Ich kann schlecht schreiben

Meine bisherigen Romanschreibversuche sind meinem Inneren Kritiker bzw. Perfektionisten zum Opfer gefallen, bis ich dann erfüllt von Selbstzweifeln hingeschmissen habe, weil über die Hälfte gelöscht war. In Jackys Blog habe ich neben vielen anderen den Tipp gefunden, schlecht schreiben zu lernen. Das war für mich sehr hilfreich und mittlerweile schreibe ich seit drei Wochen an einer Geschichte und habe vor, es bis zum Ende durchzuziehen.

Ich schreibe zwar nicht jeden Tag, aber ich schreibe regelmäßig. Andere mögen über 3000 Wörter am Tag schreiben; ich habe diese Marke jetzt erst geknackt. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, bereits bestehende Textabschnitte nicht mehr anzurühren. Das werde ich beibehalten, bis ich mit dem ersten Entwurf fertig bin.

Was mich sehr fordert ist das Plotten, weil ich das bisher nur bei einer einzigen Kurzgeschichte mal ausprobiert habe. Auf der einen Seite mag ich Entscheidungen jetzt noch nicht treffen, auf der anderen Seite bräuchte ich sie aber dringend, weil sie mir einen Rahmen bieten würden für den zu produzierenden Text. Meine Szenenliste habe ich erst nach und nach zusammengestellt, nachdem ich die Szenen geschrieben hatte. Eigentlich hätte ich das nach der Schneeflocken-Methode andersherum machen müssen. 😉 Und ich habe keinen blassen Schimmer, welche noch dazukommen werden.

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Lithium passt

Ich bin sehr zufrieden mit dem Lithium für den Anfang. Mit 675mg, was anderthalb Tabletten pro Tag entspricht, bin ich bei einer zwar noch geringen, aber bereits wirksamen Dosis.

Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht, was meine Stimmung auch den Antrieb angeht. Ich habe nicht mehr diese depressiven Durchhänger. Dabei nehme ich noch das Olanzapin (5mg), welches mich ausbremst. Das macht sich bei verringertem Bewegungsdrang, dem vielen Schlafen und meiner Gedankenarmut bemerkbar.

Mein nächstes Ziel ist nun, das Olanzapin auszuschleichen. Sollte das gelingen, wird sich auch erst dann zeigen, ob das Lithium als alleinige Phasenprophylaxe wirkt.

 

So schweigsam

Ich bin es ja von mir gewohnt, dass ich mich oft monate- oder manchmal sogar jahrelang nicht bei meinen Freunden melde. Nun ist es aber so, dass ich gerne würde, es aber irgendwie nicht geht. Seit einem Monat wartet eine eMail auf Antwort – telefonieren geht schon gar nicht – und bloggen tue ich auch viel zu selten.

Bin ich unter Leuten, rauscht das Gespräch an mir vorbei. Mit der Konzentration hapert es und so kann ich manchmal nicht folgen, aber ich finde auch nie den Moment, mich ins Gespräch einzubringen. Werde ich direkt gefragt, bin ich einsilbig. Ich würde gerne mehr von mir erzählen, finde aber das meiste in meinem derzeit ereignislosen Leben keine Nachricht wert.

Gestern abend war ich auf einem Konzert und habe dort eine Bekannte gesehen und die ganze Zeit gedacht, ich müsste auch das tun, was die anderen tun: sie begrüßen. Ich kenne sie nur vom Sehen, wir singen montags im Chor. Sollte ich ihr die Hand geben? Ich war doch nicht der Gastgeber. Sollte ich sie umarmen? So intim ist unser Verhältnis nicht.  Ich traute mich auch kaum, von dem ergatterten Stuhl wieder aufzustehen, weil ich es dann nicht geschafft hätte, ihn zurückzuerobern. Es blieb also bei einem freundlichen Anlächeln.

Es macht mich traurig, so still und gehemmt zu sein. Bevor ich das Olanzapin regelmäßig einnahm, war ich nicht so. Nur während der zeitweisen Dauermedikation mit anderen Neuroleptika. Seit Ende September nehme ich jetzt Lithium und habe die Hoffnung, das Olanzapin im nächsten Jahr ausschleichen zu können und dann wieder gesprächiger zu werden, ohne manisch über die Strenge zu schlagen.

