Krisenpension bei der Integrierten Versorgung

Die Räumlichkeiten wirken wie eine ganz normale Dreizimmerwohnung. Es gibt zwei Schlafzimmer für Klienten – Einzelzimmer – und ein Büro, in dem ein Schlafsofa steht für die Person, die die Betreuung innehat. Es gibt eine Küche, in der von den Klienten selbst gekocht wird, und es gibt ein Badezimmer, das sich alle teilen.

Die letzte Nacht habe ich in der Krisenpension übernachtet. Es war für mich grenzwertig, da ich schon am Dienstag in die Hypomanie geswitcht war. Mit dem Einschlafen habe ich schon den ganzen letzten Monat Schwierigkeiten gehabt. Letzte Woche war es eine Nacht, in der ich nicht schlafen konnte und diese Woche war es schon die zweite Nacht – trotz selbstständigem Aufdosieren meines Olanzapins.

Ich machte mir Sorgen, weil ich bereits leichte Schwierigkeiten mit zielgerichtetem Handeln hatte und wenn ich zwei Nächte nacheinander nicht schlafen kann, geht es ruck-zuck in die nächste Psychose. Ich kann sehr schnell dekompensieren.

Bereits in der schlaflosen Nacht habe ich mich per eMail an die IV gewandt und beschrieben, wie es mir gerade geht. Morgens habe ich dann im Büro angerufen. Ich hätte auch nachts die Notfallhotline anrufen können, aber weil ich weiß, dass ich dann möglicherweise jemanden wecke, habe ich bis zum Beginn der Bürozeiten gewartet.

Tagsüber fuhr ich noch quer durch die Stadt zu meinem Endokrinologen, um meine Spritze mit dem Nebido zu bekommen. Das ging zum Glück alles gut, es gab keine unliebsamen Überraschungen unterwegs. Als ich wieder zu Hause war, gab ich bei der IV Bescheid und versuchte nochmals zu schlafen, weil ich morgens nur knapp drei Stunden hatte schlafen können.

Am Nachmittag entschied ich dann, die Nacht sicherheitshalber in der Krisenpension zu verbringen. Alleine zuhause war mir unwohl, weil ich nicht wusste, ob es mir gelingen würde zu schlafen und die Gefahr sah, am nächsten Tag Unsinn anzustellen und über kurz oder lang wieder zwangseingewiesen in einer Fixierung zu landen.

Als ich in der Krisenwohnung ankam, traf ich dort (zufällig) auf meinen Genesungsbegleiter, der meine Bezugsbetreuung macht. In der Krise sind alle zuständig, deshalb kann das auch jemand anders sein, der mich dort erwartet. Ich habe dann die Mitklientin kennengelernt, eine Frau in genau dem Zustand, den ich für mich vermeiden wollte: Im Denken sehr zerfahren, logorrhoeisch, leicht wahnhaft, wechselnde Stimmungen, immer wieder aggressiv. Mir ging es gut genug, das gut aushalten zu können, was mir zeigte, dass ich früh genug die Krisenpension aufgesucht hatte.

Nachdem ich mein Bett bezogen hatte, haben wir kurz besprochen, wie der Abend verlaufen sollte und dann habe ich mich erstmal zurückgezogen, bis die Ablösung kam. Wir machten dann, wie es üblich ist, zu dritt Übergabe. Ich mag es, wenn mit mir geredet wird und nicht hinter meinem Rücken über mich. So kann ich selbst dazu beitragen, Übermittlungsfehler auszuschließen.

Um mir den Druck zu nehmen, hatte ich bereits in der Vornacht alle Termine abgesagt und musste mir keinen Wecker stellen. Ich hatte alles dabei, um mich nachts zu beschäftigen, sollte ich nicht schlafen können. Auch das nimmt den Druck, unbedingt schlafen zu müssen. Im Laden um die Ecke holte ich mir noch etwas zu naschen, falls ich nachts Hunger kriegen sollte, und kochte dann für zwei. Die Betreuung sah immer mal in der Küche nach, ob ich auch zurechtkam und setzte sich beim Essen zu uns und wir redeten.

