Erfolgskurve

In der Abnehmgruppe habe ich vor 12 Wochen ein Teilnehmerbuch erhalten, in dem ich jede Woche mein Gewicht in eine langsam wachsende Grafik eingetragen habe. Die Kursleiterin klebt bei einer Abnahme jeweils Sticker ein. Das Ergebnis sieht so aus:

Erfolgskurve Abnehmgruppe
4. Quartal 2017

Knapp 10 Kilo habe ich geschafft, 9,6 kg genau. Mein ursprüngliches Ziel, fünf Kilo je Monat, war wohl doch zu ambitioniert.

Leider habe ich in dem Zeitraum auch zweimal gesagt bekommen, ich solle mehr essen und weniger schnell abnehmen. Milchkaffee trinken und ähnlicher Unsinn wurde mir vorgeschlagen, um die Kalorien aufzufüllen. Das hat mich beim ersten Mal sehr entsetzt, da sich in der Gruppe hauptsächlich Menschen befinden, die das erste Mal abnehmen und über keinerlei Kenntnisse gesunder Ernährung verfügen. Ich habe daher Fettlogik überwinden empfohlen.

Gestern wurde Käse verteufelt, weil er pro hundert Gramm sehr viel mehr Kalorien hat als anderer Aufschnitt wie beispielsweise die Putenbrust. Über die Möglichkeit, einfach weniger davon zu essen, weil man davon länger satt ist, hat niemand nachgedacht. Und ich habe es auf die Schnelle auch nicht geschafft, etwas zur Ehrenrettung von Käse einzubringen. Das gelang mir nur beim Körnerbrötchen mit dem Hinweis, dass es sich um gesundes Fett handelt. Es war eben die „Fettt ist böse“-Schiene, die die Leiterin da fuhr.

Das gemeinsame Abwiegen verschiedener Speisen (Brot, Brötchen, Belag) hat mich kognitiv sehr angestrengt, aber inhaltlich nicht weitergebracht, da ich das bereits 2014 durchexerziert habe. Zudem esse ich sowas wenn überhaupt mal am Wochenende, aber inzwischen sehr selten. Ich kann eben mittlerweile wirklich „essen, was ich will“, weil ich mir antrainiert habe, grundsätzlich recht wenig zu essen und so noch viel Spielraum nach oben bleibt.

Ich weiß nicht, ob ich das schon erwähnt hatte: Mittlerweile passt mir wieder eine engere Hose. Das ist immer so alle 10 kg der Fall, um den Fünfer herum. Ich habe mir also eine neue Jeans gegönnt und habe jetzt zwei zum Wechseln in der Größe. Und die Trainingshose, die Mama mir für meinen Klinikaufenthalt 2016 gekauft hat, passt mir wieder. So fühlt es sich an, als wenn ich bald das seitdem zugelegte Gewicht wieder los sei, aber es sind noch zwanzig Kilo bis dahin, was nach den bisherigen Erfahrungen ein gutes halbes Jahr dauern dürfte.

Und dann geht es zum zweiten Mal an die letzten zwanzig Kilo.

 

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Das Thema Weiblichkeit

Da mein Therapeut der Ansicht ist, ich bräuchte mehr soziale Kontakte und das erste, was er mir zum Stichwort „bipolar“ empfohlen hatte, eine Bipolargruppe hier in der Klinik um die Ecke war, war ich heute zum Vorgespräch.

Der Arzt – ich nehme an, er ist Arzt, er hat einen Dr. – hat mir teilweise seltsame Fragen gestellt. Als wir telefoniert hatten, hatte er gefragt, ob er in die Unterlagen sehen dürfe, die aufgrund meiner KH-Aufenthalte dort entstanden sind. Ich hätte ja gedacht, die gucken eh alle in die Akten, wie sie lustig sind. Jedenfalls hatte ich nichts dagegen und entweder waren die Notizen in den Akten mehr als dürftig oder er hat was falsch verstanden. Fing an von wegen „Geschlechtsidentität“.

