Zur Selbständigkeit erzogen

Ich muss in letzter Zeit öfter daran denken, dass ich zur Selbständigkeit erzogen wurde. Auf gut deutsch gesagt war ich ab der zweiten Klasse der weiterführenden Schule ein Schlüsselkind. Wir bekamen Gefrierschrank und Mikrowelle gezeigt und machten uns das Mittagessen selbst (Fertiggerichte).

An gemeinsame Mahlzeiten erinnere ich mich in erster Linie in Form von Abendessen, bei denen galt: „Kinder bei Tisch, stumm wie ein Fisch!“. Das bedeutete, dass meine Eltern sich über Geschäftliches austauschten, wovon wir nichts verstanden. Für meine Belange war da oft nicht genug Raum und wenn ich den einforderte, bekam ich das Gefühl, zu stören – was heute noch tief sitzt.

Meine Mutter hat auch häufig mit uns Kindern zusammen gefrühstückt und sich mit uns unterhalten. Zeitweilig holte ich morgens um sechs beim Bäcker an der Hintertür die Brötchen. Damals durften die Geschäfte erst ab sieben öffnen. Irgendwann frühstückten wir dann Cornflakes, weil das mit den Brötchen zu aufwändig war…

Ich habe so früh gelernt, Zeit alleine zu verbringen und mit Problemen alleine fertig zu werden.

Einmal hat mein Bruder sich beim Spielen an einem Baustellengitter verletzt. Ich rief im Büro meiner Eltern an, beide waren unabkömmlich und ein Mitarbeiter hat ihn dann ins Krankenhaus gefahren. Als ich mich danach einmal an einer beim Toben zerdepperten Scheibe verletzte, habe ich mich direkt an eine Nachbarin gewendet, von der ich wusste, dass sie Verbandsmaterial zur Hand hat, und habe gar nicht erst im Büro angerufen.

So komme ich auch heute mit vergleichsweise wenig externer Hilfe hinsichtlich meiner psychischen Erkrankung zurecht und habe eine relativ hohe Resilienz. Mir war eine „psychosomatische Kur“ empfohlen worden. Ich stellte fest, dass das heute „medizinische Rehabilitation“ heißt.

Heute habe ich mich auf den Weg zu einer Infoveranstaltung gemacht, um eine Einrichtung kennen zu lernen, die eine Rehabilitation psychisch Kranker (RPK) für Menschen mit bipolarer Störung anbietet. Da die S-Bahn Verspätung hatte, verpasste ich den Bus, verlief mich zudem und kam so eine halbe Stunde zu spät zu dem einstündigen Termin. Na schön, dann weiß ich wenigstens, wo es ist, dachte ich. Schön im Grünen ist es gelegen.

Auf dem Rückweg habe ich mir überlegt, dass ich eine solche Maßnahme eigentlich gar nicht brauche, da ich die laut Flyer erreichbaren Ziele (Krankheitsbewältigung, Psychische Stabilisierung und Aufbau von Selbstvertrauen, Integration in ein soziales Umfeld, Erarbeitung einer beruflichen Perspektive) bereits auf anderem Wege erreicht habe.

Ich bin ja jetzt zertifizierter Genesungsbegleiter, die berufliche Perspektive ist da. Die psychische Stabilisierung erhoffe ich mir von der Umstellung auf Lithium und diese ist ja Grundlage für alles andere. Wenn ich nicht depressiv bin, ist mein Selbstvertrauen in Ordnung. In ein soziales Umfeld bin ich integriert und ich ziehe mich nur dann zurück, wenn ich depressiv bin. Jetzt strecke ich so langsam wieder meine Fühler aus und habe vorhin mit meiner lieben Freundin Ela telefoniert. Stimmung und Antrieb sind jetzt dank vermindertem Schlaf wieder im Mittelfeld, aufs Durchschlafen warte ich noch.

Für die nähere Zukunft habe ich mich bei einer Abnehmgruppe angemeldet und bei einer Bipolargruppe angefragt, dazu habe ich einen Psychotherapeuten gefunden, der vielleicht für mich passt. Da auch mein Vertrag mit der Integrierten Versorgung verlängert wurde, kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

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Ins depressive Loch gefallen

Gefühlt habe ich mich schon deutlich beschissener in meinem Leben, aber so sehr funktionell gestört war ich bisher noch nie. Da das Olanzapin mir die Affekte verflacht, nehme ich an, dass ich eine schwere Depression habe.