Intermittierendes Fasten

Es ist mir gelungen, von der Schokolade loszukommen. Ich musste mich total einigeln, bin nicht mehr einkaufen gegangen, aber irgendwann war es vorbei. Jetzt habe ich auch keine Probleme mehr damit, an Schokolade vorbeizugehen. Die ersten fünf Kilo habe ich schon wieder abgenommen, obschon ich noch jeden Tag Pizza gegessen habe.

Mittlerweile ist es so, dass ich wieder sehr proteinreich esse und auch manchmal mit frischem Gemüse koche. Meistens greife ich jedoch auf Fertiggerichte zurück. Dabei gibt es zur Zeit zwei Mahlzeiten, einmal Magerquark mit 2 Tl Zucker sowie einer Banane und einmal ein warmes Abendessen. Beides innerhalb eines Zeitfensters von sieben Stunden. Das bedeutet, dass ich von 24 Stunden 17 faste. Das hilft mir dabei, nicht ständig jedem Appetit sofort nachzugeben und ich habe wieder regelmäßige Mahlzeiten.

Letzten Dienstag war ich das erste Mal bei einer Abnehmgruppe, was mich sehr motiviert. Dadurch habe ich das Gefühl, dass es auch einen Unterschied macht, wenn ich nicht abnehme. Es fühlt sich einfach wichtiger an, wenn mein Ergebnis auf der Waage auch noch jemand anderen interessiert. Noch bin ich weit entfernt davon, dass man mir die Gewichtsreduktion ansieht und entsprechend lobt.

Mit Bewegung fange ich auch langsam wieder an. Zuerst waren es Dehnübungen, damit ich mich wieder daran gewöhne, täglich etwas auf der Matte zu machen. Jetzt habe ich auch die Aufwärmübungen hinzugenommen und ersten Muskelkater überstanden. Als nächstes will ich wieder mit dem Crosstrainer anfangen, damit ich meine Kondition verbessere und nicht mehr so schnell aus der Puste bin. Neulich habe ich einen Zug verpasst, weil ich nicht schnell genug rennen konnte. Das hat mich frustriert und motiviert.

Zur Selbständigkeit erzogen

Ich muss in letzter Zeit öfter daran denken, dass ich zur Selbständigkeit erzogen wurde. Auf gut deutsch gesagt war ich ab der zweiten Klasse der weiterführenden Schule ein Schlüsselkind. Wir bekamen Gefrierschrank und Mikrowelle gezeigt und machten uns das Mittagessen selbst (Fertiggerichte).

An gemeinsame Mahlzeiten erinnere ich mich in erster Linie in Form von Abendessen, bei denen galt: „Kinder bei Tisch, stumm wie ein Fisch!“. Das bedeutete, dass meine Eltern sich über Geschäftliches austauschten, wovon wir nichts verstanden. Für meine Belange war da oft nicht genug Raum und wenn ich den einforderte, bekam ich das Gefühl, zu stören – was heute noch tief sitzt.

Meine Mutter hat auch häufig mit uns Kindern zusammen gefrühstückt und sich mit uns unterhalten. Zeitweilig holte ich morgens um sechs beim Bäcker an der Hintertür die Brötchen. Damals durften die Geschäfte erst ab sieben öffnen. Irgendwann frühstückten wir dann Cornflakes, weil das mit den Brötchen zu aufwändig war…

Ich habe so früh gelernt, Zeit alleine zu verbringen und mit Problemen alleine fertig zu werden.

Einmal hat mein Bruder sich beim Spielen an einem Baustellengitter verletzt. Ich rief im Büro meiner Eltern an, beide waren unabkömmlich und ein Mitarbeiter hat ihn dann ins Krankenhaus gefahren. Als ich mich danach einmal an einer beim Toben zerdepperten Scheibe verletzte, habe ich mich direkt an eine Nachbarin gewendet, von der ich wusste, dass sie Verbandsmaterial zur Hand hat, und habe gar nicht erst im Büro angerufen.

So komme ich auch heute mit vergleichsweise wenig externer Hilfe hinsichtlich meiner psychischen Erkrankung zurecht und habe eine relativ hohe Resilienz. Mir war eine „psychosomatische Kur“ empfohlen worden. Ich stellte fest, dass das heute „medizinische Rehabilitation“ heißt.

