Meine Arbeit als Genesungsbegleiter

Sonntag, 30.04.17

Zum Tag der Arbeit mache ich mir Gedanken über meine Arbeit. Es gehört mit zum Portfolio, das wir ausarbeiten sollen, auch darüber zu schreiben. Das Portfolio zu erstellen ist im Grunde eine Sammlung von Reflexionsübungen. Abgabetermin ist der 10. Juli, also so langsam wird es mal Zeit und die Tabletten bremsen mich jetzt nicht mehr so sehr.

Da ich gerade mein Vertiefungspraktikum begonnen habe, werde ich oft gefragt, was ein Genesungsbegleiter so macht. Ich sage gerne, ich begleite bei der Genesung. 

Grundsätzlich gibt es neben der Genesungsbegleitung an sich auch die Betätigungsfelder Lehre und Forschung.

Für eine mögliche Dozententätigkeit haben wir haben viel geübt, vor unserer Kursgruppe zu sprechen. Dabei waren es im ersten Semester zunächst die Ergebnisse der Kleingruppenarbeit sowohl Theoretisches (Was ist Recovery? Was ist Empowerment?) als auch Persönliches (Meine prägendste Erfahrung), über das wir einzeln reflektiert haben. So gab es also einerseits rein Sachliches und andererseits auch sehr Emotionales mit dem Potential zu innerem Aufruhr. Nachdem mein Kollege und ich unser Referat zur Subjektiven Seite über Geschlechtsidentität und Psyche gehalten haben, sind wir bereits gefragt worden, ob wir es uns grundsätzlich vorstellen können, noch einmal zu referieren. Es ginge um einen Termin im kommenden Wintersemester und einen Vortrag vor Psychologiestudent_innen. Erstmal habe ich nicht nein gesagt.

Wer sich wirklich in die partizipative Forschung stürzen will, kann sich an das Projekt EmPeeRie wenden. Für mich kommt das zur Zeit eher nicht in Betracht. Dennoch habe ich sehr gerne die Selbsterforschungsmodule mitgemacht.

Die Genesungsbegleitung an sich sehe ich vor allem in Einrichtungen der ambulanten Sozialpsychiatrie, die am ehesten bereit sind, Genesungsbegleiter einzustellen. Ich bin froh, einen Praktikumsplatz in einem Krankenhaus bekommen zu haben, weil es dort weniger um die Alltagsbegleitung als mehr um das Bewältigen von Krisen geht. Meine eigene Erfahrung beschränkt sich auch auf die (Zwangs)Behandlungen in Kliniken und die mittlerweile fast vierjährige Begleitung durch die Integrierte Versorgung.

Meine persönliche Stärke sehe ich auf jeden Fall im Einzelgespräch, mache mir jedoch auch Gedanken darüber, mich im Praktikum doch mit einer Recoverygruppe auszuprobieren und nicht nur eine Spielegruppe anzubieten. Ich möchte gerne hilfreiche Denkanstöße geben und am liebsten würde ich dann auch beobachten können, was diese bewirkt haben. Dazu wäre es von Vorteil, auch für eine Einrichtung tätig zu werden, bei der die Klienten langfristig angebunden werden.

Auf der anderen Seite habe ich oft zu wenig Geduld und kann mir vorstellen, dass daher die Tätigkeit in einer Klinik, wo die Patienten ja vergleichsweise schnell wieder entlassen werden, auch sehr attraktiv ist. Ich fürchte nur, dass mir die dortige Struktur auf Dauer nicht so gut bekommt, weil oft Zeitdruck herrscht und viele Patienten auf engem Raum zusammengepfercht werden. Der EX-IN-Gedanke wäre ja, genau dort anzusetzen und dafür zu sorgen, dass die Strukturen sich bessern anstatt klein bei zu geben.

Woran ich auf jeden Fall noch arbeiten muss, ist, mich mehr einzumischen und besser durchzusetzen. In der letzten Zeit habe ich, auch durch die Medikamente, viel zu viel über mich ergehen lassen und inzwischen Hemmungen entwickelt, Dinge anzusprechen und evtl damit Konflikte auszulösen. Mittlerweile sollte ich aber wieder in der Lage sein, solche auch zu bereinigen.

Was ich auf jeden Fall sehr gut kann, ist ruhig zuhören und dies mit einer annehmenden Grundhaltung. Ich habe sehr viel Verständnis und viele Menschen schenken mir ihr Vertrauen, indem sie sich mir gegenüber öffnen. Ich finde eigentlich fast immer einen Grund für Hoffnung und den Blick nach vorn, was besonders depressiven Menschen helfen kann. Mit meiner Wortwahl bin ich so umsichtig, dass ich nur sehr selten jemanden kränke.

Im Augenblick macht es mir etwas zu schaffen, dass ich mir in meiner Freizeit sehr viel Gedanken um meine Patienten mache und ich muss darauf achten, dass ich ausreichend Alleinzeiten habe, mich ausruhe, ablenke und mir auf der anderen Seite aber auch Aussprache verschaffe. Vielleicht täte mir ein tägliches Arbeiten besser, weil dann nicht so viel Zeit vergeht, bis ich wieder anknüpfen kann. Auf jeden Fall ist mir wichtig, dass ich nichts Unausgesprochen mit mir rumschleppe. Von meiner Seite aus ist es daher wichtig, dass ich den Mut auch fasse, evtl Unangenehmes anzusprechen, von Seite des Arbeitsumfelds muss aber auch die Zeit und der Raum für solche Gespräche sein.

Ungute Arbeitsbedingungen erkenne ich daran, dass ich mich unwohl fühle und im Extremfall dafür schäme, dort zu arbeiten. Wenn es so arg ist, ist die Kündigung die klügste Entscheidung, weil ich einfach nicht genug Kraft habe, einen ganzen Betrieb auf links zu krempeln, nur damit es für mich passt. Das wäre auch unangemessen.

Berufliche Ziele habe ich zur Zeit keine und muss auch ehrlich sagen, dass ich damit besser fahre, einfach gar keinen Masterplan zu entwickeln und einfach nur einen Schritt zu machen, anzukommen und mich wohl zu fühlen und sobald ich mich nicht mehr wohl fühle, über einen weiteren Schritt nachzudenken. Dh im Augenblick mache ich die Ausbildung, möchte die zu Ende machen und natürlich hätte ich sehr gerne im Anschluss daran eine Stelle. Vier Tage zu drei Stunden, mittwochs frei, kann ich mir beispielsweise vorstellen. Ok, ein Ziel. Erwischt! Vielleicht mache ich noch ein weiteres Praktikum zu meiner Orientierung, um beispielsweise betreutes Wohnen einmal kennen zu lernen. Mal sehen, ob das jetzige Praktikum zu einer Anstellung führt oder nicht.

So als grobe Vorüberlegungen schonmal gar nicht schlecht. Das Thema muss ich nochmal anpacken und genauer ausarbeiten.

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2 Gedanken zu “Meine Arbeit als Genesungsbegleiter

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