Ich machte erstmal auf doof, weil dann meistens Ruhe ist. Er bohrte aber nach. Wie ich mich denn empfinden würde. „Na ich bin ein Mann.“ Er druckste so komisch rum, tastete sich ran, ob denn das Thema Weiblichkeit noch ein Thema für mich wäre. Da kapiere ich, dass er mich für eine Transfrau hält.

Ich bin aber schon etwas pissig, weil das in meinen Augen mit der Bipolargruppe mal gar nichts zu tun hat und mich sowieso ärgert, dass meine Lieblingsärztin die Diagnose überhaupt auf die Überweisung mit draufgeschrieben hat, weil es nichts zur Sache tut. Ja klar, bei meinen Klinikaufenthalten kommt die Grütze immer mal wieder hoch. Aber das können wir nicht in einem halbstündigen Gespräch klären.

Sein „Ja, ich nehme Sie jetzt eindeutig als Mann wahr“-heiteitei konnte mich danach nicht wirklich friedlich stimmen. Versaut ist versaut. Was mich daran ärgert, ist das Aufkratzen der alten Wunden, das Infragestellen meiner Männlichkeit durch seine gut gemeinte Frage nach der Weiblichkeit. Ich musste ihm dann erklären, dass ich eine Geschlechtsangleichung hinter mir habe und weil er das nicht verstanden hat, musste ich ihm erklären, dass ich Testosteron bekomme und dass ich eine Mastektomie hatte und das mit dem weiblichen Genitale habe ich ihm auch noch serviert, weil ich voll in Fahrt war.

Was mich jetzt noch beschäftigt ist seine Frage danach, was mich denn aufwühlt – sowas kann zu Schlafmangel und darüber in die Manie führen. Na sowas zum Beispiel, so ein Antriggern von trans*. Ich hatte ihm von der Rentnerin erzählt, die sich vordrängelt oder von der Frau, die sich mit mir um einen von zwei Einkaufswagen gezankt hat. Aber trans* anzusprechen ist immer wieder prima, um mich auf die Palme zu bringen. Da werde ich auch noch einen Roman drüber schreiben „müssen“, aber erstmal kommt das Thema „krank“ dran.

 

reingefuchst

Inzwischen habe ich so langsam den Bogen raus und bin auf Seite 12 meines Manuskripts. Die 15-Punkte-Struktur verstehe ich immer besser.

Es hat mir sehr geholfen, Zusammenfassungen der Geschichte zu schreiben. Und zwar erst zweiseitige von den Figuren her, dann aus neutraler Sicht. Ich habe jetzt eine sehr viel bessere Vorstellung von meiner Geschichte und einen noch besseren Draht zu den Figuren, auch wenn ich vor allem im Mittelteil noch nicht weiß, was genau im Einzelnen passiert.

Den Tipp, 30 Minuten schnell zu schreiben, habe ich ausprobiert und nach 10 Minuten kam gar nichts mehr. Da war ich dann einfach erschöpft von der Anstrengung.

Mein Eindruck ist, dass ich am besten Schritt für Schritt von vorne nach hinten runtertippe und mir nicht mehr als die nächsten drei Szenen und das Ende vornehme. Ich recherchiere auch Häppchen für Häppchen, nachdem ich zum hauptsächlichen Thema nicht recherchieren muss.

Ich hatte eine Szenenliste angefangen und dachte, ich überlege mir, welche Szenen ich schreiben will und tippe die dann einfach runter und jetzt mache ich es anders herum und notiere nur noch, welche ich geschrieben habe, um später einen Überblick zu haben. Ich hatte einfach viel zu oft gravierend etwas geändert.

So weit im Voraus kann und will ich das nicht planen. Ich scheine wohl eher ein entdeckender Schreiber zu sein. Ich finde sehr schön, wie die SchreibDilettanten die Vor- und vor allem Nachteile aufzählen. Daher weiß ich nämlich, weshalb ich doch ein wenig planen muss. Mir reicht es aber, einen groben Rahmen gesteckt zu haben und den Rest auf mich zukommen zu lassen. So macht es mir am meisten Spaß und das ist in meinen Rentneraugen die Hauptsache.