Noch vor dem Essen hatte ich meine erste Tablette genommen, 10mg Olanzapin, weil 5mg in der Vornacht nicht gereicht hatten und ich in der Klinik zuletzt auch 10mg hatte. Ich bin dann auch tatsächlich recht bald von einem sehr mächtigen Schlafanstoß übermannt worden und konnte einduseln, wurde aber leider von der schreienden Mitklientin geweckt und war dann wieder hellwach. Ich machte eine PMR, hörte binaurale Klänge, aber so richtig entspannt war ich dennoch nicht und so nahm ich auch noch 1mg Lorazepam. Das war dann ein voller Erfolg. Ich konnte sechs Stunden am Stück schlafen, bevor mich die immer noch randalierende Zimmernachbarin weckte. Ich duselte aber nochmal ein, wachte wieder auf, schlief nochmal eine Stunde. Um acht stand ich dann auf.

Jetzt fühle ich mich übern Berg, jedenfalls erstmal auf der sicheren Seite, und werde die Dosierung des Olanzapins die nächsten Tage so hoch beibehalten. Ein falscher Ehrgeiz, mit möglichst wenig Medikation auskommen zu wollen, hatte mich in der letzten Zeit immer instabiler gemacht. Ich habe den Eindruck, je weniger Tabletten ich nehme, desto stärker kommt das hoch, was eigentlich in einer Psychotherapie aufgearbeitet gehört.

Ich versuche nochmal in Stichworten kurz herauszustellen, was die Krisenpension in ihren Vorzügen gegenüber der Unterbringung in einem Krankenhaus ausmacht:

  • sofortige Verfügbarkeit
  • Einzelzimmer
  • Betreuung 1:1 bis 1:2
  • Tagesstruktur wird gemeinsam mit den Klienten geschaffen
  • Selbstversorgung steht im Vordergrund, auch wenn es Hilfe dabei gibt
  • Übergabe gemeinsam mit Klienten
  • Gesprächsangebote nach individuellem Bedarf

Krankheitseinsicht gewinnen

Was habe ich von meiner Krankheitseinsicht, wenn ich trotz Tabletten nicht schlafen kann? Seufz. Ich weiß, dass es sich bei meinem neu aufflammendem Tatendrang um Symptome einer Krankheit handelt, denen anders begegnet werden muss, als mich einfach ins frohe Schaffen zu stürzen und die Nächte durchzumachen. Dabei ist es so verlockend. Ich könnte ja sooo viel leisten.

Stattdessen trete ich jetzt auf die Bremse. Für Freitag habe ich mich krank gemeldet, damit ich endlich ausschlafen kann. Leider muss ich heute noch zum Arzt, weil ich auf meine Spritze angewiesen bin. Und ein Gespräch mit meinem Genesungsbegleiter habe ich auch noch, der Behandlungsplan steht an. Letzteres könnte ich sausen lassen, aber Chaos in meinen Hormonhaushalt zu bringen hilft mir im Augenblick keinesfalls und eine Verschiebung der Spritze – hmm, naja – ließe sich eigentlich notfalls mit Testogel überbrücken, das ich noch im Kühlschrank habe.

Ich kann eben sooo viel leisten nicht. Das ist die bittere Wahrheit. Das muss ich immer einplanen. Ausreichend Schlafen ist einfach mein Schlüssel zur Genesung. Schlafe ich zu viel, werde ich depressiv. Schlafe ich zu wenig, werde ich manisch. Durch die manische Energie und das verringerte Schlafbedürfnis katapultiere ich mich ruck-zuck in die nächste Psychose, wenn ich dem nachgebe. Neu entdeckt habe ich jetzt, dass ich auch aus der Depression herausswitche, wenn ich vor lauter depressiven Gedanken oder Erinnerungen an Traumata nicht mehr schlafen kann. Dann vertagt sich das Problem auf später.

