Das Aquarell zeigt einen männlichen Körper, der von einer starken Fettschicht umhüllt wird und so nach außen hin weibliche Konturen hat.

Meine innere Reise zum Abnehmen-Wollen

Ehrlich gesagt ist das Ding mit dem Abnehmen-Wollen keine klare rote Linie, die sich in den letzten Jahren seit meinem Maximalgewicht von über 150kg durch mein Leben zieht. Es ist ein Faden, der mir manchmal verloren geht. Aber früher oder später taucht er schon wieder auf und tatsächlich kann ich das auch etwas forcieren.

Ab der zweiten Klasse war ich nicht nur zu groß für mein Alter, sondern auch zu schwer. Es verwuchs sich nicht und mit Beginn der Pubertät stoppte das Längenwachstum und ich wuchs weiter in die Breite. Seit der Kinderarzt meine Normabweichung beklagt hatte, lag meine Mutter mir damit in den Ohren, ich müsse dringend abnehmen (vornehmlich, wenn es um das mir verhasste Klamottenkaufen ging), machte andererseits aber permanent kontraproduktive Nahrungsangebote, die ich nicht ablehnen konnte.

Mit Anfang zwanzig tat ich ihr den Gefallen, fühlte mich hundsmiserabel damit, hofiert, bedrängt und komplimentiert zu werden und futterte mir schnell wieder eine schützende Speckschicht an. Ab da wollte ich dick bleiben und habe noch heute Sorge, mich mit Normalgewicht wieder unwohl fühlen zu können. Auch während der Therapie machte ich nur einen eher halbherzigen Versuch und nahm zehn Kilo ab, nur um nachzuweisen, dass es möglich wäre, wenn ich denn wollte.

Den Startschuss für das Abnehmen-Wollen gab seinerzeit der Schock, die 150kg-Marke gesprengt zu haben. Das war richtig heftig. Ich scharrte sozusagen mit den Hufen und ertrug die schmerzenden Knie und die Demütigung im öffentlichen Raum durch die Notwendigkeit des Treppengeländers – oder in Ermangelung eines solchen das alternative Abstützen auf der Schulter meines Ehemannes einige Stufen unter mir- mit einer Duldsamkeit, die ich heute nicht mehr so aufbringen könnte. Bewegung machte mir keine Freude, ich konnte die Wahrnehmung meines Körpers nicht ertragen. Deshalb wartete ich noch ein Jahr mit der Umsetzung meines Vorhabens, bis ich endlich durch die Kostenzusage der Krankenkasse erlöst wurde.

Die Bürde, die ich seinerzeit noch mit mir rumschleppte, und die mir jede unnötige Bewegung zuwider machte – die Brüste – bin ich heute los. Kein halbes Jahr nach der Mastektomie begann ich im November 2011 mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Zu der Zeit erinnerte ich mich noch grob an die Formel „mehr bewegen, weniger essen“ und praktizierte gefühltes FDH.

Jedoch hatte ich nicht wirklich das Gefühl, tatsächlich gezielt Einfluss nehmen zu können und Erfolge zu erzielen. Das Wollen kam und ging mit Lust und Frust. Dann 2012-2013 waren durch meine erste Psychose, diese große seelische Erschütterung, andere Dinge existentieller Natur. Erst musste ich innerlich zu einer neuen Ordnung finden, bevor ich die nach außen zum Ausdruck bringen konnte. Wenn ich nicht aufgeräumt bin, versinkt auch meine Wohnung im Chaos.

Ich stieg durch Psychoedukation und Bewegungstherapie in Bewegung ein, aber eher um mein Gehirn bei der Erholung von der Psychose zu unterstützen und meine Konzentration zu verbessern sowie meine Stimmungsschwankungen in den Griff zu bekommen und vor allem den depressiven Tälern zu entkommen und vorzubeugen und noch nicht mit dem Ziel, abzunehmen.

Mir fehlte zur Gewichtsreduktion mit dem Kalorienzählen ein geeeignetes Werkzeug, das ich erst August 2014 durch das Führen des Ernährungstagebuchs entdeckte. Aber immerhin war ich da schon bei 135kg, hatte also schon über 15kg loswerden können.

