Mein Gewichtsverlauf in 2015 mit deutlich sichtbarem Knick in der Kurve nach Erscheinen von "Fettlogik überwinden."

Der Fettlogik-Knick

(Auch erschienen als Gastbeitrag in Nadjas Blog Fettlogik überwinden.)

Moin zusammen!

Manche Kommentare zu den älteren Beiträgen hier stammen von mir noch unter dem Namen „Hotte“. Ich folge Nadja seit ich im Mai 2015 über die Buch-Empfehlung für „Fettlogik überwinden“ gestolpert war. Ich gehöre zu denen, die das Buch nicht gelesen haben – ich habe es inhaliert!

Offenbar ist es zum allgemeinen Verständnis am einfachsten, wenn ich gleich zu Anfang die Hosen herunterlasse: Ich bin ein Mann, der mit einer Vagina sowie Gebärmutter und Eierstöcken geboren wurde. Da, wo ich dies offenlege, bezeichne ich mich als Mann nach einer Geschlechtsangleichung oder als Transmann. Wenn ein Junge aussieht wie ein Mädchen, wird er auch so behandelt wie eines – das soll hier nicht das Thema sein, auch wenn es in meinem Leben und auch im Zusammenhang mit meinem Übergewicht eine maßgebliche Rolle spielt(e).

Heute möchte ich einen Kurzüberblick über die Hintergründe meines Gewichtsverlaufs geben und an einen Punkt meines Lebenswegs heranzoomen, den ich als Fettlogik-Knick bezeichne.

Kurz zur Vorgeschichte:
Zu schwer für meine Körperlänge war ich seit der zweiten Klasse.
„Das verwächst sich noch“, sagte der Kinderarzt.
Ich wuchs leider ab der Pubertät mehr in die Breite als in die Länge.
Obendrein wuchsen mir auch noch Brüste,
während ich vergeblich auf den Stimmbruch wartete.
Abnehmen wollte ich in dieser Zeit schon allein aus Trotz nicht.
Quasi aus Versehen habe ich von 2001-2002 abgenommen
von 110kg auf 78kg, wurde aufgrund der nun typischen Figur extrem in die
weibliche Geschlechtsrolle gepresst und litt darunter,
so umworben, hofiert und komplimentiert zu werden.
Binnen eines halben Jahres futterte ich mich hoch auf sichere 120kg.
Irgendwann 2010 habe ich die 150kg-Marke gesprengt, wie mir die Wii mit einem
traurigen „Du bist zu schwer!“ mitteilte.
2011 habe ich die Brüste sowie Eierstöcke operativ entfernen lassen
und mich einer Abnehmgruppe in einem Forum angeschlossen.

Wer nun mitgerechnet hat, dem ist aufgefallen, dass ich mich weitere neun Jahre lang schlichtweg geweigert habe, abzunehmen. Dieses „Ich will jetzt nicht abnehmen!“ ging wirklich auf die Erfahrung zurück, mit typisch weiblicher Figur ins Beuteschema heterosexueller Männer zu passen, die Tür aufgehalten zu bekommen (usw) und auch von älteren Herren (älter als die von mir präferierte Altersgruppe Anfang 40) anzügliche Bemerkungen zu hören zu bekommen.

Daraus habe ich meine ganz eigene, transmännliche Fettlogik entwickelt:

Ich glaubte noch bis vor wenigen Wochen, wenn ich weiter abnehme, sieht man mein Becken wieder so deutlich, dass der Eindruck entstehen könnte, ich sei eine Frau und man würde mich wieder so sehr in die weibliche Geschlechtsrolle pressen, wie ich es damals mit Anfang zwanzig erlebt hatte. (Ehrlich gesagt bin ich heute noch nicht voll überzeugt, das dies nicht passieren wird, aber ich gehe dieses Risiko ein und hoffe auf das Beste.)