Ich habe mir vorgenommen, diesen Roman in diesem Jahr zu Ende zu schreiben. Aus therapeutischen Gründen. Wenn das ein verkaufbares Manuskript wird, freut es mich, aber beim Gedanken an Verlagssuche und Bewerbung gruselt es mich. Deshalb schreibe ich erstmal nur für mich. Ich kann das Ergebnis meiner Arbeit ja auch gratis als eBook hochladen – und wenn ich manisch bin, mache ich das wahrscheinlich auch.

Konfektionsgröße 60

Ich habe es nun Nadja gleichgetan und auch eine Reihe unvorteilhafter Selbstporträts begonnen.

Ganz ehrlich? Ich sehe da gar keinen großen Unterschied.

Auf dem Bild in der Mitte scheine ich den dicksten Bauch zu haben, das ist aber als mir die Hose, die ich auf dem ersten Bild links gekauft habe, schon viel zu weit geworden ist. Die Hose ganz links ist übrigens in derselben Größe wie ganz rechts, nur da war sie viel zu eng, weshalb ich damals überhaupt in der Umkleide war, um mir eine passende Hose zu kaufen.

Die Waage (zu Hause, nackt und nüchtern) sagt aber unter 125kg. Das bedeutet knapp 15 Kilo Unterschied zwischen Bild 1 und Bild 3.

Ich möchte mal die Gelegenheit nutzen und ein wenig über meine derzeitigen Ernährungsgewohnheiten schwafeln: Ich esse hauptsächlich Quark und Fisch.

Das macht den Löwenanteil aus. Den Magerquark mit Banane kannte ich ja schon vom letzten Mal. Und dann habe ich festgestellt, dass sich Fisch im Ofen (als Fertiggericht) genauso faul und bequem zubereiten lässt wie Pizza.

Man kann nun meckern, das sei einseitig. Pizza und Schokolade war aber genauso einseitig und deutlich ungesünder.

Gucken wir nochmal nach der Wampe:

Ich finde, auf dem neueren Foto sehe ich sogar dicker aus. Das liegt daran, dass ich nicht perfekt identisch zum Spiegel ausgerichtet stehe. Wenn man sich aber auf die Gürtellinie konzentriert, sieht man genau, dass beim älteren Bild deutlich mehr Gold aus der Hüfte quillt.

Ich schreibe gut genug!

Ich brauche das offenbar, dass man mir das häufiger sagt:

  • Was ich mir ausdenke, ist gut genug, um getippt zu werden.
  • Was ich schreibe, ist gut genug, um gelesen zu werden.
  • Ich schreibe gut genug, um einen ersten Entwurf zu verfassen.
  • Meine Geschichte ist die Arbeit wert, die ich mir damit mache.

Ich habe mich einem Schreibforum angeschlossen, und erhoffe mir dort etwas Beistand und „Plausch unter Kollegen“. Ohne Austausch kann ich nicht arbeiten, da drehe ich mich ständig im Kreis.

Silvester-Jetlag

An normalen Abenden muss ich peinlichst genau darauf achten, um Mitternacht herum mein Buch zuzuklappen und ins Bett zu gehen. Es passiert mir dann leicht, dass ich zu nachlässig bin und schwupps ist es schon zwei Uhr. Das Aufstehen fällt dann natürlich umso schwerer bzw. ich schlafe umso länger, weil  ich dreizehn Stunden Schlaf brauche.

Aber an Silvester doch nicht! Da knallt es doch die ganze Nacht und vor vier Uhr werde ich ohnehin kein Auge zubekommen. Also habe ich nachgegeben und mich schonmal auf vier Uhr eingepegelt. Und dann war es plötzlich um zwei Uhr ganz still – also relativ still im Vergleich zu vorher. Es wurde dann fünf Uhr.

