zeit zu nehmen und für mich selbst zu kochen.

Koch gelernt habe ich eigentlich auch genau deshalb: Um andere Menschen durch den Magen zu lieben und um auch etwas (Lob, Trinkgeld) dafür zurückzubekommen. Naja, das hat nicht so geklappt, wie ich mir das dachte. Schon gut, dass ich durch die Prüfung gefallen bin. Kochen als Beruf war nicht das richtige für mich.

Aber das Kochen zu lernen war ein Weg, meinem Vater zu gefallen. Nur leider tat ich dabei meiner Mutter weh, als mein Vater die von mir zubereitete Consommé ohne Maggi genoss und ihr daran auffiel, dass er das Zeug bei ihren Suppen immer ungeprüft reinschüttete. Ihr Gesicht in dem Moment sprach Bände. Das zu beobachten zerriss mich innerlich.

Für mich war es immer sehr schwer, die Anerkennung meines Vaters zu finden. Das Essen wurde gelegentlich gelobt, häufig bekrittelt und die überwiegende Zeit stillschweigend hingenommen. Außerhalb des Rituals des Abendessens gab es praktisch keine Gelegenheit, einen Gesprächseinstieg überhaupt zu versuchen.

Und auch bei Tisch hieß es noch als ich sechzehn Jahre alt war:

Kinder bei Tisch, stumm wie ein Fisch

Auch diesen Satz finde ich in meinem Lexikon nicht und im Internet bezeichnet der erste Treffer (von 2011) diese Aussage als „reaktionär“.

Mein Lexikon kennt dagegen den Satz:

Gespräch am runden Tisch führen

Das bedeutet, dass man ein zwangloses Gespräch mit gleichberechtigten Partnern führt. Heute sagt man auch „auf Augenhöhe“ tauscht man sich aus. Solche Gespräche habe ich mit meiner Mutter unter vier Augen recht häufig geführt – in der Küche an einem eckigen Tisch. Soviel zum Wortsinn und der Kommunikationskultur, mit der ich aufgewachsen bin.


An diese Redewendung, die Liebe ginge durch den Magen, musste ich neulich denken, weil der Krebs meines Vaters den Weg zu seinem Magen von beiden Seiten her zugewuchert hatte.

Am Ende konnte er gar keine Speisen mehr genießen – dabei war er zeitlebens Feinschmecker gewesen und der Entzug gustatorischer Genüsse muss für ihn die Hölle auf Erden gewesen sein.

Mein Vater war gar kein Freund von Fertiggerichten. An seiner Selbstliebe hat es dann wohl nicht gemangelt. Der Krebs muss also eine andere Ursache gehabt haben.

Ich erfuhr von der Diagnose im November 2013 und Anfang September 2014 war ich durch eine Tagung gut abgelenkt, als er im Sterben lag. Ohne dieses Ablenkung hätte ich das wohl kaum verkraftet, ohnmächtig untätig abwarten zu müssen. Woher meine Mutter die Kraft nahm, ihn zu begleiten, ist mir ein Rätsel.


Mein Vater war mir, solange ich klein war und zu ihm aufsah, ein großes, eigentlich DAS Vorbild bei der Frage, wie ein Mann sein sollte: Ein Mann trägt Anzug und am Wochenende allenfalls mal eine Strickjacke zum schlipslosen Hemd.

Der Mann ist dafür zuständig, die Brötchen zu verdienen. Die Frau darf da mitmachen, aber die ist für die Kinder zuständig. Wie sie das geregelt bekommt, ist ihr Problem. Sie wollte ja die Kinder.

Als ich dann so ein Mann werden wollte und Papas (teures) Duschgel in Unmengen benutzte, stieß das auf wenig Gegenliebe seitens meiner Mutter.

In der Rückschau ziehe aus den Schwächen meines Vaters die größte Lehre. Das ist mir ein Anti-Vorbild, ein Bild dessen, wie ich mich als erwachsener Mann nicht verhalten möchte. Auch diese Rollenaufteilung hat mir nie geschmeckt, egal ob ich in der weiblichen oder männlichen Geschlechtsrolle war oder irgendwo dazwischen unterwegs.

Ein Mann zeigt keine Gefühle – damit hatte ich sehr lange Zeit die größten Schwierigkeiten. Ich habe mich ganz bewusst für das Gegenteil entschieden. Mir ist das langjährige Unterdrücken meiner Gefühle nicht gut bekommen. Vor zehn Jahren habe ich begonnen, intensiv zu schreiben und dabei meine Gefühle rauszulassen.

