Enten auf dem Rhein

Hochsensibel und erschöpft? Wie man der Erschöpfung Herr werden kann

Donnerstag, 30. Juni 16

Ich mag Thomas Bröker von einigen Videos und seiner Homepage her; er ist für mich ein gutes Beispiel eines sensiblen Mannes, der erfolgreich im Leben steht und sich nicht hinter (s)einer Frau versteckt.

Er ist sich seiner Schwäche(n) bewusst und gerade die Tatsache, dass er diese zulassen kann, macht ihn in meinen Augen stark. Er respektiert seine Grenzen und bestätigt mir nochmal meine eigenen Erfahrung: Ich erhole mich rasch, auch wenn ich mich sehr erschöpft fühlte, wenn ich mir rechtzeitig eine Auszeit gönne.

Es fasziniert mich, dass auch Thomas von solchen Situationen beschreibt, in denen er ein Projekt uuunbedingt noch abschließen will. Das kenne ich nur zu gut.

Er kommt gar nicht auf die Idee, seine Erschöpfung als Symptom einer Erkrankung zu interpretieren und „gesund werden“ oder genesen zu wollen, sondern er ist sich völlig darüber im Klaren, dass es an unpassenden weil reizüberflutenden Rahmenbedingungen liegen muss, wenn er chronisch erschöpft ist. Folgerichtig passt(e) er dann diesen Rahmen an sich an und nicht anders herum.

Ich stand immer schon auf Langweiler und was andere so richtig öde finden – im Büro zum Beispiel die Ablage zu machen – dabei blühe ich so richtig auf. Immer wurde mir das Gefühl gegeben, nicht richtig zu sein, so wie ich bin, und das verpaarte sich mit meinem Drang, den Erwartungen anderer gerecht werden zu wollen:

Ich ließ mir von meiner Chefin Kaffee kochen, den ich nicht mochte und nicht vertrug, um diesen mit ihr zusammen zu trinken, gab ihr immer wieder von meinen Zigaretten ab, so dass ich nichtmal in der Raucherpause meine Ruhe hatte, ließ mich von ihr sogar in die Kantine schleifen (Stress pur!) und brach immer häufiger zusammen, funktionierte aber weiter.

An meinem zugrundeliegenden Sein lässt sich nichts wegtherapieren. Nicht an meiner Männlichkeit und auch nicht an der Art und Weise, wie ich Reize (nicht) filtere und Daten verarbeite und wieviel Alleinzeit ich brauche. Es ist nicht trainierbar, belastbarer zu werden in einem mich überfordernden Umfeld. Da kann ich der Kasse sicherlich noch viel Geld aus den Rippen leiern, aber es bringt mich keinen Schritt weiter.

Natürlich kann ich Pillen futtern, um insgesamt abzustumpfen und das Leben an mir vorbeirauschen zu lassen, aber ich kann nicht von mir erwarten, irgendeines schönen Tages als „gesund“ aus der Therapie entlassen zu werden und plötzlich Situationen länger als drei Stunden aushalten zu können, bei denen ich schon als kleines Kind Zustände kriegte, wenn das Maß voll war.

Eigentlich ist das etwas, das ich mir auch ohne Mathe im Abi ausrechnen kann. Wenn ich x Belastungsfaktoren gleichzeitig habe und nach drei Stunden unter 1 Belastungsfaktor eine Zeit von 3 Stunden ohne Belastungsfaktoren brauche, um mich zu erholen, dann kann ich nicht regenerieren, solange x sich nicht für ein Zeitfenster von drei Stunden abstellen lässt. Dabei ist unerheblich, ob x die Hellhörigkeit des Hauses ist oder die Anwesenheit meines Göttergatten in der Wohnung oder beides zusammen.

Meine Mutter hat mich heute nachmittag hier abgesetzt und nachdem ich mich akklimatisiert hatte, war ich fit, als seien zwei Monate Dauerbelastung einfach so von mir abgefallen. Abends am Telefon hörte ich mich ganz anders an als die ganze letzte Zeit. Für mich kein Wunder. (Ebenfalls kein Wunder ist für mich, warum es mir in der Klinik immer so schnell wieder „besser“ geht: Ich will da schleunigst raus.)