Heute habe ich mich auf den Weg zu einer Infoveranstaltung gemacht, um eine Einrichtung kennen zu lernen, die eine Rehabilitation psychisch Kranker (RPK) für Menschen mit bipolarer Störung anbietet. Da die S-Bahn Verspätung hatte, verpasste ich den Bus, verlief mich zudem und kam so eine halbe Stunde zu spät zu dem einstündigen Termin. Na schön, dann weiß ich wenigstens, wo es ist, dachte ich. Schön im Grünen ist es gelegen.

Auf dem Rückweg habe ich mir überlegt, dass ich eine solche Maßnahme eigentlich gar nicht brauche, da ich die laut Flyer erreichbaren Ziele (Krankheitsbewältigung, Psychische Stabilisierung und Aufbau von Selbstvertrauen, Integration in ein soziales Umfeld, Erarbeitung einer beruflichen Perspektive) bereits auf anderem Wege erreicht habe.

Ich bin ja jetzt zertifizierter Genesungsbegleiter, die berufliche Perspektive ist da. Die psychische Stabilisierung erhoffe ich mir von der Umstellung auf Lithium und diese ist ja Grundlage für alles andere. Wenn ich nicht depressiv bin, ist mein Selbstvertrauen in Ordnung. In ein soziales Umfeld bin ich integriert und ich ziehe mich nur dann zurück, wenn ich depressiv bin. Jetzt strecke ich so langsam wieder meine Fühler aus und habe vorhin mit meiner lieben Freundin Ela telefoniert. Stimmung und Antrieb sind jetzt dank vermindertem Schlaf wieder im Mittelfeld, aufs Durchschlafen warte ich noch.

Für die nähere Zukunft habe ich mich bei einer Abnehmgruppe angemeldet und bei einer Bipolargruppe angefragt, dazu habe ich einen Psychotherapeuten gefunden, der vielleicht für mich passt. Da auch mein Vertrag mit der Integrierten Versorgung verlängert wurde, kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Ins depressive Loch gefallen

Gefühlt habe ich mich schon deutlich beschissener in meinem Leben, aber so sehr funktionell gestört war ich bisher noch nie. Da das Olanzapin mir die Affekte verflacht, nehme ich an, dass ich eine schwere Depression habe.

Vor sechs Wochen habe ich noch den Halt durch meine Ausbildung gehabt und obwohl ich mir für jeden Wochentag etwas vorgenommen hatte, habe ich doch der Müdigkeit nachgegeben und immer länger ausgeschlafen – meist 13 Stunden-, bin aber auch wach geblieben, bis ich müde wurde und so verschob sich mein Rhythmus Stück für Stück dahin, dass ich morgens gegen sechs ins Bett ging und erst abends gegen sechs wieder aufstand. Das kann man wohl schon als Tag-Nacht-Umkehr bezeichnen.

Dabei habe ich einen recht ordentlichen Acht-Stunden–Tag vor dem Fernseher verbracht. Und da ich ja erst so spät aufgestanden bin, lohnt es sich ja nicht mehr, mich für den Tag noch anzuziehen. Bald stellte ich auch das tägliche Duschen ein, konnte mich nur noch jeden zweiten Tag aufraffen.

Im Augenblick versuche ich, meinen Wachzyklus wieder auf tagsüber zu verlagern. Das Ergebnis ist vorerst, dass ich nur noch unzusammenhängend schlafen kann. Ich habe das Gefühl, alles nur noch schlimmer zu machen. Ich nehme mein Medikament nach wie vor um halb acht abends ein und wenn der Schlafanstoss kommt, lege ich mich hin. Dann wache ich aber nach nur drei oder vier Stunden wieder auf. Nach so kurzer Schlafenszeit fällt es mir sehr viel leichter, aufzustehen, als wenn ich schon zehn Stunden geschlafen habe.

Die gute Nachricht ist, dass ich die Zeit nutzen konnte für einen Entzug von Schokolade. Gestern war ich einkaufen und habe keine Süßigkeiten mitgebracht. Das ist ein Riesenfortschritt, nachdem ich fast ein Jahr täglich über ein Pfund Schokolade zu mir genommen habe.

