Fussball und Gewalt sowie Fremdenfeindlichkeit

17. Juli 2016

Es tut mir leid, dass das mit dem CSD-Video am letzten Montag nicht geklappt hat. Es handelte sich um einen Livestream, der offensichtlich noch etwas länger abzurufen war als die Liveübertragung dauerte und für mich nicht ohne weiteres aufzufinden war. Die Aufzeichnung ist jetzt hier zu finden und ich bin etwa ab 2:25:00 zu sehen: http://livestream.com/accounts/20263151/events/5707673/videos/128533876

8. Juli 2016

Es ist mal wieder soweit: Mitten in der Nacht (gerade ist halb vier durch) und ich kann nicht schlafen. Ich muss das jetzt loswerden.

Vorhin habe ich beim Rudelgucken hier in Kessenich (Bonn) gemeinsam mit den anderen Kneipenbesuchern miterlebt, wie die deutsche Nationalelf heldenhaft ausgeschieden ist. Gegen die Gastgeber zu verlieren ist doch wohl noch das anständigste, das ich mir vorstellen kann und den Franzosen habe ich es dieser Tage von Herzen gegönnt.

Was ich neben dem Spiel leider auch beobachten musste, waren Ausdrücke wie „Neger“, „Spaghettifresser“ und „Affe“ bezüglich Schiedsrichter und gegnerischer Spieler. Das kam alles von derselben Person. Ein anderer fand sich dann witzig damit, Teile des Publikums als „Froschesser“ zu bezeichnen.

Ich habe mich geschämt und schäme mich noch. Nicht fremd und auch nicht dafür, Deutscher zu sein, aber für meine Feigheit. Weil ich finde, dass jemand etwas dagegen hätte sagen müssen und ich es nicht getan habe.

Zum einen wollte ich in Ruhe das Spiel sehen und zum anderen wusste ich nicht, wie viele von denen, die ebenfalls nichts dagegen sagten, zu mir gestanden hätten und wie viele zu den anderen. Und ich wollte keine Prügelei heraufbeschwören.

Und dann ist da wieder der Gedanke an den Transmann, der im Zusammenhang mit einem Fußballspiel oder eine Demo wegen irgendeiner Kleinigkeit, einer Routinemaßnahme zwecks Deeskalation verhaftet und auf der Wache von fünf Polizisten in Zivil u.a. als „Bartfotze“ beschimpft und vergewaltigt wurde. Das war, als er es mir vor vier Jahren erzählte, bereits mehrere Jahre her und er hatte sich gegen eine Anzeige entschieden.

Vielleicht habe ich zu viele Filme gesehen, vielleicht treibt meine Phantasie zu viele Blüten, aber ich stelle es mir nicht sehr angenehm vor, während einer Kneipenschlägerei vergewaltigt zu werden. Dabei habe ich eigentlich schon viel Schlimmeres durch und sollte keine Angst haben. Sie ist trotzdem da und das noch, obwohl ich weiß, dass gerade die Angst den Täter_innen in die Hände spielt.

Und als in der Halbzeitpause in den Nachrichten die neue Gesetzesänderung zur Verschärfung des Sexualstrafrechts angekündigt wurde, wurde die Politikerin von dem Mitläufer als „Arschfotze“ betitelt. Ein anderer Mann fragte „Und wer schützt uns Männer?“ – letzterem schloss ich mich mit meiner Verunsicherung an. So wie ich es verstanden hatte, darf man Frauen nicht mehr an Brust und Gesäß berühren, aber wenn ich mit einem Kerl flirte, darf ich ihn an den Hintern fassen?

Gleiche Rechte für alle Geschlechter
Schluss mit Sexismus

Zwischenzeitlich habe ich dazu Neueres gehört und es bezieht sich wohl nur auf Handlungen, die nach einem NEIN erfolgen, die jetzt verboten sind. Und das ist wirklich neu? Ich bin schockiert! Für mich war das ohnehin selbstverständlich. Ich bin gespannt, wie der Gesetzestext im Einzelnen aussieht, und wie es sich dann in der Praxis darstellt.