Wie kam ich also auf den Trichter, wie krank ich wirklich bin? Durch meine Tagebücher, anhand derer ich meinen Verlauf beobachtet habe (Siehe: Mein Genesungsblog), zeitweise habe ich auch ein Stimmungstagebuch geführt, was sehr aufschlussreich war hinsichtlich der Erkenntnis, was mir in welchem Zustand hilft. Und durch den Austausch mit anderen Betroffenen, anderen Verläufen. Ein Beispiel, wie hart es einen wirklich treffen kann liefert Thomas Melle mit Die Welt im Rücken.

Den Aha-Effekt hat meine Manie im letzten Jahr (natürlich erst im Rückblick) gebracht. Ich bin wirklich an Grenzen gekommen, die ich nie hatte überschreiten wollen. Einem Bettler habe ich 1000 Euro in bar geschenkt, einfach so, weil ich sie gerade dabei hatte. Das mag manchem viel Geld erscheinen, aber ich kann darüber nur lachen. Nicht weil ich Millionär wäre, sondern weil ich weiß, was noch alles hätte passieren können. Zum Glück hatte mein Ehemann meine ec-Karte sperren lassen.

In der Manie wird jede Idee, jeder Gedanke zur Tat, schreibt Melle. Die meisten Ideen, die man so den Tag über hat, werden ja meistens gleich wieder verworfen. Dieses Verwerfen unterbleibt und dazu kommt, dass man ständig neue Assoziationsketten bildet, denen man dann unwillkürlich folgt. Ich habe vielleicht Harndrang und mache mich auf den Weg zur Toilette, unterwegs fällt mein Blick dann auf mein Memoboard und da steht was von fegen, ich fange an zu fegen, dabei steht mir der Wäscheständer im Weg herum, ich hänge die Wäsche ab und als ich die Handtücher ins Bad bringe, komme ich am Klo vorbei und dann fällt mir mein Harndrang wieder ein. Das wäre ein Beispiel mit einem Happy End.

Ich habe wohl Glück damit, dass es bei mir recht fix geht, dass aus der Manie eine Psychose wird und meine Gedanken dann so sehr zerfahren sind, dass ich handlungsunfähig werde und damit derart auffällig, dass ich zwangseingewiesen werde(n darf). So war die schlimmste meiner Taten die Bedrohung eines Taxifahres, dem ich sehr ernergisch erzählte, ich könne mich nicht mehr erinnern, ob dieser Koffer (den ich mit mir führt) der mit der Bombe sei oder der andere. Ich erhielt eine Anzeige, das Verfahren wurde eingestellt, weil ich psychisch krank (und sogar krank geschrieben) war. Hätte ich nicht die Krankmeldung dabei gehabt, hätte ich mich sicherlich nicht so verhalten.

Wenn mich also Angehörige fragen, wie man den Betroffenen zur Krankheitseinsicht verhelfen kann: Schreibt Tagebücher. Beschreibt das Verhalten der betreffenden Person und beschreibt eure Gefühle. Wenn der Maniker in die Depression gefallen ist, ist der richtige Moment, das Tagebuch zu überreichen. Solange man in der Manie drinsteckt, fühlt man sich ja so gar nicht krank. Rückblickend hat man aber oft ein Einsehen, dass man da gerade akut erkrankt war. Das Erinnerungsvermögen, so Melle, ist jedoch durch die Manie wie auch durch die Depression getrübt, so dass man sich im Nachhinein nur noch bruchstückhaft erinnern kann. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, hatte dies jedoch bisher auf die Medikamente geschoben.

Ich genieße, dass ich nach langer Depression jetzt wieder höher gestimmt bin und ich nutze den Antrieb, der mir vergönnt ist. Ich tobe mich aus, geistig wie körperlich. Aber ich setze eben auch die Dosierung meiner Medikation nach oben. Ich melde mich krank, um auszuschlafen. Und ich lasse es ruhig angehn bei allem was ich tue und mache bewusst mehr Pausen als sonst. Ich bin keine Maschine. Ich muss nicht funktionieren ohne Pausen.

Und, seien wir mal ehrlich, das Funktionieren ist doch ohnehin ein Eindruck, den ein Außenstehender gewinnt. Wer gut dissimulieren kann, funktioniert doch prima in dieser Gesellschaft. Wenn ich eben aus Krankheitsgründen Sonntag, Dienstag und Donnerstag ausschlafen muss, damit ich Montag und Mittwoch je drei Stunden arbeiten kann, dann ist das eben so.