Vor sechs Wochen habe ich noch den Halt durch meine Ausbildung gehabt und obwohl ich mir für jeden Wochentag etwas vorgenommen hatte, habe ich doch der Müdigkeit nachgegeben und immer länger ausgeschlafen – meist 13 Stunden-, bin aber auch wach geblieben, bis ich müde wurde und so verschob sich mein Rhythmus Stück für Stück dahin, dass ich morgens gegen sechs ins Bett ging und erst abends gegen sechs wieder aufstand. Das kann man wohl schon als Tag-Nacht-Umkehr bezeichnen.

Dabei habe ich einen recht ordentlichen Acht-Stunden–Tag vor dem Fernseher verbracht. Und da ich ja erst so spät aufgestanden bin, lohnt es sich ja nicht mehr, mich für den Tag noch anzuziehen. Bald stellte ich auch das tägliche Duschen ein, konnte mich nur noch jeden zweiten Tag aufraffen.

Im Augenblick versuche ich, meinen Wachzyklus wieder auf tagsüber zu verlagern. Das Ergebnis ist vorerst, dass ich nur noch unzusammenhängend schlafen kann. Ich habe das Gefühl, alles nur noch schlimmer zu machen. Ich nehme mein Medikament nach wie vor um halb acht abends ein und wenn der Schlafanstoss kommt, lege ich mich hin. Dann wache ich aber nach nur drei oder vier Stunden wieder auf. Nach so kurzer Schlafenszeit fällt es mir sehr viel leichter, aufzustehen, als wenn ich schon zehn Stunden geschlafen habe.

Die gute Nachricht ist, dass ich die Zeit nutzen konnte für einen Entzug von Schokolade. Gestern war ich einkaufen und habe keine Süßigkeiten mitgebracht. Das ist ein Riesenfortschritt, nachdem ich fast ein Jahr täglich über ein Pfund Schokolade zu mir genommen habe.

Ohne die Genesungsgruppe wäre ich wohl noch tiefer versackt und selbst die habe ich einmal verschlafen. Wenn ich Pflichttermine hätte, die ich sonst absagen müsste, würde ich viel leichter funktionieren. Aber da alle Vorhaben reine Beschäftigungstherapie sind und es keinen Unterschied macht, ob ich dort erscheine oder nicht, muss ich auf Antrieb warten und den bekomme ich derzeit nur, wenn ich nicht mehr schlafen kann.

Diese Woche scheint es ein wenig aufwärts zu gehen. Gestern war ein guter Tag. Heute gebe ich mir Mühe, dass heute auch ein guter Tag wird.

„Mach’s gut.“

Nun habe ich zum zweiten Mal einen Freund verloren, weil dieser sich in mich verliebt hat. Naja, nicht ganz allein deshalb.

In den letzten Monaten ist es schleichend zunächst kompliziert und dann hässlich geworden. Kompliziert dadurch, dass wir versucht haben, ob aus unserer Freundschaft mehr werden könnte und wir so die Freundschaft an sich und auch grundsätzlich infrage gestellt, Grenzen neu ausgelotet haben. Hässlich wurde es dann vermutlich, weil wir plötzlich sehr viel engeren Kontakt pflegten, von „Guten Morgen“ bis „Gute Nacht“, wodurch eine gewisse Nähe entstand, die vorher so nicht da war. Zuerst fiel mir nur unangenehm auf, wie extrem abwertend er über Dritte – u.a. gemeinsame Bekannte – gesprochen hat. Da bekam ich Angst, selbst eines Tages zum Ziel dieser Angriffe zu werden. Ich sprach dies an und begann, mich zurückzuziehen, bat um mehr Distanz.

Mehrmals drohte er mir, mir die Freundschaft zu kündigen, wenn ich mich nicht seinen Vorstellungen gemäß verhielte bzw. sei. Zunächst indirekt, dann direkt und zuletzt ganz unverhohlen offen. Hinzu kamen Beleidigungen und Unterstellungen verschiedenster Art, eine Reihe gegenseitiger Verletzungen. Ich wollte noch einiges ansprechen, das nun nicht weiter von Relevanz ist, da keine Aussprache zustande kam. Diese Bedrohung hat für mich den Ausschlag gegeben, hat mein Vertrauen in ihn nachhaltig erschüttert. Erpressen lasse ich mich nicht.