Das impulsive Ausagieren jeglicher Gefühle strebe ich jedoch auch nicht an. Ich durchlebe sie, konserviere sie in Textform und setze die zurückbleibende Energie von Wut oder Trauer in Bewegung um. Freude, Hoffnung, Zuversicht, Ruhe, Kraft und Frieden teile ich natürlich gerne mit anderen Menschen. Auch meinen Schmerz zeige ich in meinen Geschichten: Auf eigene Gefahr.

Mein Vater ist mir jedoch vor allem ein großes Vorbild, was seine Umsicht, Feinfühligkeit und Nachhaltigkeit angeht. Er war ein großartiger Arbeitgeber, Vorgesetzter und Geschäftsmann. Er war selbstsicher genug, sich in die Selbständigkeit zu wagen, weil er auf seine Fähigkeiten vetraute.

Der nicht wirklich frei gewählte Übergang in den Ruhestand nach über 30 Jahren Tätigkeit während eines langjährigen Rechtsstreits mit einem ehemaligen Auftraggeber hat ihn gebrochen und er verlor jeglichen Halt. Mich schmerzt die Sinnlosigkeit dieses Geschachers ums Geld, dieses Auslöschen von Lebenssinn und die damit verbundene absolut unangemessene Geringschätzung meinem Vater gegenüber.

Wenn ich mich heute an seinen letzten Blick in meine Augen erinnere, dann finde ich darin alles das, was ich all die Jahre vermisst, weil nicht beachtet habe. Damals sah ich nur die Angst davor, mich zurückzulassen und spürte seine Sorge, ob ich auch alleine zurechtkäme.

Ja, natürlich komme ich klar. Ich bin doch nicht ohne Grund zur Selbständigkeit erzogen worden. Es tut mir nur leid, dass er kein Buch mehr von mir in den Händen halten wird und mich zuletzt als kranken Mann gesehen hat – wie ich ihn ja auch.

Wenn ich weniger meinen Vater und mehr mich geliebt hätte, hätte ich vielleicht früher damit angefangen, mir die Seele frei zu schreiben. Doch darüber nun auch noch zu trauern ist müssig. Ich bin heute der, der ich bin, weil ich diesen Weg gegangen bin.

Tschüss, Papa. Ruhe in Frieden.

Was ich an meinem Vater stets am meisten geschätzt habe, ist, dass er die Ruhe selbst war. Lexikon sagt* zu die Ruhe selbst sein: sich ganz in der Gewalt haben, eine bewundernswerte Gelassenheit zeigen, sich keine Erregung anmerken lassen.

Das werde ich wohl verwechselt haben mit dem Fehlen von Gefühlen, weil solche wenn überhaupt nur sehr selten ausgesprochen wurden. Vielleicht hing es auch damit zusammen, dass ich mit meinen eigenen Gefühlen so lange überfordert war.

Nun habe ich erfahren:

In der Ruhe liegt die Kraft.

Der Satz steht nicht im Lexikon, aber die Bedeutung habe ich nun erfasst: Durch innere Ausgeglichenheit schöpfe ich Kraft und kann so sehr viel mehr Leistung und auch Gelassenheit nach außen zeigen als wenn ich mir keine Ruhe gönne (rastlos tätig sein, sich keine Erholung, keinen Urlaub gönnen).

Ohne die durch die Psychose nach außen gezeigte Unausgeglichenheit und die damit verbundene Diagnose hätte ich das wohl nicht so schnell erkannt. Die erlittene Zwangseinweisung unterstrich die Dringlichkeit, mit der dieses Problem der Unausgeglichenheit gelöst werden musste.

So habe nun auch ich meine Ruhe gefunden. Lexikon sagt* zu Ruhe finden: innere Ausgeglichenheit, Erlösung von Mühe, Sorge und Leid durch den Glauben finden. Die Redewendung bezieht sich auf den Rat Jesu (Matth. 11,29):

Nehmet auf mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.


* Ja, das ist eine Anspielung auf „Computer sagt nein….“


PS:

Ja, natürlich frage ich mich, ob man so über Verstorbene überhaupt sprechen darf oder ob das pietätlos ist.

Ich frage mich, wie meine Mutter wohl darauf reagieren wird, wenn sie das liest. Ob sie sehr verletzt sein wird. Ob eine sehr große Kluft liegt zwischen der Vergangenheit, die ich erinnere, und der, die sie erlebt hat.

Darf ich so etwas nur im Therapiezimmer von mir geben? Oder muss ich damit zur Beichte?

Ich finde: Nein. Das hat hier seinen Platz in meinem Tagebuch.