12. Juli 2016

Über einen Verteiler habe ich eine Pressemitteilung der Initiative Rainbow Refugees Cologne erhalten:

Pressemitteilung vom 27.06.2016

Trans- und Homosexuelle Flüchtlinge in Kölner Unterkünften hilflos ausgeliefert

Innerhalb von einer Woche wurden zwei Flüchtlinge in Kölner Unterkünften von ihren Nachbarn angegriffen und zum Teil schwer verletzt.

Am 13.06.2016 wurde eine transsexuelle Frau in ihrer Unterkunft am Zülpicher Platz von ihrem Nachbarn mit einem Messer attackiert und konnte sich knapp in Sicherheit bringen.

Am 21.06.2016 wurde ein homosexueller Mann von seinem Zimmernachbarn so zusammengeschlagen, dass er mit starken Prellungen in die Notaufnahme musste.

Trans- und homosexuelle Flüchtlinge gehören im Regelfall zur Gruppe der sogenannten besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge. Dies wird in der Aufnahmerichtlinie 2013/33/EU, die seit letztem Jahr geltendes Recht in Deutschland ist, geregelt. Ihnen muss für die Dauer ihres Asylverfahrens auch bei der Unterbringung ausreichend Schutz gewährleistet werden. Dieses Ziel hat die Stadt Köln augenscheinlich verfehlt.

Mit Artikel 18 (4) der Aufnahmerichtlinie 2013/33/EU verpflichten sich die europäischen Mitgliedstaaten, und so auch Deutschland, Übergriffe und geschlechtsbezogene Gewalt einschließlich sexueller Übergriffe und Belästigung in Unterkünften zu verhindern. Aus der Beratungspraxis des Kölner Flüchtlingsrates e.V. heraus, sowie über die dokumentierten Fälle der Landeskoordination Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule in NRW, angesiedelt im Rubicon, wird deutlich, dass Lesben, Schwule, Bisexuelle sowie Transsexuelle und Transgender in Flüchtlingsunterkünften regelmäßig Opfer von physischer und psychischer Gewalt oder Diskriminierung und Belästigung werden.

Die am 13.06.2016 mit einem Messer attackierte aus dem Irak stammende transsexuelle Flüchtlingsfrau wurde wenige Tage zuvor am 02. Juni von dem Manager ihrer Unterkunft, einem Hotel in Longerich, verwiesen. Der Manager habe dies damit begründet, dass die Unterkunft keine „Schwulendisco“ sei und er sie zur Not an ihren Beinen herauszerren werde. Nachdem die Frau zunächst die Nacht am Bahnhof verbrachte, verweigerte das Amt für Wohnungswesen am darauf folgenden Tag zunächst die Notunterbringung und gab erst nach Verweis auf die eindeutige Zuständigkeit die Notrufnummer heraus. Die diensthabende Mitarbeiterin konnte lediglich einen Schlafplatz in einer Massenunterkunft anbieten, mit dem Hinweis, die Betroffene solle sich „ja benehmen“. Ihre Geschlechtsidentität also verheimlichen, um keinen weiteren Ärger zu provozieren. Laut Urteil des Europäischen Gerichtshofs ist die Verheimlichung der eigenen Geschlechtsidentität nicht zumutbar. Aufgrund der Gefahr vor Übergriffen in einer Massenunterkunft ohne Privatsphäre wurde die Frau privat untergebracht. Wenige Tage, nachdem sie letztendlich ein Zimmer in einer Unterkunft am Zülpicher Platz erhalten hatte, wurde sie mit dem Messer attackiert. Dass die Anzeige von der Polizei überhaupt registriert und der Täter letztendlich inhaftiert wurde, ist dem Einsatz der Willkommensinitiative RainbowRefugeesCologne zu verdanken, die die Frau begleitete. Die Polizei hatte die Anzeigenaufnahme zunächst verweigert und erst nach langen Diskussionen akzeptiert. Im Anschluss wurde der Täter durch die Polizei in Gewahrsam genommen und die Tatwaffe sicher gestellt.