Und jetzt habe ich den Salat und kann nicht einfach wieder früh ins Bett gehen und einschlafen. Wegen der Psychosegefahr darf ich auch nicht ohne Weiteres einfach eine Nacht durchmachen, und mich danach zum frühen Aufstehen zwingen. Ich muss langsam rückwärts rotieren. Das wird mich jetzt eine ganze Weile beschäftigen. Eher Wochen als Tage.

Zweijahresrückblick

Als ich dieses Blog Anfang 2016 gründete, war ich bereits manisch und hatte einen unbändigen Mitteilungsdrang. Aber meine Beiträge waren, einzeln betrachtet, noch eine ganze Weile unauffällig.

Im Mai war ich für eine Nacht in der Klinik, weil ich Geschirr aus dem Fenster geworfen hatte. Ich lag fixiert im Flur in der Notaufnahme. Ab da waren meine Helfer nicht mehr auf meiner Seite, sondern meine Feinde. Meine Manie wurde ab diesem Zeitpunkt sehr anstrengend, weil sie nicht mehr euphorisch war, sondern dysphorisch.

Ich war ständig gereizt, erschöpft und äußerst misstrauisch. Dazu das typisch Getriebene und der Schlafmangel, weil ich vor lauter Anspannung nicht schlafen konnte. Es war eine Frage der Zeit, bis ich wieder psychotisch wurde und das war im August der Fall. Ein Taxifahrer schlug mir mit der Faust ins Gesicht, weil er mich nicht mitnehmen wollte, so irre wie ich war. Ich schenkte einem Bettler tausend Euro, einfach so. Warum ich soviel Geld überhaupt bei mir hatte, weiß ich nicht mehr.

Ich bedrohte einen anderen Taxifahrer, weil ich einfach mitten an einer Fussgängerinsel mit Gepäck einstieg und in einem fort plapperte, darunter faselte ich etwas davon, ich könnte mich nicht erinnern, ob dieser Koffer der mit der Bombe sei oder der andere. Das zog eine Anzeige nach sich, die allerdings fallen gelassen wurde, weil ich zu diesem Zeitpunkt krank war, sogar eine AU bei mir gehabt hatte.

Mein Ehemann brachte mich ins Krankenhaus. Ich verbrachte zwei Wochen gegen meinen Willen in Hamburg in der Klinik, setzte aber danach die Tabletten wieder ab, weil ich der Überzeugung war, sie nicht zu brauchen.

Etwa eine Woche später fand ich mich in Bonn in der Klinik wieder. Unterwegs hatte ich meine Habe an Tankstellentoiletten verteilt und war barfuß. Meinen Laptop und mein Portemonnaie sowie den Umschlag mit knapp 700,- Euro in bar hat die Polizei für mich in der Klinik abgegeben. Psychotisch wie ich war, hatte ich mich selbst in Gefahr gebracht. Diesmal musste ich drei Wochen bleiben und inzwischen war ich auch einsichtig. Meine Mutter stand mir dort zur Seite.

Dieses Jahr hat mir die Krankheitseinsicht überhaupt verschafft. Mich kann keine Hypomanie mehr verlocken, besonders tolle kreative Leistungen zu erbringen und diese Energie nutzen und diesen Zustand genießen zu wollen. Leider bestand ich damals noch auf Olanzapin, weil ich das kannte. Die Klinik hätte mich sonst auf Lithium eingestellt.

Und danach kam die Depression und kaum noch ein Beitrag von mir. Zu Hause verbrachte ich die meiste Zeit im Bett, gefolgt von vor dem Fernseher. Ich schlief über 15 Stunden. Fast alles, was ich abgenommen hatte seit 2014, nahm ich nun wieder zu. Hauptsächlich deshalb, weil ich mich aufgegeben hatte.

Viel mehr belastete mich aber die Spracharmut durch die Neuroleptika. Ich konnte mich an Gesprächen nicht beteiligen, saß nur daneben. Wenn man sich mit einem Gedanken ins Gespräch einklinken will und den richtigen Zeitpunkt nicht findet, dann ist das eine Sache, diesen Gedanken aber gar nicht erst zu haben, eine ganz andere.

