Familie: Mein Vater

Liebe geht durch den Magen

Diesen Satz konnte ich leider nicht in meinem Lexikon finden.

Die Bedeutung dieses Sprichworts habe ich im Netz recherchiert. Neben vielen anderen Quellen fand ich auch ein Yoga-Wiki, in dem es heißt:

Liebe zu sich selbst – auch das geht durch den Magen. Indem man seinen Magen mit Ehrerbietung behandelt und ihm nur gesunde Nahrungsmittel gibt, drückt man auch seine Liebe zu seinem Körper, zu seiner Gesundheit aus. Gesunde Ernährung ist auch ein Ausdruck der Selbstliebe.

Das finde ich gar nicht so verkehrt. Denn tatsächlich greife ich auf Fertiggerichte zurück, sobald meine Selbstliebe nachlässt, weil ich depressiv verstimmt bin. Dann bin ich es mir plötzlich nicht mehr wert, mir die Zeit zu nehmen und für mich selbst zu kochen.

Koch gelernt habe ich eigentlich auch genau deshalb: Um andere Menschen durch den Magen zu lieben und um auch etwas (Lob, Trinkgeld) dafür zurückzubekommen. Naja, das hat nicht so geklappt, wie ich mir das dachte. Schon gut, dass ich durch die Prüfung gefallen bin. Kochen als Beruf war nicht das richtige für mich.

Aber das Kochen zu lernen war ein Weg, meinem Vater zu gefallen. Nur leider tat ich dabei meiner Mutter weh, als mein Vater die von mir zubereitete Consommé ohne Maggi genoss und ihr daran auffiel, dass er das Zeug bei ihren Suppen immer ungeprüft reinschüttete. Ihr Gesicht in dem Moment sprach Bände. Das zu beobachten zerriss mich innerlich.

Für mich war es immer sehr schwer, die Anerkennung meines Vaters zu finden. Das Essen wurde gelegentlich gelobt, häufig bekrittelt und die überwiegende Zeit stillschweigend hingenommen. Außerhalb des Rituals des Abendessens gab es praktisch keine Gelegenheit, einen Gesprächseinstieg überhaupt zu versuchen.

Und auch bei Tisch hieß es noch als ich sechzehn Jahre alt war:

Kinder bei Tisch, stumm wie ein Fisch

Auch diesen Satz finde ich in meinem Lexikon nicht und im Internet bezeichnet der erste Treffer (von 2011) diese Aussage als „reaktionär“.

Mein Lexikon kennt dagegen den Satz:

Gespräch am runden Tisch führen

Das bedeutet, dass man ein zwangloses Gespräch mit gleichberechtigten Partnern führt. Heute sagt man auch „auf Augenhöhe“ tauscht man sich aus. Solche Gespräche habe ich mit meiner Mutter unter vier Augen recht häufig geführt – in der Küche an einem eckigen Tisch. Soviel zum Wortsinn und der Kommunikationskultur, mit der ich aufgewachsen bin.


An diese Redewendung, die Liebe ginge durch den Magen, musste ich neulich denken, weil der Krebs meines Vaters den Weg zu seinem Magen von beiden Seiten her zugewuchert hatte.

Am Ende konnte er gar keine Speisen mehr genießen – dabei war er zeitlebens Feinschmecker gewesen und der Entzug gustatorischer Genüsse muss für ihn die Hölle auf Erden gewesen sein.

Mein Vater war gar kein Freund von Fertiggerichten. An seiner Selbstliebe hat es dann wohl nicht gemangelt. Der Krebs muss also eine andere Ursache gehabt haben.

Ich erfuhr von der Diagnose im November 2013 und Anfang September 2014 war ich durch eine Tagung gut abgelenkt, als er im Sterben lag. Ohne dieses Ablenkung hätte ich das wohl kaum verkraftet, ohnmächtig untätig abwarten zu müssen. Woher meine Mutter die Kraft nahm, ihn zu begleiten, ist mir ein Rätsel.