Tatsächlich hatte ich während meiner Therapie auch darüber nachgedacht, ob der Wunsch, eine Geschlechtsangleichung machen zu wollen, nur vorgeschoben ist, um nicht abnehmen zu müssen, oder ob ich wirklich deshalb nicht abnehmen will, um nicht noch einmal eine typisch weibliche Figur zu bekommen.

Jetzt aber dazu, wie ich in die Gewichtsklasse kam, in der ich jetzt bin: Uhu seit August 2015, Übergewicht mit BMI unter 30 seit April 2016 und fest entschlossen, das mit dem Normalgewicht nochmal auszuprobieren.

In der Grafik meines Gewichtsverlaufs erkennt ihr zwei Kringel: Der erste links markiert den ersten, großen Fettlogik-Knick bei Erscheinen des eBooks und der zweite weiter rechts den zweiten Fettlogik-Knick bei Erscheinen des Druckbuchs.

Grafik mit dem Verlauf meine Gewichts 2013 - Anfang Apri 2016
Gewichtsverlauf 2013 bis Anfang April 2016

Etwa drei Jahre lang wollte ich zwar abnehmen, wusste aber nicht so recht wie ich das beim ersten Mal geschafft hatte.

Damals hatte ich einen Freund, der überallhin mit dem Rad fuhr oder zu Fuß lief, ein gutes Stück kleiner war als ich, schlank, und alleine deshalb schon weniger aß als ich und ich hatte mich seinem Ernährungs- und Bewegungsverhalten angepasst. Damit war das ein Selbstläufer.

Heute kann ich also auch diese wundersame intuitive Gewichtsreduktion auf ganz simples Kaloriendefizit zurückführen.

Alleine mit Bewegung habe ich 2013 keine Erfolge erzielen können, weshalb ich im August 2014 mit 135kg begonnen habe, ein Ernährungstagebuch zu führen, das Kleingedruckte auf meinem Futter zu lesen und nach und nach Gewohnheiten zu verändern. Das ist deutlich in der Grafik zu erkennen, weil zum ersten Mal neben der blauen Linie auch zwei Linien für das angestrebte Minimal- oder Maximalgewicht erscheinen. So ein oben und unten, zwischen dem ich okay bin, ist für mich sehr hilfreich, da sich dieses Ziel leichter erreichen lässt als ein ganz bestimmter Wert. Durch diesen Spielraum verkrampfe ich nicht so in übersteigertem Ehrgeiz.

In meiner Abnehmgruppe war eine Leistungssportlerin, die uns alle mit den heißesten Tipps versorgte. Ich hatte überhaupt keine Ahnung von Ernährung, die über meine Kochlehre hinausging, und war für jeden Ratschlag dankbar. Einer davon war der Ernährungsplan vom Olympia-Stützpunkt, der bei ihr aus mysteriösen Gründen nicht funktionierte:

 25%-30% der Kalorien aus Fett (gutes, pflanzliches)
 45%-55% der Kalorien aus Kohlehydraten (vor Turnieren gibt es KH-Ladetage)
 mind. 20% der Kalorien aus Proteinen.

Das finde ich im Grund gar nicht so verkehrt und das behalte ich bis heute so bei, wobei mein Anteil an Proteinen mittlerweile in etwa bei dem anderthalbfachen bis doppeltem Idealgewicht in Gramm liegt – was ja auch mehr als 20% entspricht und insofern regelkonform ist.

Jedoch damit nicht genug, es folgten weitere Regeln:

  • mindestens 40g Fett am Tag (sonst gehen die Gelenke kaputt)
  • mindestens 40g Kohlehydrate am Tag (sonst kann man keine Leistung bringen)
  • nicht mehr als 300kcal unter den Grundumsatz (sonst geht der Stoffwechsel kaputt und nachher schlägt das Jojo zu)

Damit war ich dann einfach überfordert, fühlte mich jeden Tag mies damit, versagt zu haben und die Abnahme von 2 Kilo je zwei Wochen war mir nicht genug, weil ich mich einfach nicht gut genug damit fühlte – ich litt ob der ganzen Regularien in diesem Korsett. Ich plante meine Nahrungsaufnahme minutiös und nahm Speisen wie Medikamente ein. Lebensqualität hatte zu warten, bis ich eines Tages fertig sein würde mit Abnehmen und entsprechend wenig Geduld hatte ich und es konnte mir nicht schnell genug gehen.