Aber ich hatte noch die Erinnerung an denjenigen, der ich eigentlich bin. Sobald ich konnte, reduzierte ich das Olanzapin soweit es ging. Im September begann ich mit Lithium. Der Antriebsmangel war vom einen auf den anderen Tag weg und meine Stimmung fand sich endlich im Normalbereich.

Unsere Ehe hat auch diese große Krise überstanden – auch wenn ich hier schon geschrieben hatte, ich werde mich trennen. Es waren einige Netzwerkgespräche bei der Integrierten Versorgung notwendig, um etliches wieder ins rechte Bild zu rücken. Es gab vieles, das ich gesagt hatte, woran ich mich aber aufgrund der Manie aber nicht erinnern konnte und so habe ich dies auch nie richtigstellen können. Das habe ich dann nachholen können, so gut es ging.

Noch etwas passierte 2016/17: Ich nahm an der EX-IN-Ausbildung teil, was mich in eine gewisse Struktur zwang und an meine Grenzen brachte, aber leider nicht wie erhofft zurück ins Berufsleben. Dazu schaffte ich einfach noch zu wenig und traute mir zu wenig zu. Das bewies mir, dass ich meine Rente zu Recht bekomme.

Tatsächlich verhilft mir die Ausbildung zum Genesungsbegleiter immer noch dazu, gewisse Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich sage mir jedes Mal, dass ich jetzt Berufserfahrung sammle, wodurch ich mich als Patient weniger als Bittsteller fühle. Ehrlich gesagt sehe ich meine Zukunft aber nicht in diesem Beruf, weil ich mich in den Praktika beide Male sehr unwohl gefühlt habe ich meiner Rolle.

Für das kommende Jahr habe ich mir fest vorgenommen, den im November begonnenen Roman zu Ende zu bringen. Erstmal den ersten Entwurf, danach dann die erste Überarbeitung usw. Meine Krankheit tritt darüber hoffentlich etwas in den Hintergrund, zumal ich ja jetzt endlich medikamentös richtig eingestellt bin.

Daneben werde ich weiter abnehmen; ich bin schon fast zehn Kilo los, seit ich im Oktober der Gruppe beigetreten bin. Ich wiege jetzt etwa 125 kg. Mit Sport habe ich auch wieder angefangen. Ich laufe dreimal die Woche zwanzig Minuten auf dem Crosstrainer und zweimal die Woche mache ich Krankengymnastik für meine lädierten Knie. Das möchte ich erstmal so beibehalten, nur etwas aufs Tempo gehen und die Pumpe ein wenig mehr fordern.

Euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Wie erkenne ich, warum es hakt?

Ich habe mir jetzt vorgenommen, diesen Roman zu schreiben. Meinen ersten. Es ist nicht das erste Mal, dass ich einen solchen Versuch starte, aber diesmal wähne ich mich entschlossen genug, nicht wieder hinzuwerfen.

Nun sitze ich daran und es ist, als wenn ich um jede einzelne Zeile kämpfen muss. Ich muss immer an Andreas Eschbach denken, der meint, es reiche, wenn diejenigen schreiben, die man vom Computer wegzerren muss, weil sie sonst das Essen vergessen. Wenn ich danach gehe, kann ich es gleich sein lassen.

Nun frage ich mich: Ist die Szene doof oder gar überflüssig? Ist das der Grund, warum ich mit ihr nicht warm werde? Ist die Geschichte an sich etwa zu langweilig? Oder ist sie mir zu peinlich, stehe ich nicht dahinter? Habe ich nicht (gut) genug geplottet? Liegt es an den Figuren, haben sie ein Eigenleben?

Ich muss zugeben, dass ich zunächst begonnen hatte, schlecht zu schreiben und danach, als das Feuer versiegt war, noch einmal von vorne angefangen habe. Weil sich die Geschichte durch das Plotten grob verändert hatte. Und am Anfang ging es gut, ich kam sogar einmal richtig in einen Schreibfluss. Jetzt gibt es bestenfalls ein Tröpfeln.