Dass homo- und transsexuelle Flüchtlinge in regulären Unterkünften vor Angriffen nicht sicher sind, zeigte ein Übergriff am 21.06.2016 erneut. Der betroffene schwule Mann wurde von seinem Zimmernachbarn zusammengeschlagen und musste in die Notaufnahme. Auch hier zeigte sich das Amt für Wohnungswesen überfordert: die zuständige Sozialarbeiterin war bereits außer Dienst und konnte die Notrufnummer des Amt für Wohnungswesen nicht mitteilen. Zuständig für die Unterbringung des Opfers sei hier die Polizei bei Aufnahme der Anzeige, die dann das Amt für Wohnungswesen für die Notunterbringung kontaktieren müsse. Nur durch Zufall hatte der Betroffene den Kontakt zu einem ehrenamtlichen Aktivisten, der ihn, zusammen mit einer Mitarbeiterin des Kölner Flüchtlingsrates e.V., in die Notaufnahme brachte und Anzeige erstattete. In diesem Fall reagierte die Polizei direkt und verwies den Zimmernachbarn der Unterkunft. Es ist jedoch fraglich, ob die gleiche Reaktion zu erwarten gewesen wäre, wenn der Betroffene, der nur der arabischen Sprache mächtig ist und die Verfahrenswege nicht kennt, alleine den Weg zur Polizei gefunden hätte und die Anzeige aufgenommen worden wäre. Auch die Klärung des Sachverhaltes sowie ein Hausverbot für den Angreifer werden nun erst nach insistieren der Beratungsstelle des Kölner Flüchtlingsrates e.V. vom Amt für Wohnungswesen weiter angestrebt.

Der Kölner Flüchtlingsrat e.V., die Willkommensinitiative RainbowRefugeesCologne sowie die Landeskoordination Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule in NRW begrüßen die geplante Einrichtung einer Ombudstelle für Flüchtlinge in der Stadt Köln, sowie die Planung von Wohnungen für homo- und transsexuelle Flüchtlinge.

Zum Schutz der Flüchtlinge in allen Unterbringungseinrichtungen fordern sie dennoch:

1. Beschleunigung der Einrichtung der Schutzwohnungen sowie ausreichende Unterbringungsplätze und ein Belegungsmanagement für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge. Auch für homosexuelle und trans* Flüchtlinge!

2. Notrufsysteme und -nummern für Flüchtlinge in allen Unterkünften!

3. Ein effizientes Meldesystem sowie Schutzkonzepte des Kölner Amtes für Wohnungswesen in Bezug auf Übergriffe und die anschließende Notunterbringung!

4. Die Schulung und Sensibilisierung der Mitarbeitenden des Amt für Wohnungswesen sowie der Kölner Polizei zu besonders Schutzbedürftigen, insbesondere zu Homo- und Transsexuellen!

5. Stadt und Polizei müssen endlich dafür Sorge tragen, dass Bagatellisierungen, Diskriminierung und Ignoranz als Reaktion auf Berichte von Gewalt und Übergriffen ein Ende haben! Deren Ausübung durch Betreuungspersonal und Unterkunftsmanagement muss mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen und gegebenen Falls mit der Kündigung der Aufträge beantwortet werden. Verträge mit Betreibern von Unterkünften müssen eine Antidiskriminierungsklausel enthalten!


17. Juli 2016

Noch mehr als ohnehin schon schäme ich mich dafür, dass ich diesen Beitrag nun erst wieder aus dem Papierkorb fischen musste.

Irgendweshalb kam ich zwischenzeitlich auf die Idee, das Ganze ginge mich persönlich doch gar nichts an und ich könne ja gar nichts tun, außer mich selbst aus dem Kreuzfeuer heraushalten. Dabei ist genau diese Haltung diejenige, die es diesen Leuten so einfach macht, das Maul aufzureißen.

Das Wegsehen, das Schweigen, das stille Erdulden… sind im Grunde nichts anderes als Zustimmung.

Es ist auch albern: Selbst wenn ich keine Seite aktiv wähle, werde ich doch eindeutig einer zugeschrieben, ob ich damit einverstanden bin oder nicht. Bereits im Sommer 2012 habe ich von Nazis Prügel bezogen, ohne in irgendeiner Weise provoziert zu haben.