Dann kam die Erlösung. Die Scheuklappen zerbrachen durch die Lektüre von Fettlogik über winden und plötzlich war alles ganz einfach:

Ich durfte ja alles essen! Ich durfte auch ein größeres Defizit haben! Es war erlaubt, was mir schmeckte! Ich musste mich nicht vollstopfen, nur weil ich ein zu großes Defizit hatte! Es gab keinen Jojo-Effekt und mein Stoffwechsel war gar nicht kaputt – endlich geheilt!

Ich fühlte mich befreit und wie ihr an der Grafik deutlich sehen könnt, habe ich dadurch nicht nur eine enorme Motivation bekommen, meine Gewichtsreduktion wieder aufzunehmen, sondern das Tempo hat sich sogar leicht gesteigert auf 3kg pro zwei Wochen – daraus entstand besagter Fettlogik-Knick.

Mein Gewichtsverlauf in 2015 mit deutlich sichtbarem Knick in der Kurve nach Erscheinen von "Fettlogik überwinden."
Gewichtsverlauf 2015 mit Fettlogik-Knick

Als ich im August 2015 Uhu geworden war, brauchte ich erstmal eine ganze Weile, um zu realisieren, dass ich jetzt nicht mehr fett bin und um mein Körperbild dem Körper anzupassen. Das fiel mir daran auf, dass ich zum Beispiel gar nicht glauben konnte, dass ich im Sportfachgeschäft auf eine bestimmte Konfektionsgröße geschätzt wurde, die gefühlt meilenweit von der zuletzt gekauften entfernt lag (das erste Kleidungsstück in L ohne irgendein X davor), aber wie angegossen passte.

Im Alltag wurde es besonders deutlich, als ich einmal an der Schlange an der Kasse durchgelassen wurde und man mir meiner Wahrnehmung nach viel zu wenig Platz bot (ich hatte Angst, mit meinem dicken Hintern die Quengelware aus dem Regal zu reißen) und ich dann sehr überrascht war, mit dem mir noch zusätzlich zur Verfügung gestellten Platz mehr eingefordert zu haben, als ich tatsächlich gebraucht hätte.

Seit anderthalb Jahren mache ich ganz bewusst Körperarbeit, um meine Körperwahrnehmung zu schulen. Dies begleitet mich jetzt seit über 30kg und es hat sich für mich als sehr wertvoll erwiesen. Nachdem ich seelisch die ersten 30kg Differenz nachgeholt hatte, komme ich jetzt sehr viel besser mit den Veränderungen meines Körpers klar.

(Die Veränderungen im Zusammenhang mit der Geschlechtsangleichung fanden rein äußerlich statt, da mein Äußeres meinem Inneren angepasst wurde – insofern war da mein Körperbild den Tatsachen bereits einen Schritt voraus gewesen. Die Brüste habe ich beispielsweise nie als zu meinem Körper gehörig empfunden.)

Diese Körperarbeit hat mir nicht nur geholfen, mich überhaupt mit meinem eigenen Körper zu versöhnen, sondern auch, Berührungsängste abzubauen. Vielleicht kennt ihr das unangenehme Gefühl bei unfreiwilligem Körperkontakt mit Wildfremden in Bus oder Bahn, das sich aufgrund enormer Körpermasse bei starker Adipositas in Verbindung mit beschränktem Platzangebot manchmal nicht vermeiden lässt. Heute kann ich mich massieren lassen und diese Berührungen genießen. Vor der Geschlechtsangleichung konnte ich solche Berührungen überhaupt nicht zulassen.