Ohne die Genesungsgruppe wäre ich wohl noch tiefer versackt und selbst die habe ich einmal verschlafen. Wenn ich Pflichttermine hätte, die ich sonst absagen müsste, würde ich viel leichter funktionieren. Aber da alle Vorhaben reine Beschäftigungstherapie sind und es keinen Unterschied macht, ob ich dort erscheine oder nicht, muss ich auf Antrieb warten und den bekomme ich derzeit nur, wenn ich nicht mehr schlafen kann.

Diese Woche scheint es ein wenig aufwärts zu gehen. Gestern war ein guter Tag. Heute gebe ich mir Mühe, dass heute auch ein guter Tag wird.

„Mach’s gut.“

Nun habe ich zum zweiten Mal einen Freund verloren, weil dieser sich in mich verliebt hat. Naja, nicht ganz allein deshalb.

In den letzten Monaten ist es schleichend zunächst kompliziert und dann hässlich geworden. Kompliziert dadurch, dass wir versucht haben, ob aus unserer Freundschaft mehr werden könnte und wir so die Freundschaft an sich und auch grundsätzlich infrage gestellt, Grenzen neu ausgelotet haben. Hässlich wurde es dann vermutlich, weil wir plötzlich sehr viel engeren Kontakt pflegten, von „Guten Morgen“ bis „Gute Nacht“, wodurch eine gewisse Nähe entstand, die vorher so nicht da war. Zuerst fiel mir nur unangenehm auf, wie extrem abwertend er über Dritte – u.a. gemeinsame Bekannte – gesprochen hat. Da bekam ich Angst, selbst eines Tages zum Ziel dieser Angriffe zu werden. Ich sprach dies an und begann, mich zurückzuziehen, bat um mehr Distanz.

Mehrmals drohte er mir, mir die Freundschaft zu kündigen, wenn ich mich nicht seinen Vorstellungen gemäß verhielte bzw. sei. Zunächst indirekt, dann direkt und zuletzt ganz unverhohlen offen. Hinzu kamen Beleidigungen und Unterstellungen verschiedenster Art, eine Reihe gegenseitiger Verletzungen. Ich wollte noch einiges ansprechen, das nun nicht weiter von Relevanz ist, da keine Aussprache zustande kam. Diese Bedrohung hat für mich den Ausschlag gegeben, hat mein Vertrauen in ihn nachhaltig erschüttert. Erpressen lasse ich mich nicht.

Rückblickend: Ich hätte früher auf mein Bauchgefühl hören und schneller auf Distanz gehen sollen. Nur wollte ich es einfach nicht wahrhaben, dass dieser sonst so sanftmütige Mensch auch eine so aggressive Seite hat. Er war plötzlich wie ausgewechselt und das immer öfter, bis ich es schließlich nur noch mit Wutanfällen oder zumindest ständig gereizter Grundstimmung zu tun bekam.

Dieses Muster kenne ich von dem Fall von häuslicher Gewalt, den ich erleben musste. Ich trennte mich, er überfiel mich, fesselte mich, hielt mir ein Messer an die Kehle und erpresste eine Unterschrift auf eine dilettantische und unwirksame Bankvollmacht, stahl mein Portemonnaie und schloss mich in meinem Appartement ein. Danach stalkte er und drohte, mich und zwei meiner Freunde umzubringen. Ein halbes Jahr wagte ich mich nicht mehr in meine Wohnung. Er bekam zwei Jahre auf Bewährung.

Zum Glück ist es in diesem Fall bisher bei Verbalinjurien geblieben. Ich möchte hoffen, dass es dabei bleibt. Falls nicht, weiß ich, wie ich mich zu verhalten habe. Damit es keine Missverständnisse gibt, habe ich klar meinen Wunsch geäußert: Keinen weiteren Kontakt.

Einerseits bin ich erleichtert, dass es ein Ende hat und andererseits bin ich traurig, einen Freund verloren zu haben.