Weil das so ist, bekomme ich meine Renten auch zu Recht. Die habe ich nämlich mittlerweile durch, sowohl die von der DRV als auch meine Berufsunfähigkeitsrente. Eigentlich hätte mir die schon viel früher zugestanden, die BU-Rente bereits nach einem halben Jahr Arbeitsunfähigkeit. Aber ich war ja nicht krank(heitseinsichtig).

Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen

Es sind die Begegnungen mit Menschen,

die das Leben lebenswert machen.

Heute war wieder so ein Tag, an dem ich sehr deutlich gespürt habe, dass es einen Unterschied macht, ob ich da bin oder nicht.

Es war ein Praktikumstag in der Klinik, ich habe mich also anderthalb Stunde in Bus und Bahn gesetzt, um drei Stunden zu arbeiten und danach wieder anderthalb Stunden in Bus und Bahn zu verbringen. Fifty-fifty, genau an der Schmerzgrenze.

Ich leite dort eine Recoverygruppe und bisher hatte ich es mir nicht zugetraut, alleine zu moderieren. Einmal war es gut gegangen, einmal lief es aus dem Ruder und danach hatte ich mir Unterstützung geholt. Heute war meine Co-Moderatorin eine Auszubildende, die selbst sehr unsicher war, was denn nun genau ihre Aufgabe sei. So habe ich mich nicht alleine und überfordert gefühlt, aber dennoch die Moderation sozusagen hauptamtlich übernommen und fühlte mich zum ersten Mal wohl dabei. Es lief sehr harmonisch ab und alle waren happy am Ende. Neu war, dass ich es tatsächlich geschafft habe, eine Gruppenteilnehmerin dezent zu begrenzen, um einem anderen Teilnehmer Raum zu verschaffen. Und es hat gar nicht weh getan.

Nach der Gruppe habe ich meinen „Papierkram“ am Computer gemacht und dann war noch etwas Zeit, neue Patienten kennen zu lernen. Davon gab es einige, da ich mich letzten Mittwoch hatte krankmelden müssen. Es war das erste Mal, dass ich es mit nur wenig Überwindung geschafft habe, aktiv auf die Leute zu zu gehen, mich vorzustellen und nach dem Namen zu fragen. Bisher hatte ich mich immer noch sehr passiv verhalten, Namen durch Beobachtung aufgeschnappt und abgewartet, bis jemand auf mich zugeht. Dabei finde ich es so wichtig, dass das Personal auf die Patienten zugeht, weil ich selbst immer eine sehr hohe Hemmschwelle überwinden musste, wenn ich mich mit einem Anliegen beim Dienstzimmer melden musste – zudem fühlte ich mich dabei immer wie ein Bittsteller. Das will ich meinen Patienten ersparen.

Ich durfte in meiner letzten Viertelstunde vor Feierabend noch ein sehr angenehmes Gespräch führen, in dem zunächst zweifelnd gefragt wurde, wie ein Gespräch mit mir denn helfen könne und sich sehr umsichtig danach erkundigt wurde, was ich den tun würde, um mich zu schützen. Zum Abschluss wurde dann festgestellt, dass das Gespräch mit mir doch gut tue und das war so ein Moment, wo ich dachte: Ja, das ist es. Das will ich tun: Andere Menschen bei ihrer Genesung begleiten.

Ich hoffe, solche Tage halten sich die Waage mit denen, an denen ich an mir zweifle und alles in Frage stelle. Wenn man mich heute fragen würde, ob ich nach dem Praktikum dort weiterarbeiten wolle, würde ich sofort ja sagen. Wenn ich daran denke, dass ich zwischenzeitlich am liebsten das Praktikum abbrechen wollte, muss ich mir rückwirkend den Vogel zeigen.

Am Mittwoch habe ich wieder einen Praktikumstag, dann ohne Gruppe und entsprechend viel Zeit für Einzelgespräche, Spaziergänge oder Tischtennis. Nur noch zweimal Mittwoch und zweimal Montag, dann ist Ende Juli und damit endet auch mein Praktikum. Eigentlich schade, auch wenn ich auf der anderen Seite froh bin, dass das unentgeltliche Arbeiten ein Ende hat.