Mein Vater war mir, solange ich klein war und zu ihm aufsah, ein großes, eigentlich DAS Vorbild bei der Frage, wie ein Mann sein sollte: Ein Mann trägt Anzug und am Wochenende allenfalls mal eine Strickjacke zum schlipslosen Hemd.

Der Mann ist dafür zuständig, die Brötchen zu verdienen. Die Frau darf da mitmachen, aber die ist für die Kinder zuständig. Wie sie das geregelt bekommt, ist ihr Problem. Sie wollte ja die Kinder.

Als ich dann so ein Mann werden wollte und Papas (teures) Duschgel in Unmengen benutzte, stieß das auf wenig Gegenliebe seitens meiner Mutter.

In der Rückschau ziehe aus den Schwächen meines Vaters die größte Lehre. Das ist mir ein Anti-Vorbild, ein Bild dessen, wie ich mich als erwachsener Mann nicht verhalten möchte. Auch diese Rollenaufteilung hat mir nie geschmeckt, egal ob ich in der weiblichen oder männlichen Geschlechtsrolle war oder irgendwo dazwischen unterwegs.

Ein Mann zeigt keine Gefühle – damit hatte ich sehr lange Zeit die größten Schwierigkeiten. Ich habe mich ganz bewusst für das Gegenteil entschieden. Mir ist das langjährige Unterdrücken meiner Gefühle nicht gut bekommen. Vor zehn Jahren habe ich begonnen, intensiv zu schreiben und dabei meine Gefühle rauszulassen.

Das impulsive Ausagieren jeglicher Gefühle strebe ich jedoch auch nicht an. Ich durchlebe sie, konserviere sie in Textform und setze die zurückbleibende Energie von Wut oder Trauer in Bewegung um. Freude, Hoffnung, Zuversicht, Ruhe, Kraft und Frieden teile ich natürlich gerne mit anderen Menschen. Auch meinen Schmerz zeige ich in meinen Geschichten: Auf eigene Gefahr.

Mein Vater ist mir jedoch vor allem ein großes Vorbild, was seine Umsicht, Feinfühligkeit und Nachhaltigkeit angeht. Er war ein großartiger Arbeitgeber, Vorgesetzter und Geschäftsmann. Er war selbstsicher genug, sich in die Selbständigkeit zu wagen, weil er auf seine Fähigkeiten vetraute.

Der nicht wirklich frei gewählte Übergang in den Ruhestand nach über 30 Jahren Tätigkeit während eines langjährigen Rechtsstreits mit einem ehemaligen Auftraggeber hat ihn gebrochen und er verlor jeglichen Halt. Mich schmerzt die Sinnlosigkeit dieses Geschachers ums Geld, dieses Auslöschen von Lebenssinn und die damit verbundene absolut unangemessene Geringschätzung meinem Vater gegenüber.

Wenn ich mich heute an seinen letzten Blick in meine Augen erinnere, dann finde ich darin alles das, was ich all die Jahre vermisst, weil nicht beachtet habe. Damals sah ich nur die Angst davor, mich zurückzulassen und spürte seine Sorge, ob ich auch alleine zurechtkäme.

Ja, natürlich komme ich klar. Ich bin doch nicht ohne Grund zur Selbständigkeit erzogen worden. Es tut mir nur leid, dass er kein Buch mehr von mir in den Händen halten wird und mich zuletzt als kranken Mann gesehen hat – wie ich ihn ja auch.

Wenn ich weniger meinen Vater und mehr mich geliebt hätte, hätte ich vielleicht früher damit angefangen, mir die Seele frei zu schreiben. Doch darüber nun auch noch zu trauern ist müssig. Ich bin heute der, der ich bin, weil ich diesen Weg gegangen bin.

Tschüss, Papa. Ruhe in Frieden.

Was ich an meinem Vater stets am meisten geschätzt habe, ist, dass er die Ruhe selbst war. Lexikon sagt* zu die Ruhe selbst sein: sich ganz in der Gewalt haben, eine bewundernswerte Gelassenheit zeigen, sich keine Erregung anmerken lassen.