Rückblickend: Ich hätte früher auf mein Bauchgefühl hören und schneller auf Distanz gehen sollen. Nur wollte ich es einfach nicht wahrhaben, dass dieser sonst so sanftmütige Mensch auch eine so aggressive Seite hat. Er war plötzlich wie ausgewechselt und das immer öfter, bis ich es schließlich nur noch mit Wutanfällen oder zumindest ständig gereizter Grundstimmung zu tun bekam.

Dieses Muster kenne ich von dem Fall von häuslicher Gewalt, den ich erleben musste. Ich trennte mich, er überfiel mich, fesselte mich, hielt mir ein Messer an die Kehle und erpresste eine Unterschrift auf eine dilettantische und unwirksame Bankvollmacht, stahl mein Portemonnaie und schloss mich in meinem Appartement ein. Danach stalkte er und drohte, mich und zwei meiner Freunde umzubringen. Ein halbes Jahr wagte ich mich nicht mehr in meine Wohnung. Er bekam zwei Jahre auf Bewährung.

Zum Glück ist es in diesem Fall bisher bei Verbalinjurien geblieben. Ich möchte hoffen, dass es dabei bleibt. Falls nicht, weiß ich, wie ich mich zu verhalten habe. Damit es keine Missverständnisse gibt, habe ich klar meinen Wunsch geäußert: Keinen weiteren Kontakt.

Einerseits bin ich erleichtert, dass es ein Ende hat und andererseits bin ich traurig, einen Freund verloren zu haben.

 

Und die Räder drehn sich weiter, nur ein Platz, der bleibt jetzt leer

Und sie drehn sich einfach weiter, als ob nichts gewesen wäre

 

 

Krisenpension bei der Integrierten Versorgung

Die Räumlichkeiten wirken wie eine ganz normale Dreizimmerwohnung. Es gibt zwei Schlafzimmer für Klienten – Einzelzimmer – und ein Büro, in dem ein Schlafsofa steht für die Person, die die Betreuung innehat. Es gibt eine Küche, in der von den Klienten selbst gekocht wird, und es gibt ein Badezimmer, das sich alle teilen.

Die letzte Nacht habe ich in der Krisenpension übernachtet. Es war für mich grenzwertig, da ich schon am Dienstag in die Hypomanie geswitcht war. Mit dem Einschlafen habe ich schon den ganzen letzten Monat Schwierigkeiten gehabt. Letzte Woche war es eine Nacht, in der ich nicht schlafen konnte und diese Woche war es schon die zweite Nacht – trotz selbstständigem Aufdosieren meines Olanzapins.

Ich machte mir Sorgen, weil ich bereits leichte Schwierigkeiten mit zielgerichtetem Handeln hatte und wenn ich zwei Nächte nacheinander nicht schlafen kann, geht es ruck-zuck in die nächste Psychose. Ich kann sehr schnell dekompensieren.

Bereits in der schlaflosen Nacht habe ich mich per eMail an die IV gewandt und beschrieben, wie es mir gerade geht. Morgens habe ich dann im Büro angerufen. Ich hätte auch nachts die Notfallhotline anrufen können, aber weil ich weiß, dass ich dann möglicherweise jemanden wecke, habe ich bis zum Beginn der Bürozeiten gewartet.

Tagsüber fuhr ich noch quer durch die Stadt zu meinem Endokrinologen, um meine Spritze mit dem Nebido zu bekommen. Das ging zum Glück alles gut, es gab keine unliebsamen Überraschungen unterwegs. Als ich wieder zu Hause war, gab ich bei der IV Bescheid und versuchte nochmals zu schlafen, weil ich morgens nur knapp drei Stunden hatte schlafen können.

Am Nachmittag entschied ich dann, die Nacht sicherheitshalber in der Krisenpension zu verbringen. Alleine zuhause war mir unwohl, weil ich nicht wusste, ob es mir gelingen würde zu schlafen und die Gefahr sah, am nächsten Tag Unsinn anzustellen und über kurz oder lang wieder zwangseingewiesen in einer Fixierung zu landen.