 

Und die Räder drehn sich weiter, nur ein Platz, der bleibt jetzt leer

Und sie drehn sich einfach weiter, als ob nichts gewesen wäre

 

 

Krisenpension bei der Integrierten Versorgung

Die Räumlichkeiten wirken wie eine ganz normale Dreizimmerwohnung. Es gibt zwei Schlafzimmer für Klienten – Einzelzimmer – und ein Büro, in dem ein Schlafsofa steht für die Person, die die Betreuung innehat. Es gibt eine Küche, in der von den Klienten selbst gekocht wird, und es gibt ein Badezimmer, das sich alle teilen.

Die letzte Nacht habe ich in der Krisenpension übernachtet. Es war für mich grenzwertig, da ich schon am Dienstag in die Hypomanie geswitcht war. Mit dem Einschlafen habe ich schon den ganzen letzten Monat Schwierigkeiten gehabt. Letzte Woche war es eine Nacht, in der ich nicht schlafen konnte und diese Woche war es schon die zweite Nacht – trotz selbstständigem Aufdosieren meines Olanzapins.

Ich machte mir Sorgen, weil ich bereits leichte Schwierigkeiten mit zielgerichtetem Handeln hatte und wenn ich zwei Nächte nacheinander nicht schlafen kann, geht es ruck-zuck in die nächste Psychose. Ich kann sehr schnell dekompensieren.

Bereits in der schlaflosen Nacht habe ich mich per eMail an die IV gewandt und beschrieben, wie es mir gerade geht. Morgens habe ich dann im Büro angerufen. Ich hätte auch nachts die Notfallhotline anrufen können, aber weil ich weiß, dass ich dann möglicherweise jemanden wecke, habe ich bis zum Beginn der Bürozeiten gewartet.

Tagsüber fuhr ich noch quer durch die Stadt zu meinem Endokrinologen, um meine Spritze mit dem Nebido zu bekommen. Das ging zum Glück alles gut, es gab keine unliebsamen Überraschungen unterwegs. Als ich wieder zu Hause war, gab ich bei der IV Bescheid und versuchte nochmals zu schlafen, weil ich morgens nur knapp drei Stunden hatte schlafen können.

Am Nachmittag entschied ich dann, die Nacht sicherheitshalber in der Krisenpension zu verbringen. Alleine zuhause war mir unwohl, weil ich nicht wusste, ob es mir gelingen würde zu schlafen und die Gefahr sah, am nächsten Tag Unsinn anzustellen und über kurz oder lang wieder zwangseingewiesen in einer Fixierung zu landen.

Als ich in der Krisenwohnung ankam, traf ich dort (zufällig) auf meinen Genesungsbegleiter, der meine Bezugsbetreuung macht. In der Krise sind alle zuständig, deshalb kann das auch jemand anders sein, der mich dort erwartet. Ich habe dann die Mitklientin kennengelernt, eine Frau in genau dem Zustand, den ich für mich vermeiden wollte: Im Denken sehr zerfahren, logorrhoeisch, leicht wahnhaft, wechselnde Stimmungen, immer wieder aggressiv. Mir ging es gut genug, das gut aushalten zu können, was mir zeigte, dass ich früh genug die Krisenpension aufgesucht hatte.

Nachdem ich mein Bett bezogen hatte, haben wir kurz besprochen, wie der Abend verlaufen sollte und dann habe ich mich erstmal zurückgezogen, bis die Ablösung kam. Wir machten dann, wie es üblich ist, zu dritt Übergabe. Ich mag es, wenn mit mir geredet wird und nicht hinter meinem Rücken über mich. So kann ich selbst dazu beitragen, Übermittlungsfehler auszuschließen.

Um mir den Druck zu nehmen, hatte ich bereits in der Vornacht alle Termine abgesagt und musste mir keinen Wecker stellen. Ich hatte alles dabei, um mich nachts zu beschäftigen, sollte ich nicht schlafen können. Auch das nimmt den Druck, unbedingt schlafen zu müssen. Im Laden um die Ecke holte ich mir noch etwas zu naschen, falls ich nachts Hunger kriegen sollte, und kochte dann für zwei. Die Betreuung sah immer mal in der Küche nach, ob ich auch zurechtkam und setzte sich beim Essen zu uns und wir redeten.