Meine Ausbeute von gestern und heute sind 29 Wörter. Ist das normal? Ich meine, wie will man auf diese Weise – neben dem Brotberuf – 3000 Wörter pro Tag und mehr schaffen? Schlafen andere Autoren nicht?

Und immer wieder: Tauge ich nicht als Schriftsteller?

Wir feiern kein Weihnachten

Als ich gefragt wurde, wie wir Weihnachten verbringen, sagte ich, dass wir kein Weihnachten feiern. Es wird immer mit einer solchen Selbstverständlichkeit davon ausgegangen, dass alle Weihnachten feiern…

Wenn mir jemand „frohe Weihnachten“ wünscht, sage ich immer „schöne Tage“ und es hat sich noch nie jemand beschwert.

Es gibt keine Geschenke. Was wir brauchen oder uns wünschen, kaufen wir dann, wenn wir es haben wollen. Kein Grund, zu warten und kein Rätseln, was dem anderen gefallen könnte. Übrigens schenken wir uns auch zum Geburtstag nichts.

Wir gehen nicht in die Kirche. Wir sind konfessionslos.

Es gibt kein opulentes Mahl (bei uns gab es früher nie Würstchen mit Kartoffelsalat), denn wir wollen beide abnehmen.

Wir waren schon am Mittwoch einkaufen, um dem Getümmel möglichst zu entgehen. So wirklich kommt man um Weihnachten eben doch nicht drumherum.

In diesem Sinne wünsche ich allen eine schöne Zeit, bis im nächsten Jahr wieder alles seinen geregelten Gang geht.

Blake Snyder’s Beat Sheet auf deutsch

Ich hatte einfach erstmal drauflosgeschrieben, weil ich einige Szenen gleich vor Augen hatte und auch das Bedürfnis, mich mehr an die Geschichte heranzutasten und in die Figuren einzufühlen. Wie das mit dem Plotten richtig geht, hatte ich nicht ganz verstanden und trotz Beschäftigung mit Heldenreise und Co verstand ich immer weniger je mehr ich mich damit befasste und verlor schon fast die Lust am Schreiben, weil ich mich für zu blöd hielt.

Bei Offen Schreiben bin ich auf eine sogenannte 15-Punkte-Struktur gestoßen. Das half mir schonmal deutlich weiter, aber so richtig schlau wurde ich daraus noch nicht. Ich fand schließlich das hier: Blake Snyder’s Beat Sheet – Explained vom NYC Screenwriters Collective. Hier meine Übertragung ins Deutsche:

1

(1)

Eröffnungsbild Ein Bild, dass den zentralen Konflikt und die Stimmung der Geschichte repräsentiert. Ein Schnappschuss des Hauptproblems der Hauptfigur, bevor das Abenteuer beginnt. Oft widergespiegelt im Schlussbild.
2

(1-10)

Das Set-Up Erweiterung des Eröffnungsbilds. Zeige die Welt der Hauptfigur so, wie sie ist und was in ihrem Leben fehlt.

Stasis = Tod

Wenn die Hauptfigur ihr Leben so weiterführt, stirbt sie – zumindest im übertragenen Sinne.

Zudem wird der Makel des Protagonisten aufgezeigt, sein Problem, das im Verlauf der Geschichte behoben werden sollte. (In vielen Geschichten ist es die Schwäche einer anderen zentralen Figur, die stattdessen aufgedeckt wird. Sie wird dem Hauptcharakter aufgezeigt, um sie im Verlauf der Geschichte zu lösen.)

3

(5)

Thema wird festgesetzt (innerhalb des Set-Up) Die Botschaft, die Wahrheit, die du am Ende deines Manuskripts aufdecken willst.

Worum es in deiner Geschichte geht in weiterem Sinne. Üblicherweise sagt eine Figur etwas zur Hauptfigur, aber diese versteht es nicht … nicht bevor sie auf die Reise geht, um es zu finden.