Jetzt ist es an der Zeit, mit dem Praktikumsbericht anzufangen. Am besten gebe ich auch gleich übermorgen Bescheid, dass ich auch eine Praktikumsbescheinigung brauche.

Wer mir wohl ab August begegnen wird?

Was tun nach der Ausbildung?

Ich habe noch einen Praktikumsbericht zu schreiben und eine Abschlusspräsentation vorzubereiten, zwei Module und das wars. Dann stehe ich vor dem großen Loch unstrukturierter Zeit.

Im letzten Jahr war zwar nicht immer jeder Tag mit vorgegebenem Programm gefüllt, aber es gab einen gewissen Rahmen und daneben Aufgaben zur selbständigen Bearbeitung. Jetzt habe ich das Gefühl, bald den Halt zu verlieren.

Was sich auch ändern wird ist meine Medikation. Seit meinem letzten Klinikaufenthalt im August/September nehme ich Olanzapin, mittlerweile nur noch 2,5mg, was mir gut beim Schlafen hilft. Aber es bringt eben auch dieses NL-Zombie-Gefühl, ich bin träge und bocklos bis depressiv und Dinge, die mir eigentlich wichtig sind, verschwinden im Nebel. Vielfach ist mir Lithium empfohlen worden und ich möchte es nun damit versuchen. Auch das beginnt im August.

Was Mitte August ausläuft ist der Vertrag mit der Integrierten Versorgung. Da bin ich noch nicht ganz schlüssig, ob ich den verlängern will. Mittlerweile habe ich das Krankenhaus durch mein Praktikum von einer ganz anderen Seite kennengelernt und bin mir nicht sicher, ob ich weiterhin um jeden Preis ambulante Behandlungen vorziehen will. Das fängt schon mit der Einstellung auf Lithium an, was man im Krankenhaus unter recht engmaschigen Kontrollen machen kann. Darüber werde ich mit meiner Ärztin nochmal sprechen.

Und dann ist da eben die Frage, ob ich wirklich als Genesungsbegleiter tätig werden will. Ich kann mir eine Tätigkeit außer Haus an drei Tagen die Woche zu je drei Stunden gut vorstellen. Das gibt etwas Struktur für die Woche und bietet soziale Kontakte, die mir in gewissem Maß gut tun. Mit Hausarbeit und Arztterminen ist die restliche Zeit schnell gefüllt. Das finde ich etwas schade, weil ich gerne wieder mehr schreiben würde.

Wenn ich auf das letzte Jahr blicke, so ist das Schreiben völlig in den Hintergrund geraten. Ich habe fast nur geschrieben, wenn es eine Aufgabe war, die uns gestellt wurde – weil ich mich insgesamt zu kaum etwas aufraffen konnte, weil alles so viel Kraft kostete. Ich habe die leise Hoffnung, dass das Lithium mir auch damit helfen kann, weil ich dieses Nicht-aufraffen-können für depressive Symptome halte.

Schaffe ich es kaum zu bloggen, ist an das Schreiben eines Romans nicht zu denken. Und ich möchte gerne wenigstens einmal in meinem Leben ein Manuskript fertigstellen. Einmal. Theoretisch habe ich beste Rahmenbedingungen, weil ich finanziell gut versorgt bin und nicht arbeiten muss, leider aber auch nicht kann.

Was mir fehlt, ist Kontinuität. Durch die ständigen wechselnden Phasen schaffe ich kaum etwas zu Ende zu bringen. Erst lege ich in manischem Übereifer los, dann liegt alles monatelang brach, weil ich nur noch im Bett oder vor dem Fernseher liege. Dann ist mir alles zu viel und meine gesteckten Ziele erscheinen mir allesamt überhöht und unrealistisch. Zwischendurch produziere ich Mist, wenn ich psychotisch bin (Beispiel: Gutenachtgeschichte für Psychotikerverstehenwoller).