Noch vor dem Essen hatte ich meine erste Tablette genommen, 10mg Olanzapin, weil 5mg in der Vornacht nicht gereicht hatten und ich in der Klinik zuletzt auch 10mg hatte. Ich bin dann auch tatsächlich recht bald von einem sehr mächtigen Schlafanstoß übermannt worden und konnte einduseln, wurde aber leider von der schreienden Mitklientin geweckt und war dann wieder hellwach. Ich machte eine PMR, hörte binaurale Klänge, aber so richtig entspannt war ich dennoch nicht und so nahm ich auch noch 1mg Lorazepam. Das war dann ein voller Erfolg. Ich konnte sechs Stunden am Stück schlafen, bevor mich die immer noch randalierende Zimmernachbarin weckte. Ich duselte aber nochmal ein, wachte wieder auf, schlief nochmal eine Stunde. Um acht stand ich dann auf.

Jetzt fühle ich mich übern Berg, jedenfalls erstmal auf der sicheren Seite, und werde die Dosierung des Olanzapins die nächsten Tage so hoch beibehalten. Ein falscher Ehrgeiz, mit möglichst wenig Medikation auskommen zu wollen, hatte mich in der letzten Zeit immer instabiler gemacht. Ich habe den Eindruck, je weniger Tabletten ich nehme, desto stärker kommt das hoch, was eigentlich in einer Psychotherapie aufgearbeitet gehört.

Ich versuche nochmal in Stichworten kurz herauszustellen, was die Krisenpension in ihren Vorzügen gegenüber der Unterbringung in einem Krankenhaus ausmacht:

  • sofortige Verfügbarkeit
  • Einzelzimmer
  • Betreuung 1:1 bis 1:2
  • Tagesstruktur wird gemeinsam mit den Klienten geschaffen
  • Selbstversorgung steht im Vordergrund, auch wenn es Hilfe dabei gibt
  • Übergabe gemeinsam mit Klienten
  • Gesprächsangebote nach individuellem Bedarf

Krankheitseinsicht gewinnen

Was habe ich von meiner Krankheitseinsicht, wenn ich trotz Tabletten nicht schlafen kann? Seufz. Ich weiß, dass es sich bei meinem neu aufflammendem Tatendrang um Symptome einer Krankheit handelt, denen anders begegnet werden muss, als mich einfach ins frohe Schaffen zu stürzen und die Nächte durchzumachen. Dabei ist es so verlockend. Ich könnte ja sooo viel leisten.

Stattdessen trete ich jetzt auf die Bremse. Für Freitag habe ich mich krank gemeldet, damit ich endlich ausschlafen kann. Leider muss ich heute noch zum Arzt, weil ich auf meine Spritze angewiesen bin. Und ein Gespräch mit meinem Genesungsbegleiter habe ich auch noch, der Behandlungsplan steht an. Letzteres könnte ich sausen lassen, aber Chaos in meinen Hormonhaushalt zu bringen hilft mir im Augenblick keinesfalls und eine Verschiebung der Spritze – hmm, naja – ließe sich eigentlich notfalls mit Testogel überbrücken, das ich noch im Kühlschrank habe.

Ich kann eben sooo viel leisten nicht. Das ist die bittere Wahrheit. Das muss ich immer einplanen. Ausreichend Schlafen ist einfach mein Schlüssel zur Genesung. Schlafe ich zu viel, werde ich depressiv. Schlafe ich zu wenig, werde ich manisch. Durch die manische Energie und das verringerte Schlafbedürfnis katapultiere ich mich ruck-zuck in die nächste Psychose, wenn ich dem nachgebe. Neu entdeckt habe ich jetzt, dass ich auch aus der Depression herausswitche, wenn ich vor lauter depressiven Gedanken oder Erinnerungen an Traumata nicht mehr schlafen kann. Dann vertagt sich das Problem auf später.

Wie kam ich also auf den Trichter, wie krank ich wirklich bin? Durch meine Tagebücher, anhand derer ich meinen Verlauf beobachtet habe (Siehe: Mein Genesungsblog), zeitweise habe ich auch ein Stimmungstagebuch geführt, was sehr aufschlussreich war hinsichtlich der Erkenntnis, was mir in welchem Zustand hilft. Und durch den Austausch mit anderen Betroffenen, anderen Verläufen. Ein Beispiel, wie hart es einen wirklich treffen kann liefert Thomas Melle mit Die Welt im Rücken.