4

(12)

Auslöser In diesem Moment wird der Hauptfigur die Möglichkeit gezeigt, auf eine Reise zu gehen. Das Leben verändert sich jetzt. Es ist das Telegramm, deinen Liebsten beim Betrug erwischen, ein Monster an Bord des Schiffes erlauben, eine geheime holografische Nachricht von einer galaktischen Prinzessin etc. Die alte Welt von vorher gibt es nicht mehr, die Veränderung hat begonnen.

(Campbell nannte dies den Ruf des Abenteuers)

5

(12-25)

Debatte Veränderung macht Angst und für einen Moment oder Serie von Momenten zweifelt die Hauptfigur, ob sie die Reise bewältigen kann. Der Held ist sich unsicher. Sollte er den Ruf des Abenteuers annehmen? Kann ich die Herausforderung bewältigen? Oft lehnt der Held den Ruf des Abenteuers fürs erste ab.
6

(25)

Durchbruch in den zweiten Akt Die Hauptfigur trifft eine Entscheidung und geht auf die Reise und unser Abenteuer beginnt.

Im zweiten Akt steht die zuvor gekannte Welt (»Thesis«) auf dem Kopf (»Anti-Thesis«).

7

(30)

B Geschichte „Die Geschichte des Helfers“ Das ist ein Subplot der dem Helden hilft die Lektion zu lernen die er braucht um sich zu ändern.

Es ist in der Regel eine Liebesgeschichte und die Diskussion findet statt zwischen der Hauptfigur und der bzw. dem Angebeteten.

8

(30-55)

Spaß und Spiele »Das Versprechen der Prämisse«

Das ist der Teil der Geschichte, der Spaß macht. Dies ist die erste Hälfte des zweiten Aktes, in dem das Publikum unterhalten wird während die Hauptfigur die neue Welt entdeckt und die Art der Hindernisse überwindet, die von der Prämisse des Films, des Genres, sogar vom Kinoplakat versprochen wurden.

Das ist, wenn der Detektiv seine Hinweise findet und seine ersten Zeugen zu dem Mordfall verhört, wenn Indiana Jones den wahrscheinlichen Fundort der Bundeslade herausfindet, wenn Harry & Sally zusammengezwungen sind und anfangen, sich über und über zu nerven.

Spaß und Spiele sind der Grund, warum wir den Film sehen wollten

9

(55)

Mittelpunkt Der Mittelpunkt ist die größte Wendung der Handlung, es steht mehr auf dem Spiel, es kann das Ziel des Helden komplett verändern, oder zumindest erschwert es das Erreichen des Ziels.

Es kann sich anfühlen, als starte ein neuer Film als Ergebnis des Mittelpunkts.

Hier muss die Hauptfigur sich dem neuen Ziel verschreiben, so dass es kein Zurück gibt. Oft ist es die B-Geschichte, die die Wendung antreibt. Oft beginnt hier eine Uhr zu ticken, um das Ziel in vorgegebener Frist zu erreichen.

Hier gibt es entweder einen falschen Sieg oder eine falsche Niederlage.

Beide Geschichten, Plot A und B, sollten sich hier kreuzen.

10

(55-75)

Der Bösewicht Nun wird das Spiel ernst. Der Bösewicht ist in der zweiten Hälfte des zweiten Aktes, in dem das Publikum hocherfreut ist über eine viel komplexere und überwältigendere Zusammenstellung von Hindernissen. Hier sind die Gaben der Hauptfigur nicht zu gebrauchen, ihre Pläne sind vereitelt, ihr Team kann sich trennen oder ein vertrauter Freund verrät sie. Der Detektiv selbst wird nun gejagt und beschossen, Indiana Jones wird von den Nazis entdeckt und in eine Schlangengrube geworfen, Harry trifft seine erste Frau und lässt seinen Ärger an Sally raus. (In Sachen B-Geschichte sagt man »sex at 60«, das ist die Seite 60.)
11

(75)