Als ich in der Krisenwohnung ankam, traf ich dort (zufällig) auf meinen Genesungsbegleiter, der meine Bezugsbetreuung macht. In der Krise sind alle zuständig, deshalb kann das auch jemand anders sein, der mich dort erwartet. Ich habe dann die Mitklientin kennengelernt, eine Frau in genau dem Zustand, den ich für mich vermeiden wollte: Im Denken sehr zerfahren, logorrhoeisch, leicht wahnhaft, wechselnde Stimmungen, immer wieder aggressiv. Mir ging es gut genug, das gut aushalten zu können, was mir zeigte, dass ich früh genug die Krisenpension aufgesucht hatte.

Nachdem ich mein Bett bezogen hatte, haben wir kurz besprochen, wie der Abend verlaufen sollte und dann habe ich mich erstmal zurückgezogen, bis die Ablösung kam. Wir machten dann, wie es üblich ist, zu dritt Übergabe. Ich mag es, wenn mit mir geredet wird und nicht hinter meinem Rücken über mich. So kann ich selbst dazu beitragen, Übermittlungsfehler auszuschließen.

Um mir den Druck zu nehmen, hatte ich bereits in der Vornacht alle Termine abgesagt und musste mir keinen Wecker stellen. Ich hatte alles dabei, um mich nachts zu beschäftigen, sollte ich nicht schlafen können. Auch das nimmt den Druck, unbedingt schlafen zu müssen. Im Laden um die Ecke holte ich mir noch etwas zu naschen, falls ich nachts Hunger kriegen sollte, und kochte dann für zwei. Die Betreuung sah immer mal in der Küche nach, ob ich auch zurechtkam und setzte sich beim Essen zu uns und wir redeten.

Noch vor dem Essen hatte ich meine erste Tablette genommen, 10mg Olanzapin, weil 5mg in der Vornacht nicht gereicht hatten und ich in der Klinik zuletzt auch 10mg hatte. Ich bin dann auch tatsächlich recht bald von einem sehr mächtigen Schlafanstoß übermannt worden und konnte einduseln, wurde aber leider von der schreienden Mitklientin geweckt und war dann wieder hellwach. Ich machte eine PMR, hörte binaurale Klänge, aber so richtig entspannt war ich dennoch nicht und so nahm ich auch noch 1mg Lorazepam. Das war dann ein voller Erfolg. Ich konnte sechs Stunden am Stück schlafen, bevor mich die immer noch randalierende Zimmernachbarin weckte. Ich duselte aber nochmal ein, wachte wieder auf, schlief nochmal eine Stunde. Um acht stand ich dann auf.

Jetzt fühle ich mich übern Berg, jedenfalls erstmal auf der sicheren Seite, und werde die Dosierung des Olanzapins die nächsten Tage so hoch beibehalten. Ein falscher Ehrgeiz, mit möglichst wenig Medikation auskommen zu wollen, hatte mich in der letzten Zeit immer instabiler gemacht. Ich habe den Eindruck, je weniger Tabletten ich nehme, desto stärker kommt das hoch, was eigentlich in einer Psychotherapie aufgearbeitet gehört.

Ich versuche nochmal in Stichworten kurz herauszustellen, was die Krisenpension in ihren Vorzügen gegenüber der Unterbringung in einem Krankenhaus ausmacht:

  • sofortige Verfügbarkeit
  • Einzelzimmer
  • Betreuung 1:1 bis 1:2
  • Tagesstruktur wird gemeinsam mit den Klienten geschaffen
  • Selbstversorgung steht im Vordergrund, auch wenn es Hilfe dabei gibt
  • Übergabe gemeinsam mit Klienten
  • Gesprächsangebote nach individuellem Bedarf

Krankheitseinsicht gewinnen

Was habe ich von meiner Krankheitseinsicht, wenn ich trotz Tabletten nicht schlafen kann? Seufz. Ich weiß, dass es sich bei meinem neu aufflammendem Tatendrang um Symptome einer Krankheit handelt, denen anders begegnet werden muss, als mich einfach ins frohe Schaffen zu stürzen und die Nächte durchzumachen. Dabei ist es so verlockend. Ich könnte ja sooo viel leisten.