Jetzt aber richtig, dachte ich mir und brauchte nun dank des Protokolls und der Berechnung von Kalorienverbrauch und -aufnahme nur noch vier Monate, um gezielt weitere 15kg abzunehmen. Ich fühlte mich großartig und wahnsinnig sexy mit 120kg. Nun fehlte mir der Leidensdruck und somit die Motivation, das Tempo zu halten. Da war das Wollen wieder dahin.

Zudem hatte ich Anfang 2015 die zweite Psychose und da wurde das Übergewicht wieder zur Nebensache. Danach war ich so weit, mich auf die Meditation „Mein Idealgewicht“ von Rüdiger Dahlke einzulassen und die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (PMR), die ich in der Klinik kennengelernt hatte, war mir eine gute Vorbereitung.

Ich setzte mit dem Kalorienzählen aus, bis der Fettlogik-Knick kam. Dann: Plötzlich Uhu. Den Schock musste ich erstmal verdauen, jetzt nicht mehr als „fett“ wahrgenommen zu werden. Tatsächlich hatte mich ja, als ich noch stolze 105kg auf die Waage brachte, bereits der erste – ganz im Ernst – gefragt: „Sag mal, Du willst doch nicht etwa noch weiter abnehmen?!“ Und dieser Freund beschwert sich mit einem Augenzwinkern bei jedem Wiedersehen über mein „verdammt gutes“ Aussehen.

Das Erscheinen des Druckbuchs „Fettlogik überwinden“ Anfang 2016 erinnerte mich an meine Vorbildfunktion und half mir so, zum Abnehmen-Wollen zurückzufinden und die Protokollpause zu beenden. Das Unterschreiten der 90kg-Marke, die in 2011 mein finales Ziel dargestellt hatte, brachte mich nochmal etwas aus der Bahn und stellte mein Wollen erneut in Frage, obwohl ich zwischenzeitlich ein neues Ziel festgelegt hatte: Ich will Normalgewicht erreichen und halten.

Das bedeutet bei meinen 175cm ein Gewicht zwischen 70 und 75kg. Und davon trennen mich nur noch etwa 15kg. Bereits über 60kg überflüssiges Körperfett bin ich losgeworden. Bis zur Halbierung meines Maximalgewichts fehlt nicht mehr viel. Im Moment ist das Wollen noch da und ich frage mich, wie lange noch.

Gute Strategien, zum Abnehmen-Wollen zu finden

  1. Klärung der Frage, welchen Vorteil mir das Übergewicht bietet.
  2. Warum bin ich dick? Dazu gehörte für mich auch die Auseinandersetzung mit der Frage, wie das technisch funktioniert mit dem Abnehmen: Kaloriendefizit erwirtschaften.
  3. Welchen Ballast schleppe ich mit mir herum? Diesen Ballast ablegen. Mir half es, symbolisch einen Rucksack mit einigen Büchern abzulegen.
  4. Welche Vorteile kann mir Normalgewicht bieten?
  5. Meine Grenzen spüren: Wo schränkt mich das Übergewicht ein? Auf was muss ich alles verzichten, solange ich nicht vorübergehend auf einen Teil meiner Kalorienaufnahme verzichte?
  6. Zielsetzung, was ich alles können will durch das / nach dem Abnehmen. Sportliche Ziele sind nur ein Teil davon.
  7. Reinfühlen, wie mein Körper künftig beschaffen sein soll. Dazu half mir das Modellieren in Ton: Galerie
  8. Körperarbeit hat mir dabei geholfen, ganz bewusst in meinen Körper einzuziehen. Es erinnert mich immer wieder aktiv daran, meinen Körper wahrzunehmen. Wenn ich mich zu sehr in geistige Tätigkeiten zurückziehe, verliere ich den Kontakt zu meinem Körper wieder. Auch enge Klamotten helfen mir, meinen Körperumfang zu erspüren und mich „fett“ zu fühlen.
  9. Fortschrittstagebuch führen und Erfolge teilen. Vorher-Foto! Absolutes Grusel-Horror-Abschreckungsbild, wie ich nie wieder aussehen will.

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