Das werde ich wohl verwechselt haben mit dem Fehlen von Gefühlen, weil solche wenn überhaupt nur sehr selten ausgesprochen wurden. Vielleicht hing es auch damit zusammen, dass ich mit meinen eigenen Gefühlen so lange überfordert war.

Nun habe ich erfahren:

In der Ruhe liegt die Kraft.

Der Satz steht nicht im Lexikon, aber die Bedeutung habe ich nun erfasst: Durch innere Ausgeglichenheit schöpfe ich Kraft und kann so sehr viel mehr Leistung und auch Gelassenheit nach außen zeigen als wenn ich mir keine Ruhe gönne (rastlos tätig sein, sich keine Erholung, keinen Urlaub gönnen).

Ohne die durch die Psychose nach außen gezeigte Unausgeglichenheit und die damit verbundene Diagnose hätte ich das wohl nicht so schnell erkannt. Die erlittene Zwangseinweisung unterstrich die Dringlichkeit, mit der dieses Problem der Unausgeglichenheit gelöst werden musste.

So habe nun auch ich meine Ruhe gefunden. Lexikon sagt* zu Ruhe finden: innere Ausgeglichenheit, Erlösung von Mühe, Sorge und Leid durch den Glauben finden. Die Redewendung bezieht sich auf den Rat Jesu (Matth. 11,29):

Nehmet auf mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.


* Ja, das ist eine Anspielung auf „Computer sagt nein….“


PS:

Ja, natürlich frage ich mich, ob man so über Verstorbene überhaupt sprechen darf oder ob das pietätlos ist.

Ich frage mich, wie meine Mutter wohl darauf reagieren wird, wenn sie das liest. Ob sie sehr verletzt sein wird. Ob eine sehr große Kluft liegt zwischen der Vergangenheit, die ich erinnere, und der, die sie erlebt hat.

Darf ich so etwas nur im Therapiezimmer von mir geben? Oder muss ich damit zur Beichte?

Ich finde: Nein. Das hat hier seinen Platz in meinem Tagebuch.

 

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5 Gedanken zu “Familie: Mein Vater

      1. So sorry. Um das klarzustellen. Ich meine natürlich 5 Sterne!

        Den ersten Stern gibt es für Deine Offenheit.
        Den zweiten für Deine Fähigkeit, Dich gut zu refklektieren.
        Einen weiteren, weil es Dir gut gelingt, Dich verständlich zu machen und verschiedene Perspektiven zu berücksichtigen (Moment: das sind eigentlich zwei einzelne Aspekte, vielleicht reiche ich noch einen Stern nach)
        Noch einen Stern gebe ich Dir für die eingebauten Zitate, schönes Stilmittel.
        Und den letzten, weil alles in sich rund und stimmig ist und zusammenfließt.
        * (Extra-Stern)

        Gefällt 1 Person

  1. Ich bin nicht verletzt, wenn ich Deinen Text lese. Den habe ich schon im April gelesen, aber jetzt noch frisch nachklingen lassen. Ja, einige Dinge erinnere ich anders als Du. Aber ist das nicht normal? Warum solltest Du nicht so darüber sprechen (schreiben), auch wenn Dein Vater gestorben ist? Ich empfinde in Deinem Worten eine große Liebe ihm gegenüber, auch wenn Du nicht mit allem einverstanden warst oder bist. Auch das ist selbstverständlich. Auch Dein Vater ist die Summe seiner Erziehung und Erfahrung. Was Du sehr wohl begriffen hast, sind seine Verantwortung und die Fürsorge der von ihm Anhängigen. Das ist nicht nur seine Familie, sondern auch alle Mitarbeiter, denn deren Familie hängt ja auch davon ab. Das mit seiner eigenen Familie hat er seiner Frau überlassen, der er vertraut hat, das zu bewältigen. Und ja, eigentlich wollte er keine Kinder, weil er fürchtete, dass die Verantwortung zu groß sein könnte.

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