Vielleicht sollte ich nur einen oder zwei Tage die Woche arbeiten, dann hätte ich mehr Zeit zum Schreiben. Ich muss es nur dann auch wirklich tun und mich tatsächlich daransetzen. Ich denke es würde mir gut tun, wenn ich wieder zur Schreibwerkstatt ginge, weil ich dann nicht ganz so alleine mit meinem Werk wäre. Mir hilft es, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand meine Arbeitsleistung erwartet.

Aus meiner Studienzeit weiß ich noch, wie schwer es mir gefallen ist, alleine am Schreibtisch mit dem Stoff zu kämpfen. Zum Glück hatte ich einen Kommilitonen, der mir per Messenger half. Rückwirkend betrachtet ist mir aber klar, dass ich zu der Zeit depressiv war und ich deshalb blockiert war, genauso wie ich zuvor manische Energie gehabt hatte. Wie wohl die Mitte sein wird?

Ich möchte schon gerne als Genesungsbegleiter tätig werden, fühle mich aber bisher immer wieder unfähig und glaube, dass ich den Leuten mitunter auch schaden kann. Genauso wie ich zwischenzeitlich immer wieder denke, dass meine Texte nichts taugen. Beides in meinem Alltag unterzubringen sollte wohl möglich sein. Ich denke auch, dass mir die Abwechslung gut tun wird.

Was ich noch unterbringen muss ist eine Psychotherapie. Die ist lange überfällig und nicht zum ersten Mal habe ich auch von mir aus den Wunsch danach. Im Augenblick habe ich auch die Kraft, einen Therapieplatz zu suchen. Terminlich gesehen ist es besser, die Suche ab August anzugehen. Im Augenblick bin ich noch ausgebucht.

Wahrscheinlich läuft es doch wieder darauf hinaus, dass ich weniger Zeit habe als mir lieb ist – sobald der Antrieb wieder da ist.

Unser Vortrag an der Uni

Am nächsten Dienstag, 20. Juni 17, um 18 Uhr hält unsere EX-IN-Kursgruppe eine Vorlesung an der Universität Hamburg, Edmund-Siemers-Allee 1, Hörsaal A.

Es geht um die Fragestellung, was Genesungsbegleiter zu weniger Zwang und Gewalt in der Psychiatrie beitragen können. Wir haben uns in den letzten Wochen sehr intensiv zum Thema ausgetauscht und nun liegen angesichts unseres bevorstehenden Auftritts die Nerven blank – meine jedenfalls, spätestens nach der heutigen Generalprobe.

Es handelt sich um eine öffentliche Veranstaltung; hier zur Programmankündigung der Uni: Beitrag der Peerarbeit zu hilfreichen Milieus und gegen Zwang

Autogramme gibt es dann nach der Vorstellung. 😉

Meine Arbeit als Genesungsbegleiter

Sonntag, 30.04.17

Zum Tag der Arbeit mache ich mir Gedanken über meine Arbeit. Es gehört mit zum Portfolio, das wir ausarbeiten sollen, auch darüber zu schreiben. Das Portfolio zu erstellen ist im Grunde eine Sammlung von Reflexionsübungen. Abgabetermin ist der 10. Juli, also so langsam wird es mal Zeit und die Tabletten bremsen mich jetzt nicht mehr so sehr.

Da ich gerade mein Vertiefungspraktikum begonnen habe, werde ich oft gefragt, was ein Genesungsbegleiter so macht. Ich sage gerne, ich begleite bei der Genesung.  „Meine Arbeit als Genesungsbegleiter“ weiterlesen

Haarscharf an der Manie vorbeigeschrappt

Als ich im September zuletzt in der Klinik war, wurde ich auf 10mg Olanzapin eingestellt. Dieses haben wir schrittweise reduziert, zuletzt vor Ostern auf 2,5mg. Etwas unglücklich vielleicht das zeitliche Zusammentreffen mit dem Beginn meines zweiten Praktikums. Die letzten zwei Wochen schlief ich schon schlecht ein und dann das:

Gesteigerter Antrieb, gesteigerte Libido, Durchfälle, erhöhtes Mitteilungsbedürfnis und dieses Gefühl von Erschöpfung oder Müdigkeit bei gleichzeitiger Anspannung. Meine Frühwarnzeichen.