Anlass genug boten bunte Kleidung und Frisur. Ein Popeye-T-Shirt, karierte Hose und ein orange gefärbter Irokese. Damals in keinster Weise politisch, rein modisch motiviert.

Iro mit Giraffe
Irokese

Ich war einfach voller Lebensfreude und wollte mit Anfang Dreißig nochmal so richtig meine Jugend auskosten. Bevor mir die Haare durch das Testosteron ausfallen, wollte ich einmal im Leben einen Iro gehabt haben.

Nur weil ich nachts allein war auf dem Kölner Domplatz und zudem in erkennbar desorientiertem Zustand wurde ich zum Opfer.

Ich wurde gefragt, ob ich was gegen Nazis hätte. „Nö“, erklärte ich, weil ich mich mal tierisch in einen Skinhead verknallte hatte, den ich damals sogar von den Vorteilen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung gegenüber der von ihm favorisierten Staatsform Diktatur überzeugen konnte.

Die beiden waren irritiert, aber mit meiner Reaktion offenbar noch nicht ganz zufrieden. Wie ich Adolf Hitler fände, war die nächste Frage. Da kam natürlich meine Schulbildung zum tragen: „Find ich doof.“ Das reichte. „Na siehste“, sagte der eine zum anderen. „Na komm, lass den doch“, sagte der andere und bedachte mich mit einem sorgenvollen Blick, „Du siehst doch, mit dem stimmt was nicht“ und wollte seine Begleitung von mir abwenden. Wieder wurde ich prüfend beäugt. „Zur Sicherheit.“

Von den berühmten Sternen war nichts zu sehen, aber ich ging zu Boden und der Schmerz setzte erst mit einiger Verzögerung ein. Zu groß war der Schock.

Ein Faustschlag ins Gesicht ist eigentlich keine große Sache und muss nicht zwingend sofort zur Anzeige gebracht werden. Da ich damals noch in derselben Nacht erstmals in die Psychiatrie kam, hatte ich seither auch andere Probleme, die im Vordergrund standen. Würde mir das heute nochmal so oder so ähnlich passieren, würde ich jedoch ohne zu zögern Anzeige erstatten.

Ganz egal wie lästig und unangenehm das gerichtliche Nachspiel für mich persönlich sein würde. Aber es darf nicht sein, dass solche Leute einfach so weitermachen. Ich habe auch eine moralische Verpflichtung gegenüber anderen, die nach mir durch dieselben Täter_innen geschädigt werden.

Wenn ich morgen Bonn verlasse, ist es eine Stadt, in der ich mich nicht mehr zu Hause fühle und die ich mir als Heimat nicht mehr wählen wollte. Ich verlasse sie als Besucher, der hier als kaufkräftiger Tourist gern gesehen war.

In Bad Godesberg, so erzählte mir ein Freund, patrouillieren mittlerweile Bürgerwehren. Durch die vielen Einwanderer in letzter Zeit sei die Kriminalität stark angestiegen. Es handelt sich hierbei um den ehemaligen Vorzeigestadtteil, der jedoch bereits lange vor der Flüchtlingskrise auf dem absteigenden Ast war.

Insgesamt ginge es mit der Stadt seit dem Bonn-Berlin-Umzug den Bach runter. Das war eine Entwicklung, die lange befürchtet worden war und tatsächlich ist die Veränderung in der Region deutlich spürbar. Die Stimmung ist eine andere geworden. Ein junger Mann, der mit mir auf denselben Bus wartete, sagte, in diese Welt wolle er keine Kinder setzen.

So wie ich Bonn kennen und lieben gelernt habe, waren die Einheimischen hier nicht nur gastfreundlich, sondern wirklich offen für andere Kulturen. Es waren Menschen verschiedenster Nationen hier zu Hause, denen stets herzlich begegnet wurde und das nicht nur für die Dauer eines vorübergehenden Besuchs.

Auch der Alte Zoll ist wie unsere ehemalige Hauptstadt mit teilweisem Sitz unserer Regierung im Wandel.

Alter Zoll Baustelle
Alter Zoll in Bonn

Was wohl daraus werden wird?

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