Als ich mit dem Tanzen und der darauf vorbereitenden Körperarbeit anfing, tanzte ich zunächst nur mit meinem Ehemann, während die anderen untereinander jeweils die Tanzpartner wechselten. Mittlerweile bin ich so weit, nicht nur auch mit anderen Tanzpartnern zu tanzen, sondern auch in die enge Umarmung zu gehen. Berührungen und auch die Präsenz in meinem Körper machen mir nicht nur nichts mehr aus, sondern ich genieße sie inzwischen.

Natürlich macht sich dieser Unterschied, ob ich mich in meiner Haut wohl fühle oder nicht, nach außen bemerkbar und hat Einfluss auf mein Sozialverhalten und auch auf das meiner Mitmenschen. Die Präsenz im Körper ist nicht nur beim Sport von Bedeutung. Neulich habe ich zu allerersten Mal bewusst registriert, wie mir in der S-Bahn flirtende Blicke zugeworfen worden, die sich an mich richteten und nicht nur an meine Hülle – das hat mich sehr gefreut.

Zusätzlich zu der angeleiteten Körperarbeit achte ich auch in meinem Alltag sehr viel bewusster auf meinen Körper. Zum Beispiel morgens unter der Dusche spanne ich beim Einseifen die Muskeln an und beobachte, wie mein Körper jetzt aussieht und wie er sich anfühlt. Auch regelmäßige Progressive Muskelrelaxation (PMR) hilft mir, mich auf mich und meinen Körper zu besinnen und Unterschiede in der Anspannung wahrzunehmen.

Von Mitte November 15 bis Mitte März 16 habe ich mit dem Kalorienzählen ganz bewusst ausgesetzt und intuitives Essen ausprobiert. Dabei habe ich den Unterschied zwischen Hunger, Heißhunger und Appetit kennengelernt:

Heißhunger ist wie ein Ziehen im Kopf, ähnlich dem Entzug von Nikotin – deshalb schreibe ich diesen Heißhunger in erster Linie der Zuckersucht zu. Richtiger Hunger ist ein Gefühl leeren Magens bis hin zum Knurren, das ich im Bauch spüre. Ich mag diese Leere und faste gerne, brauche aber die Gewissheit, dass im Kühlschrank mein Quark auf mich wartet, den ich mir dann nach dem Workout einverleibe. Der Appetit ist eine Ansammlung von Serviervorschlägen: Heute mal Banane zum Quark oder doch lieber Weintrauben? Fisch zu Mittag oder Geflügel? Frisches Gemüse oder aus der Tiefkühltruhe?

Wie ihr seht, gibt es deutlich mehr Gewichtsschwankungen in diesem Zeitraum, aber im Grunde habe ich das Gewicht zwischen 95kg und 100kg gehalten. Zu dieser Zeit habe ich erste Erfahrungen mit Eigengewichtsübungen gesammelt. Trotz in etwa gleichbleibendem Gewicht habe ich zweimal eine engere Hose gebraucht: Zwei Konfektionsgrößen in 90 Tagen.

Grafik mit dem Verlauf meine Gewichts 2013 - Anfang Apri 2016
Gewichtsverlauf 2013 bis Anfang April 2016

Nun habe ich durch das im Februar erschienene Druckbuch, das ich meiner Nachbarin geschenkt habe, nochmals neuen Antrieb bekommen, weiterhin mit gutem Beispiel voranzugehen. So entstand der zweite Fettlogik-Knick: Ich begann wieder mit dem Kalorienzählen und zeitgleich mit einem zweiten Durchgang der 90-Tage-Challenge. Wie dies weiterhin verläuft, darüber berichte ich auf meinem eigenen Blog: Der befreite Mann.

Für den Fall, dass ich nochmals einknicken sollte, habe ich das Druckbuch extra noch aufgehoben. Wenn ich das lese, gibt es dann vielleicht noch einen dritten Fettlogik-Knick.