Mir hat geholfen, mich sofort abzuschotten mit dem Bitte-nicht-stören-Schild an der Tür, mich ins Bett zu legen und Musik zu hören und ganz langsam runter zu kommen mit einem Freund, an den ich mich wenden konnte. Am Ende reichten mir nochmal binaurale Klänge, sonst hätte ich auch das Lorazepam eingesetzt. Schlaf war diesmal wirklich wichtig.

Ganz über den Berg bin ich noch nicht, weil ich nur knapp acht Stunden geschlafen habe und wieder richtig ausschlafen müsste und auch nicht weiß, wie es heute abend klappt mit dem Einschlafen. Morgen ist wieder Praktikum, was ich nicht absagen will. Die Gruppe am Dienstag werde ich absagen und ziehe in Betracht, das Praktikum am Mittwoch doch abzusagen. Morgen absagen brächte mich sofort auf die sichere Seite…

Das nächste Wochenende ist ohne Modul und bietet mir die Gelegenheit, mich richtig auszuruhen vom Donnerstag bis Sonntag.

Ich hoffe, dass ich es packen werde, sonst muss ich runtergehen auf einmal die Woche drei Stunden und habe dann die Montage nach dem Modul auch frei. Oder ich verschiebe auf den Dienstag, ginge auch. Bin sowieso gespannt, was die für ein Gesicht machen, wenn ich da am Feiertag aufschlage.^^

Das Jammertal nach dem Höhenflug

Lieber Herr Jott-Punkt, hallo Welt,

ich muss mich doch noch einmal zu Wort melden und will hoffen, dass dies nun wieder häufiger geschieht ohne allerdings so auszuarten wie beim letzten Mal. Meine alten Beiträge durchzugehen und ggf. wieder offline zu stellen, was mir zu peinlich ist, würde viel mehr Kraft erfordern als einfach zu sagen: Schwamm drüber! Die ein oder andere Entgleisung tut mir wirklich leid, viele waren wohl eher lustig und nicht weiter wild. Manch Beitrag könnte den ein oder anderen Angriff enthalten, den ich heute so nicht mehr starten würde. Das möchte ich aber meiner allgemeinen Entwicklung zuschreiben.

Heute sehe ich mich fast ein halbes Jahr nach dem psychotischen Gipfel meiner letzten Manie. Wenn ich das vergleiche mit meiner ersten Manie, so liegen Welten dazwischen, was ich in allererster Linie der Medikation zuschreibe, denn die letzte Manie war weitaus heftiger und anstrengender als meine erste. Diesmal bin ich aber nicht so zugeballert, wie die Ärzte es empfahlen; ich habe nicht zu allem Ja und Amen gesagt in der Hoffnung auf Heilung. Und ich habe mit Olanzapin ein Medikament gefunden, das ich abgesehen von Spontanverfettung (30kg in 3 Monaten) vergleichsweise gut vertrage. Bei meinem nächsten Gespräch mit meiner Ärztin will ich noch eine Stufe runtergehen, weil es nach wie vor so ist, dass ich das Gefühl habe, anders zu sein als ich es normalerweise bin: Langsamer, ruhiger, stiller, in mich gekehrter und das in einem solchen Übermaß, dass ich mich nicht wohl damit fühle.

Und natürlich würde ich gerne wieder abnehmen, schaffe es aber bisher nicht. Ich habe immer wieder Schokoladenkaufundfressanfälle, die ich nicht gänzlich unterdrücken kann. Was mich dagegen freut, ist, dass ich wieder gut in Bewegung eingestiegen bin. Ich fühle mich etwas fitter und bin nicht ganz so schnell aus der Puste wie noch im November.

Das alles findet wohlgemerkt neben der Ausbildung statt, die ich seit September absolviere. Beim ersten Modul habe ich mich manisch präsentiert, das zweite wegen Klinikaufenthalts versäumt und seitdem fleißig das mittlerweile straff anziehende Programm absolviert. Dazu gehören ua.a zwei Praktika, ein in Kleingruppen vor der Großgruppe zu haltendes Referat und ein als Gesamtgruppe auszuarbeitender an der Uni zu haltender Vortrag, der bis hin zur Performance in szenischer Ausarbeitung ausgestaltet werden kann.