Stattdessen trete ich jetzt auf die Bremse. Für Freitag habe ich mich krank gemeldet, damit ich endlich ausschlafen kann. Leider muss ich heute noch zum Arzt, weil ich auf meine Spritze angewiesen bin. Und ein Gespräch mit meinem Genesungsbegleiter habe ich auch noch, der Behandlungsplan steht an. Letzteres könnte ich sausen lassen, aber Chaos in meinen Hormonhaushalt zu bringen hilft mir im Augenblick keinesfalls und eine Verschiebung der Spritze – hmm, naja – ließe sich eigentlich notfalls mit Testogel überbrücken, das ich noch im Kühlschrank habe.

Ich kann eben sooo viel leisten nicht. Das ist die bittere Wahrheit. Das muss ich immer einplanen. Ausreichend Schlafen ist einfach mein Schlüssel zur Genesung. Schlafe ich zu viel, werde ich depressiv. Schlafe ich zu wenig, werde ich manisch. Durch die manische Energie und das verringerte Schlafbedürfnis katapultiere ich mich ruck-zuck in die nächste Psychose, wenn ich dem nachgebe. Neu entdeckt habe ich jetzt, dass ich auch aus der Depression herausswitche, wenn ich vor lauter depressiven Gedanken oder Erinnerungen an Traumata nicht mehr schlafen kann. Dann vertagt sich das Problem auf später.

Wie kam ich also auf den Trichter, wie krank ich wirklich bin? Durch meine Tagebücher, anhand derer ich meinen Verlauf beobachtet habe (Siehe: Mein Genesungsblog), zeitweise habe ich auch ein Stimmungstagebuch geführt, was sehr aufschlussreich war hinsichtlich der Erkenntnis, was mir in welchem Zustand hilft. Und durch den Austausch mit anderen Betroffenen, anderen Verläufen. Ein Beispiel, wie hart es einen wirklich treffen kann liefert Thomas Melle mit Die Welt im Rücken.

Den Aha-Effekt hat meine Manie im letzten Jahr (natürlich erst im Rückblick) gebracht. Ich bin wirklich an Grenzen gekommen, die ich nie hatte überschreiten wollen. Einem Bettler habe ich 1000 Euro in bar geschenkt, einfach so, weil ich sie gerade dabei hatte. Das mag manchem viel Geld erscheinen, aber ich kann darüber nur lachen. Nicht weil ich Millionär wäre, sondern weil ich weiß, was noch alles hätte passieren können. Zum Glück hatte mein Ehemann meine ec-Karte sperren lassen.

In der Manie wird jede Idee, jeder Gedanke zur Tat, schreibt Melle. Die meisten Ideen, die man so den Tag über hat, werden ja meistens gleich wieder verworfen. Dieses Verwerfen unterbleibt und dazu kommt, dass man ständig neue Assoziationsketten bildet, denen man dann unwillkürlich folgt. Ich habe vielleicht Harndrang und mache mich auf den Weg zur Toilette, unterwegs fällt mein Blick dann auf mein Memoboard und da steht was von fegen, ich fange an zu fegen, dabei steht mir der Wäscheständer im Weg herum, ich hänge die Wäsche ab und als ich die Handtücher ins Bad bringe, komme ich am Klo vorbei und dann fällt mir mein Harndrang wieder ein. Das wäre ein Beispiel mit einem Happy End.

Ich habe wohl Glück damit, dass es bei mir recht fix geht, dass aus der Manie eine Psychose wird und meine Gedanken dann so sehr zerfahren sind, dass ich handlungsunfähig werde und damit derart auffällig, dass ich zwangseingewiesen werde(n darf). So war die schlimmste meiner Taten die Bedrohung eines Taxifahres, dem ich sehr ernergisch erzählte, ich könne mich nicht mehr erinnern, ob dieser Koffer (den ich mit mir führt) der mit der Bombe sei oder der andere. Ich erhielt eine Anzeige, das Verfahren wurde eingestellt, weil ich psychisch krank (und sogar krank geschrieben) war. Hätte ich nicht die Krankmeldung dabei gehabt, hätte ich mich sicherlich nicht so verhalten.