Selbstgewählte Deprivation tut mir, wie ich letzte Woche bereits andeutete (Sensibilität und Gleichgewicht – Reizüberflutung und Deprivation), ab und zu ganz gut. Natürlich muss ich auch nach einem vierstündigen Telefonat – bester Freund hin oder her – etwas Zeit für mich haben, um runterzufahren. Da ist nichts mit innerhalb einer halben Stunde einschlafen. Das gab es noch nie.

Meine Mutter hat es immer sehr schwer gehabt, mich morgens rechtzeitig zur Schule aus dem Bett zu kriegen, solange ich dafür nicht alleine verantwortlich war. Wie lange ich aber tatsächlich noch wach war, nachdem ich im Bett war, hat sie meist gar nicht mitgekriegt.

Wenn ich um zehn ins Bett sollte, war ich sicherlich um eins noch nicht eingeschlafen. Mit 14, 15 weiß ich, dass ich zu der Zeit noch Domian im Radio gehört habe, was auch eine Stunde dauerte. Vor zwei habe ich damals also nicht geschlafen. Tagsüber war ich nach der Schule meist so erschöpft, dass ich manchmal schon umgezogen fürs Reiten vor dem Fernseher eingeschlafen bin.

Hier in Bonn versuche ich im Augenblick – sagen wir: ab morgen -, mich wieder auf einen natürlichen Wach- und Schlafrhythmus einzustellen, indem ich auf elektrisches Licht möglichst verzichte. Heute ist es nämlich schon wieder nach zwei Uhr und streng genommen schon Freitag.

Ich möchte diese Chance, mal mehr als nur die obersten Schichten „Stress“ abzutragen, nicht ungenutzt lassen. Es ist nicht so, dass ich aus der Welt wäre. Sobald ich Kontakt will, kann ich diesen jederzeit haben. Bisher habe ich nach wie vor eher Schwierigkeiten, meine Ruhe zu bekommen. So muss ich morgen beispielsweise für einen Handwerker zur Verfügung stehen, der hier die Armatur wechseln soll.

Und doch, bereits der Anblick von Vater Rhein, sein Geruch und das Geräusch seiner Wellen waren Urlaub für meine Seele und gaben mir ein Gefühl von Zuhause.

Mein Arzt sagt, mein Vitamin D ist zu niedrig. Und das im Sommer und obwohl ich ein aktives Leben führe und mich nicht in meinen vier Wänden einschließe. Er begründet das damit, dass Hamburg so weit im Norden liegt. Vielleicht bin ich wirklich damals manisch geworden, weil ich in Bonn diese Vitamin D-Kapseln weiterhin genommen habe. Ich weiß es nicht, aber es wird mein Gefühl deutlicher, dass mir Hamburg auf Dauer einfach nicht gut tut. Dabei hat es mich immer schon magisch angezogen.

Dieses Gefühl von Geborgenheit und einem berechtigten Platz in dieser Welt brauche ich zu meinem Wohlbefinden und solange dies nicht gegeben ist, kann ich mich auch nicht erholen.

Ein Zuhause ist auch ein Ort, an dem ich Wurzeln schlagen kann. Nun habe ich nach gefühlten zehn Jahren harter Arbeit – seit 2009 bin ich mit Hauptwohnsitz in Hamburg gemeldet, meine bessere Hälfte zwei Jahre länger – so langsam das Gefühl, da oben anzukommen und zugleich zunehmend Angst, da gar nicht mehr wegzukommen. Etwas hält mich seit jeher davon ab, dort Wurzeln zu schlagen und vor allem weigere ich mich, die nach der Heimat einfach so zu kappen.

Hier im Appartment in Bonn bin ich zwar nur spartanisch und vorübergehend einquartiert, aber hier fühle ich mich sofort zu Hause. Henne? Ei? Wurscht! Passt.

Blick über den Rhein aufs Siebengebirge
Blick aufs Siebengebirge

 

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