Bei meinem ersten Praktikum im Oktober/November war ich noch total platt und ziemlich überfordert. Ich habe tapfer am Treff in einer Einrichtung der ambulanten Sozialpsychiatrie teilgenommen, mich aber nicht wirklich als Begleiter einbringen können. Ein Raum, voll mit Menschen, die alle durcheinanderschnattern überfordert mich einfach. Das ist kein geeigneter Arbeitsplatz für mich. Meine Stärke liegt ganz eindeutig in Einzelgesprächen, die ich dort leider nicht führen durfte.

Mein zweites Praktikum wird im stationären Bereich stattfinden. Geplant ist, dass ich dort eine Spielegruppe anbiete und Einzelgespräche. Hier sehe ich die größte Gefahr, in der vorhandenen Struktur unterzugehen. Und die Geruchsbelastung in den Patientenzimmern wird mich herausfordern. Das habe ich bereits bei der Hospitation bemerkt.

Wenn ich mir so ansehe, was ich geschrieben habe, dann ist das schon wieder sehr viel, viele offene Baustellen. Dabei habe ich noch längst nicht alles angesprochen, was mich im Moment gerade bewegt. Ich glaube aber, das Jammertal habe ich schon wieder hinter mir gelassen.

Jahrestag

Liebes Tagebuch,

alles Gute zu Deinem Geburtstag!

Es ist ein Jahr vergangen, seit ich dieses Blog eingerichtet habe. In diesem Jahr ist verdammt viel passiert. Von einem Höhenflug ging es durch eine dysphorische Manie ab in die Klinik und von da in den Keller der Depression. Noch bin ich dabei, mich von diesen Strapazen zu erholen. Ich habe auch deshalb nicht mehr gebloggt, weil es mich schlichtweg zu sehr angestrengt hätte.

Für mich ist es ein Segen, nun auch offiziell als bipolar zu gelten. Nun habe ich das Gefühl, dass mir auch geholfen wird und ich kann diese Hilfe besser annehmen. Ich bin nur noch unsicher, was ich bin und was ich bin, weil ich manisch-depressiv bin. Dieses Phasenhafte gehörte immer schon zu meinem Erleben und ich bin mir nicht sicher, ob ich es überhaupt anders haben will. Wenn ich da von anderen lese oder höre, die sich haushoch verschulden oder/und wild durch die Betten hopsen – das mache ich nicht. Ich schreibe wirre Mails und wenns ganz schlimm kommt, verschenke ich mein Eigentum.

In diesen Monaten seit meinem letzten Klinikaufenthalt im August und September habe ich auch wieder kräftig zugelegt. Ich bin wieder da, wo ich vor zwei Jahren zuletzt war: um 120kg. Das finde ich wirklich schlimm und ich kann die Schuld nur zum Teil auf die Tabletten schieben. Ich war so kurz vorm Ziel und das ist wirklich bitter. Zur Zeit habe ich jedoch auch noch mit Knieproblemen zu kämpfen, deshalb mache ich die letzten Wochen guten Gewissens mit dem Sport Pause. Der Orthopäde will ausschließen, dass der Außenmeniskus angerissen ist. Im März wird ein MRT gemacht und dann wissen wir mehr.

Die Zeit meiner EX-IN-Ausbildung ist schon zur Hälfte vorbei und es steht mein zweites Praktikum bevor. An diesem Blog merke ich sehr deutlich, wie enorm zuviel ich mir vorgenommen habe, beispielsweise diese Kategorie EX-IN und ich habe überhaupt nicht wie angedacht regelmäßig berichtet. Offline habe ich eine kleine Datei, in der ich dann und wann etwas tippe, um meine Entwicklung nicht ganz aus dem Auge zu verlieren. Morgen werde ich Spinatcremesuppe kochen, da sich eingebürgert hat, dass immer samstags jemand von uns kocht und wir dann gemeinsam essen. Das finde ich eine schöne Tradition.