Wenn mich also Angehörige fragen, wie man den Betroffenen zur Krankheitseinsicht verhelfen kann: Schreibt Tagebücher. Beschreibt das Verhalten der betreffenden Person und beschreibt eure Gefühle. Wenn der Maniker in die Depression gefallen ist, ist der richtige Moment, das Tagebuch zu überreichen. Solange man in der Manie drinsteckt, fühlt man sich ja so gar nicht krank. Rückblickend hat man aber oft ein Einsehen, dass man da gerade akut erkrankt war. Das Erinnerungsvermögen, so Melle, ist jedoch durch die Manie wie auch durch die Depression getrübt, so dass man sich im Nachhinein nur noch bruchstückhaft erinnern kann. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, hatte dies jedoch bisher auf die Medikamente geschoben.

Ich genieße, dass ich nach langer Depression jetzt wieder höher gestimmt bin und ich nutze den Antrieb, der mir vergönnt ist. Ich tobe mich aus, geistig wie körperlich. Aber ich setze eben auch die Dosierung meiner Medikation nach oben. Ich melde mich krank, um auszuschlafen. Und ich lasse es ruhig angehn bei allem was ich tue und mache bewusst mehr Pausen als sonst. Ich bin keine Maschine. Ich muss nicht funktionieren ohne Pausen.

Und, seien wir mal ehrlich, das Funktionieren ist doch ohnehin ein Eindruck, den ein Außenstehender gewinnt. Wer gut dissimulieren kann, funktioniert doch prima in dieser Gesellschaft. Wenn ich eben aus Krankheitsgründen Sonntag, Dienstag und Donnerstag ausschlafen muss, damit ich Montag und Mittwoch je drei Stunden arbeiten kann, dann ist das eben so.

Weil das so ist, bekomme ich meine Renten auch zu Recht. Die habe ich nämlich mittlerweile durch, sowohl die von der DRV als auch meine Berufsunfähigkeitsrente. Eigentlich hätte mir die schon viel früher zugestanden, die BU-Rente bereits nach einem halben Jahr Arbeitsunfähigkeit. Aber ich war ja nicht krank(heitseinsichtig).

Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen

Es sind die Begegnungen mit Menschen,

die das Leben lebenswert machen.

Heute war wieder so ein Tag, an dem ich sehr deutlich gespürt habe, dass es einen Unterschied macht, ob ich da bin oder nicht.

Es war ein Praktikumstag in der Klinik, ich habe mich also anderthalb Stunde in Bus und Bahn gesetzt, um drei Stunden zu arbeiten und danach wieder anderthalb Stunden in Bus und Bahn zu verbringen. Fifty-fifty, genau an der Schmerzgrenze.

Ich leite dort eine Recoverygruppe und bisher hatte ich es mir nicht zugetraut, alleine zu moderieren. Einmal war es gut gegangen, einmal lief es aus dem Ruder und danach hatte ich mir Unterstützung geholt. Heute war meine Co-Moderatorin eine Auszubildende, die selbst sehr unsicher war, was denn nun genau ihre Aufgabe sei. So habe ich mich nicht alleine und überfordert gefühlt, aber dennoch die Moderation sozusagen hauptamtlich übernommen und fühlte mich zum ersten Mal wohl dabei. Es lief sehr harmonisch ab und alle waren happy am Ende. Neu war, dass ich es tatsächlich geschafft habe, eine Gruppenteilnehmerin dezent zu begrenzen, um einem anderen Teilnehmer Raum zu verschaffen. Und es hat gar nicht weh getan.

Nach der Gruppe habe ich meinen „Papierkram“ am Computer gemacht und dann war noch etwas Zeit, neue Patienten kennen zu lernen. Davon gab es einige, da ich mich letzten Mittwoch hatte krankmelden müssen. Es war das erste Mal, dass ich es mit nur wenig Überwindung geschafft habe, aktiv auf die Leute zu zu gehen, mich vorzustellen und nach dem Namen zu fragen. Bisher hatte ich mich immer noch sehr passiv verhalten, Namen durch Beobachtung aufgeschnappt und abgewartet, bis jemand auf mich zugeht. Dabei finde ich es so wichtig, dass das Personal auf die Patienten zugeht, weil ich selbst immer eine sehr hohe Hemmschwelle überwinden musste, wenn ich mich mit einem Anliegen beim Dienstzimmer melden musste – zudem fühlte ich mich dabei immer wie ein Bittsteller. Das will ich meinen Patienten ersparen.