Den Aha-Effekt hat meine Manie im letzten Jahr (natürlich erst im Rückblick) gebracht. Ich bin wirklich an Grenzen gekommen, die ich nie hatte überschreiten wollen. Einem Bettler habe ich 1000 Euro in bar geschenkt, einfach so, weil ich sie gerade dabei hatte. Das mag manchem viel Geld erscheinen, aber ich kann darüber nur lachen. Nicht weil ich Millionär wäre, sondern weil ich weiß, was noch alles hätte passieren können. Zum Glück hatte mein Ehemann meine ec-Karte sperren lassen.

In der Manie wird jede Idee, jeder Gedanke zur Tat, schreibt Melle. Die meisten Ideen, die man so den Tag über hat, werden ja meistens gleich wieder verworfen. Dieses Verwerfen unterbleibt und dazu kommt, dass man ständig neue Assoziationsketten bildet, denen man dann unwillkürlich folgt. Ich habe vielleicht Harndrang und mache mich auf den Weg zur Toilette, unterwegs fällt mein Blick dann auf mein Memoboard und da steht was von fegen, ich fange an zu fegen, dabei steht mir der Wäscheständer im Weg herum, ich hänge die Wäsche ab und als ich die Handtücher ins Bad bringe, komme ich am Klo vorbei und dann fällt mir mein Harndrang wieder ein. Das wäre ein Beispiel mit einem Happy End.

Ich habe wohl Glück damit, dass es bei mir recht fix geht, dass aus der Manie eine Psychose wird und meine Gedanken dann so sehr zerfahren sind, dass ich handlungsunfähig werde und damit derart auffällig, dass ich zwangseingewiesen werde(n darf). So war die schlimmste meiner Taten die Bedrohung eines Taxifahres, dem ich sehr ernergisch erzählte, ich könne mich nicht mehr erinnern, ob dieser Koffer (den ich mit mir führt) der mit der Bombe sei oder der andere. Ich erhielt eine Anzeige, das Verfahren wurde eingestellt, weil ich psychisch krank (und sogar krank geschrieben) war. Hätte ich nicht die Krankmeldung dabei gehabt, hätte ich mich sicherlich nicht so verhalten.

Wenn mich also Angehörige fragen, wie man den Betroffenen zur Krankheitseinsicht verhelfen kann: Schreibt Tagebücher. Beschreibt das Verhalten der betreffenden Person und beschreibt eure Gefühle. Wenn der Maniker in die Depression gefallen ist, ist der richtige Moment, das Tagebuch zu überreichen. Solange man in der Manie drinsteckt, fühlt man sich ja so gar nicht krank. Rückblickend hat man aber oft ein Einsehen, dass man da gerade akut erkrankt war. Das Erinnerungsvermögen, so Melle, ist jedoch durch die Manie wie auch durch die Depression getrübt, so dass man sich im Nachhinein nur noch bruchstückhaft erinnern kann. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, hatte dies jedoch bisher auf die Medikamente geschoben.

Ich genieße, dass ich nach langer Depression jetzt wieder höher gestimmt bin und ich nutze den Antrieb, der mir vergönnt ist. Ich tobe mich aus, geistig wie körperlich. Aber ich setze eben auch die Dosierung meiner Medikation nach oben. Ich melde mich krank, um auszuschlafen. Und ich lasse es ruhig angehn bei allem was ich tue und mache bewusst mehr Pausen als sonst. Ich bin keine Maschine. Ich muss nicht funktionieren ohne Pausen.

Und, seien wir mal ehrlich, das Funktionieren ist doch ohnehin ein Eindruck, den ein Außenstehender gewinnt. Wer gut dissimulieren kann, funktioniert doch prima in dieser Gesellschaft. Wenn ich eben aus Krankheitsgründen Sonntag, Dienstag und Donnerstag ausschlafen muss, damit ich Montag und Mittwoch je drei Stunden arbeiten kann, dann ist das eben so.

Weil das so ist, bekomme ich meine Renten auch zu Recht. Die habe ich nämlich mittlerweile durch, sowohl die von der DRV als auch meine Berufsunfähigkeitsrente. Eigentlich hätte mir die schon viel früher zugestanden, die BU-Rente bereits nach einem halben Jahr Arbeitsunfähigkeit. Aber ich war ja nicht krank(heitseinsichtig).