Alles ist verloren Der Tiefpunkt in der Reise der Hauptfigur. Der Moment, in dem die Hauptfigur alles verliert, das sie bisher erreicht hat oder realisiert, dass alles, was sie jetzt hat, keine Bedeutung hat. Die Hauptfigur hat sogar mehr verloren als wenn sie gar nicht erst auf die Reise gegangen wäre. Als alles verloren ist, stirbt jemand oder etwas. Blake Snyder nennt das den »Whiff of Death«, den Hauch des Todes. Es kann physisch oder emotional sein, doch der Tod von etwas Altem macht den Weg frei für Neues. Der Partner des Detektivs wird getötet und er ist machtlos, weil der Polizeichef hinter dem ursprünglichen Verbrechen steckt. Indy hat die Bundeslade an die Nazis verloren und glaubt, Marion sei tot. Harry & Sally schlafen miteinander und könnten ihre gesamte Freundschaft weggeworfen haben.

Das ist der Moment an dem alle Mentoren sterben oder anders verschwinden. Ab hier muss der Held es alleine schaffen.

12

(75-85)

Die dunkle Nacht der Seele Die Hauptfigur kommt am absoluten Tiefpunkt an und ergibt sich in die Hoffnungslosigkeit. Der Gott, warum hast Du mich verlassen?-Moment. Das Trauern des Verlustes von dem, was gestorben ist, der Traum, das Ziel, der Mentor, die Liebe deines Lebens etc.

Du musst erst tief fallen, bevor du dich wieder aufrichten und es erneut versuchen kannst. Hier ist der Bogen der Hauptfigur vollständig, als sie nun endlich die Wahrheit erkennt, die sie am Anfang nicht verstehen konnte.

Die dunkle Nacht der Seele wird gefolgt von neuen Informationen, auch geliefert von der B-Geschichte. Diese Informationen fungieren als ein zweiter Auslöser. Es gibt der Hauptfigur erneut die Wahl, zusammenzupacken und nach Hause zu gehen oder es einmal mehr zu versuchen.

Die dunkle Nacht der Seele kann zwischen 10 Seiten und einer einzelnen Aktion oder einem Wort der Hauptfigur sein.

13

(85)

Durchbruch in Akt 3 Dank der neuen Idee, neuen Inspiration oder dem Last-Minute-Ratschlag der B-Geschichte entscheidet sich die Hauptfigur erneut. Die neue Information stellt das finale Ziel des Hauptcharakters dar.
14

(85-110)

Finale Die Hauptfigur konfrontiert den Gegenspieler oder die Gegenkraft mit neuer Stärke. Diesmal nutzt die Hauptfigur das Thema, den Kern der Wahrheit, die nun Sinn für ihn ergibt. Wegen der Erfahrung aus der A-Geschichte und dem Zusammenhang aus der B-Geschichte. Die Hauptfigur verlässt also die Anti-Thesis-Welt und betritt die Synthesis-Welt. Hier wird die Reise auf die ein oder andere Weise aufgelöst.
15

(110)

Finales Bild Das Gegenteil des Eröffnungsbildes und der bildliche Beweis, dass die Hauptfigur sich geändert hat.

Mir ist es gelungen, meinen Plot deutlich zu verbessern. Für mich ist es sehr hilfreich, dass ich kleine, überschaubare Textabschnitte für bestimmte Punkte der Handlung zur Verfügung habe. Jetzt erscheint mir das Mammutprojekt Roman nicht mehr so unbezwingbar, weil es in kleine gut verdauliche Häppchen zerlegt ist.

In der Schule hatten wir schon gelernt, dass man Geschichten in drei Akten erzählt: Einleitung, Hauptteil, Schluss. Nun ist die 15-Punkte-Struktur sehr viel detaillierter, geht aber auf die Drei-Akt-Struktur zurück. Die Seitenzahlen sind als Richtwert für ein Manuskript (oder ursprünglich Drehbuch) von 110 Seiten gedacht.

Viel Spaß beim Plotten!