Ich durfte in meiner letzten Viertelstunde vor Feierabend noch ein sehr angenehmes Gespräch führen, in dem zunächst zweifelnd gefragt wurde, wie ein Gespräch mit mir denn helfen könne und sich sehr umsichtig danach erkundigt wurde, was ich den tun würde, um mich zu schützen. Zum Abschluss wurde dann festgestellt, dass das Gespräch mit mir doch gut tue und das war so ein Moment, wo ich dachte: Ja, das ist es. Das will ich tun: Andere Menschen bei ihrer Genesung begleiten.

Ich hoffe, solche Tage halten sich die Waage mit denen, an denen ich an mir zweifle und alles in Frage stelle. Wenn man mich heute fragen würde, ob ich nach dem Praktikum dort weiterarbeiten wolle, würde ich sofort ja sagen. Wenn ich daran denke, dass ich zwischenzeitlich am liebsten das Praktikum abbrechen wollte, muss ich mir rückwirkend den Vogel zeigen.

Am Mittwoch habe ich wieder einen Praktikumstag, dann ohne Gruppe und entsprechend viel Zeit für Einzelgespräche, Spaziergänge oder Tischtennis. Nur noch zweimal Mittwoch und zweimal Montag, dann ist Ende Juli und damit endet auch mein Praktikum. Eigentlich schade, auch wenn ich auf der anderen Seite froh bin, dass das unentgeltliche Arbeiten ein Ende hat.

Jetzt ist es an der Zeit, mit dem Praktikumsbericht anzufangen. Am besten gebe ich auch gleich übermorgen Bescheid, dass ich auch eine Praktikumsbescheinigung brauche.

Wer mir wohl ab August begegnen wird?

Was tun nach der Ausbildung?

Ich habe noch einen Praktikumsbericht zu schreiben und eine Abschlusspräsentation vorzubereiten, zwei Module und das wars. Dann stehe ich vor dem großen Loch unstrukturierter Zeit.

Im letzten Jahr war zwar nicht immer jeder Tag mit vorgegebenem Programm gefüllt, aber es gab einen gewissen Rahmen und daneben Aufgaben zur selbständigen Bearbeitung. Jetzt habe ich das Gefühl, bald den Halt zu verlieren.

Was sich auch ändern wird ist meine Medikation. Seit meinem letzten Klinikaufenthalt im August/September nehme ich Olanzapin, mittlerweile nur noch 2,5mg, was mir gut beim Schlafen hilft. Aber es bringt eben auch dieses NL-Zombie-Gefühl, ich bin träge und bocklos bis depressiv und Dinge, die mir eigentlich wichtig sind, verschwinden im Nebel. Vielfach ist mir Lithium empfohlen worden und ich möchte es nun damit versuchen. Auch das beginnt im August.

Was Mitte August ausläuft ist der Vertrag mit der Integrierten Versorgung. Da bin ich noch nicht ganz schlüssig, ob ich den verlängern will. Mittlerweile habe ich das Krankenhaus durch mein Praktikum von einer ganz anderen Seite kennengelernt und bin mir nicht sicher, ob ich weiterhin um jeden Preis ambulante Behandlungen vorziehen will. Das fängt schon mit der Einstellung auf Lithium an, was man im Krankenhaus unter recht engmaschigen Kontrollen machen kann. Darüber werde ich mit meiner Ärztin nochmal sprechen.

Und dann ist da eben die Frage, ob ich wirklich als Genesungsbegleiter tätig werden will. Ich kann mir eine Tätigkeit außer Haus an drei Tagen die Woche zu je drei Stunden gut vorstellen. Das gibt etwas Struktur für die Woche und bietet soziale Kontakte, die mir in gewissem Maß gut tun. Mit Hausarbeit und Arztterminen ist die restliche Zeit schnell gefüllt. Das finde ich etwas schade, weil ich gerne wieder mehr schreiben würde.

Wenn ich auf das letzte Jahr blicke, so ist das Schreiben völlig in den Hintergrund geraten. Ich habe fast nur geschrieben, wenn es eine Aufgabe war, die uns gestellt wurde – weil ich mich insgesamt zu kaum etwas aufraffen konnte, weil alles so viel Kraft kostete. Ich habe die leise Hoffnung, dass das Lithium mir auch damit helfen kann, weil ich dieses Nicht-aufraffen-können für depressive Symptome halte.

Schaffe ich es kaum zu bloggen, ist an das Schreiben eines Romans nicht zu denken. Und ich möchte gerne wenigstens einmal in meinem Leben ein Manuskript fertigstellen. Einmal. Theoretisch habe ich beste Rahmenbedingungen, weil ich finanziell gut versorgt bin und nicht arbeiten muss, leider aber auch nicht kann.

Was mir fehlt, ist Kontinuität. Durch die ständigen wechselnden Phasen schaffe ich kaum etwas zu Ende zu bringen. Erst lege ich in manischem Übereifer los, dann liegt alles monatelang brach, weil ich nur noch im Bett oder vor dem Fernseher liege. Dann ist mir alles zu viel und meine gesteckten Ziele erscheinen mir allesamt überhöht und unrealistisch. Zwischendurch produziere ich Mist, wenn ich psychotisch bin (Beispiel: Gutenachtgeschichte für Psychotikerverstehenwoller).

Vielleicht sollte ich nur einen oder zwei Tage die Woche arbeiten, dann hätte ich mehr Zeit zum Schreiben. Ich muss es nur dann auch wirklich tun und mich tatsächlich daransetzen. Ich denke es würde mir gut tun, wenn ich wieder zur Schreibwerkstatt ginge, weil ich dann nicht ganz so alleine mit meinem Werk wäre. Mir hilft es, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand meine Arbeitsleistung erwartet.

Aus meiner Studienzeit weiß ich noch, wie schwer es mir gefallen ist, alleine am Schreibtisch mit dem Stoff zu kämpfen. Zum Glück hatte ich einen Kommilitonen, der mir per Messenger half. Rückwirkend betrachtet ist mir aber klar, dass ich zu der Zeit depressiv war und ich deshalb blockiert war, genauso wie ich zuvor manische Energie gehabt hatte. Wie wohl die Mitte sein wird?

Ich möchte schon gerne als Genesungsbegleiter tätig werden, fühle mich aber bisher immer wieder unfähig und glaube, dass ich den Leuten mitunter auch schaden kann. Genauso wie ich zwischenzeitlich immer wieder denke, dass meine Texte nichts taugen. Beides in meinem Alltag unterzubringen sollte wohl möglich sein. Ich denke auch, dass mir die Abwechslung gut tun wird.

Was ich noch unterbringen muss ist eine Psychotherapie. Die ist lange überfällig und nicht zum ersten Mal habe ich auch von mir aus den Wunsch danach. Im Augenblick habe ich auch die Kraft, einen Therapieplatz zu suchen. Terminlich gesehen ist es besser, die Suche ab August anzugehen. Im Augenblick bin ich noch ausgebucht.

Wahrscheinlich läuft es doch wieder darauf hinaus, dass ich weniger Zeit habe als mir lieb ist – sobald der Antrieb wieder da ist.

Unser Vortrag an der Uni

Am nächsten Dienstag, 20. Juni 17, um 18 Uhr hält unsere EX-IN-Kursgruppe eine Vorlesung an der Universität Hamburg, Edmund-Siemers-Allee 1, Hörsaal A.

Es geht um die Fragestellung, was Genesungsbegleiter zu weniger Zwang und Gewalt in der Psychiatrie beitragen können. Wir haben uns in den letzten Wochen sehr intensiv zum Thema ausgetauscht und nun liegen angesichts unseres bevorstehenden Auftritts die Nerven blank – meine jedenfalls, spätestens nach der heutigen Generalprobe.

Es handelt sich um eine öffentliche Veranstaltung; hier zur Programmankündigung der Uni: Beitrag der Peerarbeit zu hilfreichen Milieus und gegen Zwang

Autogramme gibt es dann nach der Vorstellung. 😉

Für mehr Gleichberechtigung für den Mann

Neulich hörte ich zufällig ein Gespräch von einer Gruppe Frauen. Sie sprachen über Männer und darüber, was sie an ihnen absolut nicht sexy finden. Die eine sagte: „Wenn der Typ im Café einen Cappuccino mit Sojamilch bestellt, ist das Date für mich beendet.“ Breite Zustimmung unter den anderen Girls. Geht gar nicht, was für ein […]

über Immer stark und bärtig? Für mehr Gleichberechtigung für den Mann — wunschmaterial